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Tudorkamine

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Tudorkamine

„Am Giebel und am Dach
Spürt man des Wirtes Hausgemach“

englisches Sprichwort

Jetzt ist der Master auf Vortragsreise und wir Buchfeen haben das Wort. Meine Schwester OberKnipsiFee Selma hat mich, Siri BuchFee, so lieb gebeten, etwas zu ihren feinen Knipsis von Tudor-Kaminen zu schreiben. Gar nicht so einfach, sage ich Euch.  Also, sie sind sooo schön, finde ich und unsere Dina liebt sie auch, sehr. Viele, die nach England kommen um den Tudorstil zu bewundern, suchen Hampton Court Palace  in Südwesten von London auf. Wir jedoch haben unsere ganz eigenes Tudor-Village direkt vor der Haustüre, ja, da staunt Ihr, nicht wahr? Bei uns gibt es nicht nur Natur pur, Norfolk bietet zusätzlich viel Architektur! meint unsere Dina und da sie alles, wirklich alles, kennenlernen möchte,  sind wir viel unterwegs, puuh. Also, neulich, nach einer langen Tageswanderung  am schönsten Strand Englands – ja dieses Prädikat hat The Beach, wie man ihn hier schlicht und stolz nennt, Holkham Beach – überraschte uns der Master mit einer Einladung nach Holkham Village. KnipsiFee Selma und Knipsimausi Dina waren völlig entzückt und wie entrückt über die Kamiiiiiine, schau nur, die Kamiiiiine:

Tudorkamine in Holkham Village, Norfolk. Die vielen Kamine sind ein Zeichen für Wohlstand. Das und viel mehr, erzählte  der Master. Ich habe alles notiert, bitte weiterlesen.

Jede Feuerstelle oder offener Kamin im Tudorhaus hat einen eigenen Kamin auf dem Dach. 

Kohle war damals in Norfolk rar und eine neue Generation Landadel zelebrierte ihren Wohlstand mit großen Häuser und üppig verzierten Kamine. Jeder durfte, oder sagen wir mal, sollte sehen, wie gut es einen geht.

Schmucke Schornsteine, nicht? Von Understatement keine Spur….

Eigentlich schade, dass ich Euch kein Knipsi von den beiden mit ihren Kameras zeigen kann, nein, ein Film wäre besser. Objektiv gesehen, gleicht unser geduldiger Master, je weiter wir fortschreiten, einem Linsenträger, voll bepackt mit „nimmst du mal!“, „kannst du mal“, „hälst du mal“. „Wie doof, dass wir unsere Akkus nicht an dem Master aufladen können,“ kichert KnipsiSelma und flattert fröhlich zum nächsten Objekt. Ich, die Muse-Chronistin des Masters, lausche lieber, was er über die Kamine zu erzählen weiß: Der Tudor-Stil gilt als letzte Epoche der Gotik, die immer hoch hinauswollte, zu Gott hin. Dieses Bedürfnis, versteinert in den Kathedralen, zeigt sich säkular im Tudor-Kamin, der so lang ist, als wolle er Gott und die Englein ausräuchern. (Das hat er so schön gesagt, dass ich es wortwörtlich übernommen habe.)

Chimney pot nennt man den oberen runden oder oktagonalen Deckel auf den Kamin.

Übrigens der von uns mehrmals erwähnten Conan Doyle  beschreibt  in seinen Sherlock-Holmes-Geschichten öfter Tudor-Kamine, die von da an immer wieder in Detektiv- und Gruselgeschichten aus der Dunkelheit hoch aufragen.

Der obere Kamindeckel, der sogenannte chimney pot, ist der krönende Abschluss eines jeden Tudorkamins. Unter den vielen Kaminen gibt es richtige Pot-Juwelen, Kostbarkeiten, die jeder Kenner sofort erblicken kann (und soll, natürlich:-))

Für dieses Knipsi ist Selma ganz hoch geflogen. „Paaaaaass auf!“ rufen die Bodentreter. Sie wissen nicht, sie ist nicht nur da oben wegen der Knipsis, sie sucht dort auch ihren Freund Karlsson auf dem Dach.

…und dabei ist ihr fast die Puste ausgegangen, puuuuuuh!….

