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Where Time Becomes Space

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Siri + Selma

Siri + Selma

If time and space are curved where do all the straight people come from?
Writing on the wall, London

Die Infanteriekaserne in Gamlebyen, Fredrikstad, erbaut 1773-1777 von Hans Christopher Gedde.
Barracks of the infantry at Gamlebyen, Fredrikstad, built from 1773 to 1777 by Hans Christopher Gedde.

Sie ist auf den ersten Blick ein gewöhnliches Gebäude, das sein Geheimnis erst auf den zweiten Blick enthüllt. Die Kaserne ist ein gebautes Symbol für die Zeit. Wie so häufig bei Symbolen nehmen wir sie erst wahr, wenn wir verweilen. Masterchen meint, wir hätten den Blick für die Symbolik unserer Umwelt verloren, wodurch sie zu einem beliebigen Ding geworden wäre, das eindimensional unter Aspekt des Nutzens wahrgenommen wird. Kurzum, ohne ein Bewusstsein für die uns umgebende Umwelt entgeistigen wir sie.

At the first glance it`s quite an ordinary building which reveals its secret not before the second glance. These barracks symbolizing  time. As often we perceice symbols not before we pause for a longer look. Our master explains: „We lost our ability to see symbols. Therefore our surroundings became arbitrary and we behold it onedimensional under the aspect of its profit – in short, without a conciousness for its symbolic value we de-spiritualize our surroundings.“ 

Alle folgenden Fotos stammen von dieser Kaserne in der Altstadt von Fredrikstad. In dieser Stadt Südnorwegens steht nicht nur diese ungewöhnliche Kaserne, hier wurden Dina, Edvard Munchs Mutter und Roald Amundsen geboren, Leonard Cohen und Marianne sind dort gewesen wie ebenfalls Axel Jensen.

The following pictures are taken of these barracks in the old town of Fredrikstad. In this town in southern Norway you will find not only this extraordinary barracks, Dina is born here as well as Roald Amundsen and the mother of the painter Edvard Munch, Leonard Cohen and Marianne have been to Fredrikstad and Axel Jensen too.

DSC_0120 Kalenderkaserne, Gamlebyen, Fredrikstad Foto: Hanne  Siebers

Die Kaserne ist wie ein Kalender aufgebaut: Sie zeigt 4 Tore und Flügel für die Jahreszeiten, 12 Schornsteine für die Monate, 52 Zimmer für die Wochen, 365 Fenster für die Tage, 24 Scheiben in jedem Fenster für die Stunden und 60 Türen für die Minuten. Wir Buchfeen haben  jedoch genau hingeguckt und müssen euch sagen, dass man bei den Fenstern gemogelt hat. Es war wohl aus statischen Gründen unmöglich, so viele echte Fenster unterzubringen und so hat kurzerhand einige Fenster auf die Fassade gemalt, so dass die Zahl 365 erreicht wurde.
Hier wurde die unfassbare Zeit zu fassbaren Raum. Ein wenig erinnert sie uns an einen Adventskalender, doch die sind ja viel schöner und einfacher, wenn sie in ihrer viktorianischen Form Gebäude mit 24 Fenster und Türen für die Tage bis zum Hl. Abend abbilden.

These barracks are built like a calendar. There are 4 gates and wings for the seasons, 12 chimneys for the months, 52 rooms for the weeks, 365 Windows for the days, 24 panes in each window for the hours, and 60 doors for the minutes. We Bookfayries checked this and found out a sham. For statical reasons it was impossible to build so many real windows and therefore some windows are just painted on the wall.
The intangible time became a tangible space here. This reminds us on advent calendars showing quite often buildings with 24 windows and doors for all the December days to Chrismas Eve – but those are more beautiful although simpler.

DSC_0105

faked windows

Unsere Alltagserfahrung lässt uns annehmen, die Zeit sei eine Abfolge von Ereignissen, also eine Veränderung, so wie es Martin Suter in seinem Roman „Die Zeit, die Zeit“ unterhaltsam komisch beschreibt. Wir sehen die Zeit also als eine Bewegung im Raum wie in dem berühmten Lenin-Zitat zum Materialismus

In der Welt existiert nichts als die sich bewegende Materie, und die sich bewegende Materie kann sich nicht anders bewegen als in Raum und  Zeit

Klar doch, wenn wir auf die Uhr schauen, sehen wir eine Bewegung (weil wir mechanische Uhren lieben)!

