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Bücher der Eisecke

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A library is like a gateway for the imagination we can go through and find a whole new world. Nobody should shut those gates.
Maeve Binchy

Neulich läutete die alte Schiffsglocke an unserer Tür ziemlich laut. Ein junger, kühn tätowierter Mann lieferte ein lang ersehntes Päckchen von der lieben Dina in Bonn. Während Masterchen schnell Geld holte, schaute dieser Mann sich neugierig um. Ihr müsst wissen, die Eingangshalle bei uns in Rhu-Sila ist sehr groß. Das Erste, was jeder zu sehen bekommt, ist unsere Bibliothek, die sich dort bis hoch ins erste Stockwerk hinein ausbreitet. Bücher bis unter der Decke.

Sieht ihr uns beiden, Siri & Selma? Das ist unser Lieblingsplätzchen auf dem Regalbrett 3 & 4, von wo wir uns die Welt aus cool betrachten 🙂 (Draufklicken = groß)

Meine Schwester und ich lagen piepsstill dicht beieinander auf Regalbrett 4. Wir beobachten den stierenden Lieferanten.
Diese Szene spielt sich immer gleich ab, darauf haben wir oft fünf Fayrietaler gewettet, und der tätowierte Mann enttäuscht uns nicht.
Der Master, etwas atemlos die Treppe herunterstürmend, wird noch gefragt, bevor er ganz unten ist: „Wow, Sie haben aber viele Bücher, haben Sie die alle gelesen?“
„Ja. Und nicht nur die!“ grinst Masterchen.
Der Lieferant war mächtig beeindruckt von der Anzahl der Bücher aller Größen und Farben. Als Masterchen anfing, über seine Bibliothek zu erzählen, kamen wir auf die Idee, euch die verschiedene Bereiche unserer Büchersammlung etwas näher zu erläutern.

Wir beginnen heute mit der Eisecke. Unsere Eisbücher stehen allerdings nicht in der Halle , oh nein, die Eisecke ist eine besonders gepflegte Ecke im Wohnzimmer.  Unser Master ist keineswegs nur ein Lehnstuhlexplorer, er hat wirklich an echten Expeditionen in die Arktis teilgenommen. Wenn er heute gemütlich in seinem Sessel sitzt und schreibt (wie unten in der Collage), hat er genau diese Ecke im Rücken. Inzwischen 20 laufende Regalmeter (das hat seine Archivarin Siri gemessen) voller Bücher und Karten über Gegenden, in denen wir Buchfeen uns zu Tode frieren würden, stehen dort starr nebeneinander – „zum Gänsehaut kriegen!“ Wir Buchfeen stellten in diesem Regal alle Werke über die Polargebiete, über Polarforscher und deren Schiffe, damit wir sie wieder finden, wenn Masterchen sie braucht, was ziemlich oft der Fall ist. Hier stehen auch Romane über Expeditionen, Logbücher, Mythen der Inuit und Samen und was nicht alles dazu gehört. Und wie ihr unten seht, bei uns laufen schon die Pinguine über die Enzyclopedia Britannica.


Als Buch ist es eine hohe Ehre von uns in dieses Regal aufgenommen zu werden, ja, wir Buchfeen sortieren diese Ecke immer wieder, stauben sie sogar ab und polieren manchmal die Buchrücken.

Das war nicht immer so. Wir können uns noch gut daran erinnern, als Masterchen im Brustton der tiefster Überzeugung verkündete: „Ich möchte einen bücherfreien Raum!“ Wir kicherten nur.
Als Bücher begannen vor anderen Büchern in den Regalen zu stehen, verteidigte Masterchen immer noch so zäh wie blind seine Entscheidung über den buchfreien Raum. Er überlegte, ob nicht Rollregale vor den bestehenden Regalen das Problem lösen würden, verwarf es aber sogleich angesichts der technischen Schwierigkeiten. Dann begann es, unmerklich zuerst, listig, dass Bücher im buchfreien Raum einfach liegen blieben, sich bald zu kleinen Stapeln neben dem Schaukelstuhl erst, dann auch am Kamin und zuletzt die Fußleiste entlang sammelten. Als sie auf einer Wandlänge Aufstellung genommen hatten, konnte wir größere Konflikte nur vermeiden, indem wir, unsere weißen Taschentüchlein schwenkend, kapitulierten und Masterchen zum Holzmann schickten, um Regale bauen. Das war das Ende des Traums vom buchlosen Zimmer.

Wir Buchfeen werden immer wieder gefragt, welche Bücher wir dem geneigten Leser empfehlen können. „Kommt auf den Leser an“, würden wir antworten, aber wenn ihr es unbedingt wissen wollt, legen wir euch aus dieser Ecke folgende Bücher ans Herz. Wir Buchfeen konnten uns schnell einigen, da wir Masterchens langen Aufsatz über „Die Inuit in der Literatur“ lektorierten und bearbeiteten. Wir kennen uns da aus! Hier unsere höchstpersönliche Buchfeenempfehlung für euch:

Expeditionsberichte
Fritdtjof Nansens „In Nacht und Eis“, ein Expeditionsbericht, der wunderbar geschrieben ist in einer Mischung aus Beobachtungen, Erinnerungen, Träume, Fakten und Logbuch. Nansen konnte sehr gut schreiben – er ließ nicht wie sein „Schüler“ Amundsen teilweise durch einen Ghostwriter schreiben. Freud las seinen Kindern zur Nacht aus Nansens Buch vor. Unsere besondere Ausgabe, auf die Masterchen mächtig stolz ist, könnt ihr euch hier ansehen. Als unser Master zum ersten Mal in NO-Spitzbergen mit dem Eisbrecher herumfuhr, da las er zum gemütlichgrausigen Knirschen des Eises an der Bordwand dieses Buch – wenn auch Nansen sich einiges östlicher durchs Eis quälte. Das sind die ersten Sätze von „In Nacht und Eis“, um euch ein Gefühl, für die teilweise mächtige Sprache Nansens zu geben: Ungesehen und unbetreten, in mächtiger Todesruhe schlummerten die erstarrten Polargegenden unter ihrem unbefleckten Eismantel vom Anbeginn der Zeiten. In sein weißes Gewand gehüllt, streckte der gewaltige Riese seine feuchtkalten Eisglieder aus und brütete über Träumen von Jahrtausenden.“

Als fein bebilderter Reisebericht hat uns auch von Arved Fuchs „Kälter als Eis“ gefallen. In diesem Buch geht es um die Durchquerung der Nordost-Passage auf Nordenskjölds Spuren, dem die erste Durchquerung dieser Passage gelang. Ich, Selma, war völlig angetan von Rainer Ullrich „Skizzen aus der Nordost Passage“. Ja, wir Schwestern blättern beide gern auf unserem Regalbrettchen in diesem genial illustrierten Logbuch herum. Sooo schön kann man Reisetagebücher gestalten – wenn man Expeditionsmaler ist, ein Beruf, der längst noch nicht ausgestorben ist. Bei uns im kleinen Dorf wohnt so einer mit langem weißen Bart und struppigen Augenbrauen, der seltene Vögel in noch seltener erreichten Gebieten malt.

