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Ein ganz gewöhnlicher Tag

Veröffentlicht am
Ein ganz gewöhnlicher Tag

Unkraut ist die Opposition der Natur gegen die Regierung der Gärtner
Oskar Kokoschka

Der kürzeste und billigste Weg zu Gesundheit und Schönheit ist der Weg in den Garten
Dina TofFeeFee

Unkraut ist das, was nach dem Jäten wieder wächst
SelmaFee

„Was ist überhaupt Unkraut?“, fragte Siri.
„Ganz einfach“, antwortet Selma, „Kraut am falschen Platz!“

Nachrichten aus Cley von der Chronistin SiriFee!

Bereits um sieben Uhr – ein Skandal! – beschien die Sonne unsere beiden Kuschelbettchen auf Regalbrett 3 und 4, kitzelte frech an meiner Nase, dass ich niesend aufwachte. Sieben Uhr! Viel zu früh, für die liiiebe SelmaFee und mich, die wir doch zum Altehrwürdigen Orden der Langschläfer gehören. Selma kramte auf ihrem Regalbrett herum, ich las noch Zusaks „Die Bücherdiebin“ aus, sooo spannend, sage ich Euch! „Es bedurfte wohl des historischen Abstands, um derart leicht und zugleich ergreifend über den Faschismus zu schreiben“, kritzelte ich in mein FeenTagebuch. Naja, dachte ich bei mir, das konnte nur so einem Gegenfüßler gelingen – puh, was für ein schöner Mann! – vielleicht sollte der Master mal mit uns nach Australien fahren? Schon Pythagoras und Platon hätten gern nachgeschaut, wie es sich mit dem Kopf nach unten lebt. Halb dösend dachte ich an Petronella von der Töpferei im Dorf, ein aktives Mitglied der in England so beliebten Flat Earth Society, die vor über 150 Jahren von Rowbotham gegründet wurde. „Und die Bilder der Erde aus dem All?“, fragte ich sie. „Alles Betrug und geschummelt!“, antwortete sie lachend, „Wie meinst du denn, könnte dieser Zusak schreiben? Sein Notebook würde doch immer von ihm weg stürzen!“ Verwirrt stammelte ich noch etwas wie „andere Perspektive“, aber da beendete unser Master mein Dösen mit seinem Ruf „Frühstück ist fertig!“

Nach dem Frühstück bei meinem Verdauungsflug traf ich den hageren Vogelgucker Terry, dem Stotterer mit der Adlernase, der mich vom Weiten für einen seltenen Vogel hielt, der Ignorant. Wir plauderten übers Wetter – worüber sonst? Feen und Vögel gegenüber stottert er fast nie. Selma und der Master begannen derweil emsig die Gartenarbeit. Meine Schwester befreite hurtig ein Beet vom Böskraut, wobei sie zeigte, wie man das Übel an der Wurzel packendend gerade nach oben rausrupfen muss. Besonders der Baldrian machte seinem botanischen Namen Valeriana alle Ehre. Ich hatte das in meiner vielbändigen FeenEnzyklopedia nachgeschaut, das kommt vom Lateinschen „valere“, was „kräftig“ heißt, „allerdings“, so berichtete ich der furios und gar nicht feenhaft rupfenden Selma, „der deutsche Name Baldrian stammt von dem nordischen Sonnengott Baldur – das müssen wir unbedingt unserer liiieben DianaFee erzählen.“

Unser Master mühte sich derweil mit dem vertikalen Dschungel unserer Dornröschenhecke ab. Hinter dieser Hecke schläft keine verzauberte Königstochter, da wir keine bösen ZauberFeen dulden, sondern die rundliche Nachbarin. Der Master predigt immer: „Gartenarbeit ist inspirierend.“ Ich finde die sooo langweilig und – ganz unter uns – der Master nach spätestens drei Stunden auch.