Our everyday experience let us think time as a series of events, as a change like Martin Suter describes it so entertaining and funny in his novel „The Time, the Time“. We consider time as movement in space like in the famous Lenin quote about materialism
There exists nothing as matter that moves, moving matter can only move in time and space
Of course, if we look at our watch, we see a movement (well, we like machanical watches)!

Diese scheinbare unlösbare Verbindung von Raum und Zeit wollte die Architektur dieser Kaserne dem damaligen Infanteristen vermitteln. Im Grunde war dies nichts Neues, denn bereits die Pyramiden und die Menhire der Megalithkultur verbanden Raum und Zeit miteinander, da sie, wie viele vermuten, als Kalender angelegt waren, um Aussaat- oder Erntezeiten zu bestimmen. Was jedoch in den Megalithkulturen dynamisch in der sich auf einen gewissen Punkt hin bewegenden Sonne ausgedrückt wurde, erstarrte im Absolutismus zu einem toten Prinzip. Diese Kaserne drückt das hierarchische Prinzip, aber nicht die Dynamik der Zeit aus. Man könnte fast denken, Aldous Huxley sei von dieser Kaserne inspiriert worden, als er seinen nie geschriebenen Roman über den Stillstand der Zeit „When Time Comes to a Standstill“ kurz vor seinem Tod plante.

The archicture of these barracks wanted to teach the soldiers this seemingly inseparable connection of time and space. That wasn`t that original because the pyramids and the menhirs of  the megalithic culture did also connect time and space by being designed as calendar too for giving the times for sowing and harvesting. But this cultures expressed a dynamic view of time because their buildings were directed on the movment of the sun or stars (as seen from the earth) whereas during absulotism time became a fixed principle. These barracks express this hierachical rigid ideas of those times. One could almost think Aldous Huxley has been inspired by these baracks when he was planning his never written novel „When Time Comes to a Standstill“ shortly before dying.

DSC_0074Kasernen Gamlebyen Fredrikstad Foto: Hanne Siebers

detail of calendar-barracks

Ist die Zeit eine bewusst wahrgenommene Abfolge von Ereignissen, entsteht der Eindruck einer Richtung der Zeit und wo es eine Richtung gibt, gibt es einen Raum. Allerdings stellten sich Philosophen und Physiker seit der Antike die Frage, ob Zeit und Raum erst durch das menschliche Bewusstsein erschaffen wurden oder ob sie unabhängig von der menschlichen Wahrnehmung existieren. Die moderne Biologie sieht zumindest Zeitbegriff als durch die Evolution entstanden an.

Perceiving time as a series of events make us think of a direction of time and direction means space. Philosophers and physicist ask the question if the concept of time and space is either a product of the human consciousness or if time and space exist independently of perception. Modern biology considers at least the concept of time as a product of evolution.

DSC_0082 Kalenderkaserne Gamle Fredrikstad, Foto: Hanne Siebers

view from calendar-barracks to the old town of Fredrikstad

Für den etwa 50 Jahre vor diesem Bau gestorbenen Isaac Newton bilden Raum und Zeit eine Art Behälter für Ereignisse. In seinem Sinn stellt diese Kaserne ein Abbild dieses Raum-Zeit-Behälters dar, also einen Ort, von dem Ereignisse ausgehen. Gemäß des mechanistischen Weltbilds der damaligen Zeit hätte keine passendere Struktur für eine Kaserne gewählt werden können.

Isaac Newton, who died about 50 years before these buildings were built, described time and space as a container for events. In his respect the barracks are like this container, a place from which events start. Following the mechanistic view of those times one could have chosen not a better structure for  barracks. 