Entdeckerbiografien
Über die großen Entdecker solltet ihr unbedingt die so spannende wie ausführliche Biografie von Thor Bomann-Larsen „Amundsen“ lesen und von Roland Huntfort (der zuvor über Shackleton geschrieben hatte) die ebenso ausführliche Biografie „Nansen“. Wer`s nicht so genau wissen möchte, für den genügen die Biografien von Nansen und Amundsen in dieser feinen Reihe dünner Büchlein „rororo Monographie“, die in unserer Bibliothek neben den beiden ersten dicken Schinken stehen und zu Unrecht gar nicht auffallen. Die rororo Monographien haben uns noch nie enttäuscht. Sie sind weitaus ausführlicher als Wikipedia und meist toll bebildert – aber das nur nebenbei. Wenn ihr nur eine dieser dicken Biografien lesen wollt, solltet ihr „Amundsen“ wählen, er war ein erstaunlich komplexer und deswegen schwieriger Zeitgenosse, man warf ihm ein „Herz aus Eis“ vor.

Romane
Von den Romanen über die Arktis müsst ihr den Dänen Jörn Riel lesen. Wir haben die ganze schön editierte Reihe vom Unionsverlag zusammenstehen und egal, in welchem Buch wir blättern, Jörn Riel unterhält stets köstlich. Wer richtig Skurriles zum Sichschieflachen liebt, der sollte unbedingt „Nicht alle Eisbären halten Winterschlaf“ lesen. Ihr werden es nicht bereuen, versprochen, großes Buchfeenehrenwort! Masterchen liebt besonders den in der gleichen Reihe erschienenen Juri Rytcheu, den Autor der Tschuktschen (das ist in Nordost-Sibirien). Uns gefällt vom ihm besonders „Traum im Polarnebel“, ein Roman, der wie alle Bücher Rytcheus euch Leser in eine völlig fremde Welt entführt, weit, weit weg von unserem gewohnten Leben im lieblichen England. „Gut beschrieben“, meinte Masterchen, der ein Hauch dieser Anderswelt in Ittoqqortoormiit, eine Jägersiedlung in NO-Grönland am Eingang des Scoresby-Sunds erlebte.Wir verstehen schon, warum die Inuit keine Feen kennen. Das ist kein Klima für uns.

Wissenschaft
Vorne vor dem Regal steht der großformatige „Prachtband“ „Der Ruf des Nordens“ des leidenschaftlichen französischen Inuit-Forschers Jean Malaurie. Das Buch ist so groß, dass es in kein Regal passt und schwer ist es dazu. Im Schuber mit Foto eines edel gekleideten Inuit mit altertümlichem Messingfernrohr steckt es. Es ist ein gut lesbares wissenschaftliches Werk, das alle Aspekte der Inuit rund um Nordpol betrachtet. Es besticht nicht nur durch all die Fakten, sondern auch durch seine Fotos. Aber ja, wie mit allen besonders schweren und großformatigen Büchern haben wir Unterbringungsschwierigkeiten. Sind sie schön wie Malauries Werk gestaltet, dürfen sie unten auf dem Boden vor dem Regal stehen, sozusagen ausgestellt, was die höchste Ehre eines Buchs bei uns ist. Masterchen hatte uns nur von den privilegierten Grönländern erzählt, die sich speziell an der Westküste einen beachtlichen Lebensstandard leisten können. Malaurie schreibt auch über die Verelendung der östlichen Inuit-Gruppen in NO-Sibirien. Uns schauerte beim Betrachten seiner Fotos.

Also, wisst ihr jetzt, was ihr in den Ferien lesen wollt?

Zum Schluss einen kurzen Vorgeschmack auf einen unserer nächsten Beiträge, eine Reise ins Eis. Eine wahre Bilderbuchreise!

19.8.2007

Herzliche Grüße von den munteren Buchfeen Siri & Selma

P.S.: Maeve Binchy, von der das Anfangszitat stammt, starb am 30. Juli dieses Jahres nach kurzer Krankheit im Alter von 72 Jahren.

Master`s Books I

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Ich akzeptiere prinzipiell keine Niederlage, um was es sich auch handelt
Alexandra David-Neel

I don`t accept any defeat, in whatever field
Alexandra David-Neel

Wie in „Die Nachtbibliothek“, jene lesenswerte Graphic Novel von Audrey Niffenegger, wurde die Vorstellung von Masterchens Bibliothek zu einer Zeitreise, bei der wir uns in sein „Lesewerk“ versenkten. Allerdings ist dies Masterchens zweite Bibliothek. Seine erste, die fast nur aus Klassikerausgaben von Grimmelshausen bis Brecht bestand, haben wir nicht gekannt. Er verkaufte sie vor seinem Umzug nach Montreal, da Bücher ja sooo schwer sind.

The presentation of our Master`s library became a journey in time like in Audrey Niffenegger`s graphic novel „The Night Bookmobile“.
This is Master`s second book collection. His first one consisted of classic authors only from Grimmelshausen (17th c.) to Bert Brecht. But we didn`t know this one because he sold it before moving to Montreal as books are sooo heavy.

Seht Ihr uns beiden Buchfeen? Wir schweben gerade vor Jung, lesend.

