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Weihnachtsgrüße aus England

Veröffentlicht am
Oh dear! Als wir Feen zur Post geflattert kommen, steht dort eine Schlange bis weit auf die Straße. Einer alten Dame wird ein noch älterer Stuhl hinausgestellt, Masterchen plaudert mit einer rotwangigen Unbekannten über ihre Tochter in Australien, alle sind bester Laune. Lässt da vorne gar einer seinen Flachmann mit Brandy herumgehen? „Ja, was ist denn hier los?“, fragt Siri ganz perplex. „Letzter Abgabetage für Weihnachtskarten, die mit der billigeren Zweite-Klasse-Post versendet werden“, erklärt ein bärtiger Mann. Aber der Master wollte gar keine Weihnachtskarten sondern nur seine Steuererklärung verschicken.

 Wisst Ihr, im Mittelalter gab es die Seuche des Veitstanzes im heutigen England bricht alldezemberlich die Weihnachtskartenmanie aus. Kartengeschäfte findet Ihr in jedem noch so kleinen Städtchen an jeder Straßenecke und öfter. In der High Street zählte Selma auf hundert Meter sieben Kartengeschäfte. „Greetings“, „WH Smith“ und „Omega“, dazu kommen Wohltätigkeitsläden, in denen man Karten kaufen kann: „Oxfam“, „Save the Children“ und „Help The Aged”, in der Drogerie und Apotheke Boots kann man Karten kaufen wie im Blumenladen.
Der Engländer geht also in einen Kartenladen und kauft Karten in Kartons zu 30 oder 50, wohl sortiert und mit vorgedruckten Texten: “Season’s Greetings“ oder „Merry Christmas and a Happy New Year!“. Die Adresse der Wohltätigkeitsorganisation, zu der die Spende fließt, steht auf der Rückseite. Der Preis hängt von der Schönheit der Karte ab, ob Glanz oder nicht, mit sinnvollem Text oder witzig: z. B. mit einem Hasen auf Skiern mit Kerze in der Pfote, einem Dachs im Bau, umrandet mit rotgrüner Bordüre und Tannenzweigen, einem stilisierten Rentier, das ein Tablett auf seinem Geweih mit Sektgläsern trägt, aus denen eine Sprechblase mit „Merry Christmas“ kommt.
Siri erklärt: „Man muss bei seinem Kartensortiment darauf achten, ein Spektrum an billigen und teuren Karten einzukaufen. Denn es ist mit den Karten ein Nehmen und Geben. Das ist außerordentlich wichtig! Das werdet Ihr gleich noch hören.“
Einzelne Karten stehen gut sortiert in großen Regalen mit Überschriften: „Familie“ und den Untertiteln: Mutter, Vater, Nichte, Ehemann, Ehefrau, Lieblingsneffe, Geliebte/r, Butler und Kinderfrau – denn die gehören zur Familie – fast.
„Und nun muss man überlegen“, erklärt mir Siri weiter, „ob man den Karton, in dem man die 50 Weihnachtskarten kauft, wiederverwenden möchte. Das wird auf einem Abziehbild notiert: ‚Kann als Geschenkkarton verwendet werden‘. Das Abziehbild hinterlässt auch wirklich keine Klebespuren auf dem Karton. Ihr müsst natürlich auch wissen, wie viele Karten Ihr verschicken und übergeben wollt, wie viele billige oder teure. Das sagt Euch Eure Liste vom letzten Jahr, auf der Ihr die Namen derer eingetragen und durchnummeriert habt, die Euch bedachten. Zu jedem Absender habt Ihr Notizen: religiös, witzig, billigst, großes Format, geschmackvoll, Kitsch, Winterlandschaft, Vögel (sind bei uns im Vogelparadies sehr beliebt), usw. Im Schnitt kommt Ihr auf 160 Karten oder so.“