Der Aufklärer Immanuel Kant sieht Zeit und Raum als eine uns Menschen gegebene grundlegende Wahrnehmungsstruktur an. Zeit und Raum gehören für ihn zu den Bedingungen der menschlichen Welterkenntnis, die jeder durch seine Erfahrung kennt. Da wir den Raum erleben, indem wir uns in ihm bewegen und Bewegung zeitlich gebunden ist, erfahren wir den Raum nie ohne Zeit und umgekehrt. Genau das verdeutlicht dieses Gebäude, das zu Kants Lebzeiten gebaut wurde, und dem man einen pädagogischen Impetus unterstellen darf. Kasernen dienten u.a. der Volksbildung, nur das diese normalerweise nicht durch die Architektur vermittelt wurde.

In the age of enlightenment Immanuel Kant sees time and space as a basic structure of human perception. Knowledge is bound on time and space as we perceive space by movement and movement means time and vice versa. The barracks, which were built at Kant`s lifetime, show that clearly and one sees immediately their educational aspect. Barracks served the education of the masses.

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Gapestokken – the pillory of the barracks

Wer am Pranger steht, weiß, das ist ein Ort, an dem die Zeit sich dehnt. Spiegelt die Architektur der Kaserne eine erstarrte, sozusagen absolutistische Zeit wider, so ist der Pranger der Ort, an dem die subjektive Zeit erlebt wird. Ein halber Tag am Pranger mag wie die Ewigkeit wirken.

The pillory is the space where time becomes elongated. The architecture of these barracks reflect a rigit absulotistic or objective time whereas the pillory is the space where one experiences the subjective time. Half a day slot in the pillory may feel like eternaty.

Wurden historisch gesehen oft Zeit und Ort als separate Begriffe verstanden, so ist dies zwar für unsere Alltagserfahrung zutreffend, aber bei Annäherung an die Lichtgeschwindigkeit gilt dies nach Einsteins Relativitätstheorie nicht mehr. In dieser Situation bedingen sich Zeit und Ort eines Ereignisses stets gegenseitig. Der Ort des Prangers bedingt die Zeit, wird uns jeder berichten können, der damals zu dieser Erfahrung gezwungen wurde, obwohl von Lichtgeschwindigkeit hier keine Rede sein kann – außer dem Wunsch, dass mit Lichtgeschwindigkeit die Zeit an diesem Ort verstreichen möge.

Time and space were mostly seen as separated in our past which applies to our everyday experience. But if we would accelerate to reach the speed of light this is not correct any longer, as Einstein`s theory of relativity tells us. In such a situation time and space are closely interrelated. The pillorary as a space has its own time although there is no velocity of light involved besides the wish that time may fly by with highest speed possible.

DSC_0159 die Kalenderkaserne Gamlebyen Fredrikstad Foto: Hanne Siebers

side entrance – today the barracks are used by alternative therapists (healing after fighting ;-)) and you find a coffeebar there

Das Zeit- und Raumgefühl, die Gedanken und insgesamt das menschliche Bewusstsein erscheinen stets gemeinsam, sie sind untrennbar miteinander verknüpft. In unserem Alltagsbewusstsein meinen wir das subjektive Zeit- und Raumgefühl, wenn wir von Zeit und Raum reden. Die Vorstellung einer objektiven Zeit und eines objektiven Raums, wie sie in diesem Gebäude vermittelt wird, basiert auf einem Streben nach Sicherheit, Kontinuität und unwandelbaren Strukturen.

Our feeling for time and space, our thoughts and consciousness are inseparable. If we talk about time and space in everydaylife we mean a subjective feeling of both. The concept of an objective time and space like in those barracks is based on a pursuit of security, continuity, and unchanged structures.  

Liebe Leser, dies waren unsere Einfälle, als wir Dinas Fotos von dieser Kaserne sahen, ein Gebäude, das wir, ehrlich gesagt, ziemlich autoritär finden. Aber Buchfeen haben eh nichts mit Kasernen und Militär am Hut. Wir fanden es jedoch spannend, uns angeregt durch Masterchen mit dem Raum-Zeit-Problem ein wenig zu beschäftigen, wir hoffen ihr auch.

Dear readers, those were our thoughts seeing Dina`s pictures of this military building that is considered as one of the finest in Northern Europe, a building that seem to us very autoritarian. But Bookfayries don`t like barracks and military anyhow, it`s not their world. It was fun to think about time and space inspired by our master. We hope it was fun reading this post for you as well.