Seine heutige Bibliothek beginnt mit seiner esoterischen Phase.
„Naja, Masterchen ließ keine Torheit aus“, meinen wir kichernd. Eigentlich sind diese Bücher, die viele Regalbretter füllten, längst verschwunden, nur Steiner und Gurdjieff – Zeitgenossen, die sich spinnefeind waren, sich aber darin trafen, C.G. Jung zu misstrauen – haben unsere radikale Reinigung überlebt, wie auch diese gelbe Gesamtausgabe Jungs. Als wir mit Dina gestern Abend diese Ecke fotografierten, begann plötzlich Masterchen abdriftend vom Hemlebens Buch „Diesseits“ zu schwärmen, das, wie er meinte, „wunderbar in die anthroposophische Naturbetrachtung einführt. Damals“, so erzählte er, „gingen wir mit diesem Buch bewaffnet in die Natur, das uns zugleich in guter anthroposophischen Tradition Goethes ‚Metamorphose der Pflanzen‘ nahebrachte und überhaupt seine naturwissenschaftlichen Schriften, die wir bis dato völlig missachtet hatten. In dieser Zeit entdeckte ich Goethes Farbenlehre, die Steiner für Kürschner Gelehrtenlexikon als junger Mann herausgeben hatte.“ Stolz zeigte uns Masterchen seine dreibändige Ausgabe mit den hilfreichen Kommentaren Steiners. „Übrigens“, fügte Masterchen hinzu, „Goethe fand die Farbenlehre sein wichtigstes Werk, wie er kurz vor seinem Tod Eckermann gegenüber bemerkte.“
Kleine Bemerkung von uns Buchfeen: Weder Hemleben noch Goethe brachten Masterchen bei, Pflanzen zu bestimmen. Wir haben es geschafft, indem wir ihn weg von den Büchern in den Garten zerrten. Aber dennoch setzten wir uns ein, dass Steiner, Gurdjieff und Jung ehrenhalber quasi ein Altenteil in einem Regal eigerichtet bekamen.
Zwei Bücher der Gartenecke möchten wir euch noch empfehlen: Eva Maasers „Der Paradiesgarten“. Dieser Roman schildert, unterhaltsam zu lesen, die Geschichte der Gartenkultur und hat uns einige Anregungen für unseren Garten gegeben wie auch Hermann von Pückler-Muskaus zweibändige illustrierte Ausgabe „Reisebriefe aus England und Irland“, die uns lehrte, bewusst auf Perspektiven im Garten zu achten z.B. beim Rasenmähen.

His new collection starts with his esoteric stage. Well, our Master didn`t leave out any folly.
Nearly all these esoteric books are long gone except the collected works of Rudolf Steiner and Gurdjieff – who hated each other but agreed in not liking C.G. Jung. We still own the collected works of all three authors. When Dina was photographing this corner Master got carried away to talk about a small book by the anthroposophist Hemleben „Diesseits“ (This World) which was his bible walking out into the nature and made him aware of Goethe`s writings about science, exspecially „The Metamorphosis of Plants“. Although he never learned to identify plants before we Bookfayries lured him away from his computer out into our garden.
Two books about gardens we like to recommend: Eva Maaser „Der Paradiesgarten“ (The Garden as Paradise) a novel full of information about the history of garden design and the famous Count Pückler-Muskau`s „Letters From England and Ireland“. Those books inspired us to rethink our way of cutting our lawns and the perspectives in our garden.



Masterchen war ja immer schon etwas verrückt, zur gleichen Zeit las er nämlich von Deleuze und Guattari „Rhizom“ und „Der Faden ist gerissen“. „Aber hallo!, nicht verrrückt!“, wandte er ein, „ Deleuze und Guattari führten das Wurzelrhizom in die Philosophie ein und beeinflussten mit dieser Pflanzen-Metapher den Diskurs um den Strukturalismus nachhaltig.“ Diese Bücher stehen in der Abteilung für Philosophie neben Michel Foucault, Derrida und dem Großmeister des Strukturalismus Claude Levi Strauss, dessen „Traurige Tropen“ eine Zeitlang Masterchens Lieblingsbuch war, das er stolz in der ersten Auflage besitzt wie auch das vielzitierte Werk Malinowskis „Das Sexualleben der Wilden“, aber damit sind wir bereits bei der Abteilung für Ethnologie, in der wir mit dem Zudrücken aller Augen auch Carlos Castaneda einsortierten. Castaneda war mega-in. Masterchen war schon in den 70ern in den USA auf ihn gestoßen und besitzt noch alle seine Bücher, die wir Buchfeen wie gut geschriebene Phantasy lesen, naja, nicht so gut wie „Der Herr der Ringe“, den wir wie viele Ausgaben der Hobbit-Press bei Klett-Cotta wegen der herausragenden Buchgestaltung behalten haben. Aber zurück zur Ethnologie: Kennt ihr Alexandra David-Neel, eine kühne Frau, die wie Trapper Geierschnabel aussah und Tibet erforschte? „Mein Weg durch Himmel und Hölle“ fanden wir sehr spannend zu lesen und Materchen ist solch ein Fan von ihr, dass er selbst als Kochstümper ihr Tibet-Kochbuch kaufte. Und noch eine Empfehlung aus dieser Abteilung gefällig? Schaut mal in Florinda Donners „Shabono“ herein, es erinnert leicht an Castaneda, wir finden es aber besser.

Sorry to write it, but our Masters has always been a little crazy, indeed. At the same time he was reading the French and Italian (neo-)structuralists like Deleuze and Guattari who coined the phrase „rhizome“ in philosophy and influenced with this plant-metaphorical notion the philosophical disussion quite a bit. Their books like „Anti-Ödipus“ are standing next to Foucault`s, Derrida`s and Claude Levi Strauss´s books. „A World On the Wane“ was Master`s favourite book for quite some time. He owns the first edition of this book as Malinowski`s often quoted work „The Sexlife of the Wild“. But now we are already in the department of anthropology where we found Carlos Casteneda, this in-author for quite a while. Well, we are not sure if this is „real“ anthropology. We Bookfayries read it as fascinating phantasy but not as good as „The Lord of the Rings“. Here we found Alexandra David-Neel too. Do you know this brave lady looking like a trapper „Vulture Beak“? She explored Tibet and wrote many books about it all standing in this departmet. Did you ever came across Florinad Donner`s „Shabono“? A fascinating read a little bit like Castenada`s book but we prefer her. 

In dieser Abteilung steht wohl nicht ganz logisch Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“. Dieses Buch besitzt Masterchen in einer schön gebundenen Ausgabe seit seinem 16. Lebensjahr, als er gleichzeitigt jenen mega-depressiven Roman „Steppenwolf“ las, den wir genauso unleserlich finden wie „Die Leiden des jungen Werther“, voll pathetisch. Iiih! Cerams Buch war viel packender und damals das Geschenk für Jugendliche seines Alters. Er erzählte, dass er es mindestens fünfmal geschenkt bekam und es mit glühender Begeisterung las. Übertroffen wurde es wohl nur von Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“., das jedoch in unserer umfangreichen Märchen und Sagen Abteilung steht. Die wird erschreckend von den Kunstmärchen der Romantik dominiert, ein Steckenpferd von Masterchen, der uns Tiecks „Der blonde Eckbert“ und „Der Runenberg“ kürzlich vorlas. Wunderschön!

Und er erklärte, wie dort der Schauer entdeckt wurde, der dann in Schlemihls wundersame Geschichte von Chamisso und natürlich bei Mary Shellys „Frankenstein“ und Bram Stockers „Dracula“ mehr und mehr zelebriert wurde. Neben „Dracula“ stehen unsere geliebten Werke von Edgar Allan Poe. Mit ihm haben wir den Übergang vom Schauerlichen zum Krimi, eine Gattung, die Masterchen erst durch den Einfluss seiner Schwester nahegebracht wurde. Wir können das ganz und gar nicht verstehen, dass Masterchen überhaupt kein Interesse daran zeigt, wer der Mörder sein könnte.

