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Schlagwort-Archive: Adalbert von Chamisso

The Devil

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Der Teufel

Es braucht nicht viel analytischen Scharfsinns, um zu erraten, dass Gott und Teufel ursprünglich identisch waren, eine einzige Gestalt, die später in zwei mit entgegengesetzten Eigenschaften zerlegt wurde […] Es ist der uns wohl bekannte Vorgang der Zerlegung einer Vorstellung mit […] ambivalentem Inhalt in zwei scharf kontrastierende Gegensätze.

One doesn`t need much wits to see that god and devil have been identical originally, they have been one being that was divided in two opposed characters later. That is the well known process of dividing one ambivalent idea in two sharply contradicting poles.

Sigmund Freud

Nachdem unser Artikel über die Hölle teuflisch gut ankam, beschlossen wir Buchfeen, über den Teufel höchstselbst zu schreiben. Masterchen meinte nämlich, die Hölle sei ein Vergnügungspark, in dem der Teufel die Hauptattraktion darstellt. Und wenn man vom Teufel spricht, dann kommt er.

As our post about the hell was develishly successful we Bookfayries decided to write about the devil himself. Our Master`s comment: „The hell is a funfair in which the devil is the main attraction.“

Teufel1

Die Schiffsglocke wurde angeschlagen, Masterchen erhob sich, um die im Sommer stets etwas klemmende Tür zu öffnen.
“Haben Sie für zwei Nächte ein Zimmer frei?”, fragte sie, die wir Buchfeen gleich mit unserem besonderen Sinn als eine “blond beautiful bitch” erkannten. Aber, ach, unser Masterchen ist bisweilen so naiv! Das kommt wohl davon, wenn man seine Nase ständig in Bücher steckt. Zeit zum Warnen hatten wir keine, denn er bot nach beflissentlichem Zeigen des Zimmers auch gleich “tea for two” an, den er in unserem Wohnzimmer zu servieren gedachte. Bodenkultur pflegen wir dort, was bei diesem Gast mit kurzem roten Röckchen tiefe Einblicke versprach. Obwohl auf Teufelslist gefasst, waren auch wir fasziniert und konnten wie Masterchen unseren Blick nicht abwenden. An ihrem inneren rechten Oberschenkel war ein lustiges Teufelchen tätowiert, das seinen Dreizack auf die glatt rasierte Scham richtete.

Our ship`s bell was ringing and our Master got up to open our jammed door.
„Have you got a room for two nights?“ she was asking, she, who we Bookfayries immediately thought to be a „blond beautiful bitch“. But, oh dear, our Master is sometimes so naiv! We suppose that`s because he lives all the time in his bookworld only. It was too late to warn him because he offered her assiduously a tea for two. As we live on the carpet without table and chairs in our living room the tea on the floor would open quite some insights. Although we were expecting a devilish cunning, well, her skirt was short enough, we couldn`t stop gazing fascinated like our Master. We stared at that tattooed little devil on her right inner thigh who pointed his trident on her nicely shaved vulva.  