Gegen Mittag flog ich mit SelmaFee prüfend über Beet und Hecke. „Repräsentabel“ war unser Urteil, was wir von der Einfahrt jedoch nicht sagen konnten. Wir überzeugten den genervten Master, der sich „doofe Dornen“ aus seinen Fingern zog (können Dornen doof sein? Aber es war nicht der rechte Zeitpunkt, das zu fragen), unsere Einfahrt zu entkrauten – Feen lieben es ordentlich, da sie von oben alles genau sehen.
Die liiiebe Selma wollte nicht weiter kniend Böskraut rupfen, also schlug sie Oxidationssalz vor. Ich fiel fast vom Himmel über die alchimistischen Kenntnisse meiner Schwester, die bereits dabei war, Salz im Wasser aufzulösen und schon schwebte sie mit der gelben GiftGießkanne über Baldrian, Distel und anderem Böskraut. Ich beruhigte derweil die verängstigten BlumenFeen, „alles biologisch abbaubar“ – das las ich auf der Salzpackung.

Endlich kam unser Master zu mir ins Bücherzimmer. Wir lasen, ich auf seiner Schulter hockend, die National Geographic von vorn bis hinten durch, wobei der Master jenes anstrich, das er in seinem zukünftigen Geschreibsel zu verwenden gedachte – ehrlich gesagt raunte ich ihm zu, was er brauchen würde (wir FeenFrauen haben da den Zukunftsblick). Danach erledigte er, emsig wie der Heilige Paulus, seine Korrespondenz. Die Sonne schien zum Fenster der Bibliothek hinein, an den Kristallen brach sich das Licht in sieben FeenFlügelFarben. Mehr vom Licht als von der Pflicht – eigentlich ist unser Master unfeeig preußisch – wurde er nach draußen gezogen. Den Kies der Einfahrt harkte er im heiligen Eifer nach Selmas Angaben, die über allem schwebte. Wisst Ihr eigentlich, dass eine geharkte KiesEinfahrt für den Engländer, der etwas auf sich hält, ein Muss ist? Und unser Master wird ja zunehmend englischer als englisch, es fehlt nur noch die St.-George-Cross-Fahne, das rote Kreuz auf weiß, vorm Haus – nicht der Union Jack, aber bitte doch, wir sind englisch und nicht britisch!

Gegen sechs beschloss unser erschöpfter Master, dass alles fein war. Im Nu verfiel er der Sünde des Stolzes, die durch Selmas Kommentar gedämpft wurde, dass er ohne ihren Überblick es niemals so anmutig hinbekommen hätte. Recht hatte sie!
Zum Abschluss des Gartentags goss Selma schwebend mit der kleinen grünen FeenGießkanne die Tomaten und Stangenbohnen, die Kräuter und den Mangold.

Nach den FeenNudeln mit roter Sauce zog ich mich auf Regalbrett 3 zurück, um Euch zu berichten, der Master schreibselt im Bücherzimmer, SelmaFee lädt eifrig Knipsis auf ihr McFeeNotebook herunter. „Sag doch unseren liiieben Lesern, bitte, bitte, dass ich ihnen die nächsten Tage feine FotoKnipsis schicken werde“, ruft SelmaFee vom Regalbrett 4, wo sie gerade mit roten Bäckchen, Flügelzittern und Glitzeraugen an ihrer Bildergeschichte werkelt.

Vom sonnigen Norfolk liebe Grüße
Siri, BuchFee

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

Über Klausbernd

Autor (fiction & non-fiction), Diplompsychologe (Spezialist für Symbolik, speziell Traum- und Farbsymbolik)

Eine Antwort »

  1. SiriFee ganz aufgeregt;
    Die Auslegung des Begriffs Unkraut hängt stark vom subjektiven menschlichen Empfinden ab. Zum Unkraut wird sie erst dadurch, dass sie als „störend“ empfunden wird. So werden manche Pflanzenarten einfach pauschal als Unkraut bezeichnet. Dies ist dem Grundprinzip nach falsch, da dieselbe Art als Unkraut, Nutzpflanze oder Heilkraut oder in anderer Form auftreten kann. Unterschiedliche Auffassungen hierüber führen häufig zu Nachbarschaftsstreitigkeiten, manchmal sogar zu politischen Debatten, vielleicht hat Tante Doris ein paar Geschichten darüber aufs Lager?? Wir warten gespannt!

    „Gärtnern ist die einzige Philosophie, von der man satt wird“, flüstert mir gerade SelmaFee zu, wie recht sie hat…

    Antworten

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