Liebe Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer
Greetings and Love
Siri und Selma, Buchfeen 🙂 🙂

Axel, Marianne, Leonard

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Das Wort normal verursacht mir Erstickungsqualen. Ich muss an andere unheimliche Worte denken wie gemeinsamer Nenner oder Lochkarte.
Axel Jensen „Ikaros“

The word normal makes me suffocate. It reminds me on other eery words like common denominator or punchcard.

Könnt ihr euch an Leonard Cohens Song „So long, Marianne“ erinnern?
Do you remember „So Long, Marianne“ by Leonard Cohen?

Drei Jahre zuvor (1964) hatte Cohen seinen viel beachteten Gedichtband „Flowers for Hitler“ nicht nur dieser Marianne gewidmet, sondern in ihm auch zwei Gedichte „For Marianne“ und „Waiting for Marianne“ aufgenommen. Wer war diese Marianne?

Cohen had dedicated his much discussed book of lyrics „Flowers for Hitler“ three year before that song, but not only that, you find in this book two  poems „For Marianne“ and „Waiting for Marianne“. Who was this Marianne?

Marianne war die Freundin und spätere Frau des norwegischen Autors Axel Jensen, die heute in Oslo lebt. Sie war mit Jensen nach Hydra in Griechenland gegangen, wo die beiden sich mit Leonard Cohen befreundeten, eine Freundschaft, die bis über Jensens qualvollen Tod (2003) anhalten sollte. Cohen wurde in Hydra Mariannes Liebhaber und Jensen der Liebhaber von Cohens Freundin Lena.
Es wird vermutet, dass die Figur Lorenzo in Jensens Roman „Joacim“ Cohen nachgebildet wurde.

Marianne was the girl friend and later wife of the Norwegian author Axel Jensen. She lives today in Oslo but in the sixties she went with Jensen to Hydra, the Greec Island, where the couple became soon friends with Leonard Cohen, a friendship that should last beyond Jensens agonizing death in 2003. Cohen became Marianne`s lover and Jensen the lover of Cohens Girl friend Lena.
It`s assumed that the literary figure of Lorenzo in Jensens novel „Joacim“ was modelled after Cohen.

Mit hat es verwundert, dass mich erst Dina auf diesen norwegischen Autor aufmerksam machte, denn er und ich haben einiges gemeinsam. Wir beide trafen Cohen und Marianne. Jensen beschreibt in seinem lesenswerten Road-Roman „Ikaros“, der dieser Marianne gewidmet ist, eine Reise nach Tamanrasset/Sahara, die ich etwa zehn Jahre später unternahm, außerdem hat er sich wie ich eingehend mit Gurdjieff beschäftigt, über den er kurz vor seinem Tod die Biografie „Guru – Glimpses from the World of Gurdjieff“ schrieb. Doch leider sind Jensens Bücher in Deutsch nur noch antiquarisch zu erhalten, obwohl die englischsprachige Literaturkritik ihn mit Allen Ginsberg und William Burroughs vergleicht.

I was quite astonished that I hadn`t heard of Jensen before Dina mentioned him to me commenting we have much in common. We both met Cohen and Marianne. Jensen describes in his novel „Ikaros“ – worth reading! – his journey to Tamanrasset/Sahara, a book that`s dedicated to Marianne. This journey I made about ten years later. Furthermore he studied like me  Gurdjieff and wrote the book „Guru – Glimpses from the World of Gurdjieff“ shortly before his death. Jensen`s books are compared with the writings of Allen Ginsberg and William Burroughs by critics.   

Ich. Ja, wer ist das eigentlich, ich?
Axel Jensen „Ikaros“

I, well who is that, this I?

Axel Jensens „Ikaros“ ist ein erotischer Road-Roman, der mir auf Anhieb gefiel, mehr noch als Kerouacs Klassiker „On the Road“. Jensen nimmt sich Zeit bei der Beschreibung von Stimmungen, die nie langweilig wirken. Der Roman erzählt streng linear in der Ich-Form ein spannend zu lesendes Abenteuer, wobei er sich jedes romantischen Klischees enthält. Wie bei allen frühen Romanen von Jensen – später schrieb er SciFi-Literatur – endet das Abenteuer statt in der Befreiung im Desaster.
Mir hat an diesem Roman speziell die unaufdringliche spirituelle Dimension gefallen, die an Ouspensky (der im Roman kurz erwähnt wird) und Gurdjieff erinnert. Ich verleihe ihm das Prädikat „sehr lesenswert“.