Teufelchen

Um Masterchen nicht vollständig Frau Teufel verfallen zu lassen, haben wir sie frei heraus befragt, was denn ihr Machtbereich sei.
“Wir Teufel herrschen über all die schönen, verlockenden, aufregenden Dinge der Welt. Dieser Ambrose Bierce hat es in seinem ‘Lexikon des Teufels’ ausgeplaudert, der Teufel wurde durch eine Frau auf die Erde geleitet. Er hat natürlich nicht gesagt, dass diese Frau sich von ihm emanzipierte und die bin ich.”
Als Masterchen, seinen Blick nicht von der Tätowierung wendend, William Blake zitierte “Der Weg des Exzesses führt zum Palast der Weisheit”, machten wir uns ernsthaft Sorgen.
“Er hat doch recht”, stimmte Frau Teufel zu, “es geht um das Ablegen irrationaler Schuldgefühle, darum, sich von unfruchtbaren Hoffnungen und Träumen zu befreien. Und überhaupt ziehe ich es vor, eine ehrliche Egoistin statt eine nette Scheinheilige zu sein.” Als sie dann noch sagte, dass der Teufel für Genuss statt Zwang, für Klugheit und Verantwortung statt Selbstbetrug stehe, hatte sie auch unsere Sympathien gewonnen. Immerhin ist der Teufel dem Naturwesen Pan verwandt, den wir Feen nahe stehen. Unsere Verwandtschaft zeigt sich schon darin, dass der Teufel bereits in vorchristlichen Jh.  wie wir mit Hautflügel ausgestattet wurde. Masterchen meint, das ginge auf China zurück. In unseren Kulturbereich tritt der Teufel als Flatterwesen wie wir Buchfeen erst im Mittelalter in illuminierten Handschriften und Fresken auf. Und seien wir doch ehrlich, ohne diese Teufel wäre die Welt langweiliger da so viel weniger lustig. Wir Feen können es gut mit den Teufeln. Stellt euch vor, wir würden euch nicht mehr zur Lust verführen – nicht nur, dass ihr dann aussterben würdet.

To prevent our Master to fall for Ms Devil we asked her what her domain of power is.
„Devils rule over everything that is the beautiful, exciting,  and alluring. Ambrose Bierce blabbed it in his satirical lexicon ‚The Devil`s Dictionary‘ that the devil was led to the earth by a woman. Of course, Bierce didn`t mention that this woman emancipated herself and getting free from Mr Devil. And I am this woman.“
When our Master quoted William Blake without turning his glance from that tattoo „the path of excess leads to the palace of wisdom“ we became really worried.
„You are right“, agreed Ms Devil, „it`s all about overcoming irrational guilt feelings and to free oneself from fruitless hopes and dreams. I prefer being an honest egotist to being a nice hypocrite.“ When she was going on that the devil stands for indulgence instead of constraint, for wisdom and responsibility instead of self-deception she had won our sympathy. And anyway the devil is related to nature-beings like Pan with whom we fairies are related as well. This connection shows in the wings that the devil has got like us already B.C.  Our Master told us this goes back to Chinese ideas, whereas in our culture area you will find the winged devils as us winged fairies in illuminated manuscripts and frescoes not before the middle ages. But anyway, without the devil our world would be less cheerful. Yes, we Bookfayries like the devils. And imagine we would not seduce you to live your desires – not only that you would become extinct …

Teufel Dor

The Devil by Gustave Doré (from John Milton`s „Paradise Lost“)

So vor sich hin sinnierend, hörten wir Masterchen eifrig fragen: “Stimmt es, dass der Teufel ein Spiel- und Zechkumpane des großen Boccaccio war? Er war dessen angeklagt worden, so las ich.” Worauf Frau Teufel erklärte, dass es immer, wo es um Lust geht, der Teufel sich erbarme, da die Engel, diese neutralen Langweiler, es wirklich nicht bringen würden, wenn auch einige neuerdings bei uns Nachhilfe in Sachen Verführung nehmen. “Aber eigentlich sind doch diese Engel Duckmäuser, die sich eher in die Hose machen, als sich gegen diesen autoritären Gott aufzulehnen und nicht einmal zu Orgien sind sie fähig, pah! Da hat doch der Teufel ein anderes Format”, fuhr Frau Teufel überzeugend fort, “er war Begleiter jenes Doktor Faustus, der in Krakau, Toledo und Salamanca lehrte. Marlowe und Goethe haben ihn unsterblich gemacht, diesen Mephisto, ‘ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft.’ Kann man nicht daraus folgern, dass Gut und Böse eh relativ sind?”

