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Sehen

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Sehen

Die Dinge, die wir wirklich wissen, sind nicht die Dinge, die wir gehört oder gelesen haben, vielmehr sind es die Dinge, die wir gelebt, erfahren, empfunden haben.
Calvin M. Woodwards
Hei dere – hallo Ihr!

Wir, Siri und Selma, sind in Norwegen und bekommen viele neue Ideen für unser Projekt „Schlechtwetterbericht“.  Ja, so ist es, es regnet wieder. Hier haben wir mehr Regen in drei Tagen erlebt als in Cley während drei Sommermonaten. Gut, dass Dina Regenzeugs für uns eingepackt hat, aber keine Sorge, geschrumpft sind wir niiicht!

„To see or not to see“, das ist kein Thema für meine liebe Knipsischwester SelmaFee. Sie sieht etwas und möchte es mit der Fotolinse, dem Objektiv, festhalten. Was tun, wenn kein KnipsiApparat vorhanden ist? Selma spielt KnipsiFee, so einfach ist das: Sie knipst mit ihren Augen und speichert das Bild in sich selbst ab. Das ist viiiel anstrengender, als den Knipsiauslöser der Kamera mit einem Flügelschlag zu betätigen, keine Frage, aber es geht. Die Speicherkapazität ist das Problem. Wie viele Bilder kann man behalten?

Regentropfen auf der Scheibe mag interessant sein, aber wer kennt sie nicht. Ich möchte lieber ein paar Bilder von Cley von meiner kleinen (hö!) Festplatte zeigen. Aber frag mich bitte nicht, wie der Vogel über die Marschen heißt, dafür ist der Master zuständig, ok?

Ihr meint, das sei naiv, keineswegs! Durch schnelles Blinzeln werden, wie uns Selma vorgeführt hat, Sakkaden (blitzschnelle Augenbewegungen zum Wechsel des Fixationspunktes) erzeugt. Durch diese Sakkaden fixiert Selma das Wahrnehmungsobjekt und verfrachtet es in den fovealen Bereich, das ist der gelbe Fleck, der für maximale Sehschärfe zuständig ist. Er wird auf den Punkt ausgerichtet, dem wir die meiste Aufmerksamkeit schenken. Die Verarbeitung der anderen Teile des visuellen Feldes wird gedämpft. Selma justiert und fokussiert, macht ihre KnipsiBlinzis und speichert ab. Fertig!

„Aber wie bei der Schnappschussfotografie erhascht sie damit das Bild kurz nach dem Augenblick, der zum Festhalten des Bilds reizte“, meint unser Master in einem seiner lehrerhaften Anfälle (von denen wir ihn gerade zu heilen suchen).

Ja, ihr wisst wahrscheinlich, es geht hinaus aufs Wasser, zum Blakeney Point, aber bitte nicht ungeduldig werden, die Bewohner der Sandbank da draußen zeige ich Euch noch. Schaut Euch erst mal den Vogel an, langeaufVögelwartenundbeobachten ist das Thema in Cley, das Mekka der Birdwatchers, ja, so iss es, das passt ja fein zum Thema Sehen.

Also, die Fischefänger und die Vögelbetrachter haben etwas gemeinsam, findet Ihr nicht? Verhalten sich entspannt passiv und empfinden sich sportlich aktiv? Also, bitte nicht falsch verstehen, ich habe jetzt nicht gesagt, sie sind faul und haben ein gutes Alibi für ihr Faulsein gefunden, keinesweg!

Wenn wir etwas wahrnehmen, produzieren wir gemäß unseres Erwartungshorizonts ein virtuelles dreidimensionales Bild des Wahrgenommenen, das wir auf das Wahrgenommene in der Außenwelt projizieren. Das Objekt wird durch unser wahrgenommenes Objekt substituiert. Wahrnehmung ist ein Transformationsprozess, bei dem das reale Objekt durch das wahrgenommene Objekt ersetzt wird. Wir nehmen keineswegs Linien und Formen wahr,  da das den Speicherplatz so vergrößern würde, dass die Verarbeitung der Information im Cortex verlangsamt würde. Wir nehmen stattdessen Interferenzmuster wahr.

Ihr seht niedliche Seehunde, d.h. Eure Linse nimmt ein Interferenzmustermuster wahr und verwandelt dieses (im Sehzentrum) in ein dreidimensionales Bild dieser Seehunde – das ist Holografie. Dieses Hologramm – also das virtuelle Bild der Seehunde – ersetzt die realen Seehunde. Wir projizieren so ständig holografische Bilder auf die Realität. Somit schaffen wir uns unsere eigene, persönliche Welt. Ok, ok, hier kommen sie, Selma ist ganz froh, ein paar Eindrücke loszuwerden, somit bekommt sie den Kopf frei für andere Sachen, hihi.

Puuuuh, es ist nicht einfach die Süßen bei hohen Wellengang, ich meine richtig hohe Wellen, festzuhalten.

