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Ernst Jünger

Veröffentlicht am
Bücher sind reine Abfälle. Das Wesentliche ist die Begegnung mit der Sprache. Der Autor ist wie ein Minenleger: Er befindet sich schon wieder in anderen Gewässern, wenn die Minen hochgehen.
Ernst Jünger
Als Kontrastprogramm zu Brecht stelle ich ein unbekannteres Buch von Ernst Jünger vor. „Myrdun. Briefe aus Norwegen“ illustriert mit Zeichnungen von Alfred Kubin. Diese Briefe stammen aus dem Sommer 1935.

Ich habe erst vor ein paar Jahren Bücher von Jünger gelesen, da mein Vater, zu dem ich nicht gerade das beste Verhältnis hatte, für Jünger schwärmte. Nach meiner Beschäftigung mit Brecht im Gartenhäuschen griff ich zu diesem dünnen Band, mehr da mich Norwegen (und die Gegend von Molde, die ich gut kenne) als Ernst Jünger interessierte. Zuerst einmal stutze ich bei dem Titel. Was ist denn Myrdun? Es ist, lese ich in den Briefen, ein Kraut, das im Moor wächst und im Deutschen (nach Jünger) Moordaune genannt wird. Ich kenne es unter dem Namen Wollgras. Meine Buchfeen, die eifrig die Texte über das einfache Leben mitlasen, waren ganz begeistert, dass ihre nordischen Schwestern nach Jünger aus der „Wolle“ der Blütenstände Kleider spinnen.

Mein erster Eindruck: In antiquierter Sprache und nicht ohne Pathos werden die meisten beschriebenen Natur-und Kulturphänomene Norwegens gnadenlos überhöht, was Jünger als Stil „gegen den rationalen Dünkel“ sieht. Die Stärke des Büchleins liegt jedoch nicht in Jüngers vielgelobten Stil, auch nicht in seinen Ausflug in die Astrologie und seiner „Menschenkunde“, sondern in seinen genauen Naturschilderungen. Er beschreibt anschaulich den Fischfang, der ihn, dessen Vorfahren angeblich Fischer waren, interessiert. Dabei werden die Methoden des Fischfangs wie auch die unterschiedlichen Fische detailliert beschrieben. Mich hat fasziniert, wie Jünger von den Norwegern berichtet, dass sie viele alltägliche Verrichtungen von Ebbe und Flut abhängig machen. Fischklößchen sollen bei Ebbe besser aufgehen, wohingegen man bei Flut schlachtet, da sich dann die Borsten leichter vom Fleisch ablösen lassen. Etwas kryptisch schreibt er ferner, dass die Tide auf die Geburts- und Sterbestunde Einfluss habe. Jünger wirkt auf mich immer wieder ziemlich esoterisch.

Ansonsten sah Jünger das Moor als die typische Landschaft Norwegens an und die auf ihn unfertig wirkenden Berge. Auch zum Essen und der Bauweise der Norweger findet man hier Anmerkungen, wobei die Beobachtungen sicher vom historischen Interesse sind, seine Schlussfolgerungen allerdings bisweilen kühn.

Trotz aller Vorbehalte gegen Jüngers Gedankenwelt haben mich jedoch zwei Aussagen verwundert. Schon 1935 sieht er eine allgemeine Entwicklung in der Literatur zum Journalismus hin, was er daran festmacht, dass nicht mehr die Sprache gepflegt wird, sondern der Inhalt zunehmend in den Texten im Vordergrund steht. Hier deutet sich Jüngers Kritik der Medien an, die in seinen späteren Werken immer wieder durchscheint, und weswegen ihn Virillo und Baudrillard als „Klassiker der modernen Medientheorie“ bezeichnen. An der Medizin, mit der er sich in den Briefen ausführlich auseinandersetzt, sieht Jünger eine Vernachlässigung der Heilung, da es hauptsächlich darum geht, den Menschen arbeitsfähig zu halten.

Illustriert wurden die Briefe von Alfred Kubin, den Jünger verehrte, der mir jedoch zu viele Striche gebraucht, um etwas darzustellen. In der Kunstgeschichte wird er als der Illustrator mit „nervöser Strichführung“ charakterisiert.

Alfred Andersch sagte einmal, dass Jüngers Bedeutung einzig in seiner Umstrittenheit läge. Ferner wurde Jünger vorgeworfen, dass er faschistoides Gedankentum geschickt in Subtexten verstecke, die seiner Dichtung zugrunde lägen. Ich geb`s zu, ich habe hierzu keine Meinung, allerdings musste ich grinsen, wie er die Norwegerinnen als saubere Naturmädels beschreibt.