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Gerade liest er „Arthur and George“, ein moderner Sherlock-Holmes-Roman von Julian Barnes, aber „whosdoneit“ interessiert ihn nicht die Bohne. Er ist fasziniert von dem genialen Einfall eine Art Dreyfuss-Geschichte mit Conan-Doyle zu verbinden und in seiner Begeisterung bemerkte er gar nicht, dass er Gleiches mit Sigmund Freud und Sherlock Holmes in seinen Beitrag über das Rauchen machte. „Betriebsblind!“, sagen wir nur.
Naja, alle Werke von Conan Doyle, Agatha Christie und Patricia Highsmith stehen auch bei uns herum, wobei in den Sherlock-Holmes-Geschichten Masterchen noch heute öfters blättert. „Der Detektiv als Metapher für den Intellektuellen“ so wollte er uns diese Krimis verkaufen, die wir jedoch monoton finden, immer das gleiche Schema wie auch bei Agatha Christie, die Masterchen ebenfalls liebt. „Es ist wie beim Kinderbuch“, erklärte er sich, „es gibt eine angenehme Sicherheit zu wissen, was man zu erwarten hat.“ Allerdings gibt es eine Ausnahme für uns. Christies „Mord im Orientexpress“, bei der alle Verdächtigen die Mörder sind, das finden wir genial.

In this corner we found „Gods, Graves and Scholars“ by Ceram as well. When our Master has been young nearly every adolescent boy and girl got it for Christmas or birthday. Master did read it with a great interest like the „Legends from Classic Greec“ by Gustav Schwab when he was 16. At the same time he read Hesses`s „Steppenwolf“ as well. Oh dear, we Bookfayries find this book as pathetic and unreadable as Goethe`s „The Sufferings of Werther“.
Legends and fayrietales share one corner in our library. The poetic fayrietales of the romantic poets like Tieck, Novalis, E.T.A. Hoffmann and Camisso – just to name a few – dominate this corner. Our Masters loves those authors who „invented“ the shiver in literature which was cultivated in Mary Shelley`s „Frankenstein“ and Bram Stoker´s „Dracula“. Stoker was a friend of Conan Doyle, one of the honarary guests at Conan Doyle`s second wedding.
You see here we have reached the department of criminal stories. There we love Edgar Allan Poe`s stories marking the beginning of the criminal story („The Murder in the Rue Morgue“ f.e.). Although we have got the collected works of Agatha Christie, Conan Doyle, Patricia Highsmith, Donna Leon and many more our Master doesn`t really like criminal stories. You wouldn`t believe it but he isn`t interested in the slightest to find out who has done it. Well, actually he reads some times Conan Doyle and Agatha Christie. For us un-understandable, it`s all the time the same structure. We find those stories monotonous whereas our Master replies that it is for him like being a child reading a book again and again and the fun of it is knowing what will happen. „That`s a comforting security making the crime easier to bear“, he tells us. „The detective is the metaphore for the intellectual“ he goes on to make us like those classic authors of suspense. But we like one book from this collection: Chrstie`s „Murder in the Orient Express“. We consider it a great idea that all suspects commited the murder, really original.

Wir haben noch viel mehr Abteilungen. Über die Bücher der Eisecke berichteten wir bereits. Über die anderen Abteilungen werdet ihr demnächst hier Stück für Stück lesen – wenn`s euch interessiert. Was wir noch zu bieten haben? fragt ihr.

There are much more departments in our library. You will read about bit by bit on our Bookfayrie blog – if you are interested. What more we have got, you ask?

Eine umfangreiche Abteilung mittelhochdeutscher Literatur (Hochmittelalter)
Eine ganz Zimmer voller Lexika über die absonderlichsten Dinge, wie ein Betrugslexikon z.B.
Eine große Abteilung Symbolik mit der Unterabteilung Farben, wo wir demnächst das Regalbrett wechseln müssen, so biegt es sich
Die Sammlung von Atlanten der Erde und des Universums mit zwei schönen Globen unserer Erde und einem Sternenglobus wie auch ein großes Modell unseres Planetensystems, das in unserer Eingangshalle hängt und uns, ehrlich gesagt, beim Fliegen mächtig behindert, hier stehen auch die Bücher über die Entdecker, darunter eine vollständige Reihe weiblicher Entdecker (zu der die oben genannte Alexandra David-Neel neben Ella Maillard und James Morris [a she!] u.a. gehört)
Bücher über Mathematik, Physik und Alchimie (teilweise völlig abgefahrenes Zeugs)
Unmengen Bücher über Sexualität und Klassiker der Pornografie, wobei „Orgasm“ von Jack Lee Rosenberg (Masterchens Therapeut in New York) damals in keiner amerikanischen und deutschen Bibliothek fehlen durfte. Wir haben es noch!
Und dann die Romane, hauptsächlich englische, skandinavische, deutsche und arktische Autoren

medieval literature (a huge collection)
a room filled with encyclopedias about the most amazing subjects
a big collection of books about symbolism and exspecially about colour and dream symbolism
Geography, atlases of the world and our universe, terrestical and star globes, a moving model of our planetary systems we don`t like because it`s blogs our way flying around. In this section we store books about exploreres too
books about mathmatics, physic and weird books about alchemie (quite weird books)
a big collection of books about male and female sexuality and the classic pornographic books
and last not least novels, mostly by English, scandinavian, German and arctic authors

Also ihr seht, da könnt ihr euch noch auf einiges gefasst machen.
Ganz liebe Grüße der Bibliothek, die unsere Heimat ist, auf der wir sehr stolz sind
Greetings from our library
Siri und Selma, Buchfeen

The English and the German texts differ because of information that is only available in German or only of interest for the English spreaking reader.

Leseratte trifft Bücherwurm

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Leseratte trifft Bücherwurm

Seid ihr auch so völlig gesättigt an Filme und Berichte über Eismänner und die Arktis? So richtig satt? Also Tantchen kann das Wort Eis nicht mehr hören. Im allabendlichen Fernsehprogramm gab es wochenlang nichts als Pole und Gletscher, als gäbe es die Weißwüste bald nicht mehr. Aber ich kenne da jemanden, der richtig verbissen eishungrig ist. Ein wahrer Feinschmecker, wenn ihr mich fragt.
Du meine Güte, bei uns war was los, als Dina die vielzitierte, ehrenwerte Ausgabe von Nansens  „Farthest North“ – erste englische Auflage! – in die Hand nahm.

Glücklicherweise wurde der Nansen nicht angeknabbert, klar doch, der ist zu zäh!

