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Der Untergang der Titanic wie er im Buche steht

Veröffentlicht am
Der Untergang der Titanic wie er im Buche steht

Bücher sind Schiffe, welche die weiten Meere der Zeit durcheilen. – Francis Bacon

Einschüchternd viel wurde und wird über die Titanic geschrieben, dabei sind die Sachbücher oft nicht weniger fiktiv als die Romane. Bei amazon und Thalia-online findet man hunderte von Büchern, die sich mit dem Untergang der Titanic beschäftigen.

Zwei Romane mit diesem Thema finde ich bemerkenswert:
Morgan Robertson „Titan. Eine Liebesgeschichte auf hoher See“ (1898)
Erik Fosnes Hansen „Choral am Ende der Reise“ (1990)

Ja, Sie haben richtig gelesen, Morgan Robertson, ein erfolgreicher amerikanischer Autor von Seegeschichten, schrieb den Roman über das Schiff Titan 14 Jahre vor dem Untergang der Titanic. Die Parallelen zum Untergang der Titanic sind jedoch derart frappierend, dass häufig behauptet wurde, es handele sich um ein prophetisches Werk – wozu sich der Autor, der drei Jahre nach dem Untergang der Titanic durch Suizid starb, nicht äußerte.
Es ist hauptsächlich der erste Teil des Romans, der dem Titanic-Unglück in vielen Details ähnelt. Auch hier kollidiert das größte und angeblich unsinkbare Schiff mit einem Eisberg, es gibt zu wenig Rettungsboote, noch weniger Überlebende. Der Deckhelfer John Rowland (die Hauptperson) rettet Myra, die Tochter seiner früheren Geliebten, durch einen Sprung mit ihr auf den Eisberg. Diese etwas kitschige Variante der Rettung der Schiffbrüchigen kam freilich bei dem Titanic-Unglück nicht vor, ist aber für diesen Roman notwendig, um am Schluss zu einem Happy End zu kommen, indem ihn nämlich die Mutter von Myra, die ihn zuvor verklagt hatte, einlädt. Alle anderen Fakten nehmen jedoch das Titanic-Unglück voraus.

Die Originalausgabe dieses Romans „Futility“ ist relativ wertvoll und gehört in Kreisen der Liebhaber nautischer Literatur zu den gesuchten Büchern, was die Qualität des Romans nach meinem Geschmack weniger rechtfertigt. Besonders der zweite Teil kann als Vorwegnahme der Action-Literatur angesehen werden. Es gibt haarsträubende Unwahrscheinlichkeiten, ein Kampf mit einem Eisbären und eine Festnahme fehlen auch nicht, um am Schluss alles harmonisch aufzulösen – zumindest kann das der Leser, der es bis dahin ausgehalten hat, hoffen.

Die Kitschvariante, bei der – wie auch beim Film – der Untergang den dramatischen Hintergrund für eine rührselige Liebesgeschichte bietet, ist bei Titanic-Romanen am beliebtesten. Wenn wir das Sinken des Schiffes auf seiner Jungfernfahrt als sexuelle Symbolik deuten (siehe den vorigen Titanic-Beitrag auf diesem Blog), hat dieses epochale Schiffsunglück Schriftstellern eine fast archetypische Symbolik geliefert, die eng der romantischen Liebe verbunden ist, in der nicht die Erfüllung, sondern das sehnsuchtsvolle Leiden wesentlich ist.

Besessen las ich den Roman des hochausgezeichneten norwegischen Autors Fosnes Hansens „Choral am Ende der Reise“ (der Roman stand in Norwegen lange auf der Bestsellerliste). Er beschreibt die Mitglieder der Bordkapelle, die am 10.4.1912 in Southampton an Bord der Titanic gehen. Das nimmt der Autor als Anlass, die Lebensgeschichte der sieben Musiker, die aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen stammen, mitreißend zu beschreiben. Dabei hat er weitgehend fiktiv gearbeitet, aber auch Teile der Lebensgeschichten der wirklichen Mitglieder der legendären Titanic-Kapelle eingebaut. Der Kapellmeister Jason, „ein Idealist ohne Ideale“ und die anderen Musiker erzählen rührend über ihre Hoffnungen und ihr Scheitern in einer menschlichen Art, die einen gleich in die Erfahrungen der Person hineinzieht. Alle träumen von einem besseren Leben, alle laufen vor etwas davon.