Jünger polarisiert. Meine Freunde, die Jünger kennen (und das sind erstaunlich viele), lehnen ihn entweder ab oder verehren ihn – und wie steht ihr zu Ernst Jünger?

Post Scriptum:
Ab Morgen werde ich bis Ende November ständig in Deutschland, der Schweiz und Irland unterwegs sein. In der Zeit ist es mir viel zu stressig zu bloggen. Wenn ihnen etwas einfällt, werden meine liebklugen Buchfeen Siri und Selma etwas schreiben oder Dina, die allerdings schon mit ihrem Blog genug beschäftigt ist. Ich verabschiede mich von euch allen bis Ende November, habt eine schöne Zeit, vergesst mich nicht und guckt mal ab und zu, was Siri und Selma auf meinem Blog berichten. Als nächstes wollen die munteren Buchfeen über das Theater am Schiffbauerdamm/Berlin etwas schreiben, haben sie mir verraten.
Liebe Grüße aus dem Gartenhäuschen
Klausbernd

Über Klausbernd

Autor (fiction & non-fiction), Diplompsychologe (Spezialist für Symbolik, speziell Traum- und Farbsymbolik)

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  1. Vor längerer Zeit las ich neugierig in Ernst Jüngers schaurig schönen Naturbeschreibungen rum. Heute wäre mir dies allerdings etwas zu schwülstig und mit wenig zeitgemäßer Sprache bepflastert. So ist der „Jünger“ für mich eher „Älter“ geworden.
    dies schreibt
    die Gartenfee auf Reisen

    Antworten
    • Mir geht`s wie dir. Ich finde Jünger entgleitet bisweilen ins Schwülstige und seine Sprache ist gewöhnungsbedürftig altertümelnd.
      Liebe Grüße aus dem Gartenhäuschen, gerade noch
      Klausbernd

      Antworten
  2. Ernst Jünger ist aus meiner Sicht eine interessante Person – hoch dekorierter Soldat aus das Ersten Weltkrieg und in der Nähe sein Leben zu verlieren während das Zweiten Weltkrieg – denn es war klar, dass er über die Stauffenberg Verschwörung gegen Hitler wusste – aber Jünger überlebt, sondern wurde aus der Milz geehrt getreten – mein Großvater war dänischer Offizier und er erkannte Jünger trotz sie Feinde waren – es war mein Großvater, der mich zu Jüngers Schriften eingeführt – souveräne Fähigkeit zu beschreiben Bedingungen nüchtern …😉

    Antworten
    • Wenn ich auch mit Jüngers Werk Schwierigkeiten habe, finde ich wie du seine Beschreibungen äußerst anschaulich und mir imponiert, dass Jünger viel weiß.
      Ich habe mich nicht ausgiebig mit Jünger beschäftigt, aber ich stelle ihn mir als den idealen preußischen Offizier vor.
      Habe herzlichen Dank für deinen Kommentar und noch einen schönen Tag wünscht dir
      Klausbernd

      Antworten
    • Hei Andrikken aus Dänemark!🙂
      Eine feine skandinavische Mischung hier heute, richtig nordisch geht es zu und das ausgerechnet bei einem Mann der bei uns gar nicht sooo bekannt ist.

      Antworten
      • Hi Dina,
        Jünger und Brecht waren Zeitgenossen. Jünger ist hier unbekannt völlig, Brecht kennt jeder. Gewundert hat mich, dass Jünger bei uns in Norge war. Kann das sein, Jünger ist sehr deutsch, Brecht eher weltoffen international?
        Spannendes Thema. Ich hoffe auf weitere Kommentare.
        Liebe Grüsse an dich, die Buchfeen und den Klausbernd on the road
        Euer Per Magnus

  3. Hi, ich habe noch von Ernst Jünger nichts gelesen. Wahrscheinlich ist er in Norwegisch übersetzt. In Wikipedia las ich, er hat mit dem Thema Drogen sich beschäftigt. Er scheint umstritten wie Hamsun zu sein. Ich schaue, ob ich ein Buch hier finde von ihm. Der Beitrag hat neugierig mich gemacht. Kontroverse Autoren liebe ich. Es ist Aufgabe des Autors kontrovers zu sein, regt Denken an des Lesers.
    Danke für Tipp.
    Herzliche Grüsse aus Longyearbyen
    Per Magnus
    der Brecht aber schon gelesen hat😉