Musing like this we heard our Master devotedly asking: „Is that true that the devil was the playfellow and booze buddy of Boccaccio? This great poet was indicted to be the devil`s friend, I read.“ Ms Devil explained that the devils always have mercy if desire is involved because those boring angels are loosers who don`t get anything working. Newly some of them take private lessons in seducing in the devil academy. „But all in all those angels are sneaks who don`t dare to rebel against an authoritarian god. And they can`t even celebrate an orgy!  Well, the devils just show more style“, Ms Devil continued convincingly, „Mephistopheles was the tutor of the famous Doktor Faustus who taught in Krakow, Toledo and Salamanca. Marlowe and Goethe made him immortal. Well, this Mephistopheles who calls himself part of this power who wants the evil but produces the good. You see, good and evil is very relative, isn`t it.“         

The Devil (Lucifer)

The Devil – Lucifer the fallen angel as he is banned by god from the heavens (by Mihaly Zichy)

“Behaupten nicht einige, der Teufel sei das Gewissen, das den Menschen verfolgt und peinigt?”, fragte Masterchen jetzt ganz in seinem Element und wieder – endlich! – bei Sinnen.
“Das ist eine infame Verleumdung dieser Brillenschlange Otto Rank, die Freud dazu brachte, im Teufel auch das Vater-Imago zu sehen.” Nachdem sie ihre Tasse austrank, fügte sie so süß lächelnd noch hinzu: ”Die Volkskultur hat uns verstanden, der wir Teufel zum Trickster wurden, witzig gewitzt und zu jedem Streich aufgelegt.”
Und nun erinnerte sich Masterchen an seine Kindheit, als er kleine gläserne Teufelchen in einer mit Wasser gefüllten Flasche tanzen ließ, indem er den Korken auf und zu drehte. Immer, wenn er lieb war, bekam er ein anders farbiges Flaschenteufelchen geschenkt.

„Some folks claims the devil being the conscience that people hunts and afflicts“, said our Master now turning to his field of knowledge and – thanks the devils – in his right mind again.
„That is an infamous denial of this four-eyed Otto Rank who made Freud to see the father-imago in the devil.“ After she had finished her tea she added smiling so sweetly: „The folk culture did understand us right in making the devil to the archetype of the trickster, witty and funny and open for every trick.“
And suddenly our Master remembered his childhood when he played with this glass devils letting them dance in the bottle by loosing and tightening the cork. And always when he behaved well he got another coloured devil.

Hell is empty, devils are here
William Shakespeare „The Tempest“

Wir Buchfeen ließen die beiden alleine, sollten sie doch ihren Spaß haben. Unterdessen haben wir nachgeschaut, wo der Teufel in der Literatur eine Rolle spielt. Der Teufel hat so viele Autoren und nicht nur das, auch Musiker und Filmemacher, angeregt, dass wir euch hier nur jene Werke kurz vorstellen, die wir selbst gelesen haben.

Now we Bookfayries leave our Master and Ms Devil alone to amuse themselves. In the meantime we had a look at where the devil plays an important role in literature. But oh dear, the devil has inspired so many artist – not alone writers but musicians, film directors and painters too – that we only introduce those novels we have read.

The Devil - Liege

The Devil as Lucifer in the cathedral Saint-Paul de Liége/Belgium (credit: Luc Viatow, http://www.lucnix.be)

Adalbert von Chamisso: Peter Schemihls wundersame Geschichte (1813) – Peter Schlemilh: The Shadowless Man
die von dem Mann handelt, der seinen Schatten an den Teufel verkaufte. Warum der Teufel diesen Schatten haben wollte, das wissen nicht einmal Götter. Auf jeden Fall lesen wir unterhaltsam dargeboten, dass es sich ohne Schatten reichlich schlecht lebt.
The well written story is about a young man who sells his shadow to the devil. Why the devil is in need of the shadow is not explained but we read astonished how horrible it is living without a shadow. The tale is told partly in the tradition of the romantic fairy tales.