Axel Jensen`s „Ikaros“ is an erotic road-novel I immediately liked. Actually I prefer it to Kerouacs classic „On the road“ which is too speedy for my taste. Jensen takes his time describing the atmosphere very vivid without becoming boring. The novel is written in a linear way from the perspective of the literary I. It`s a fascinating adventure to read as he avoids romantic clichees. This adventure does not end in freedom but in desaster like in all the early novels by Jenesen – later he wrote SciFi-literature.

Die Hoffnung ist in dem wunderbaren Boden zu finden, welche der Blume des Bewußtseins Wachstum verleiht.
Axel Jensen „Ikaros“

Hope is to be found in the miracolous earth which makes the flower of consciousness grow.

Mit herzlichen Grüßen aus meiner Bibliothek
Love to you all from my cozy library
Klausbernd

Pictures courtesy to Leonard Cohen from his Marianne-Files and to Hanne Siebers for the collage opening into a picture gallery.

Traumhaft

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Wo der Traum verschwindet, verliert das Ding sein magisches Vermögen. Es hört auf, ein Symbol zu sein, ein Bild von etwas in deinem Inneren. Es gehorcht dem Gesetz der Schwere und fällt zurück in den Staub, zurück in die Reihe der Trivialitäten.
Axel Jensen „Ikaros“

Where dreaming is gone everything looses its magic.  It stops being a symbol, a picture of something in your inner self.  Everything will follow gravitation and fall back into dust, into trivialities.

Ursula-ABTD

Ihr könnt es euch kaum vorstellen, welche Überredungskunst von uns Buchfeen nötig war, um Masterchen dahin zu bringen, uns etwas über Traumdeutung zu erzählen. Kaum zu glauben, da er doch seit Jahren zu den europaweit führenden Spezialisten für Traumsymbolik gehört. Auf der anderen Seite können wir verstehen, dass er traumabgesättigt ist. Mindestens einmal wöchentlich ruft eine Zeitschriftenredaktion an, die wegen eines Interviews zum Traum anfragt. Er stöhnt: „Immer die gleichen Fragen“. Aber zu unserer Verblüffung hält Masterchen unsere Artikel auf dem Buchfeenblog hier erstaunlicherweise für eine höhere Form der Traumdeutung. Da staunt ihr – wie wir. Er erklärt ausschweifend: „Es gibt individuelle und kollektive Träume. Wie wir wahrnehmen entspricht einem Traum. Da ist es egal, ob wir eine Landschaft sehen oder einen Roman lesen. Der auf Bildern stets etwas unwirsch dreinschauende spanische Barockdichter Calderon de la Barca meinte eh, das gesamte Leben sei ein Traum und stand keineswegs allein mit seiner Meinung da, die weit vor ihm der chinesische Philosoph Zhungzi im 4. Jh. vor unserer Zeitrechnung in seinem berühmten Schmetterlingstraum andeutete.“

You wouldn`t believe it how much effort it took to make our Master telling us something about dreams. We didn`t expect this as our Master has been one of the leading specialists about dream symbols in Europe for many years – and he still is. Well, we Bookfayries can actually understand him being dream-saturated as at least once a week some magazine is asking for an interview. And then always the same boring questions are asked. On the other hand our Master believes that our Bookfayrie-Blog here is a higher form of dream interpretation. Wondering why, he explains that there exist those individual dreams as well as collective dreams. Every perception is a kind of a dream. When we read a novel, see a landscape or people that`s all dreamlike he explains. Well, he continues that in Baroque the Spanish author Calderon de la Barca coined that phrase of our life being a dream. What actually wasn`t such a new idea. The Chinese philosopher Zhungzi expressed a similar thought in his famous dream of the butterfly already in the 4th century B.C.