    Antworten
    • Hi, dear Per Magnus,
      great reading from you!
      There are translations of Ernst Junger in Swedish at least. Once I did start „Auf den Marmorklippen“ – sorry, I don`t remeber the Swedish title – but I didn`t understand it. I read it is quite metaphoric but I dindn`t understand the metaphor. Much later I was told it`s about totalitarism, so it made sense.
      Junger is not at all easy to read. No way to read him in German – for me.
      It`s great what you wrote: „Es ist die Aufgabe des Autors kontrovers zu sein.“ I really like that idea. Klausbernd seems to like controversial authors like Rudyard Kipling, Knut Hamsun, Bert Brecht and Ernst Junger. I do as well!
      Greetings from Stockholm to Longyearbyen
      Love
      Buchdame

      Antworten
  4. Ich habe nichts von aber einiges über Ernst Jünger gelesen. Der Jahrhundertmensch. Wie das klingt! Ich finde Ernst Jünger faszinierend. Gerade weil er polarisiert und zu den kontroversesten Menschen des 20. Jahrhundert gehört.
    Vor einigen Jahren kaufte ich eine vielbeachtete Jünger-Biographie und verschenkte sie an meinen Schwager. Er rief empört an und fragte mit Großbuchstaben – „WIE KOMMST DU DAZU MIR DIESES BUCH ZU SCHENKEN!? WAS HAST DU DIR DABEI GEDACHT?!!?“🙂
    Nachdem wir die Angelegenheit geklärt hatten, fing er an zu lesen und konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, er fand es richtig spannend. Das kann ich nur bestätigen. Später habe ich noch eine Jünger-Monographie gelesen. Gemeinsam haben beide Bücher allerdings eine kleine Schwäche. Die befassen sich überwiegend mit dem ersten Lebensabschnitt von dem hochdekorierten Kriegshelden.
    Hat er am Ende Schieß bekommen? Jedenfalls wird die Tatsache, dass der bekennende Atheist Jünger sich kurz vor seinem Tod zum Katholizismus bekehrte etc., kaum erwähnt.

    Gute Fahrt nach Ffm morgen, ich freue mich auf Dich!
    🙂

    Antworten
  5. Hallo, hier schreibt die Sirifee. Beim Rumsuchen im Netz fand ich gerade Folgendes zu Jünger und Brecht, diese beiden elitären deutschen Schriftsteller:
    http://wimbauer.wordpress.com/2008/12/04/marcel-reich-ranicki-ernst-junger-und-bertolt-brecht/#comment-796
    Liebe Grüße Euch allen
    Siri Buchfee

    Antworten
    • … der Tobias Wimbauer ist ein Jünger-Spezialist …. Jahrgang 1976 …. huiii, so jung …. hat viel über Jünger veröffentlich, zusammen auch mit Armin Mohler, der ein paar Jahre Jüngers Privatsekretär war, einer der Hauptvertreter der „Konservativen Revolution“ ….

      Antworten
      • Siri und Selma

        Huch, lieber Martin, help! Jetzt schauen wir gar nicht mehr durch. Hoffentlich sieht Masterchen Siris Link nicht, da er sich doch als bürgerlicher Liberaler versteht. Er wurde auch schon „kulturkonservativ“ genannt – oh dear!
        „Konservative Revolution“, kannst du uns bitte sagen, was das ist? Wir können ja jetzt Masterchen nicht fragen – und der weiß das eh wahrscheinlich nicht. Was wir fanden: Friedrich Nietzsche, Oswald Spengler, Thomas Mann und Hugo von Hofmansthal werden der Bewegung (?) zugerechnet. Und dieser Armin Mohler, von dem lasen wir nur, dass er Pfadfinder war und bei Jaspers promovierte. Ist das das Gleiche wie die sogenannte Neue Rechte – oder so?
        Feenhauch senden dir
        Selma und Siri
        entschuldige bitte unsere Unwissen, aber in der Feenschule kam das nicht vor

      • Oh dear, ich muss zugeben, ich habe „Konservative Revolution“ vorhin auch gegooglet, der Begriff war mir überhaupt nicht geläufig und jetzt fühle ich mich etwas überfordert.