A. Chamissos Peter Schlemilh (deutsche Erstausgabe)

A. Chamissos Peter Schlemilh (first edition)

E.T.A. Hoffmann: Das Elixier des Teufels (1815/1816) – The Devil`s Elixiers
Der Vorfahre eines Mönches hatte eine Beziehung zu einem Teufelsweib, wodurch Medardus, der dazu noch vom Elixier des Teufels probiert hat, verdammt ist, viele seiner Verwandten ins Unglück zu stürzen. Schön schaurig im romantischen Stil erzählt wie alle Erzählungen Hoffmanns.
This novel is based on a highly complicated plot as in the end everyone is related to everybody. Anyway an ancestor of the monk Menardus had a relationship to a female devil. Medardus, the custodian of the devil`s elixiers tries a little of those and immediately is condemned to kill most of his relatives or make them very unhappy. It is the classic gothic novel of the age of romanticism well told like all tales of Hoffmann.

Nicolai Gogol: Das Bildnis (1842) – The Portrait
Kurt Tucholsky hat diese Geschichte in der “Weltbühne” (Jan. 1921) beschrieben. Kurzum hier geht`s um ein Bildnis, das einem armen Künstler zu Ruhm und Geld bringt, ihn aber letztlich zugrunde richtet. Wie Peter Schlemilh lautet auch hier die Moral von der Geschicht`: Reichtum macht nicht glücklich.
The famous German writer Kurt Tucholsky did review this story in 1921. In short it is all about a portrait, as the title says, which makes a poor artist famous and rich but in the end produces his downfall. Actually quite a romantic clischee but well written. Like in Peter Schlemilh`s story is the moral of this tale: being rich does not make you happy. 

Jan Potocki: Die Handschrift von Saragossa (1847) – The Manuscript Found in Saragossa
Das ist einer verrücktesten, klügsten enzyklopädistischen Romane, die wir in Masterchens Bibliothek fanden. Es ist umwerfend und gut gemacht, wie Potocki das Wissen seiner Zeit in einen spannenden und sehr dicken Roman aufarbeitet. Ehrlich, ein Geheimtipp von uns.
This is one of the most mind blowing book we found in our Master`s library. This encyclopedic, sophisticated novel is worthwhile reading although it is very long and has many footnotes too. But Potocki succeeds to pack all the knowledge of his time in one thrilling novel.  An insider`s tip especially for those who are interested in esoteric knowledge and, of course, you will meet the devil there as well.

Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita (1940) – The Master and Margarita
Der mächtig von der Zensur gekürzte Roman ist eine Satire auf das Leben in Moskau. Einige zählen diesen Roman zu dem wichtigsten in Russland des 20.Jh. Hier hat der Teufel eine positive, erlösende Funktion.
We were not that impressed by this novel which is praised as one of the most important Russian novels in the 20th century. The text is very much shortened by Russian censorship and is a satire set in Moscow.

Thoma Mann: Doktor Faustus (1947) – Doctor Faustus
Obwohl wir Thomas Mann Fans waren, hatten wir mit diesem Roman über Musik schon immer Schwierigkeiten. Nicht nur, dass das Thema Musik für uns zu langatmig ausgeführt wird, sondern auch das der Stil einfach zu geschraubt künstlich ist. Es fehlt völlig die ironische Leichtigkeit des früheren Joseph-Romans, die wir bei Mann so lieben.
Although we have been admirers of Thomas Mann we always had our problems with this novel about modern music. Not only that the topic music is too lengthy written about for our taste, also the style is superficial and maniristic. This novel lacks the ironic lightness of the earlier written novel about Joseph and his brothers. Maybe when the devil is involved even Thomas Mann looses his easy irony. 

Und nicht vergessen Goethes Drama „Faust“, die dramatische Geschichte, die der deutsche Intellektuelle Heinrich Faust mit Mephisto erlebt. Mephisto ist Fausts alter Ego, dieser Teufel, der in jedem von uns wohnt und so oft verdrängt und dadurch gestärkt wird.
In the German literature the most important text about the devil is Goethe`s „Faust“, the story of an intellectual and his adventures with Mephistopheles (influenced by the Renaissance-drama of Christopher Marlowe). Mephistopheles is Faust`s alter ego, this devil living in everyone of us and is often made powerful by repression.

