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Lady Adams

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Lady Adams

Heute berichte ich, Siri, des Masters Muse und Glücksfee, von Lady Adams. Jahrelang war sie unsere Nachbarin. Ich musste SelmaFee oft am Flügel ziehen, dass sie nicht in FeenGekicher ausbrach, wenn Lady Adams vor ihrem Cottage erschien. „Mit dem runzligen Gesicht unter ihrer graukarierten Sherlock-Holmes-Kappe sieht sie wie eine Schildkröte aus“, entschuldigte sich Selma, die bisweilen versuchte, sie unbemerkt zu knipsen, was ihr aber nie gelang. Selma meinte, die alte Lady sei eine unfotografierbare Zauberin.
Nicht nur, dass Lady Adams wie eine Schildkröte aussah (ich hielt sie mehr für eine HobbitFrau), sie sprach auch ein derart antiquiertes Englisch, dass wir öfters in der dicken FeenEnzyklopädie nachschlagen mussten, was sie denn meinte. Sie war eben über Mitte 90, wie das Dorfgerücht zu berichten wusste und bewundernd hinzusetzte, dass sie über dreißig Jahre lang ein Vogeltagebuch führt, in dem sie Anzahl und Art der Vögel notiert, die sie zwischen vier und dem Fünfuhrtee aus ihrem Salonfenster sieht. In Cley, „the Mecca of Birdwatching“, wird man so zur Heldin.

Unser Master war mit ihr befreundet. Das kam so: Eines Nachmittags wurde vornehm zaghaft die Schiffglocke an unserer Tür angeschlagen. Auf der Schwelle stand die kleine Lady, die ihm mit stummen Nicken ihre Karte überreichte: „Georgina H. Adams, Großwildjägerin, Mitglied des Word Wildlife Funds“. Ungelesen nahm Masterchen nickend die Karte in Empfang, worauf Lady Adams ihn bat, herüber zu kommen, da ihr Krokodil zerbrochen sei. Der Master wusste nicht so recht, ob er an seinem Englisch oder der Lady Verstand zweifeln sollte, immerhin ging sie ja auf die hundert zu und da spielt der Verstand oft nicht mehr so mit, wie man weiß. Die alte Lady entschuldigte sich fortwährend, ihn alleine in die Küche einer Jungfrau zu führen (womit sie sich meinte) und zeigte ihm den ausgestopften Alligator, der in der Tat in zwei Hälften zerbrochen wie erhängt über den Herd hing. Lady Adams Vorschlag, ihn mit Tesafilm „zu heilen“, wie sich ausrückte, erwies sich als unpraktikabel. Schließlich kam unser Master widerstrebend auf die Idee, es mit Paketband zu versuchen, worauf die Alte begeistert meinte, das sei der Kummerbund – „eine Mode, die wir aus Indien nach Europa brachten“ – des klugen Tiers, das einst zwei ihrer Kumpane verspeist hätte.

Nach der Krokodilheilung wurde unser Master jeden zweiten Mittwoch zum Fünfuhrteee geladen. Selma und ich durften neugierig mit herüberflatterten, um von diesem Ritual zu berichten. Masterchen klopfte an die Tür, worauf die Lady erschien, um seine Visitenkarte auf einem angelaufenen silbernen Teller zu empfangen. Als sie in den Salon gingen, steckte sie ihm augenzwinkernd seine Karte wieder zu: „Würden Sie sich bitte freundlicherweise bemühen, ihre Karte wieder das nächste Mal mitzubringen.“ In tiefen Sesseln versunken, eröffnete die Lady das Gespräch.
Sie: „Ist es nicht bedauerlich, dass wir all unsere Kolonien verloren haben.“
Master: „Wir Deutschen waren ja nicht gerade erfolgreich mit dem Kolonisieren.“
Sie: „Unverständlich für eine alte Lady, wie ihr Land so stark werden konnte. Fahren denn bei ihnen die jungen Burschen noch zur See? Ohne Seefahrt keine Macht.“
Nachdem dies geklärt war, erzählte sie mit großen Pausen, in denen sie kurz einnickte, Geschichten, wie sie auf  Tiger, Löwen und anderes gefährlich Getier tagelang die Flinte im Anschlag gewartet hat. „Große Kängurus sind am gefährlichsten“, klärte sie unseren staunenden Master auf, dessen Blick sich nicht von ihrer umfangreichen Büchersammlung losreißen konnte.
„Aber selbst ich gehe mit der Zeit“, setzte sie nach ihren Erzählungen schmunzelnd hinzu, „heute unterstütze ich den World Wildlife Fund. Diese jungen Städter wissen nichts über die zu schützenden Tiere. Sie wären leichte Beute für den edlen Tiger, den sie schützen wollen, da war doch der Hemingway ein anderer Bursche!.“

Im Alter von 101 starb Lady Adams in ihrem Schaukelstuhl, Sven Hedins „Mein Leben als Entdecker“ aufgeschlagen neben sich.

Bitte ganz vorsichtig gucken, es sei sehr wertvoll, meint meine Schwester, sie hat uns ein Knipsi zur Verfügung gestellt

Wir alle drei waren dabei, als über ihrem Grab der uralte Major, über den ich demnächst berichten werde, es sich nicht nehmen ließ, mit seinem antiken Vorderlader einen Schuss abzugeben, dessen Rückstoß auch ihn fast ins Grab befördert hätte.

Mit liiieben Grüßen vom kleinen Dorf am Meer Eure SiriFee

Pssssss…t, ich habe doch ein Foto, husch, bitte nicht verraten

Die Grosswildjägerin und der Alligator

Eure KnipsiSelma

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

Über Klausbernd

Autor (fiction & non-fiction), Diplompsychologe (Spezialist für Symbolik, speziell Traum- und Farbsymbolik)

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  1. Schade das ich Deine skurrilsten Nachbarn nicht mehr kennen gelernt habe…

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