Das Besondere an der Tudor-Architektur ist ihre Betonung der Verschiedenartigkeit. Tudor-Baumeister fanden Symmetrie gähnend langweilig, sie liebten das Spiel der Möglichkeiten. Das entsprach dem Zeitgeist, der Shakespeare, Bacon und besonders den Volkshelden Sir Francis Drake hervorbrachte, den beamteten Piraten, der neue Länder bei seiner Weltumsegelung entdeckte und selbstredend gleich für England einnahm. Dieses Lebensgefühl nach der Trennung von Rom durch Heinrich VIII. ließ neue Möglichkeiten entstehen, die die Vatertochter Elizabeth I. als Förderin der Künste emsig ausbaute. Genau das drücken die verzierten Tudor-Kamine aus, von denen jeder anders als die anderen verziert ist.

Sooooo viele Kamine… „Ich wäre froh, wenn ich einen hätte…“, meinte Dina.

Findet Ihr das zu kühn gefolgert, wenn ich sage, der Tudor-Kamin ist Ausdruck der entstehenden Individualität? Unter Elizabeth I. entwickelt sich im 16. Jh. ein Bürgertum, das im Gegensatz zur mittelalterlichen Gesellschaft individuell und unabhängig zu handeln beginnt, genauso wie jeder Tudor-Schornstein individuell seinen Rauch in den Himmel pustet.

„Hast du doch, bei uns in Cley!“ tröstet Selma im Vorbeifliegen

Das sind so meine FeenIdeen. Ich hoffe, es hat Euch gefallen, wie auch die KnipsiEindrücke meiner Schwester.

Liebe Grüße von uns,

Siri BuchFee und Selma OberKnipsiFee

Über Dina

Notes on Seeing, Reading & Writing, Living & Loving in The North.

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  1. Neben den schönen Fotos hat mich das Sprichwort beschäftigt, weil ich es nicht verstanden habe. „Am Giebel und am Dach merkt man des Wirtes Hausgemach“ heißt ein deutsches (!) Sprichwort, sagt das Deutsche Sprichwörter-Lexikon, herausg. von K.F. W. Wander, Bd. 1, Leipzig 1867, Sp. 1868. Wir erfahren dort, dass dieses Sprichwort schon in der 1601 erschienen Sprichwörter-Sammlung „Proverbium copia“ des Pfarrers Eyering vorkommt, also sehr alt ist – aber damit wissen wir immer noch nicht, was eigentlich „Hausgemach“ bedeutet.

    „der löw erseufzet da und sprach:/ jetzt solt ich haben hauszgemach,/ und in meim alter friedlich leben“ heißt es beispielsweise in einer Fabel von Burchard Waldis (1490 – 1556). Man sieht hier, dass die Bedeutung zwischen Hausgemach=Wohnung und Hausgemach=bequeme Wohnung schwankt. Ähnlich ist das auch in dem Sprichwort, das Sebastian Franck (1499 – 1542/3) gesammelt hat: „Hausgemach ist über alle Sach“. In dem Sprichwort mit dem Dach und Giebel kann es aber nicht darum gehen, ob der Wirt, also der Hausherr, es drinnen gemütlich hat. Das Sprichwort ist offenbar noch älter, denn im Mittelalter heißt „husgemach“ ganz einfach „Wohnung“ – also:
    „Am Zustand des Giebels und des Daches kann man erkennen, in welchem Zustand die Wohnung des Hausherren ist“ – hm, hm, aber was erkennen wir über den Zustand des Hausherren und (wir sind ja nicht mehr im Mittelalter) über den Zustand der Dame des Hauses, wenn auf dem Dach lauter so liebevoll gestaltete phallische Teile emporragen??

    Antworten
  2. Kluglieber Mätes!
    Bravo – es gibt für eine BuchFee nichts Feineres als solch liebgemeinte Korrekturen! Voll doof, kaum ist der Master auf Vortragsreise und wir ergreifen das Wort und blamieren uns gleich mit dem Intro, das war schlampig, Entschuldigung. Pssss…. Mätes, kann das bitte unser Geheimnis bleiben, was meinst Du? Wir brauchen jemand wie Dich bei uns zu Hause, unbediiiiingt, kommt bitte! Ein Platz wäre noch frei – auf Regalbrett 7 – oder hast Du vielleicht Höhenangst und so? Dina nennt den Master ein wanderndes Lexikon, was oder wie sollen wir Dich denn nennen, überlegen wir gerade und sind momentan etwas ratlos. Hast Du einen Vorschlag?
    Ja, und zu der pikant abschließenden Frage bemüht sie meiner Schwester gerade hektisch, mit glühenden Wangen eine treffsichere Antwort zu finden.
    Liebe Grüße, Deine Siri

    Antworten

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