Christopher Marlow`s "Faust", first edition, 1620

Christopher Marlowe`s „Faust“, first edition, 1620

Da ihr die ihr die letzten beiden Titel sicher vom Film her kennt, brauchen wir wohl nichts dazu schreiben:
As you surely know those two titels from films we don`t need to write about those:
Ira Levin: Rosemary`s Baby
William Peter Batty: The Exorcist

Zum Schluss noch eine Geschichte, die ich gerade in Vargas Llosas Roman „Tante Julia und der Kunstschreiber“ las: Ein Mann erschreckt als Teufel verkleidet seinen Freund, der ihn in Panik erschlägt. Der Freund kommt nun als Teufel verkleidet in sein Dorf, wo er von einer Gruppe von Bauern erschlagen wird. Könnt ihr euch vorstellen, wie die Geschichte weiter geht? Klar, nun treten diese Bauern als Teufel auf. Der Held des Romans, ein verhindeter Schreiberling, überlegt sich, wie es wäre, wenn „der richtige Teufel“ zwischen all den verkleideten Teufel erscheinen würde. Diese Geschichte schrieb er allerdings nie.

Last not least a story I just read in Vargas Llosa`s novel „Aunt Julia and the Scriptwriter“: A man frigthens his friend for fun disguised as the devil. The friend slays him panicking and now it is him who comes in his village disguised as the devil where he is slain by a group of peasants. I suppose you guessed already how the story goes on. You are right, now those paesant appear in disguise of the devil. The hero of this novel, this unsuccessful scriptwriter, thinks about what would happen if the real devil would appear among all the disguised ones. But he never wrote this story.

Wir wünschen euch allen einen teuflisch guten Tag. Liebe Grüße und übrigens „dilige et quod vis fac“ (liebe und tue, was du willst), denn wir sagen mit Goethe (Faust) „uns plagen keine Skrupel noch Zweifel, fürchte mich weder vor Hölle noch Teufel“.
We wish you all a happy day and remember this old Latin saying „dilige et quod vis fac“ (love and do what thou willt) as we say quoting the German poet Goethe: „we are neither afflicted by qualms nor doubts, we do not fear neither hell nor the devil“.
Siri und Selma, die höllisch guten Buchfeen 🙂 :-), die jetzt erstmal einen Kaffee trinken, heiß wie die Hölle und schwarz wie der Teufel 😉

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Bjarni Bjarnason

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Bjarni Bjarnason „Die Rückkehr der Jungfrau Maria“

Ein bezauberndes, wunderschönes Buch: klug, unglaublich wild und sehr, sehr menschlich.
Roddy Doyle

Bjarni Bjarnason „The Return of the Divine Mary“
What an enchanting, stunning book: sophisticated, incredibly wild and very, very human. (Roddy Doyle)

Bjarnsason, Photo: Hanne Siebers

Hi, ihr Lieben, wir Buchfeen können euch sagen, bisweilen haben wir unter Masterchens Leseanfällen zu leiden. Dina hatte ihm „Die Rückkehr der Jungfrau Maria“ mitgebracht, da er isländische Literatur liebt. Wie er uns erzählte, schrieben diese Wikinger-Nachfahren nicht nur Sagas und grausame Krimis. Er schwärmte von dem Nobelpreisträger Halldòr Laxness, wohl weil er über „Die Islandglocke“ vor ewigen Zeiten eine Proseminararbeit geschrieben hatte, in der er dieses Werk als Schelmenroman betrachtete, der stellenweise an Grimmelshausens „Die Abenteuer des Simplizius Simplizissimus“ erinnert. Naja, und „Die Rückkehr der Jungfrau Maria“ besitzt auch diese schelmenhaften Züge, wie er in Rezensionen gelesen hatte.
Aber dass er gestern ohne Unterbrechung diesen völlig verrückten Roman mit vor Begeisterung geröteten Wangen in einem durchlas, das hat uns doch geschockt. Wir waren Luft für ihn – voll gemein!
Als er heute Morgen unsere liebe Dina zum Flughafenbus brachte, haben wir schnell in diesen Roman geschaut und, oh Schreck, wir konnten ihn nicht weglegen.