Amor-ABTD

Wir konnten Masterchen endlich bezirzen, indem wir betonten, welch wichtige Rolle doch der Traum in der Weltliteratur spielte und noch immer spielt. Zum Glück fanden wir in unserer Bibliothek die Anthologie „Träume in der Weltliteratur“, um ihn mit Beispielen von Jorge Luis Borges, den er sehr liebt, Dylan Thomas, Nelly Sachs, Trakl, Tucholsky und Kafka, Karl Kraus und Else Lasker-Schüler und vielen anderen zu erschlagen.

In the end we could convince our Master by mentioning what an important role dreams played in literature. We reminded him of Jorge Louis Borges (one of his favourite authors), Dylan Thomas, and of course Shakespeare and Blake as well as Coleridge and Keats, and all the modern authors like Rose Tremain and Kazuo Ishiguro.

Faust-ABTD

Da Masterchen interviewroutiniert ist, stellten wir ihn Fragen, in der Hoffnung euch die Quintessenz der Traumdeutung präsentieren zu können.
As our Master is used being interviewed we asked him the following questions hoping he would talk about the gist of understanding dreams.

Siri und Selma: Was zeigt uns ein Traum?
Siri and Selma: What does a dream tells the dreamer?
Masterchen: Er setzt stets ins Bild, was zu viel oder zu wenig ist, den Mangel oder den Überschuss des Träumers.
Master: Our dreams are presenting a kind of film showing the dreamer what is too much or too less in his everyday life. It shows a deficit or an excess.

Siri und Selma: Was macht der Traum mit uns?
Siri and Selma: What does a dream do?
Masterchen: Er ist der kostenlose Therapeut, der uns allnächtlich heimsucht. Außerdem ist er eine nicht zu unterschätzende Inspirationsquelle. Wir müssen ihn nicht verstehen, aber es empfiehlt sich, sich von ihm anregen zu lassen.
Master: A dream is the free therapist who afflicts the dreamer every night. It is an important source of inspiration. We don`t need to understand it but I recommend to get inspired by dreams.

Dürer-ABTD

Siri und Selma: Kannst du uns etwas zum Traumverständnis sagen?
Siri and Selma: Please, could you tell us something about understanding dreams?
Masterchen: Entgegen dem Mythos, der mit der Eso-Mode und dem Jung-Revival in den USA aufkam, versteht der Träumer seinen Traum am schlechtesten. Am besten kann ihn eine außenstehende Person deuten, da sie wahrscheinlich nicht die gleichen Macken und damit die gleiche Scheuklappensicht wie der Träumer zeigt. Außerdem ist das erste Verständnis eines Traums, wenn der Träumer meint, das ist es, meist das oberflächlichste. Es zeigt nicht Neues. Wenn der Träumer ‚Heureka!‘ ruft und meint, das ist es, sollte er unbedingt eine andere Deutung suchen oder sich überlegen, ob nicht das Gegenteil seiner Deutung zutreffen könnte. Meiner Erfahrung nach, werden treffende Deutungen zunächst spontan vom Träumer abgelehnt, was geradezu ein Zeichen für die Gültigkeit einer Deutung ist.
Master: The dreamer understands his dream very poorly contrary to the myth of the esoteric fashion and the C.G. Jung revival in the US. A dream is understood best by another person as it is very unlikely that he or she would suffer of the same problems as the dreamer. If the dreamer thinks that`s it then this is in most of the cases a superficial understanding which doesn`t show any new aspect. So I recommend when the dreamer thinks he has got the meaning of his dream he should go on looking for some other understanding or considering if the opposite could be meaningful as well. The deeper understanding of a dream is often spontaneously rejected by the dreamer, well, you could see rejection as sign for touching that deeper meaning of that dream.

Siri und Selma: Wie steht`s mit dem Gefühl in der Traumdeutung?
Siri and Selma: What`s the role of feelings in dream analysis?
Masterchen: Das ist auch so ein Mythos der Traumdeutung, dass das Gefühl über die Stimmigkeit der Deutung entscheidet. Ich halte das für Quatsch. Die Sprache der Traumsymbole besitzt genauso eine Grammatik und Semantik wie unsere Muttersprache. Das einzige, was wir vom Traum haben, ist der Text des Träumers. Texte versteht man am besten aus einer coolen Distanz und linguistischen Analyse. Denken hilft – auch bei der Traumdeutung. Außerdem werden die meisten Menschen in unserer Kultur von ihren Emotionen beherrscht, statt dass sie reflektiert ihr Leben leben.
Master: This is another myth that the feeling of the dreamer decides about a right or wrong understanding. The symbols of our dreams are part of a language like any other language with their grammar, syntax and semantics. All what we have is the text of the dream and texts are understood best with a cool distance and linguistic analysis. Thinking helps! And most people in our societies are ruled by their emotions. They are not able to live a reflected life.