Familie Buchwurm lebt in diesem Schatz wie im Schlaraffenland. An den ersten dreißig Seiten hatte sie sich schon dick und rund gefressen. „Für den  Buchwurm ein  Essen wie es im Buche steht“, kicherte ich, da musste selbst Dina schmunzeln.
„Darüber hat doch Masterchen in seinem Roman geschrieben!“, wirft Siri flattrig ein, „ich lese dir mal paar Abschnitte vor, an denen ich mitgearbeitet habe, darf ich?“

Er zog die beiden Bände von Nansens „Farthest North“ aus dem Regal, die englischen Erstausgabe von 1897. Der eine Band war nicht im besten Zustand, das einzige Buch in Viktorias Sammlung, in dem die Larven der Nagekäfer verheerende Schäden am Buchblock hervorgerufen hatten. Die Seiten waren unten an den Ecken rund gefressen und Wurmgänge zogen sich tief hinein. Ob der Bücherwurm noch aktiv ist? Er hatte einmal gelesen, Schwefelkohlenstoff helfe zuverlässig gegen die Buchwürmer, die eigentlich Käfer sind, ein Mittel, das fürchterlich stank. Da die Nachbarbücher nicht befallen waren, entschied sich Gerrit gegen den Einsatz von Chemie. Er wollte nicht, dass alle Bücher der Eisecke am Ende womöglich wie faule Eier riechen würden. Und wer weiß, ob das Gift nicht auch die Nerven der Menschen angreift? Er sagte sich, dass Wurmlöcher einem edlen alten Buch Würde verleihen. Sind die Gänge, die die Larven in die Bücher hineinfressen, nicht ein schönes Sinnbild für die Ideen, die sich in Büchern fortsetzen und sich durch sie hindurch ziehen? Hatte ihn nicht Martin als Bücherwurm bezeichnet? Nein, die Bücherwürmer bleiben, beschloss er, wir Bücherwürmer sollten zusammen halten.

Gerrit, der Bücherwurm. Freundlich klag das nicht gerade. Bücherwurm und Leseratte – warum werden Menschen, die viel lesen, mit solchen ekelhaften Tieren verglichen? Er hatte früher Tanja als Leseratte bezeichnet. Sie hatte heftig protestiert, sie wollte keine Ratte sein. Ratten, Würmer – will man damit die Intellektuellen pauschal als Abweichler abwerten oder trifft das nicht auch einen wahren Kern, leben die Intellektuellen nicht wie Ratten und Würmer im Dunkeln, zwischen ihren Büchern, wo sie das Leben verpassen? Dieser Nansen, dessen dickes Buch er nach wie vor in der Hand hielt, der hatte es richtig gemacht, der war nicht zwischen den Druckseiten stecken geblieben. Sportler, Politiker, Menschenrechtler, Forscher, Erfinder und Philosoph, eigentlich ein modernes Universalgenie, nein, der hatte seine Zeit wirklich nicht mit selbstverliebten intellektuellen Spielereien vertan.

Gerrit und Mary unterhielten sich über das Verlieren von Bücher und den Buchklau. Gerrit las ihr aus seinem Notizbuch einen Spruch vor: „Wer Bücher stiehlt oder ausgeliehene Bücher zurückbehält, in dessen Hand soll sich das Buch in eine reißende Schlange verwandeln. Der Schlagfluss soll ihn treffen und all seine Glieder lähmen. Laut schreiend soll er um Gnade winseln, und seine Qualen sollen nicht gelindert werden, bis er in Verwesung übergeht. Buchwürmer sollen in seinen Eingeweiden nagen wie der Wurm, der niemals stirbt. Und wenn er die letzte Strafe antritt, soll ihn das Höllenfeuer verzehren, auf immer.“
„Wer denkt sich denn so was aus?“, fragte Mary.
„Angeblich die Mönche des Klosters San Pedro in Barcelona. Aber da hat es nie ein Kloster gegeben. Das hat sich vor hundert Jahren ein Krimiautor ausgedacht, Pearson heißt der.“
„Erfunden, aber gut erfunden. Den Spruch stelle ich auf meinem kleinen Bücherregal auf“, begeisterte sich Mary. Sie fand die Vorstellung von Würmern, die in den Eingeweiden herumnagen, besonders ekelig und abschreckend.
„Das wird mit uns allen geschehen“, warf Gerrit lachend ein, „denn wer hat nicht ein Buch in seiner Bibliothek stehen, das geklaut oder ausgeliehen und nicht zurückgegeben worden ist? Buchliebhaber“, so folgerte er, „sind deswegen immer angenagt. Sie liegen im Sarg – durchlöchert von der nicht ruhenden Mühe der Buchwürmer, die wie die Raupe Nimmersatt die Haut in perforiertes Pergament verwandeln.“
Mary fasste zusammen: „Buchliebhaber sind also besonders offen.“
„Tote Buchliebhaber!“, berichtigte Gerrit.

Ob die Hitze des Feuers wohl Familie Buchwurm vertreibt?

„Aber ich weiß noch etwas, das unser Masterchen nicht geschrieben hat!“ rufe ich, die liebkluge Selma ganz angeregt durch Masters Texte. „Buchwürmer werden die Menschen wie Masterchen und Feen wie du, liebe Siri, genannt,  weil sie sich die Bücher oft so nah vors Gesicht halten, dass es aussieht, als ob sie diese aufessen würden. Außerdem ernähren sie sich von Büchern.“
„Aber ich weiß was, was du nicht weißt: Diese nicht gerade charmante Bezeichnung wurde erstmals 1747 von dem Aufklärer Gotthold Ephraim Lessing in seinem Lustspiel „Der junge Gelehrte“ (3. Aufzug, 1. Auftritt) verwendet. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts war Buchwurm als Spottname für lesende Leute und Feen üblich. Überhaupt, finde ich es höchst frech, eigentlich unverschämt, dass es noch andere Bezeichnung aus dem Tierreich für uns gibt, nämlich Leseratte. Aber immerhin sind Ratten sehr klug, fast so klug wie ich, aber nur fast!“

Möge der Buchwurm Euch alle verschonen
wünscht Euch
die liebkluge Selma

Last not least:

Happy Birthday Umberto Eco zu deinem achtzigsten Geburtstag heute! Weißt du, Masterchen ist ein großer Fan von dir, ja fast bist du sein Vorbild. Schon vor „Der Namen der Rose“ studierte er „Einführung in die Semiotik“ und dann beschäftigte er sich mit deinen Schriften zur Intertextualität. Aber da man nicht nur Hochkluges lesen kann, wendete er sich deinen Romanen zu, die er mit roten Bäckchen und Glitzeraugen las. – Siri BuchFee und der Master freuen sich auf Neues von dir, obwohl wir zugeben müssen, dass wir „Der Friedhof in Prag“ noch nicht gelesen haben.