Dear Readers, we can tell you, sometimes we have to suffer from our Masters reading excesses. Dina gave him „The Return of the Divine Mary“ because he fancies Icelandic literature very much. He told us those decendants of the wild Vikings not only wrote Sagas and cruel crime stories. He adored the literary Nobelprice winner Halldòr Laxness about whom he wrote a paper a long time ago in which he saw this book in the tradition of picaresque novels. Well, and „The Return of the Divine Mary“ is quite picaresque as well, as he had read in reviews before. But we weren`t amused that he read enthusiastically through this novel in one go yesterday. We have been non existant for him – really bitchy!

Gleich zu Beginn bemerkt die Jungfrau Maria, dass sie wie in „Peter Schlemilhs wundersame Geschichte“ von Adalbert von Chamisso keinen Schatten mehr besitzt. Aber nicht, dass sie ihn wie Schlemilh dem Teufel verkauft hätte, sondern er ist einfach nur so weg. Und nicht nur das, ihre Kleider werden bisweilen durchsichtig, was für Aufregung gerade beim Sex auf dem Hochseil führt, auf Fotos ist sie nicht mehr zu erkennen und alle Unterlagen über sie sind verschwunden.

Just at the beginning the divine Mary is noticing not having a shadow any more like in the romantic German novel of Peter Schlemilh (by Adalbert von Chamisso) who sold his shadow to the devil. But she didn`t sell her shadow to anybody, it just happened and not only that, her clothes became transparent on occasions like sex on the high wire, on photographs she can`t be acknowledged any more, and all documents of her are vanished.

»Das ist ja seltsam, ich habe mich bisher im Spiegel gesehen. Sie probierte es mit einem anderen Spiegel, aber ohne Erfolg. Sie schaute auf ihre Hände, an ihrem Körper herunter – alles von ihr war da, genauso sichtbar wie immer. Was war geschehen ?
Vielleicht bin ich in dem Moment gestorben, als ich in die Pubertät kam, und jetzt bin ich ein Geist.
Sie begann, nach ihrer eigenen Leiche zu suchen, aber die war nirgends. Und ihr Spiegelbild erschien nicht, wie sehr sie auch versuchte, den Spiegel zu überlisten.
Ich muss für alle unsichtbar geworden sein, außer für mich selbst.«
(Auszug aus dem Roman)

Sorry, but we don`t feel able to translate this paragraph of this novel. But we tell you what it is about:
Mary looks into a mirror and notices that there is no reflection of her although she can see herself clearly. She thinks she may have died and is transformend into a ghost. She searches for her dead body but in vain.

Bjarni_Bjarnason

Bjarni Bjarnason ist kein unbekannter Autor. Er veröffentlichte 17 Bücher bislang, von denen seine ersten stilistisch ein wenig an Thomas Mann erinnern. Er wurde mit isländischen Literaturpreisen überhäuft, aber dieser, sein zwölfter Roman, ist der Clou. Wir finden ihn abgedreht, zauberhaft und fulminant fantasievoll, dabei erotisch und so skurril, wie man es von der isländischen Literatur erwartet. Dabei ist der Roman leicht zu lesen, ideenreich und der Böse ist der Bischof – obwohl Bjarnason zum Katholizismus konvertierte. Dazu ist noch, wie bei wenigen Romanen, das Ende überzeugend. – Aber mehr verraten wir euch nicht.