      • Ja, das weiß ich auch nicht, was das eigentlich ist. Die Leute, die in dem Umfeld gesehen werden, wissen es auch nicht. Ich habe um 1990 mal zwei Jahre lange das „Criticón“ abonniert – das die sozusagen die Hauszeitschrift von Armin Mohler gewesen. Ich habe eine Schwäche für abgelegene Zeitschriften. In jeder Ausgabe war mindestens ein Beitrag, der seitenlang erörtete, was denn nun wirklich „konservativ“ ist und wer ein „richtiger“ Konservativer ist und wer nicht. Und jeder hatte eine andere Meinung. Das nervt dann auf Dauer. ——-
        Tatsächlich ist die ganze Bewegung eine Bewegung der Weimarer Republik. Man wollte einerseits nichts mit den Kommunisten zu tun haben, die meisten auch nichts mit den Monarchisten, lehnte die Moderne ab, die meisten später auch den Nationalsozialismus, einige sind im KZ ermordet worden, andere haben halbherzig mitgespielt. Das gibt dann die erstaunlichsten Lebensläufe, z.B: Ernst von Salomon, ein sehr begabter Schriftsteller und während der Weimarer Zeit Bombenleger, der von Rowolt (!) verlegt worden ist, oder Julius Evola, Futurist, Dadaist, Esoteriker, Philosoph, Drogenerforscher, Anhänger Mussolinis, Autor von Büchern über Magie vor allem Sexualmagie, —– ———– weitgehend Geschichte. Was sich heute in Deutschland in der Richtung tut, kann man im diesem Blog sehen, in dem sich einige der Hauptvertreter tummeln: http://www.sezession.de/

  6. Ja, der Jünger, ein Jahrhundertmensch, weil er über 100 Jahre alt geworden ist, und das, obwohl er Zeit seines Lebens geraucht hat. Ich habe viel von ihm gelesen, von den „Stahlgewittern“ bis zu den letzten Tagebüchern. Am meisten im Kopf geblieben ist mir der seltsame, fantastische Roman „Eumelswil“. Seinerzeit hat mich das alles ziemlich gefesselt, schon deswegen, weil er ja eine Art Gegenentwurf zur Literatur der Moderne darstellt. Mit der Zeit fand ich seine Sprache dann aber doch irgendwie zu künstlich, so, als ob sich jemand hinsetzt und sagt: Jetzt schreibe ich mal wieder schön hintergründig.

    Mir ist es so gegangen: Als ich die dicken Bände der Tagebücher aus den letzten Jahren (nicht die Kriegstagebücher, die haben für Historiker einen eigenen Reiz) durchgelesen hat, habe ich mich gefragt: Was hast Du da eigentlich gelesen? Ist etwas hängen geblieben? Eigentlich nur die Sprachmelodie.
    —–
    Inzwischen ist der gesamte Jünger verkauft. Sind gut weggegangen die Bücher, scheint viele Leser zu haben.
    —–
    Er war übrigens immer sozusagen freischwebend religiös, nie ein atheistischer Religionsgegner. Das Thema durchzieht sein ganzes Werk, auch vieles aus der östlichen Religosität ist da eingeflossen. Der Katholizismus kommt schon in den „Marmorklippen“ – das Buch, in dem er sich während der Nazizeit etwas verschlüsselt von den Nazis distanziert – recht gut weg, auch in den Tagebüchern. Er hat sich im hohen Alter taufen lassen, seine Frau war dagegen und ist zu Hause geblieben. Außerdem hat er sich ausbedungen, dass seine Taufe vor seinem Tod nicht an die Öffentlichkeit gerät.

    Antworten
  7. Ich kenne nichts von Jünger, aber er scheint es durchaus wert zu sein, sich mit ihm zu beschäftigen. Du hast mich neugierig gemacht.🙂

    Liebe Grüße, Szintilla

    Antworten
  8. Nein von Jünger habe ich auch nichts gelesen und bin überrascht was ich gerade eben hier alles über ihn erfahren habe. Kontroverse Debatten machen auch mich neugierig, aber im Moment sind mir die JetztAutorInnen doch wichtiger.

    lieber KlausBernd ich wünsche dir einen guten Weg und pass auf dich auf
    herzlichst
    Frau Blau, mit blauem Auge davon gekommen…

    Antworten
  9. Und noch was, weil niemand bisher drauf hingewiesen hat: Ernst Jünger war nicht nur ein begeisterter Büchersammler, sondern auch ein begeisterter Käfersammler, sozusagen ein Profi, der ichweißnichtwieviele Käfer besaß und auch bei den Käferologen oder wie die heißen einen erstklassigen Ruf genoss. Nach ihm ist deswegen auch ein Käfer benannt: der oder wahrscheinlich die „Earias juengeriana“ – konnte leider kein Foto finden …

    Antworten
  10. Pingback: Photographing Landscapes | The World according to Dina

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