RSS-Feed

Dorfklatsch

Veröffentlicht am
Dorfklatsch

Jeder liebt ihn, überall hört man ihn, manch eine Zeitschrift lebt von ihm. Der Klatsch! Die englische Autorin Elizabeth Gaskell zelebriert ihn in ihrem Roman „Cranford“, der von der BBC mit Dame Judy Dench vor drei Jahren als äußerst erfolgreiche Serie verfilmt wurde. Mrs Gaskell, die wie Jane Austen schreibt, verkehrte mit Charles Dickens und war mit Charlotte Bronte befreundet, deren erste, vielbeachtete Biografie sie schrieb. Ich, Siri BuchFee, sah gestern auf den Schultern des Masters gemütlich hockend die Cranford-DVD. Meine Schwester Selma lachte sich über die geizige Mrs  Jamieson mit ihrem Schoßhündchen schief und wie die Frauen über den jungen Doktor und Lady Ludlows Gartenparty redeten. Freilich spielt das alles in der  Mitte des 19. Jh., aber heute geht es in unserem kleinen Dorf am Meer nicht anders zu. Was meint Ihr, wie die über unseren Master klatschen …

„Show me someone who never gossips, and I’ll show you someone who isn’t interested in people.“  ~Barbara Walters

1810-1865Elizabeth Gaskell (1810-1865)

Und übrigens selbst bei der hochgebildeten Jane Austen wird wie z.B. in „Emma“ auch nicht an Klatsch gespart.

„Gossip is just news running ahead of itself in a red satin dress.“  ~Liz Smith

Vor ein paar Tagen kamen Freunde von der liiieben DinaFee und unserem Master zum Essen. Bereits bei der Einladung meinte Charles am Telefon, er hoffe auf den neusten Klatsch. „Oh dear!“, antwortete der Master betreten, er habe gar nichts gehört, das Dorfgerücht schweigt wie ein Grab. Charles meinte lachend: „Na, dann sorge einfach für Klatsch!“
„Ein Skandal?“

„Scandal is gossip made tedious by morality“  – Oscar Wilde

Bei einem Essen gehört in England der Klatsch dazu wie Salz und Pfeffer und er soll gesünder als Obst und Gemüse sein. Was soll ich Euch sagen, Klatsch ist hier salonfähig.

Still vor sich hinbrütend ging der Master seine Hände hinterm Rücken verschränkt, den Kopf vorgestreckt im klassischen englischen Explorergang im Bücherzimmer auf und ab. Meine Schwester Selma und ich hatten uns flugs in den Garten verzogen. Auf unseren gemütlichen Regalbrettern war es jetzt ungemütlich, dicke Luft herrschte, es knisterte vor Spannung.
Welch eine Erleichterung als Masterchen plötzlich in den Garten gestürmt kam. „Ich hab`s, ich hab`s!“ rief er fröhlich, „Charles und Caroline wissen sicher noch nicht, dass unsere Nachbarn verkaufen möchten.“ „Wow, der ideale Klatsch!“, pflichtete die liiiebe Selma im Apfelbaum sitzend bei und unsere liiiebe Dina erklärte, wie das eine Dorfgerücht meinte, der Nachbar habe Geldprobleme, das andere Dorfgerücht munkelte, dass er aufs Land ziehen wolle, um Frau und Tochter das Reiten zu erleichtern. „Oh, dieses Reiten, es scheint eine grassierende Krankheit in Norfolk zu sein! Stark ansteckend besonders unter Frauen“, rief Selma aus. DinaFee erinnerte, dass Anna Sewell – „eine Autorin aus Norfolk!“, warf der Master ein – weltberühmt mit „Black Beauty“ wurde, die Autobiografie eines Pferdes, die tausende von Mädchen in die Reitställe trieb, obwohl Sewell schrieb, es sei unverständlich, dass Reiten so beliebt sei, da man sich dabei leicht verletzt und oft die Pferde zu Grunde richtet.

 Anna Sewell (1820-1878)

Aber zurück zum Klatsch: Wir einigten uns schnell, dass des Nachbars Verkaufsabsichten der gesuchte Klatsch sei, da von unterschiedlichen Meinungen berichtet und Stellung bezogen werden könne. Flügelzitternd stellten wir uns vor, wie zwischen Hauptgang und Nachtisch, der übrigens auch bei keinem englischen Essen fehlen darf, über das Für und Wider, über Verarmung oder Pferdehaltung gesprochen wurde. Das Essen war gerettet, unser Master wieder fröhlich und noch fröhlicher wurden Master und Dina, als meine geschickte Schwester Selma anbot zu kochen.

Wie erwartet lief alles bestens. Charles und seine Freundin Caroline unterstützten, wie es sich gehört, jeder eine andere Version des Dorfgerüchts und ich saß mit Selma kichernd auf dem Leuchter. Wir suckelten kichernd unseren geliebten Cranberry-Himbeer-Traubensaft und ab und an machte ich mir Notizen in mein feines FeenBuch. Ich wusste inzwischen, dass der Nachbar gar nicht verkaufen will. Aber diese Nachricht war als Betthupferl gedacht. Sie wird von mir mit Zwinkern meiner großen blauen Augen erst beim Nachtisch präsentiert.

Das war`s von Eurer
Siri BuchFee

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

Über Klausbernd

Autor (fiction & non-fiction), Diplompsychologe (Spezialist für Symbolik, speziell Traum- und Farbsymbolik)

»

  1. Liebe SchwesterFee, das hast Du fein beschrieben, ja, genau so ist es, hihih! Ich hoffe, Du bist mir nicht mehr böse, weil ich vergessen hatte den KnipsiAkku aufzuladen, soll nie wieder vorkommen…. Ich habe Neuigkeiten aus Cley für Dich, Du weißt doch „Was ins Ohr geflüstert wird, ist tausend Meilen weit zu hören.“
    Was geflüstert wird, wird am leichtesten geglaubt.“ Simone de Beauvoir

    Antworten
  2. „No mortal can keep a secret. If the lips are silent, he chatters with his fingertips; betrayal oozes out of him at every pore.“ Sigmund Freud

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: