RSS-Feed

Archiv der Kategorie: skurrile Dorfbewohner

über meine englischen Nachbarn

Look at me!

Veröffentlicht am

© Hanne Siebers

Ich habe leider kein Tattoo am Oberschenkel, auch nicht solch feine Brille, aber einen Blog. Der Narzissmus-Koeffizient ist der gleiche, aber, oh Schande, nicht jeder beachtet mich, wie diese Schönheit auf der Bank vor der Bank. Sie hat`s raus. Ich frage mich in schlaflosen Nächten, wie bekomme ich die meiste Beachtung auf meinem Blog.

Da studiert so einer wie ich, wie machen es die anderen.

© Hanne Siebers

Taktik 1

Eine in der Menschenkunde altbekannte Taktik ist, vorgeblich anonym zu bleiben. Man spricht kokettierend den inneren Sherlock Holmes im Betrachter an. Krimigleich inszeniert, setzt man die Besucher darauf an, das Geheimnis um die Identität zu lüften. Diese Blogs brauchen das meistens auch, da sie oft von derartig lapidarer Biederkeit geprägt sind, dass dort nichts spannend ist außer das Geheimnis – nur dass es keiner lüften möchte. Welche Kränkung! Aber man hat seinen Freud studiert. So rationalisiert man fröhlich vor sich hin und stilisiert die bösen anderen, den Chef, die Kollegen, der Partner und wer alles sonst noch herhalten muss. Aber die haben Besseres zu tun – oh dear!

© Hanne Siebers

Taktik 2

Nächtelang sitzt der Blogger gehetzt vor seinem Bildschirm, die Augen geschwollen, der Rücken schmerzt, und rast von Blog zu Blog, um möglichst viele like-its zu setzen. Nach dem Prinzip „Ich liebe dich, wenn du mich liebst“, klappt das auch. Aber, ach und weh, nur die Fittesten halten das länger als ein halbes Jahr durch, bevor sie dann zusammenklappen.
Kommentar von Selma: „Masterchen tönt hier herum, aber er ist doch auch like-it-geil. Welch Glitzern seines Auges, wenn ein Pling des Notebooks ein Like-it verkündet, dann ist hier Feiertag! Und ich verrate es euch ganz unter uns, Masterchen und Dina könnten ja mitlesen, huch und ich hab den Passwortschutz vergessen, also unter uns: Dina und Masterchen vergleichen ihre Like-it-Mosaike, die besonders bei diesem WordPress auch wirklich schick ab der dritten Reihe Like-its aussehen. Ich war bei einem, der hatte 164, das ist ein sich ständig wandelndes Kunstwerk für sich, wirklich!“

Taktik 3

Man schreibt sich an möglichst vielen Kommentaren die Finger wund. Bald muss man bereits zum dritten Mal seine abgenutzte Tastatur auswechseln. Und die größte Schande, es fällt einem plötzlich nichts mehr ein, alle Textbausteine sind verbraucht. Panik! Was nun? Sein Haus, den Garten, Frau oder Mann, den Beruf hat man schon lange vernachlässigt, man verarmt, verelendet und wird depressiv.
Kommentar von Siri: „Wenn Masterchen uns Buchfeen nicht hätte, hätten die Brombeeren längst den Garten eingenommen, sein Boot wäre abgesoffen und Dina weggelaufen. Aber ich Liebkluge flüstere ihm stets etwas ein und so findet er wieder Zeit zum Essen und sich zu waschen, wenn auch das iPad auf dem Klo neben ihm liegt.“

© Hanne Siebers

Taktik 4

Wer bloggt ist kommunikativ, sonst hat er eine Website. Also hat er viele Freunde – noch. Die braucht er auch, damit sie alle möglichst fünf Mal täglich seinen Blog besuchen. Trifft er Bekannte in der Straße, Freunde auf Partys erkennt ihn sie daran, dass seine Begrüßung lautet: „Warste schon auf meinem Blog?“ – der Ton leicht vorwurfsvoll. Der glückliche Blogger hat einen Freund oder eine Freundin, die ihm vorsichtig fragen, ob er nicht bemerke, dass seine Freunde bei erster Sichtung seiner Person, flugs die Straßenseite wechseln oder in ein Geschäft verschwinden. Man soll ihn schon als „soziale Geißel“ bezeichnet haben. Und, oh Graus, da schlägt das Schicksal unbarmherzig zu, der Besucht nimmt ab, der Blogger vereinsamt.

Taktik 5

Dann gibt`s die Oberelitären, meist intellektuelle Brillenträger, die weder like-its noch Kommentare zulassen. Siris Kommentar: „auf diesen Blogs ist tote Hose. Ist doch klar: da keiner sie liked und auf diese Bleiwüsten nicht antworten möchte, zeigt man das nicht.“ Diese oft sich literarisch gebärdenden Blogs besuche ich allerdings gerne, da ich in England wohne und für meine Vorträge doch wissen muss, welch intellektuellen Phrasen gerade in sind. Ich scanne sie natürlich nur daraufhin durch. Gegen diese Bloggereien war mein Deutschunterricht in der Schule voll geil.

© Hanne Siebers

Die Moral von der Geschicht, blog ohne Taktik nicht – oder wäre es nicht einfacher, sich doch ein Tattoo stechen zu lassen und sich die Haare schick zu stylen?

Grüße aus Norfolk
Klausbernd
der sich allerliebst bei Dina für die Fotos bedankt und bei unserer örtlichen Schönheit

Ton, die Albatros und Mark Twain

Veröffentlicht am
Ton, die Albatros und Mark Twain

Diesen Artikel über unseren Freund Ton wollten wir schon seit Langen veröffentlichen. Heute entdeckte Siri BuchFee, dass Mark Twain 176. Geburtstag hat. Wisst Ihr, was das heißt, ich meine „Mark Twain“? Martin weiß es als Segler sicher – zwei Faden tief.  Mark Twain ist  Lotse gewesen, hat Selma im Netz gefunden – deswegen …
Schnell zu Samuel Langhorn Clemens, wie Twain eigentlich hieß,  ein paar Worte und ein Bild als Geburtstagsehrung:

„Ein kerniger Mann“, meinte Selma anerkennend.
Natürlich haben wir beiden mit Glitzeraugen „Die Abenteuer des Tom Sawyer“ und die des Huckleberry Finn gelesen. Wir fanden es super, dass endlich  echt freche Kinder die Romanhelden sind. Schon alleine deswegen verdient Twain als der witzigste Vertreter des amerikanischen Realismus angesehen zu werden.
Happy Birthday!

Naja und von einer nautischen Person zu einer ganz anderen, nämlich zu dem oben bereits angekündigten Ton. Während Twain und Melville die Seefahrt zugunsten des Schreibens aufgaben, blieb Ton als Skipper seinem Boot treu – wie es sich gehört.

Das iss er, Ton Brouwer, der Küstenkerl

Wie der Master war Ton ein „Shrink“ (wie Therapeuten hier bezeichnet werden). Womöglich erging es ihm so, wie Masterchen es ausdrückte: „Ich habe keine Lust, mit Leuten zu arbeiten, die neurotischer sind als ich.“ – Deswegen arbeitet er mit uns munteren Buch- und KnipsiFeen zusammen!
Der Psychologie nicht völlig untreu geworden, schipperte Ton mit deliquenten Jugendlichen und Sojamehl zwischen Rotterdam und Norfolk hin und her als Master der blauen Jungs, die bei den KüstenMädchen für erhebliche Aufregung sorgen. Ich kann Euch sagen, man sah vor lauter MädchenGedrängel die einlaufende Albatros gar nicht mehr. Selbst ich (die coole Siri – und Selma aber auch) war ganz flattrig angesichts der vielen feschen Kerle in blauen Hemden mit Halstuch. So soll es auch vor rund zweihundert Jahren gewesen sein, wenn Seeräuber und Schmuggler an dieser gesetzlosen Küste anlegten, las ich in einem SeeBuch auf Regalbrett 5. 1996 fand dies ein Ende, manches Mädchen weinte und Ton verliebte sich. Stellt Euch vor, der alternde Seebär heiratete eins der KüstenMädchen, das gut und gerne seine Tochter hätte sein können. Die Hochzeit war sooo rührend: Nach Seemannsbrauch schritt das Paar durch eine Gasse von Matrosen und Fischern, die ihre Ruder erhoben hatten, so dass sie ein schützendes SpitzDach über dem Paar bildeten. Heute hat das ungleiche Paar sooo süße Kinder, die an Bord herumkrabbeln wie frisch gefangene Krabben.

Der Master an Bord der Albatros, die süßen "Krabben" mampfen gerade Pfannkuchen unter Deck

Seit zehn Jahren liegt die Albatros in Wells next the Sea als Schiffsbistro am Kai, in dem es statt trockenem Schiffszwieback holländische Pfannkuchen gibt. Ich besuchte mit SelmaKnipsiFee Ton, da sie unbedingt FotoKnipsis machen wollte, während ich mit rotem FeenMund voller süßer Pfannekuchen Tons Geschichte der Albatros lauschte, das Schiff, dass doch eigentlich des Seemanns Braut ist.

Hier haben wir die Pfannekuchen zu uns genommen, sooo lecker.

Während des zweiten Weltkriegs gehörte die Albatros dem mutigen dänischen Kapitän Rasmussen, der Juden aus dem besetzten Dänemark ins neutrale Schweden brachte und mit Waffen für den dänischen Widerstand zurücksegelte. Rasmussen wurde nie geschnappt. 1987 kaufte von ihm der dunkelbärtige Ton die Albatros, einen zweimastigen Frachtsegler (eine 1899 gebaute Galliot), womit er sich einen Kindertraum erfüllte, um so der Midlife-Crisis ein Schnippchen zu schlagen. „Gut gemacht!“, gratulierte ich ihm, wohl wissend, dass unser Masterchen ihm im Stillen beneidet. Ob es Ton wie unserer lieben DinaFee ergangen ist, die nach mehrtägigem Auswetterns eines furiosen AtlantikSturms auf einem Segelschiff Seeabenteuer wie die Nixe das Feuer meidet? Milde lächelt sie über unseren Master, der bei wellenarmer See mit seiner Nussschale Circe Seeabenteuer fantasiert – so sind eben die Schreiberlinge … außer Mark Twain, Herman Melville, Joseph Conrad als gnadenloser Realist, Günther Buchheim ebenso realistisch und …

Die Albatros zur Winterzeit. Wenn ein wenig Eis und Schnee am Ufer liegt schmeckt die heiße Schokolade mit Baileys noch besser.

Liebe Grüße an Euch Landratten von SiriFee aus Cley next the Sea und von Selma BildFee auch

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

Mary Jane

Veröffentlicht am
Mary Jane

Hi liebe Leser, hier bin ich wieder, Siri BuchFee oder auch als „simply Siri“ bekannt.

Gestern Abend lauschte ich mit spitzen FeenOhren. Das kam so: Unser Master und DinaFee hatten, obwohl beide, ehrlich gesagt, nichts außer Spaghetti oder Spiegeleier kochen können, kühn zum Dinner geladen. Die liiiebe SelmaFee flatterte mit ihrem silbernen FeenMesserchen in den Garten, um die gekaufte Pastasoße mit frischen Kräutern aufzufeschen, die sie so anmutig auf die Portionen drapierte, dass es ein „how beautiful!“ den Gästen entlockte. Ich saß unsichtbar mit meinem feinen FeenBuch dabei (ein Geschenk von Dina und dem Master!), um Skurrilitäten der Dorfbewohner zu notieren.

Als gegen neun die Kerzen angezündet wurden, die Männer am Whisky und Frauen am Gin Tonic nippten, kam die Rede auf Mary Jane, eine uralte Lady, die, wie einige zu berichten wussten, ihr Geld durch das Schreiben trivialer Romane im Stil von Barbara Cartland verdient hatte. Ihr Markenzeichen war der Hang des Adeligen zum Küchenpersonal, was freilich weniger zum Glück, dafür aber häufiger zum Kind führte. Sie soll zum Schreiben ihrer Romanzen in ihrem riedgedeckten, rosenumrankten Häuschen im Nachbardorf selten länger als zwei Wochen benötigt haben. „Den Mythos hat die Cartland auch von sich verbreitet“, warf unser Master nicht ohne Neid ein, da er ja Jahre an einem Roman rumschreibselt. Mit meiner Hilfe wird er sicher bald schneller zu Potte und vielen Leserinnen kommen.

Mary Jane, wohl Ende achtzig heute, wie man vermutete, wurde ihren Romanen untreu und wandte sich dem Meer zu. Zuerst kündigte sich das in ihrem letzten Roman an, in dem der Edle zum melancholischen Piraten wurde, der wunderschöne Jungfrauen vor seinen Kaperbrüdern errette, obwohl diese, wie unser Master mir erzählte, weitgehend schwul waren. Im zarten Alter von 70 wandte sich die Autorin vom Schreiben ab und dem Segeln zu, das sie ebenso besessen pflegte wie vormals ihr Schreiben, was ihr den Namen „rote Korsarin“ eintrug, der Schrecken jeder Regatta. Ihre blutroten Segel wurden bei jedem Wetter vor der Küste gesichtet und fast musste sie anbauen, um all die Siegerpokale in ihrem Cottage unterzubringen. „Aber leider“, berichtete der rotgesichtige Ray, ihr Nachbar, „ist sie seit drei Jahren schlecht zu Fuß. Sie kann nicht mehr zu ihrem Boot gehen.“

Was ich nun hörte, ließ mich vor Verwunderung derart flattern, dass mein Gekritzel nun aussieht, als hätte es ein Huhn geschrieben, ganz und gar nicht feenhaft (sorry, Master).

Mary Jane stellte den jungen William, einen arbeitslosen Fischer mit dem Beinamen „Kevin“ an, der sie wie Kevin Kostner leichtfüßig wie in „The Bodygard“ trägt und zwar zum und ins Boot. Wenn sie mit kühner Wende sich ihrem Landungssteg nähert, bläst sie ihre schrille Trillerpfeife, worauf Kevin herbei eilt, um Mary Jane aus der „Captain Vallo“ zu heben.
„Wenn ich auch Mary Jane bewundere“, beendete Ray seinen Bericht, „aber seinem Boot einen Männernamen zu geben, finde ich zu exzentrisch.“

Ich kann Euch sagen, als Oberhilfsfee vom Master muss ich nicht nur merken und sammeln, sondern auch googeln. Captain Vallo, fand ich, war der rote Korsar, der Held eines Films, der in der Filmgeschichte durch seine historischen Inkorrektheiten berüchtig wurde. „Glaubt nur, was Ihr seht – nein, glaubt nicht einmal die Hälfte davon“, so beginnt dieser Film. Ich als SiriFee, ChefChronistin des Masters, muss jedoch betonen, dass ich Euch nichts als meine Wahrheit berichte.

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

Wyatt Earp

Veröffentlicht am
Wyatt Earp

„Nichts is unmöglich.
 Unmöglich bedeutet nur, du hast noch nicht die richtige Lösung oder Wyatt Earp gefunden.“ 
 -Selma Buchfee und Universalgenie

„Beer. Now there’s a temporary solution.“   – Dan Castellaneta

Hallihallo, SiriFee OberChronistin meldet sich wieder mit einer Geschichte über Exzentriker im kleinen Dorf am Meer. Ihr werdet mir kaum glauben, aber es stimmt – der Master, die liiiebe DinaFee und Selma KnipsiFee können es  bezeugen – in unserem kleinen Dorf am Meer wohnt Wyatt Earp – und er lebt immer noch!

das ist Wyatt Earp, nicht der odd-jobs-Mann aus unserem Dorf, der andere

Ja, ja, Ihr werdet es schon bemerkt haben, nicht diese amerikanische Legende, jener Revolverheld, der mit der berühmten Schießerei am  O.K. Corral/Arizona das Modell für die klassische Schießerei-Szene im Western schuf.

„Unser Wyatt sieht viiiel schöner aus als sein berühmtberüchtigter Namensbruder“, meint Selma, die als KnipsiFee ein Auge dafür hat. „Ein wirklich attraktiver Mann!“.
Das war nicht immer so. Einst war Wyatt ein unscheinbarer Lehrer gewesen, „Typ: graue Huschemaus“, kommentiert Selma vorlaut. Als er jedoch der Schule den Rücken kehrte und sich den „odd jobs“ zuwandte, hat sich alles geändert. Wyatt blühte auf. – Diese „odd jobs“ meint Selma, muss ich Euch erklären. Also wörtlich bedeutet es „komische Arbeiten“, das sind alle möglichen Tätigkeiten wie kleinere Bauarbeiten (bei uns turnte er schon atemberaubend auf dem Dachfirst herum), Rasenmähen, Heckeschneiden, Bäumefällen, Umgraben und Tapezieren, alles das, was unsere alten Nachbarn und wir mit unserem Master nicht mehr bewältigen können.
Kaum zu glauben, wie solche Arbeiten einen schulstaubgewöhnten Lehrer verändern. „Weil sie meist an der frischen Luft stattfinden“, erklärt die liebe Selma als Frischluftfanatikerin.

Als Wyatt noch Schuldirektor war, gab es einen Diebstahl in seiner Schule, den ein zugezogener Polizist aufnahm. Bevor Wyatt als Hausherr befragt wurde, musste der Ordnungshüter seinen Namen aufnehmen. Das ereignete sich so (ich schwebte als Zeugin unsichtbar über der Szene):
Polizist: „Darf ich sie um ihren Namen bitten.“
Wyatt: „Wyatt Earp.“
Polizist: „Guter Witz, aber ehrlich, ich benötige ihren richtigen Namen, bitte.“
Wyatt: „Ich bin Wyatt Earp, wirklich.“
Polizist: „Ich meine nicht ihren Spitznamen, sie verstehen mich.“
Wyatt: „Ich bin Wyatt Earp.“
Ich sah mit Erstaunen, wie Wyatt dieses Spiel kindlichen Spaß bereitete – und er ist ja in Tat Wyatt Earp, der Wyatt Earp aus Cley.  So zog sich der Dialog zunehmend ins Absurdere gleitend hin. Als der Polizist zurück zur Wache kam (viele Orte weiter) und dort erzählte, er habe Wyatt Earp getroffen, zweifelten die Kollegen an seiner Dienstfähigkeit. „Norfolk erträgt nicht jeder“, sorgten sie sich. Ich wäre vor Lachen fast auf ihren Schreibtisch gestürzt, denn Lachen in der Luft ist für uns Feen höchst gefährlich, da es zu unkontrolliertem Flattern und leicht zum Absturz führt.
Ich sage Euch, bei Wyatt ist man nie vor Lachanfällen sicher. Besonders gefährlich ist es, wenn ich vor mich hindenkend gemächlich durch das Dorf flattere und unter mir fährt er mit seinem OddJobsWagen vorbei. Ja, sein Geschäftswagen ist ein uralter grauer Citroen 2CV, eine Ente, die jedoch mehr wie ein zu dick gewordener Igel aussieht, da oben und an den Seiten Leitern, Dachrinnen, Schaufelstiele, Brecheisen und Balken herausragen, ein Anblick, der einen das Flattern vergessen lässt.

Kürzlich mussten wir unser Wintergartendach abdichten, es regnete durch. Wyatt schaute sich das an, wog bedächtig seinen Kopf von links nach rechts und wieder zurück, meinte dann, er habe keine Ahnung, wie er das Glasdach betreten könne. „Noch nie gemacht, sorry!“, doch er hatte das noch nicht ganz ausgesprochen, hellte sich seine Mine auf: „Wir schauen bei Leonardo nach, seine Skizzen!“ Well, odd jobs verlangen odd solutions
Und ich versichere: Es regnet nicht mehr durch und keiner fiel durchs Glasdach.

„All our knowledge has its origins in our perceptions.“ – Leonardo da Vinci

Bis zum nächsten Mal und bleibt mir treu! Eure SiriFee, OberChronistin

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

Major Quatermain

Veröffentlicht am
Major Quatermain

„Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben.“
– George Bernhard Shaw

Ich, SiriFee, hab Euch doch versprochen, über diesen alten Major mit seinem Vorderlader zu berichten. Er soll ein Verehrer von Lady Adams gewesen sein, meint das Dorfgerücht.

Der gesprächige Major ist unser nördlicher Nachbar. Er wohnt in einem stilechten Tudorhaus mit hohen verzierten Kaminen in einem gepflegten kleinen Park mit alten Kastanien, wie es sich gehört. Er landete hier vor unserer Zeit aus dem fernen Argentinien, wo er als Herr der Gouchos Rinderherden in Steaks verwandelte. Noch heute lässt er sich nicht nehmen, beim Dorfladen vorzureiten, um etwas Milch zu kaufen, die er stets mit einem Scheck bezahlt.
Von ihm haben die liiiebe SelmaFee und ich herrliche Aussprüche gesammelt.
Bei einem der typischen „Lent Dinner“, ein Widerspruch in sich, nämlich ein FastenDinner, sagte der Endachtzigjährige sich kopfschüttelnd umschauend: „Nur alte Leute hier.“
Völlig verblüffte er unseren Master, als er Church Lane, unser Sträßchen, „Stairway To Heaven“ nannte. Den Song von Led Zeppelin hätte der Major, wenn er ihn gekannt hätte, sicher als dekadenten Lärm abgetan. Als der Master ihm jedoch erzählte, dass der Text am Lagerfeuer geschrieben wurde, glänzten des Majors Augen. „Wie in Argentinien einst“, war sein Kommentar.

Eines heißen Sommertags plauderte der Major (in Shorts und nicht ganz sauberen T-Shirt) mit unserem Master und SelmaFee über das richtige Ausgeizen der Tomaten, als ein offener weißer Porsche vorbeifuhr, der von einer edel gekleideten Dame gelenkt wurde. „Sieh dir das an!“, war sein empörter Kommentar, „Mit unserem Dorf geht`s abwärts, jetzt kommen schon die Armen.“
Unser Master musste derart verblüfft geschaut haben, dass der Alte erklärte: „So ein Auto fahren nur die, die noch Eindruck machen müssen und auch nur jene kleiden sich so.“

Harris Tweed Jacke, je oller, desto doller. Old vintage nennt man das und trägt es mit Stolz.

„Ja, unser Nachbar zählt zweifelsohne zur elitären Garde“, erklärte mir unser Master später, nicht ohne einen Funken der Bewunderung, wie ich feststellen musste (das traute ich mich aber nicht anzumerken). Natürlich fährt der rüstige Major stilecht seinen alten Landrover Defender im ausgebeulten Harris Tweed Jackett mit speckig ledernem Ellenbogenschutz. Meine Schwester SelmaFee findet das voll geil.

So sieht der Landrover Defender aus. Wenn der sauber ist.

Vorige Woche sollte wieder der Vorderlader zum Einsatz kommen. Der Major meinte, an seinem Kompost habe er Ratten gesichtet. Ratten, das war seine unumstößliche Meinung, muss man erschießen, „was eine gute Übung für junge Männer ist (damit war unser Master gemeint, well …), die schnelle Reaktion und ein scharfes Auge erfordert.“ Also wurden die antiken Vorderlader aus dem Schrank geholt, aber wo war denn das Schwarzpulver? Als auch der befragte Gärtner nur stumm seinen Kopf schüttelte und mit den Schultern zuckte, meinte der Major vergnügt: „Wer nicht schießen kann, muss trinken!“ Gemäß dieser Weisheit erhoben wir unser Glas „auf den Tod der Ratten!“

SelmaFee ist oft drüben beim Major, der sie unter dem Siegel der Verschwiegenheit aufklärte, gar kein Major zu sein, sondern Colonel, was aber völlig egal sei (ich muss gestehen, für mich sind diese Ränge eh alle gleich). Die beiden tauschen sich über Gemüseanbau aus, das neue Hobby unseres Pseudo-Majors, den ich beim morgendlichen Rundflug wie ein Kind mit nasser Erde herumspielen sah. – Der Major gab uns auch den weisen Rat, jeden Tag mindestens einmal etwas völlig Verrücktes zu tun – wir bemühen uns redlich …

Das wär`s für heute aus dem Dorf der Verrückten.
Eure Siri, BuchFee und Muse

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

Der Pfarrer von Stiffkey

Veröffentlicht am
Der Pfarrer von Stiffkey

„We are the children of our landscape; it dictates behavior and even thought in the measure to which we are responsive to it.“
Lawrence Durrell

„It is very hard to be good, once you have been bad.“  Barbara Harris

Hallo, hallo, hier kommt SiriFee mit einer wohlbekannten Skandalgeschichte von unserer Küste, die weltweit, ja Ihr lest richtig: WELTWEIT, für Aufsehen sorgte. Sie gilt als der erste englische Sex-Skandal und wurde „klerikale Dreyfuß-Affaire“ genannt.
Neugierig geworden? Dann kommt mit, heute werden wir Cley verlassen und nach Stiffkey fahren.

Auf vielfachen Wunsch zeige ich Euch zuerst eine Übersichtskarte von Cley und Umgebung. Ich kann das gut verstehen, also wenn ich ein Buch aufschlage, freue ich mich immer über eine Landkarte. Ich orientiere mich besser und überfliege dann die Landschaft leichter,  ich gehe ja nicht. Bitte schön, hier ist Cley next the Sea und die unmittelbare Umgebung, die immer wieder in unserem Blog vorkommt:

  So idyllisch präsentiert sich Stiffkey auf den ersten Blick.

Jetzt fahren wir rein in Stiffkey, hier fängt die Geschichte an, und bitte nicht vergessen, es ist eine wahre Geschichte!

Als wir vor Jahren durch das verwinkelt enge Stiffkey fuhren, erzählte uns der Master die Geschichte jenes Pfarrers, der auf dem Pub-Schild des Red Lion, wo DinaFee und der Master gern ihr Bier trinken, abgebildet war:
1906 wurde Little Jimmy, wie der knapp über 1,50 m kurze Harold Davidson genannt wurde, Pfarrer in dem Küstendorf Stiffkey, das noch zwei Jahrhundert zuvor fast vollständig, damals nur noch teilweise vom Schmuggel lebte.

Harold Davidson

In den wilden Zwanzigern wurde es unserem Pfarrer wohl am Ende der Welt zu öde. Immer öfter wurde er in London im berüchtigten Bezirk von Soho gesehen, wo er sich der gefallenen Mädchen annahm. Ja, er entwickelte einen derartigen Gefallen an diesen Mädchen, dass er nur zu seiner Sonntagspredigt in Stiffkey eintraf, um bald wieder zu seinen Mädchen zu entschwinden, die später zur Freude des Dorfes nach Stiffkey zogen.
Der Pfarrer kümmert sich um Estelle Douglas, 1932‘
Das missfiel der Kirche, die Anfang der dreißiger Jahre ihrem Pfarrer das Amt entzog, da er angeblich im Dienst die Dienste seiner Mädchen genoss. Wie so häufig erwies sich die Kirche als Avantgarde im Betrug, indem sie – wie man heute annimmt – mit Fotomontagen arbeitete, die im ganzen Königreich die Gemüter erhitzten. Berühmt wurde das Bild des Pfarrers mit der Prostituierten Barbara Harris, die ihre Version der Geschichte gut zu verkaufen wusste. Alle Zeitungen berichteten über den Pfarrer, der über Nacht zur Kultfigur geworden war.„Aber was macht ein Arbeitsloser, der nur die Bibel kennt, Latein und etwas Griechisch kann?“, fragte uns der Master. Selbst die lebenspraktische SelmaFee hatte keine Ahnung. Ihr glaubt es kaum: Der Pfarrer A.D. wurde zur berühmten Zirkusattraktion. „Solch kreatives Denken und Handeln lernt man sicher nicht auf der PfarrerSchule“, wunderte sich die liiiebe SelmaFee, die darauf brannte, den Ausgang der Geschichte zu hören.

H.Davidson mit Freddie im Löwenkäfig, Skegness

„Die berühmte Zirkus-Show des Pfarrers war, von diesem Daniel in der Löwengrube zu predigen, stilvoll in einem Löwenkäfig. Vom Ende unseres Pfarrers gibt es wie bei allen beliebten Geschichten viele Versionen. Am 28. Juli 1938 sollen die genervten Löwen dieses Predigen unseres Skanadalpfarrers über gehabt und ihn totgebissen haben. Die romantischere Version nimmt an, dass Little Jimmy, der inzwischen medienwirksam mit einem blutjungen Mädchen zusammen auftrat, deswegen vom Löwen getötet wurde, weil, wie könnte es auch sein als aus Eifersucht, das Mädchen auf des Löwen Schwanz trat, worauf der Löwe sich sogleich auf unseren armen Pfarrer stürzte.“

Die St.John Kirche in Stiffkey

Das Grab des Pfarrers

Erst kürzlich flog ich mit der liiieben SelmaFee nach Stiffkey, wo wir auf den Friedhof des Pfarrers Grab suchten, das sich bescheiden nicht von anderen Gräbern unterscheidet.

Liiiebe Grüße von der sonnigen Küste
SiriFee, OberChronistin, und Selma, OberKnipsiAssistentin

Nachtrag vom Master: In Stiffkey wohnte zur gleichen Zeit wie unser Pfarrer der Autor Henry Williamson, der mit seinem Buch „Tarka, der Otter“ (1927) große Erfolge feierte. Er gelangte zu trauriger Berühmheit: Nach seinem Besuch des Nürnberger Reichsparteitages blieb Williamson bis zu seinem Tod 1977 ein Verehrer Hitlers.

© Hanne Siebers und Klausbernd Vollmar  Cley/Norfolk, 2011

Lady Adams

Veröffentlicht am
Lady Adams

Heute berichte ich, Siri, des Masters Muse und Glücksfee, von Lady Adams. Jahrelang war sie unsere Nachbarin. Ich musste SelmaFee oft am Flügel ziehen, dass sie nicht in FeenGekicher ausbrach, wenn Lady Adams vor ihrem Cottage erschien. „Mit dem runzligen Gesicht unter ihrer graukarierten Sherlock-Holmes-Kappe sieht sie wie eine Schildkröte aus“, entschuldigte sich Selma, die bisweilen versuchte, sie unbemerkt zu knipsen, was ihr aber nie gelang. Selma meinte, die alte Lady sei eine unfotografierbare Zauberin.
Nicht nur, dass Lady Adams wie eine Schildkröte aussah (ich hielt sie mehr für eine HobbitFrau), sie sprach auch ein derart antiquiertes Englisch, dass wir öfters in der dicken FeenEnzyklopädie nachschlagen mussten, was sie denn meinte. Sie war eben über Mitte 90, wie das Dorfgerücht zu berichten wusste und bewundernd hinzusetzte, dass sie über dreißig Jahre lang ein Vogeltagebuch führt, in dem sie Anzahl und Art der Vögel notiert, die sie zwischen vier und dem Fünfuhrtee aus ihrem Salonfenster sieht. In Cley, „the Mecca of Birdwatching“, wird man so zur Heldin.