Das ist es, was Einstein und  Heisenberg meinten, wenn sie behaupteten, „der einzig objektiv Standpunkt des Beobachters ist sein subjektiver“, und es spielt auch in Dan Browns Roman „Das verlorene Symbol“ eine Rolle. Der irische Aufklärer Bischof Berkeley bemerkte bereits in den ersten Tagen des 18. Jh., dass es keine objektive Wahrnehmung gibt.

Die Kleinen, sooo froh mich wiederzusehen, ruhen sich etwas abseits aus. Am liebsten wäre ich dort geblieben, Dina auch, aber wir mussten uns beeilen, schnell, schnell, sonst haben wir kein Wasser für die Heimfahrt! Ich gehe davon aus, Ihr seid alle mit Ebbe und Flut vertraut, oder...?

Theoretisch ist das den gebildeten Reisenden wie uns BuchFeen wohl bewusst, praktisch meinen wir jedoch, Realitäten zu erblicken. „Wird der Blick auf ein Objekt sich seiner Subjektivität bewusst, öffnet er sich dem künstlerischen Schaffen“, schreibt unser Master in seinem Tagebuch „Eine Reise in Eis“ (dessen Erscheinen für dieses Jahr vom Verlag versprochen wurde – wir sind schon soooo gespannt).

Wenn mein liiiebes Schwesterlein Selma mit ihren Augen knipst, hat das einen Vorteil der Fotografie gegenüber: Das Objektiv unserer FotoKnipsiApparate kann seinem Namen gemäß nur unzureichend das Wesentliche vom Unwesentlichen unterscheiden, das sehenden Auge kann das jedoch, da es gemäß dem Erkenntnisinteresse des Wahrnehmenden sieht. Wo wir wieder beim Thema „Sehen und nicht Sehen“ wären, „inattentional blindness“ (Unaufmerksamkeitsblindheit) ist eine Nichtwahrnehmung von Objekten, bedingt durch die eingeschränkte Verarbeitungskapazität des menschlichen Gehirns.

„Die Fotografie“, mahnt uns unser Master, „verwandelt alles in ein totes Bild, um es als digitale Trophäe stolz dem Nichtdagewesenen zu zeigen. Lehnt sich der Fotograf gegen den ständigen Wandel der Bilder auf, indem er den schönen Augenblick erstarren lässt?“, fragt er mich. Völlig falsches Timing! Wieso benimmt der Master sich wie ein Spaßverderber, Siri und ich sind doch sooo stolz auf unsere FotoKnipsiApparate.
Trotz unseres empörten Flügelschlagens fährt er impertinent fort: „Faust wird von Mephisto über den Wunsch nach dem Festhalten des schönen Augenblicks gewarnt. Der Fotograf verliert seine Seele an den Teufel, da er das zu bannen sucht, dessen Essenz in der Vergänglichkeit liegt. Dem Augenblick wird das Leben geraubt, dem eigenen Erleben ebenso. Der Fotograf wehrt die Totalität ab, die der Seele – jener undefinierbaren Einheit – zu eigen ist. Mit dem Dokumentieren beginnt die Entseelung der Welt.“

Ganz schön abgehoben – darüber muss ich erst noch zusammen mit Selma und der liebklugen Dina TofFeeFee nachdenken. Was meint Ihr denn dazu? Wir würden uns über Rückmeldungen freuen.

Ha det bra og hilsen fra Norge (juchu, ich kann schon etwas Norwegisch!)
Siri, Schreibfee

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

Über Klausbernd

Autor (fiction & non-fiction), Diplompsychologe (Spezialist für Symbolik, speziell Traum- und Farbsymbolik)

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  1. „Perception is a process of transformation where the real object is replaced by the perceived object.“ So true. It is interesting that even those of us trained to catch cognitive „distortions“ in others, often fail to recognize them in ourselves. I have only recently become aware of how often I do this and how limiting it is, and I am a Cognitive Behavioral Therapist. When I was working full time, I never spent enough time apparently, contimplating my own perceptions. Have you read Jill Bolte Taylor? She is a nuerologist who had a massive aneurysm in her left hemisphere blowing it out of comission. I find her perception differences post stroke, relying on her right hemisphere, to be utterly fascinating. The sense of no separation of self from the cosmos. No place where self ended and others begin. It would be interesting to be able to access this more fully.
    You have a very interesting, thought provoking, blog, hence this lengthy comment, Bravo~

    http://www.ted.com/speakers/jill_bolte_taylor.html

    Antworten
    • Dear Cindy,
      thank you very, very much for commentary and thanks for telling me about Jill Bolte Taylor. Unfortunately I don`t know her. I find it a very intersting question where does the own self end and where begins the self of another person or the „self“ of any other object.
      Actualy I studied Nordic languages and literature, linguistics and philosophy. But after I have taught at universities for quite a while I studied psychology – but from a non-behavioral standpoint. Actually I started with Jungian psychology but then I became a „Freudian“, well … But I have had connections to behaviorism as well by living for a while in a Walden Two Community – but that`s ages ago, it was during my hippy times.
      I always was interested in the question what is seen as art, what is seen a kitschy and what is seen as something one cannot understand. I find that this an interesting question still.
      Thanks again for your lenghthy comment.
      All the best from the sunny coast of North Norfolk
      Klausbernd

      Antworten

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