Erik Fosnes Hansen

Dass die Lebensgeschichten derart intensiv wirken, liegt am klaren und zugleich poetischen Stil und nicht zuletzt auch daran, dass der Leser weiß, dass alle sterben und ihre Hoffnungen mit ihnen im Meer versinken werden. Die oft tragischen Geschichten bilden den Kern des Romans, wobei – wie in vielen Titanic-Romanen – der Untergang der Titanic nur als Rahmengeschichte dient. Fosnes Hansen schildert den Untergang selbst nur kurz im Roman. Für mich wirken diese sieben Geschichten auch durch ihre feine sozialkritische Sicht des ausgehenden 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts (die Titanic mit ihren streng abgegrenzten verschiedenen Klassen drängt sich als Metapher für die Klassengesellschaft geredazu auf). Wenn auch einige Kritiker Langatmigkeit reklamierten, kann ich nur sagen, dass ich diesen Roman berührend und kurzweilig zugleich finde.

Obwohl nicht krimihaft wird die klassische Situation geschildert, was mit sich weitgehend Fremden auf engen Raum geschieht (im Extrem in Goldings Klassiker „Herr der Fliegen“ [1954] geschildert) und warum sie sich in diese Isolation auf ein Schiff flüchteten.

Mit herzlichem Gruß
Siri Buchfee und der Master

Über Klausbernd

Autor (fiction & non-fiction), Diplompsychologe (Spezialist für Symbolik, speziell Traum- und Farbsymbolik)

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  1. Hallo, gestern habe ich einen Bericht gesehen auf 3sat, über den Bau der Titanic, das fand ich super interessant, Klassenkampf, Religonskrieg, schon in der 5jährigen Bauphase sind 17 Menschen verunglückt….ja und einige wollten wohl wirklich dem sich ankündigenden Krieg entfliehen.
    Was man alles so gar nicht weiß!
    Gerade ist mir zu Ohren gekommen, dass der neue Titanicfilm in 3D, mit der allergleichen Besetzung…., es nicht so bringt, gar keine besonderen Effeke, ziemlich unnötig…
    Wieso- fühlt man sich gar nicht in 3D mituntergegangen??? bissel lasch!

    Der Auftritt heute morgen war cool! Da prallen ja Welten aufeinander, aber man darf ja nie die Hoffnung aufgeben!
    Herzliche Grüße von Pia

    bestimmt verschlägt es mich auch bald mal auf den Rinckenhof, weit ist es nicht von uns aus

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  2. Darf ich bitte in diesem Zusammenhang noch ein sehr schönes, wunderbar poetisches Werk von Erik Fosnes Hansen erwähnen, „Das Löwenmädchen“ („Løvekvinnen“);
    Der Roman beginnt im Schwellenjahr 1912. Warum nennt er das ein Schwellenjahr?
    Well, es ist das Jahr, in dem die Titanic sank. Das passt ja!:-)

    Nicht nur weil es einen dermatologischen Fall beschreibt, ein kluges Mädchen mit Hypertrichosis lanuginosa, hat mich diesen Roman so fasziniert. Die Erzählperspektive ist interessant, die wechselt mehrmals während das Kind heranwächst und verführt den Leser in neue Welten. Die dermatologischen Hörsäle kenne ich, hier kann jeder eintreten und miterleben wie es sich anfühlt eine Aussenseiterin zu sein, quasi ein Tier unter Menschen. Die kleine Eva hat mich sehr berührt, mehrmals meine eigene Starrheit weichgeklopft und ich kann es jedem nur ans Herz legen zu lesen. Ein großartiges Plädoyer für Toleranz. Danke Erik Fosnes Hansen, ich bin stolz auf dich!

    Antworten
    • Übrigens in „Das Löwenmädchen“ tritt auch ein cleverer Journalist auf, von dem berichtet wird, dass er dadurch berühmt wurde, dass er den Untergang der Titanic höchst anschaulich beschrieben hat. Er hatte verstanden, „dass ein Bild sehr viel wirkungsmächtiger ist als ein flüchtiger Sinneseindruck, ja, dass es wirklicher wird als die Wirklichkeit.“ (dtsch. Ausgabe, S. 82).

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      • “Ein Bild ist sehr viel wirkungsmächtiger als ein flüchtiger Sinneseindruck, es ist wirklicher als die Wirklichkeit.” – Erik Fosnes Hansen
        Ein tolles Zitat, das mopse ich!
        Danke
        Dina

  3. You got a really useful blog. I have been here reading for about an hour. I am a newbie and your success is very much an inspiration for me.

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  4. Der „Choral“ ist bestellt. Bin gespannt!

    Danke für den Buchtipp!

    Viele Grüße
    Renate

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  5. ja, der choral ist ein spitzenwerk, las es auf meiner letzten norwegenreise, die schon fast nicht mehr wahr ist… aber das buch habe ich noch immer in reger erinnerung…

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  6. Thanks to the GoogleChrome instant translator, I get to enjoy these earlier posts.

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