Bjarni Bjarnason is a successful author. 17 books of him are already published and he collected quite some awards for his literature. The style of his earliest novels remind us on Thomas Mann. „The Return of the Divine Mary“ is his 12th  novel and we think it`s his best. It`s enchanting, crazy, full of ideas, erotic and the evil guy is the bishop – although Bjarnason converted to catholicism. Last not least the ending of this book is convincing. But we don`t reveal more.

Hier könnt ihr euch die ersten Seiten dieses genialen Romans vorlesen lassen, aber ACHTUNG Suchtgefahr!

If you click here the beginning of this novel is read to you – but sorry in German only (we couldn`t find the English version)

Ganz liebe Grüße und Feenhauch für euch alle
Love to all of you and have fun
eure fröhlichen Buchfeen Siri und Selma

Siris Lieblingszitate, Voltaire

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Siris Lieblingszitate, Voltaire

Na heute knuddeln sich ja die literarischen Gedenktage:

Voltaire und Pasternak, welche Mischung, haben ihren Todestag und Adalbert von Chamisso feiert, in welchen Welten auch immer, seinen 230. Geburtstag. [hier muss sich unbedint der strenge Master einschalten, Siri hat sich wohl heute Morgen nicht ihre Brille geputzt oder schielt sie? Oh je, Voltaire und Pasternak starben zwar am gleichen Tag, aber am 30.5.,  Chamissos Geburtstag ist jedoch wirklich heute – Happy Birthday! Da mir aber auch das Zitat so gut gefällt, lassen wir es einfach stehen und ein bisschen über Pasternak zu wissen schadet ja auch nicht. Siri entschuldigt sich, sie ist völlig flügellahm am Boden zerstört, heul heul …]

Verwendet nie ein neues Wort, sofern es nicht drei Eigenschaften besitzt:
Es muss notwendig, verständlich und wohlklingend sein

Dieses Zitat stammt von dem einflussreichsten Aufklärer Europas, nämlich Voltaire, der sich zweieinhalb Jahre in England aufhielt und England als Wiege des parlamentarischen Systems bewunderte. Er besuchte auch Friedrich II. von Preußen in Potsdam, wo er aber schnell wegen windiger Bankgeschäfte und seiner spitzen Zunge in Ungnade fiel.

Boris Pasternak veröffentlichte nur einen Roman, der ihn jedoch weltberühmt machte: „Doktor Schiwago“. Ansonsten schrieb er Lyrik und übersetzte. Bekannt wurde er durch seine Übertragung von Goethes „Faust“ und seine Shakespeare-Übersetzungen. Pasternak sprach fließend deutsch, da er u.a. in Marburg studiert hatte.
Den Nobelpreis für Literatur 1958 musste er aus politischen Gründen ablehnen.

Adalbert von Chamisso war ein Reisender, ich würde ihn als „den ersten Weltbürger“ bezeichnen. Er nahm an der Weltumsegelung unter Otto von Kotzebue teil, kartografierte dabei einen Großteil der Küste Alaskas, beschrieb ihre Flora und die Lebensweise der Inuit. Das Wort „Parka“ führte er in die deutsche Sprache in seinem Buch „Reise um die Welt“ ein. Und wisst ihr auch, dass es eine Chamisso-Insel gibt, die nach ihm benannt ist?
Allerdings wurde euch sicher Chamisso (wie bei uns in der Feenschule) als typischer Romantiker vorgestellt, der in Berlin in deren Kreisen verkehrte und der den Peter Schlemihl erfand, den Mann, der seinen Schatten verkaufte. Habt ihr diese Märchenerzählung auch in der Schule gelesen? Der Master steht auf den Kunstmärchen der Romantik, bes. die von Chamisso, E.T.A. Hoffman und Ludwig Tieck (Empfehlung: Tiecks frühromant. Kunstmärchen „Der blonde Eckbert“)

Einen feinen Tag euch
Siri Buchfee