Reise ins Eis – 1. Teil

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Du möchtest wissen, welchen Längengrad und Breitengrad ich inzwischen erreicht habe; ich habe keine Ahnung, was Längengrade und Breitengrade sind, doch diese zwei Wörter klingen so imponierend
Lewis Carroll, Alice im Wunderland

In meiner Bibliothek oben an der Tür zum Schlafzimmer stehen eigene Werke. Ein langes, sich leicht biegendes Regalbrett meiner Tagebücher ist überfüllt. Ich schreibe täglich Tagebuch, eine Gewohnheit aus fernen Zeiten, als meine weise Analytikerin mir es empfahl. Auf Reisen benötige ich dringend mein Tagebuch, das ich im Rucksack stets griffbereit zusammen mit einem Bleistift trage. Zu verweilen, zu schauen und zu schreiben ist für mich das Höchste und wenn noch ein Drink bereit steht, wird es paradiesisch.

Ich präsentiere euch hier Auszüge aus meinem Arktischen Tagebuch, dessen gebundenes Manuskript hinter mir in der Eisecke meiner Bibliothek steht. Dieses bebilderte Tagebuch habe ich mit der Hand geschrieben, da das ebenfalls ein Luxus für mich ist, und weil bei den niedrigen Temperaturen und kaltem Spritzwasser die Akkus der Smartphones oder Notebooks sich vor Schreck entladen.
Mir fiel auf, dass ich per Hand anders schreibe als mit der Tastatur. Meine Texte werden altertümlicher, was ich zuerst an einer Oberflächlichkeit lächelnd erkannte. Per Hand schreibe ich die alte Rechtschreibung. Aber zurück zu meinen Reisetagebüchern, die literarisch zu gestalten mir die Form in der Fremde gibt. Und so beginnt mein Arktisches Tagebuch:

Der erste Satz extra noch mal für Dinas Foto geschrieben 😉  Sie sammelt nämlich erste Sätze

Vorfreude

52.59 Grad N, 1.03 Grad E, 26 Grad, Windstärke 3 Bf N, klare Sicht

“Die ständig sich ändernde Farbe des Meeres beschäftigt das Auge, beruhigt den Geist und vertieft das Denken. Nie gelang es mir, die Farbe des Meers in Wort oder Bild zu fassen. Ich wohne an der nordischen See. Stehe ich am Strand und schaue hinaus über die Wellen, könnte ich das polare Eisschelf sehen, wäre die Erde nicht rund, die Luft zu dicht und meine Augen zu schwach. Das, was man nicht sieht, zieht einen hinweg.”

Die See wird allen neue Hoffnung bringen, so wie daheim der Schlaf die Träume bringt.“ Dieser Ausspruch wird Christoph Columbus zugesprochen. Also heuerte ich hoffnungsvoll an, wenn auch die Heuer ausblieb, dafür die Ehre von der Expeditionsleitung betont wurde. Wohin die See uns trug, seht ihr auf der Karte unten

Die Zeichnung stammt von Moni Obser, der Expeditionszeichnerin, und wurde im Stil alter Karten der Arktis gezeichnet

Dieses Tagebuch handelt von der Wahrnehmung einer uns Mitteleuropäern fremden Landschaft. Je fremder uns eine Weltgegend anmutet, desto anfälliger wird sie für unsere Projektionen.
Verschiedene Menschengruppen nehmen die Landschaft unterschiedlich wahr. Die Augen des Biologen erkennen anderes als die des Geologen, des Jägers, des Touristen und des Umweltschützers. Genau betrachtet, befindet sich jeder in einer anderen Landschaft, die von seinen Vorstellungen, Erwartungen und Gewohnheiten geprägt wird. Beachten wir die historische Dimension, werden die Unterschiede der Sichtweise noch deutlicher. Der mythologisch geprägte Blick eines Brendan sah im 6. Jh. in der Arktis das Tor zur Hölle, der begehrliche Blick wikingischer Kolonisten des Mittelalters sah Grönland als grünes Land der Hoffnung, während im Faschismus der Norden der Ort war, aus dem der Übermensch aus dem Erdinneren hervortritt, um die Welt zu retten. Ihrer elitär-rassistischen Sicht des Landes der Heroen steht der sorgenvolle Blick des heutigen Umweltschützers gegenüber, der in der Arktis allerorten den Verfall erblickt.

Typisch hocharktische Landschaft – unten links ein kalbender Gletscher, die weißen Pünktchen auf dem Wasser des Fjords sind beachtliche Eisberge

Der Norden gleicht einer gestaltwandlerischen Frau, die den männlichen Geist mit ihren vielen Gesichtern verführt. Lese ich über den Norden, verblüfft mich, wie unterschiedlich zu verschiedenen Zeiten der Norden gesehen wurde. Für die alten Griechen war er der unbesuchte Ort, der Paradiesvorstellungen anzog. Als kühne Seefahrer den Rand des Nordens berührten, schlug diese Sicht ins Gegenteil um. Der Norden wurde zur Hölle, zum gefährlichen Ort, der Menschen verschlingt. Der französische Seefahrer Jacques Cartier bezeichnete noch 1534 die arktischen Gefilde als das Land, das Gott Kain zugedacht hat. Als Ort der Extreme provoziert der Norden extreme Sichtweisen: entweder wird er zum gelobten Paradies oder zur menschenfeindliche Hölle. Als die ersten Schiffe in den hohen Norden vorstießen, war es die Ausbeutung dieser jungfräulichen Gegend, die raue Burschen aus südlicheren Gefilden anzog. Ihr Blick war von ökonomischer Gier geprägt. Die Menschheit erlebte ihren ersten Ölboom, der mit gnadenlosem Abschlachten der Wale und stinkenden Tranküchen die weltferne Arktis vergewaltigte. Als die Säuger des Meeres abgeschlachtet waren, folgte mit den Trappern die systematische Dezimierung der Säuger des Landes. Im 19. Jahrhundert bis nach der Eroberung der Pole, war die Arktis das Land, in dem sich echte Kerle bewährten. Sie wurden als die ersten beschrieben, welche die Eiswüsten bezwangen und froh waren, nach ihren Eroberungen schnell wieder nach Hause zu kommen. Zugleich begann man zaghaft gegen Mitte des 19. Jahrhunderts sich für die Bewohner der Arktis zu interessieren und aus wissenschaftlichem Interesse den Norden zu bereisen. Alle diese Betrachtungsweisen leben in unserem heutigen Bild des Nordens fort. Sie finden ihren Niederschlag im Literarischen und den Sachbüchern über die Arktis, die seit Ende des zwanzigsten Jahrhunderts als idealisierter Ort der letzten Wildnis “in” ist. Selbst die moderne Werbung nutzt die Faszination der Polargebiete, wenn sie textet: “Peary entdeckte den Nordpol, Amundsen den Südpol. Und ich bin die offizielle Entdeckerin des Ruhepols” (Werbung für die Zeitschrift “mein schöner Garten”, Juni 2008).
In der Wahrnehmung der Inuit bezieht sich jede Landschaftsformation auf eine mythologische Geschichte. Landschaft und Mythos sind untrennbar mit einander verbunden. Die Landschaft bietet ein kollektives Gedächtnis und so nicht nur eine geografische, sondern auch eine psychologische Orientierungshilfe.