Solltet Ihr vor Weihnachten einen Drink im Pub benötigen, laufen dort die Einheimischen – andere gibt es hier im Winter nicht – emsig herum, um ihre Weihnachtspost los zu werden. Als der Master gestern an die Bar trat, um sich einen Drink zu holen, schob ihm die Postfrau einen Brief unter den Arm, der Fischer einen unter den anderen und weg waren sie. Der Man for odd jobs legte den Briefumschlag, als wenn er im Untergrund arbeitet, heimlich auf die Theke neben sein Bier. Ein anderer stellte sich neben ihn, fragte, was er gern trinken möchte, und schob ihm einen Brief heimlich in die Manteltasche – was wir Feen natürlich sahen. Beim Secret Service haben die wohl gearbeitet und gelernt, wie man jemandem mit dem lieblichsten Lächeln unbemerkt etwas unterschiebt? Alles geschah Under Cover und in Null-Komma-Nichts war Masterchen stolzer Besitzer von fünfzehn Karten.

Überall gibt es Sparmöglichkeiten, weiß Selma zu berichten: „Man kann das Porto sparen, kann mit Buchstaben sparen, weil man die Adressen nicht vollständig zu schreiben braucht, man kann mit den körperlichen Kräften sparen, weil man keine Briefmarken zu lecken und nicht zum Postamt oder Briefkasten zu gehen braucht. Master erzählte mir kürzlich von einem Freund, der seine Karten für das kommende Weihnachtsfest im Weihnachtskarten-Schlussverkauf kauft.“

Alljährlich sind wir erstaunt über die ausdrucksneutralen Weihnachtskarten, die außer dem Vordruck nur den Vornamen des Absenders als Gruß enthalten. Ist es ein häufiger Vorname wie John, Jane oder David, steht noch der Anfangsbuchstabe des Familiennamens dabei. Einen schönen Satz oder einen bestimmten Wunsch für das nächste Jahr auf die Karte zu schreiben, ist riskant, da das der Empfänger als aufdringlich ansehen könnten.
Wir fragten uns, warum haben manche nichts auf den Briefumschlag geschrieben und keine Anrede benutzt? Wir wissen es jetzt! Es ist für alle Fälle geschehen. Es könnte ja sein, dass man von einem Bekannten eine Weihnachtskarte bekommt, mit der man nicht gerechnet hat. Um schnell reagieren zu können, hält man solche „Blüten“ bereit.

Während der Tage bis Weihnachten geschehen wunderliche Dinge, die wir lieben, alles im Dunkeln: Weihnachtskarten segeln nachts durch unseren Briefkastenschlitz. Von Hand eingeworfen. Abends geht`s mit der Taschenlampe los. Briefträgerspielen. Etwa fünf Meter von der Haustür entfernt wird die Taschenlampe ausgeschaltet, damit man auf keinen Fall gesehen wird. – Uns konnte übrigens bislang keiner erklären, warum die persönliche Auslieferung einer Weihnachtskarte konspirativ geschehen muss, wissen Sie es?

Was machen nun die Leute mit all ihren Weihnachtskarten? Das sahen wir: Zählen, da weiß man endlich, wie populär man ist – das macht jeder – und sein Haus damit dekorieren – das macht auch jeder:  Man nimmt alle Blumentöpfe von den Fensterbänken und stellt die Karten dorthin oder man nimmt die Silberleuchter vom Kaminsims und stellt die Karten dorthin oder man kauft sich Weihnachtskartenhalter und steckt die Karten dort ein. Sehr beliebt ist, einen Bindfaden von einer Wand zur anderen zu spannen und die Karten dort aufzuhängen. Kühnere kleben die Karten mit Blue Tack direkt auf alle Wände. In den Betrieben ist es nicht anders. Die Schreibtische der Büros stehen voller Weihnachtskarten. Man findet gerade noch sein Keyboard. Kommt man als Kunde in eine Bank, sieht man nur Weihnachtskarten, keine Bankangestellten mehr. Selbst in der Bäckerei stehen die Weihnachtskarten in den Regalen.
Damit nun Eure Bücherregale nicht als Weihnachtskartenträger missbraucht werden, habt Ihr diesen Bericht von der Weihnachtskartenfront bekommen – statt einer Weihnachtskarte.