Unser Master war mit ihr befreundet. Das kam so: Eines Nachmittags wurde vornehm zaghaft die Schiffglocke an unserer Tür angeschlagen. Auf der Schwelle stand die kleine Lady, die ihm mit stummen Nicken ihre Karte überreichte: „Georgina H. Adams, Großwildjägerin, Mitglied des Word Wildlife Funds“. Ungelesen nahm Masterchen nickend die Karte in Empfang, worauf Lady Adams ihn bat, herüber zu kommen, da ihr Krokodil zerbrochen sei. Der Master wusste nicht so recht, ob er an seinem Englisch oder der Lady Verstand zweifeln sollte, immerhin ging sie ja auf die hundert zu und da spielt der Verstand oft nicht mehr so mit, wie man weiß. Die alte Lady entschuldigte sich fortwährend, ihn alleine in die Küche einer Jungfrau zu führen (womit sie sich meinte) und zeigte ihm den ausgestopften Alligator, der in der Tat in zwei Hälften zerbrochen wie erhängt über den Herd hing. Lady Adams Vorschlag, ihn mit Tesafilm „zu heilen“, wie sich ausrückte, erwies sich als unpraktikabel. Schließlich kam unser Master widerstrebend auf die Idee, es mit Paketband zu versuchen, worauf die Alte begeistert meinte, das sei der Kummerbund – „eine Mode, die wir aus Indien nach Europa brachten“ – des klugen Tiers, das einst zwei ihrer Kumpane verspeist hätte.

Nach der Krokodilheilung wurde unser Master jeden zweiten Mittwoch zum Fünfuhrteee geladen. Selma und ich durften neugierig mit herüberflatterten, um von diesem Ritual zu berichten. Masterchen klopfte an die Tür, worauf die Lady erschien, um seine Visitenkarte auf einem angelaufenen silbernen Teller zu empfangen. Als sie in den Salon gingen, steckte sie ihm augenzwinkernd seine Karte wieder zu: „Würden Sie sich bitte freundlicherweise bemühen, ihre Karte wieder das nächste Mal mitzubringen.“ In tiefen Sesseln versunken, eröffnete die Lady das Gespräch.
Sie: „Ist es nicht bedauerlich, dass wir all unsere Kolonien verloren haben.“
Master: „Wir Deutschen waren ja nicht gerade erfolgreich mit dem Kolonisieren.“
Sie: „Unverständlich für eine alte Lady, wie ihr Land so stark werden konnte. Fahren denn bei ihnen die jungen Burschen noch zur See? Ohne Seefahrt keine Macht.“
Nachdem dies geklärt war, erzählte sie mit großen Pausen, in denen sie kurz einnickte, Geschichten, wie sie auf  Tiger, Löwen und anderes gefährlich Getier tagelang die Flinte im Anschlag gewartet hat. „Große Kängurus sind am gefährlichsten“, klärte sie unseren staunenden Master auf, dessen Blick sich nicht von ihrer umfangreichen Büchersammlung losreißen konnte.
„Aber selbst ich gehe mit der Zeit“, setzte sie nach ihren Erzählungen schmunzelnd hinzu, „heute unterstütze ich den World Wildlife Fund. Diese jungen Städter wissen nichts über die zu schützenden Tiere. Sie wären leichte Beute für den edlen Tiger, den sie schützen wollen, da war doch der Hemingway ein anderer Bursche!.“

Im Alter von 101 starb Lady Adams in ihrem Schaukelstuhl, Sven Hedins „Mein Leben als Entdecker“ aufgeschlagen neben sich.

Bitte ganz vorsichtig gucken, es sei sehr wertvoll, meint meine Schwester, sie hat uns ein Knipsi zur Verfügung gestellt

Wir alle drei waren dabei, als über ihrem Grab der uralte Major, über den ich demnächst berichten werde, es sich nicht nehmen ließ, mit seinem antiken Vorderlader einen Schuss abzugeben, dessen Rückstoß auch ihn fast ins Grab befördert hätte.

Mit liiieben Grüßen vom kleinen Dorf am Meer Eure SiriFee

Pssssss…t, ich habe doch ein Foto, husch, bitte nicht verraten

Die Grosswildjägerin und der Alligator

Eure KnipsiSelma

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011