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Norfolks Klügster

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Norfolks Klügster

You can always tell a Norfolk man, but you can’t tell him much.

Sidney Grapes (Komiker aus Norfolk)

Heute berichtet die OberChronistin SiriFee über Martin George aus Cley, kurz MG genannt.

Als uns gestern Abend Mark besuchte, nannte unser Master kühn MG den letzten Dorfexzentriker. Mark, der einst Lord Mark war, bevor seinen Titel zugunsten der Seefahrt und Fischräucherei niederlegte, protestierte lautstark: „Aber nicht doch! Wir sind die neuen Exzentriker! Wir haben es nur noch nicht bemerkt!“ SelmaFee schüttelte zustimmend ihre Flügelchen. Ich musste ihr recht geben: Unser Master wächst allmählich in diese Rolle hinein. „Das macht er schon ganz gut!“, erinnert mich gerade SelmaFee (die wieder mitliest, was ich schreibe – ich hasse das!), „Auf MGs letzter Geburtstagsfeier wurde er doch bereits als der erwähnt, der nackt seinen Rasen mäht.“
Dennoch, mit MG kann er (noch) nicht mithalten, meine ich.

MG hält sich für den klügsten Mann Norfolks, vielleicht weil er am Ende der fünfziger Jahre auf Zypern mit Lawrence Durrell, dem Freund Henry Millers, nächtelang über Justine im „Alexandria- Quartett“ quatschte.

Lawrence Durrell, der fesche Mann der häufiger geheiratet hat, als er für den Nobelpreis nominiert wurde

„Mein Freund Durrell“, pflegt MG mantragleich zu wiederholen, „wurde wurde mehrmals für den Nobelpreis in Literatur vorgeschlagen.“
„Bätsch, er erhielt ihn aber nicht!“, warf Selma das letzte Mal frech ein und steckte ihm gar ihre leuchtend rosa Feenzunge raus.

Eine besondere Spezialität von MG ist, immer, egal was gesagt wird, zu widersprechen. „Als Cambridge-Mann habe ich das so gelernt“, meint er stolz. Als BuchFee vermute ich, er hat da etwas missverstanden. Durch rhetorische Zauberei, die meine liiiebe Schwester kurz „das Zulabern“ nennt, kann er sogleich für und gegen etwas sein, z.B. die EU, ein beliebtes Thema an seinem Tisch. Außerdem gehört er einem wohl selbst gegründeten Samenkult an, der seiner Ansicht nach auf gnostische Vorgänger zurückzuführen ist. Auf jeder seiner häufigen Dinner mit halb verbranntem Fleisch und überkochtem Gemüse erklärt er gefragt und ungefragt das Verhalten von Mann und Frau mit dem sogenannten „sperm count“. In MGs Worten: „Jede Frau geilt natürlicherweise einen Mann, an dem sie interessiert ist, derart auf, dass er möglich viel Sperma bildet – einfaches Fortpflanzungsprinzip!“ Ich habe mich nicht nur gewundert, ob dies MGs Kurzversion von Darwin ist, sondern auch wie er mit roter Knollennase, lückenhaftem Gebiss, dicker Brille und übergewichtig ständig von so vielen Frauen umschwärmt wird. Ob das am sperm count liegt? Und MG ist etwas über siebzig, die Schwärmerinnen auch, aber wie sagt man in Tantchens Heimat: „je öller, je döller.“

MG hat keine Frau aber fünf erwachsene Töchter, die mit Argosaugen darüber wachen, dass ihr Vater ihnen nicht untreu wird. Auf keiner Feier fehlen die fünf. Sie sorgen durch lautstarke, hysteriforme Streitereien mit gekonnt schrillen Schreien unter einander und mit ihrem Vater für eine willkommene Auflockerung von MGs Monologen. Ja, SelmaFee und ich sind gern bei MG. Da ist immer viel los. Wird es zu chaotisch, rennt Cecilia, die Älteste mit wehendem schwarzen Haar zu dem rostigen Schwert, das neben der Toilettentür im unteren Flur hängt, zieht es aus der Scheide und gebietet wie ein Racheengel „Ruhe!“ Ja, die liiiebe Selma wartet schon immer auf Cecilias Auftritt, der sie als BilderFee an Dürers „Vertreibung aus dem Paradies“ erinnert.

Wenn es uns beim Master zu langweilig wird, schweben wir kurz bei MG ein, um zu sehen, was gerade dort gespielt wird. Meist ist‘s „Viel Lärm um nichts“ und ist nicht MG ganz im Sinne Shakespeares lieber die Brennnessel als die erfreuende Rose, ein Feind der Ehe und seine Töchter so wunderbar dramatisch intrigant?

Sorry, ich muss jetzt Schluss machen, heute ist große Fete in MGs Haus, Norfolks Klügster feiert Geburtstag. Bis bald wieder
Eure Siri BuchFee

Nee, das ist kein Stilleben. Das ist Dinas Lieblingsleseplatz, auf der Terrasse in Rhu Sila. Hier hat TofFeeFee "Rain on my face" gelesen. Das war so ein seltener Moment, so schön, das kennt Ihr auch, oder? Man verspürt den Wunsch der Zeit anzuhalten und macht Knipsis, auch wenn die Sonne im Zenith steht und alles vermasselt.

Selma möchte noch etwas nachtragen: Unter dem Namen Quentin Quatermain veröffentlichte der Kluge  „The Rain On My Face“, einen Roman über dieses kleine Dorf am Meer, in dem der Master unter dem Namen Prospero eine der Hauptpersonen ist, aber größte Schande!, wir BuchFeen wurden nicht einmal erwähnt.

Dina hat "Rain on my face" auf unsere Terrasse gelesen. With a nice cup of tea, wie es sich gehört. Bitte den Tisch beachten. Das ist unser geliebter Holzklotz und der hat seine eigene Geschichte. Die kommt noch, sei gespannt.

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

Über Klausbernd

Autor (fiction & non-fiction), Diplompsychologe (Spezialist für Symbolik, speziell Traum- und Farbsymbolik)

Eine Antwort »

  1. Und bitte, wer mit Prospero nicht vertraut ist, möge sich melden, wir Buchfeen können Euch weiterhelfen:-)

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