Das arktische Tagebuch (für alle Bilder: draufklicken = groß)

George Berkely bemerkte bereits in den ersten Tagen des 18. Jh., es gibt keine objektive Wahrnehmung. Theoretisch ist das dem gebildeten Reisenden bewusst, praktisch meint er jedoch, Realitäten zu erblicken. Wird der Blick auf die Landschaft sich seiner Subjektivität bewusst, öffnet er sich dem künstlerischen Schaffen. Sie haben in diesem Sinn soeben in einer subjektiven Beschreibung der Arktis zu lesen begonnen. Möge es Ihnen Freude bereiten.

Der erste Blick am Morgen: vereinzelte Eisschollen. Aus dem Bullauge sehe ich eine das Meer beleckende Gletscherzunge. Hektisch schraube ich das Bullauge auf, fotografiere auf nüchternen Magen. Nun weiß ich, dass ich in der Arktis bin.

Aus meiner Kabine…

Die Arktis ist Eis. Kein anderes Medium gestaltete das Gesicht unserer Erde so tiefgreifend, so langanhaltend wie das Eis. Der Schweizer Glaziologe und Exzentriker Louis Agassiz nannte es einst „die große Pflugschar Gottes“.
Soweit zur Landschaft, aber was nutzt die schönste Landschaf, wenn die Gefährten stören?

Gruppenreisen sind mir ein Gräuel. Aber wie komme ich anders in die Hoch-Arktis? In der Not habe ich mich einer kleinen wissenschaftlichen Expedition von zehn Wissenschaftlern und fünf interessierten Laien angeschlossen. Diese Gruppe bereitet mir kein Grummeln im Bauch, da uns alle ein Erkenntnisinteresse verbindet und wir erstaunlich homogen sind, obwohl wir acht verschiedenen Nationen angehören. Mit solch einer Gruppe zu reisen, hat den Vorteil, dass Wissenschaftler liebend gern ihre Forschungen erklären. Zumindest rationalisierte ich so während meiner Reisevorbereitungen, als mir erst richtig klar wurde, dass ich mit 14 weiteren Personen plus Besatzung und Expeditionsführung auf engen Raum reisen werde. Bei einer Urlaubsreise wäre mir in solch einem Rudel zu fahren völlig undenkbar. „Meine Freundin und ich und bloß kein anderer“, so lautet meine Devise. Aber das hier ist etwas anderes.
Wir sind aneinander freundlich interessiert. Drei Tage auf See in lebensfeindlicher Gegend lassen Exzentrizitäten hervortreten. Die Atmosphäre gleicht der des Zauberbergs mit Gesprächen über Hirnstrukturen, Intuition und Literatur, neben denen über Eiskernbohrungen und der Losung von Eisbär, Ren und Walross. Einige sind nicht hier, sondern bei ihren letzten Forschungsabenteuern, wenn sie von Bhutan, Kamschatka oder der Beringsee schwärmen. Jeder Narzissmus wird schmunzelnd akzeptiert. Da sehe ich gerade Sir Siegfried, der mit nach hinten gestrecktem Arsch, den Rücken durchgedrückt die feinsten Nuancen des arktischen Himmels auf seinen Film bannt. Er liebt seine Hasselblad, den Belichtungsmesser – und die Literatur. Ginge unser Eisbrecher unter, er würde gelassen Single Malt trinkend mit voller Bassstimme  einen klug sarkastischen Kommentar abgeben. Neben ihm stände der Rentierjäger stumm sein Zigarillo rauchend, unbewegt nach Moby Dick ausschauend. Die Zeichnerin würde den Untergang farbgetreu malen, bis eiskaltes Wasser ihr Aquarell reinwaschen würde. Jaques, unser französischer Birdman, würde sich vogelfrei in die Lüfte erheben einen Möwenschrei ausstoßend. Ich dagegen würde flugs mein Tagebuch wasserdicht verpacken, danach mit BohrkernBodo aufs Hier und Jetzt meditieren – nach einem kräftigen Schluck aus jener Buddle Rum, die sicher in meinen Gummiwanderstiefeln ruht. Natürlich wüsste ich, warum es zu dieser Havarie gekommen ist. Schuld sind genau diese grünen Gummiwanderstiefel. Das weiß doch jeder: Grün als Farbe des Landes bringt Unglück auf See. Kein Fischer lässt bei uns in Norfolk Grünes auf sein Boot. Neptun steht auf Blau.

Tage später

80038´ N, 20057´E, -90 C, Schneetreiben, dichtes Treibeis, geringe Sicht, mäßiger W-Wind.

Nord-Spitzbergen im Hochsommer

Es herrscht nach mitteleuropäischen Maßstäben tiefster Winter mitten im August. Weihnachtsstimmung kommt auf. Ich befinde mich an der nördlichsten Spitze Westeuropas. Die Decks voller Schnee. Dichter Nebel – „Pottendick“ wie der Seemann sagt – und heftigster Schneefall. Das Meer liegt ölig ruhig in einer geheimnisvollen Vielzahl von Grautönen. So habe ich mir Ultima Thule vorgestellt. Schemenhaft ist Land an Steuerbord zu ahnen. Das Schiff nähert sich der noch unvermessenen Isflakbukta, die ihrem Namen „Eisschollenbucht“ Ehre macht. Einige Schollen sind so riesig, dass man Häuser auf ihnen errichten könnte. Als ich die Brücke erreiche, taucht backbord die Parry-Insel verhüllt im Schneegestöber auf. Schrill piepst das Echolot seine Tiefenwarnung, Maschine 1/4 Kraft zurück.

In der warmen Schiffsbibliothek und zugleich Bar werde ich fündig: Leutnant William Edward Parry war ein Arktisforscher, den ein erlesener Kultursnobismus auszeichnete. Für ihn waren Fischer, Walfänger, Inuit zu tief angesiedelt, als dass er von ihnen lernen wollte. Es gibt eine Zeichnung, die Parry in Frack und Zylinder beim Treffen mit den Inuit zeigt … Meine Gedanken wandern vom eitlen Parry zu meiner norwegischen Freundin. Vor Wochen mailte sie: „Das arktische Norwegisch ist schnörkeloser, kühler, eben arktisch. Zum Beispiel wird unser Wort kjærlig (liebevoll) mit dem arktischen Wort verdifull (wertvoll) ersetzt. Kjærlig gibt es im arktischen Norwegisch gar nicht.“  Angesichts solcher Natur zieht die Sprache sich, das redseelige Klischee fliehend, ins Asketische zurück, fällt mir jetzt ein.
“Ready for landing Zodiaks” reißt mich der Lautsprecher aus meinen Gedanken.