Frohe Feiertage
wünschen aus Norfolk/England

Siri BuchFee, Selma BilderFee und der Master Klausbernd Vollmar

Über Klausbernd

Autor (fiction & non-fiction), Diplompsychologe (Spezialist für Symbolik, speziell Traum- und Farbsymbolik)

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  1. Geschichte einer englischen Erfindung, die Weihnachtskarte

    Macht Ihr es wie der Master? Er verschickte gnädigerweise seine „Weihnachtskarte“ so früh, dass selbst die, bei denen er durch sträfliche Schlampigkeit nicht auf der Liste steht, noch eine Chance haben, ohne Gesichtsverlust ihm schnell eine Karte zu schicken. Ach du lieber Himmel, so hätten wir uns die Wirkung nicht vorgestellt. Heute morgen, für uns beiden Feen weit vor dem Erwachen in unseren Kuschelbettchen, wurden wir durch ein ständiges Plingplinkplink geweckt. Weihnachts- E-Mails stauten sich an unserem Posteingang. – Trotz des plingenden Computers hockten wir uns an Siris McFee zusammen und schrieben Euch das hier über die Geschichte dieser Victorianischen Erfindung. Die Weihnachtskarte gehört zu Merry Old England wie der Milchmann. Schon seit 1843 wurden in England Weihnachtskarten verschickt. Einem Londoner Geschäftsmann wurde damals das Briefeschreiben zu viel, was wir gut verstehen können, und er ließ tausend Weihnachtskarten drucken, die von John Calcott Hersley (ein damals berühmter, heute vergessener Künstler) entworfen wurden. Damit begann der unaufhaltsame Aufstieg der Weihnachtskarte in England, zumal die englische Post 1840 die Penny-Post eingeführt hatte, so dass man seine Karten günstig verschicken konnte, nämlich für einen Penny – seid nicht neidisch, diese Zeiten sind lange vorbei, das Kartenporto hat sich bis heute verachtundsechzigfacht, das nennen wir Inflation! Übrigens eine Milliarde Weihnachtskarten transportiert die Royal Mail jedes Jahr, die armen Postboten bedauern wir.
    Im Victorianischen England begann das Kartengeschäft richtig zu boomen und Siri musste auf einer Ausstellung solcher Karten derart lachen, dass sie gar des Saales verwiesen wurde. Es gab da Karten in Form von Schuhen, Strümpfen und Fächern, von Sternen und Häusern, ovale und eckige Karten, die fast immer Sommer- oder Frühlingsszenen zeigten. Aber, ja darauf sind wir stolz: Feen waren und sind noch immer ein beliebtes Weihnachtskartenmotiv. Ja, wir waren vor dem Weihnachtsmann und diesen Kitsch-Engeln da, die nämlich erst ab 1850 auf Weihnachtskarten erscheinen. Uns gefielen besonders die damals beliebten Weihnachtskarten mit eingearbeiteten Parfümproben. Die Weihnachtskarten folgten natürlich stracks dem Zeitgeist, zur Wende zum 20. Jahrhundert gab es Weihnachtskarten in Form von Zeppelinen, Doppeldeckern, Dampfschiffen, die die Segelschiffform verdrängten, und Autos und seit 1932, als Walt Disney die Erlaubnis erteilte, dass seine Comic-Figuren Weihnachtskarten zieren dürfen, wurde alles, was Rang und Namen in der Comic-Szene hatte, als Weihnachtskartenmotiv missbraucht.
    Wie wir verschicken heute viele ihre Weihnachtskarte als E-Mail. Es gibt Programme, mit denen man sich eigene Weihnachtskarten entwerfen kann und für den, der zu faul dazu ist, gibt es einen Grußkartenservice. Uns beiden interessiert es sehr, wie sich wohl digitalen Christmascards weiterentwickeln werden. Aber die alte klassische Weihnachtskarte braucht keine Angst vorm Aussterben zu haben, zumindest hier in England kann eine digitale Weihnachtskarte nicht die klassische ersetzen – nun bekommt man eben zwei.

