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Jorge Semprùn

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Jorge Semprùn

Hallo Ihr da auf dem Kontinent, die neusten Nachrichten aus Cley von der fliegenden Reporterin SiriFee

Juchu! Es regnet, zum ersten Mal seit über vier Monaten. Immer dieser blaue Himmel und Sonnenschein, das ist doch langweilig. Meine Schwester SelmaFee meint, der Himmel weint, da der spanische Autor Joge Semprún gestorben ist. Naja, die spinnt manchmal ein wenig, ihre romantische Ader sei ihr verziehen. Sie meint, jede Äußerung des Himmels sei bedeutungsvoll, sei ein Zeichen für uns Menschen. Nix da, dem Kosmos sind wir wahrscheinlich völlig egal. Aber nichtsdestotrotz Semprùn ist gestorben. Ich erinnere mich noch genau, wie ich auf des Masters Schultern „Algarabia“ gelesen habe. Nichts habe ich verstanden, bis mir der Master erklärte, dass er diesen Roman für die gelungenste Ironisierung der Neuen Linken, der 68er‐Studentenbewegung und ihrer philosophischen Hintergründe halte, dazu noch für eine Persiflage des Nouveau Roman. Es war echt schwierig mich, all die Anspielungen auf Lukacs, Foucault, den frühen Marx, Levy‐Strauss und die Diskussionen in der Zeitschrift Tel Quel zu verstehen. Klar, in dieser Welt hatte damals der Master gelebt, heute ist sie kaum noch verständlich (auch ihm nicht mehr, glaube ich). Für unseren Master war das Lesen dieses Buchs wie eine Zeitmaschine, für mich war`s gähnend langweilig. SelmaFee gab mir flatternd recht und Dina meinte: „Der Semprun hat einen völlig arrogant-intelligenten Schreibstil, er denkt gar nicht daran, eine weniger gebildete Leserin aufzuklären, sondern setzt immer wieder die vielen theoretischen und literarischen Verweise als bekannt voraus.“ Recht hat sie! Klar, nun musste er 87jährig sterben, um als „bedeutendster spanischer Schriftsteller“ gewürdigt zu werden, der 1994 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde, wie ich im Netz fand.

Okay, ganz so ignorant bin doch nicht. Ich erinnerte mich, dass er die Drehbücher für Filme wie „Z“ von Costas-Gavras und „Der Krieg ist aus“ von Alain Resnais schrieb.

Ja, dieser Semprún war so ein klassischer verwirrender Autor des Nouveau Romans, der auf ketzerisch-verstörende Weise die Erzählkategorien von Raum, Zeit und Kausalität aufgehoben hatte, um den Lesern wie uns BuchFeen jedes Lesevergnügen zu rauben.

Huch, der Master hat mitgelesen, was ich da schreibe, und widerspricht heftigst: „Semprùn zeigt mit seinem Roman genau das auf, was ihr beiden an ihm kritisiert, dass nämlich die damalige intellektuelle Linke an ihrer bornierten Unverständlichkeit, an ihrer Besessenheit mit reiner Theorie sich aufgelöst hat, interessanterweise eine historische Parallele zur Alchimie. Michel Foucault, der im Wahnsinn starb, einer unserer damaligen Lieblingsphilosophen, geht davon aus, dass es nur Struktur und kein Subjekt mehr gibt. Das“, erklärt er selbstvergessen lehrmeisterlich, „prägt den Stil vieler Werke des Noveau Romans.“ SelmaFee platzt heraus: „Stehen die deswegen auf Regalbrett 6 so eng zusammengedrückt, da sie sich schämen, heute noch Platz einzunehmen?“

Ich, Siri Buchfee, weiß aber, dass Semprùn noch anderer Seiten hatte, er wollte – im Originalton der damaligen Zeit – „spätbürgerliche Verklemmtheiten aufzulösen, um sich gemäß der Lenin‐Freundin Alexandra Kollontai zur freien Liebe hin zu entwickeln“. Das wird von Semprun anschaulich in der Szene beschrieben, wo Carlos seine Sekretärin über Vorgänge bei den Trotzkisten berichten lässt und ihr dabei an Brust und Möse rumfummelt, was sie und ihn wenig rührt. Auch das Problem der Austauschbarkeit wird erwähnt in der Figur der Zwillinge: mal vögelt man mit der einen, mal mit anderen – man weiß nicht, mit wen man vögelt. Der Master meint, Semprun zeigt, wie im Bemühen, die Entfremdung aufzulösen, eine neue Entfremdung geschaffen wurde.

Huch, mir brummt der Kopf.

Semprún als Überlebender von Buchenwald beschreibt in „Die große Reise“ und „Was für ein schöner Sonntag“ seine Deportation ins KZ, später war er spanischer Kultusminister, aber alles andere könnt Ihr ja im Netz lesen.

Das war`s, liebe Grüße aus dem kleinen Dorf am Meer, wo es leider nicht mehr regnet

Siri & Selma, Buchfeen

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

Über Klausbernd

Autor (fiction & non-fiction), Diplompsychologe (Spezialist für Symbolik, speziell Traum- und Farbsymbolik)

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  1. Du liebe klugschöne SiriFee,
    ich bin sooooo stolz auf Dich!
    Danke für Deine wohlwollende Worte;-), mit den Worten bist schon die reinste ZauberFee, ganz wie der Master.
    Ich umarme Dich,
    Dina

    Antworten
  2. Reblogged this on Svalbardpost und kommentierte:
    Interesting, isn`t ?
    Have a great day
    Per Magnus

    Antworten

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