Bootspartie im August

Ich bin froh, bei diesem Landgang Wandergummistiefel mit Lammfellsohle, Goretexhose über Cordhose, darunter Thermounterwäsche, HighTec Anorak, zwei Wollpullover und zwei Handschuhe übereinander zu tragen. Meine weltverschönernde Sonnenbrille habe ich aufgesetzt und eine doppeltgestrickte kanadische Wollmütze über Ohrenschützer, die zugleich als Kopfhörer für den Funk dienen. Wir suchen uns einen etwa acht Seemeilen langen Weg durch dichte sich drehende Eisschollen, um mit den beiden Zodiaks landen zu können. Eis drängt uns ab, es schneit dicht. Die Landschaft ist zum fotografischen Negativ geworden. Wie grobkörnige Schwarz-Weiß-Fotos erscheinen die steilen Berge, entrückt, eher Kunst als Natur. Weltfern, wunderschön. Es ist unsicher, wie lange wir bleiben können.

Graueislandschaft

 

Wird das Eis zunehmen?“, „Kann das Bodenradar Eisbären in diesem Schneegestöber ausmachen?“, „Wird unser Schiff vom Eis bedrängt werden?“ lauten verzagte Fragen als wir “Entdecker” erst die Gewehre laden, ehe wir die beiden Zodiaks am verschneiten Walknochen am Ufer sichern. Wir möchten von dieser Bucht die nördlichste Stelle auf Land auf unserer Expedition erreichen. Von hier versuchten einige den Nodpol zu bezwingen, so weit wollte ich allerdings heute nicht gehen.

Ich kann meinen Blick nicht von den Bergen abwenden, während die anderen auf eine kleine Gruppe Walrosse zustreben, die wie braune Jutesäcke aussehen. Diese größten Robben der nördlichen Halbkugel liegen verdauend auf dem einzig schneefreien Platz weit und breit.

Walrosse nach dem Verspeisen einer großen Portion Muscheln

Schnell ein paar Fotos geschossen – und das mit Handschuhen -, dann wandern wir gen Norden. Eiskalte Polarwüste wie in einer Tiefkühltruhe, nichts ist unterscheidbar, ich versinke im hellblendenden augenfeindlichen Grau. Ist das der tödliche White Out? Bloß nicht stehen bleiben! Immer bewegen. Bei 80052´N, 20052´E erreicht uns der Funkspruch unseres Kapitäns “massives Treibeis bedroht Schiff”. Ich lasse es mir dennoch nicht nehmen, meine nördlichste Zigarette zu rauchen. Plötzlich höre ich die Stille, die sich in einem vieldimensionalen Raum öffnet. Der unbegreiflichen Macht, welche die Umgebung auf mich hat, gebe ich mich hin. Zeit scheint sich aufzulösen. Der sich erweiternde Raum wird zeitlos. Dann geht es zurück. Beißende Kälte im Gesicht, fantastisches Licht, euphorische Stimmung. Obwohl ich mich für einen lebensfrohen Menschen halte, hätte ich hier in Frieden sterben mögen.
Von solchen Gedanken berichtete schon Adolf Erik Nordenskjöld bei seiner Bezwingung der Nordost-Passage: Man geht hinaus in die arktische Schönheit, obwohl man weiß, dass dies der Weg der Todgeweihten ist. Der schwedische Entdecker kettete auf Wunsch seine Männer am Boot fest. Der Tod ruft verführerisch in der Arktis. Welch romantisch grausame Vorstellung. Sterben auf dieser verwunschenen Insel am Rande des Globus, heldenhaft … Ja, das ist der beste Weg, in die Encyclopedia Britannica aufgenommen zu werden.

Morgens von meiner Kabine aus aufgenommen

Gedanken in der Schiffsbar

Wir fahren durch eine wunderbare Welt in Schwarz-, Weiß-, Türkis- und Blautönen. Das ewige Eis ist weißer als Schnee, fällt mir auf, weil ich es bei Helge Schneider gelesen hatte. Ich frage mich, welche Landschaft ich hier erlebe. Kindlich empfinde ich, wenn ich mit staunenden Glitzeraugen die Eindrücke in mich einsauge. Hingabe pur. Dann möchte ich das beschreiben. Sogleich bedrängt mich der Zweifel, ob ich nicht einzig das erkenne, was sich in meiner Vorstellung bildete. Ich sehe eine Arktis, die mir in Büchern und durch unsere Expeditionsleiter auf dem Silbertablett präsentiert wird. Nehme ich überhaupt eine Beziehung zu dieser äußeren Landschaft auf, die in sicherer Entfernung von mir am Schiff vorüberzieht? Die lebensfeindliche Macht dieser Landschaft, ihren Schatten, bekomme ich nur mit, weil ich weiß, welche Dramen sich hier abgespielt haben, enttäuschte Hoffnungen, Verzweiflung und Tod. Da gibt es eine innere Landschaft, die von meinem Wissen geprägt ist und die in dieser äußeren Landschaft erscheint. Sehen wir nicht immer auch die Geschichte der Landschaft? Die Geschichten, die sich dort abspielten, machen sie zu dem, was sie für uns ist.
Sehen wir nicht alle eine Arktis, die es so nicht mehr gibt? Auf solch einer Reise idealisiert jeder. Deswegen fährt man doch! Ich merke es im Bauch, wenn ich Land betrete, das wenige vor mir betraten. Ich sehe sie romantisch als Bühne, auf der „Heldentat und Tod“ gespielt wurde.

Treibeis schabt am Schiff, das sich mit drei Knoten den Weg bahnt, stecken bleibt, Eis bricht und schiebt. Abends wieder dichter Schneefall, die Decks sind tief verschneit.

Eine Seite aus Monis Tagebuch (Hoch Arktis)

© Klausbernd Vollmar, 2012
© Moni Obser, 2012 für beiden Illustrationen (http://www.msobser.de)

P.S.

Ich habe auf dieser Expedition im Gegensatz zu anderen Reisen in die Hoch-Arktis zum ersten Mal fotografiert. Ich fotografiere wenig auf Expeditionen, da unter den Umständen das Fotografieren für mich stets in Stress ausartet und mich abhält, die Großartigkeit der Landschaft zu spüren. Ich bitte deswegen um Nachsicht, dass meine Fotos eben nur Knipsis sind.

Liebe Grüße an alle und, um euch schon neugierig zu machen, im zweiten Teil meines Beitrags kommt ”really big ice”
Klausbernd