    Happy Holidays
    Siri BuchFee und Selma BilderFee

    Antworten
  2. Es gibt viele Parallelen zu Deutschland. Hier werden oft auch die Karten aufgestellt – unser „Kramladen“würde englische Herzen hüpfen lassen. In der Auswahl der Karten erkannte ich mich wieder. Sorgsam wird die Größe, der Preis betrachtet, da nicht jeder mit einer teuren geschmackvollen Karte bedacht werden soll – da kommt bei mir der „Schotten-Geiz“ hoch. Die Feen hätten sich gestern sicherlich vor Lachen gebogen. Siedend heiß fiel mir ein, XY muss noch eine Weihnachtskarte bekommen. Da keine große Beziehung zueinander besteht, sollte die Karte kleiner und vor allem billig sein. Nach Abklappern sämtlicher Läden in meinem Stadtteil entsetztes Kopfschütteln: Waasss so viel Geld, für dieses Exemplar – Nie und nimmer! Beim Getränkekauf im Discounter saht Ihr dann eine gebückte Gestalt, die in die hintersten Ecken kroch – hier muss es doch preisgünstige Karten geben. Richtig, vorne die Teuren und im hintersten Winkel die billigen/kleinen. Stolz trug ich meine Beute heim. Morgen wird der Kartenstapel dem Briefkasten anvertraut. Möchte noch bemerken, meine Grüße sind sogar mit speziellen Weihnachtsmarken versehen- da staunt Ihr, was?!

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  3. Huhu! Hier meldet sich nochmal Tantchen aus ihrem kölschen Kramladen:

    Wie ich Weihnachten erlebte
    Es fing mit dem Friseurbesuch an, für Frauen ein Muss, egal ob Besuch erwartet wird oder nicht! Beim Smalltalk lernte ich Verwandtschaftsgrade, von ungeahntem Ausmasse kennen, als die Meisterin der Schere ihre Gäste aufzählte. Die Frage, wie viele ich denn Heiligabend bewirte, antwortete ich: Keinen. Erstarrung, das Scherenklappern weicht entsetzter Stille. Frage: Ob man sich denn am 24.12. um mich Sorgen müsste, ich sei herzlich bei Ihr eingeladen. Allmählich leicht genervt, antworte ich wahrheitsgemäß, dass ich, für sie und andere offensichtlich schwer verständlich, den Abend sehr zufrieden, mit lecker Essen, Lesen, Radiohören verbringen würde.
    Dies war schon die 3.Einladung, für mich ach sooo bemitleidungswürdigen Single. Müssen Fest/Feiertage immer im Rudel oder zumindest zu zweit verbracht werden?? Erklärt mir mal das Warum?
    Nachdem ich einige Geistergeschichten und Kurzkrimis zu Weihnachten gelesen hatte, begab ich mich mit Vorfreude ans Auspacken der Päckchen und Geschenke. Mir fiel sofort auf, das dieses Jahr die Verpackung in rot-weißem Papier zu erfolgen hatte. Oh je, ich, wie ihr wisst, dem Geize nicht abholt, nähre mich doch aus der Tasche „gebrauchtes Weihnachtspapier“, brav gefaltet und glattgestrichen. Bei mir kann mancher Beschenkter sagen: Sehr extravagantes Papier, auch dieser Knüddeleffekt! Mir erscheint es effektiver, mehr ins Geschenk zu investieren, als in die Verpackung. Schleifen in Gold-/Grüntöne animierten zum Aufzupfen – hier der diesjährige Trend meines Freundeskreises: Elche in allen Farben und Größen. Man merkt, wir werden, nehmt es mir nicht nicht übel, z.Zt. mit Sendeabenden, Vorträgen, Bildbänden und Zeitungsreportagen über Polarforscher, Arktis und Antarktis „zugeschüttet“, somit auch an jeder Ecke: Elchdeko. Sehe ich nur schon ein Plakat mit nordischen Bildern, bekomme ich eine Kälteallergie. Aus Protest dekoriere ich meine Geschenke mit dem klassisch deutschen Weihnachtsbaum (Holzsägearbeiten :-)). Nach diesen Abschweifungen, meditativer Art, begeistern mich die Gaben, toll, wie Jeder punktgenau meinen Geschmack getroffen hat. Dieses Jahr muss kein Geschenk in die Kiste „weiterreichen“ wandern. So, nun müssen der Baumkuchen und die Printen vertilgt werden. Geniesst auch Ihr die Feirtage, ob zu Hauf, zu zweit oder solo – harmonische Feiertage, wünscht ein mit sich zufriedener Single.

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