Tagtraum-ABTD

Siri und Selma: Was ist der häufigste Fehler von Laien beim Umgang mit ihren Träumen?
Siri and Selma: What are frequent mistakes of laymen analyzing their dreams?
Master: Viele hoffen auf simple 08/15-Lösungen, deuten, wie sie es irgendwo gelesen oder gehört haben. Kurzum sie delegieren ihr Denken an die Medien. Traumsymbole sind ein Schnittpunkt von allgemein gültiger und individueller Bedeutung, genauso wie jeder sprachliche Ausdruck. Man kann sich von einem Traumsymbollexikon anregen lassen, aber es wäre naiv zu glauben, dass die Aneinanderreihung der nachgeschlagenen Bedeutungen einen tieferen Traumsinn ergibt.
Und einer der nervigsten Fehler ist, auf Partys, beim Dinner oder Datings seinen Traum zum Besten zu geben, um sich eine kostenlose Deutung zu erschleichen. Traumdeutung benötigt ein spezielles Setting, es sei denn, man betreibt sie als nettes Gesellschaftsspiel, wogegen nichts einzuwenden ist, wenn es klar ist, dass es ein unterhaltsames Spiel ist.
Master: A lot of people think there exist standard solutions for understanding dreams. They delegate their interpretations to the media, mostly to dictionaries of dream symbols or worse to the net. Well, dream symbols are like all symbols a intersection point of a general and an individual meaning. It makes sense getting inspired by such a dictionary but it`s naiv to believe that stringing together the entries of such dictionaries would lead to a deeper understanding of a dream.
Very annoying is that many people try to obtain a free interpretation of their dreams at parties or dinners. As long as they understand that this is a party game it`s fine. But a helpful interpretation of dreams needs a special setting.

Siri und Selma: noch ein Schlusswort gefällig?
Siri and Selma: One closing word, please.
Masterchen: Die Traumdeutung wie jede Therapie wirkt am besten bei denen, die sie nicht benötigen. Je mehr sie einer nötig hat, um so mehr vertritt er rigide eine Deutung und lehnt andere Ansichten ab, ohne zu bemerken, dass sein Traum viele Bedeutung besitzt. Am besten wäre es, sich mit der Sprache seiner Träume in Zeiten zu beschäftigen, in denen man (noch) kein Problem hat. Steckt man in der Krise, helfen trotz beschwörender Beteuerungen der Therapeuten alle Methoden nur wenig, falls man sie dann erst anwendet.
Master: Analyzing their dreams helps best those people who don`t need it. As more one needs it as more one argues ridgidly and doesn`t listen to other interpretations without noticing that every dream holds many meanings. It`s best to start with understanding your dreams in easy times. In a crisis usually no therapy really helps if you start it then.

Zum Schluss mein Tipp: Jeder heutige Träumer kann davon ausgehen, dass, wie es schon Wilhelm Reich ausdrückte, seine Hauptprobleme stets im Bereich Arbeit oder Beziehung zu finden sind. Daraufhin sollte man zunächst alle seine Träume deuten.
One hint: Every dreamer can assume that his problems are usually related to his relationship or work – as Wilhelm Reich already noticed. So you know at least the direction of understanding your dreams.

Luther-ABTD

Masterchen betonte noch, wie es ihn stets verwunderte, dass seit 1899, als Freud im nebligen November sein Traumdeutungsbuch veröffentlichte, nichts grundlegend Neues in der Traumdeutung entwickelt wurde, bis etwa siebzig später Jacques Lacan, die struktural-linguistische Methode in die Psychoanalyse und somit in die Traumdeutung einführte. Masterchen verehrt Lacan und sympathisiert mit der Ansicht von Lou Andreas-Salomé, dass nämlich die Neurose eine hervorragende Quelle künstlerischer Produktion ist. Lou nahm ihren Freund Rainer Maria Rilke vor Freud in Schutz, indem sie vertrat, Kunst zu schaffen, sei die beste Therapie. – Übrigens Lou Andreas-Salomé, mit deren Geschichten Masterchen aufwuchs, da seine Mutter für diese schönste und verführerischte Frau ihrer Zeit schwärmte, war nicht nur die einzige Psychoanalytikerin, die in Freuds erlauchten Männerkreis aufgenommen wurde, sondern zudem eine erfolgreiche Romanautorin. Allerdings findet Masterchen ihre Romane eher langatmig, aber er las eifrig ihr Buch „Henrik Ibsens Frauengestalten“ von 1892, das 2012 hervorragend editiert neu aufgelegt wurde.

After the interview our Master told us that he has been always puzzled that nothing basic has been changed in understanding dreams since Sigmund Freud published his „The Interpretation of Dreams“ in the foggy November 1899. „Well, nothing changed before the seventies when Jacques Lacan started to see the dream from his structural-linguistic standpoint“, he explained. We know that he admires Lacan and Lou Andreas-Salomé. Lou Andreas-Salomé acknowledged the neurosis as a great inspirational source for artists. So she defended her friend Rainer Maria Rilke telling Freud that Rilkes writings were his best therapy. – Well, our Master grew up with Lou Andreas-Salomé. This most beautiful and seductive woman of her times was one of his mother`s heroines. She was not only the only female psychoanalyst being accepted to Freud`s illustrious circle but a successful novelist also. Our Master thinks her novels are quite lengthy, but he liked her book „The Female Heroes in Henrik Ibsen`s Novels“ from 1892 (we don`t know if an English Edition exists of this work, there was an excellent new German edition published  in 2012)   

Knabentraum-ABTD

Bloß nicht verraten, pssst!
Wir haben durchs Schlüsselloch geschaut, dazu an der Türe gelauscht, wie Masterchen die Träume seiner Klienten deutet. Wie die Oberväter Freud und Jung hält er sich keineswegs an seine Theorie, sondern reagiert spontan auf einen berichteten Traum. Er bringt, was immer ihm einfällt – und Masterchen fällt zu unserem Erstaunen immer etwas ein (was bisweilen voll nervig ist) – wie Assoziationen aus der Literatur-, Kunst- und der Symbolgeschichte und schaut mit der von Freud hochgelobten frei schwebenden Aufmerksamkeit, wie der Träumer darauf reagiert. So kommt er ins Gespräch. Oftmals regt er seine Klienten an, vom Traum ausgehend eine Geschichte zu schreiben, sei es nun einen Kurzkrimi, Fantasy, oder eine feine pornografische Erzählung. Andere lässt er Traumszenen malen oder zeichnen. Bei der künstlerischen Umsetzung eines Traums, so erklärte Masterchen einer Klientin letzte Woche, wird einem deutlich, wo ein Problem liegt. „Wo man Schwierigkeiten beim Gestalten hat, liegt eine Erstarrung vor. Indem man sich mit der Schwierigkeit beschäftigt, versteht und löst man oft unbemerkt sein Problem.

Please, don`t tell!
We were key hole peeping and were eavesdropping as well. We wanted to know how our dear Master was working with his client`s dreams. Like the super-fathers Freud and Jung he doesn`t follow his theory and rather reacts spontaneously. He follows his ideas and he always gets ideas – that`s quite annoying sometimes. He practices this free-floating concentration that Freud praised so much. He reacts spontanously and then reacts to the reactions of his clients and by that they get into a talk. Quite often he tries to inspire his clients to use their dreams for writing a story, maybe a short crime, phantasy or pornographic story. Clients who like to draw or paint should paint or draw their dreams. „If you do something creative with your dreams“, he explained to a client last week, „you will experience your problem quite clearly. What you can`t express that`s your problem, there you are too ridgid, but by trying to overcome it you heal yourself.“  

Wenn wir halbwissenden Buchfeen euch kühn eine Empfehlung geben sollen, dann diese: Macht etwas mit euren Träumen und schaut, wo ein Widerstand auftritt, den ihr euch so genau wie möglich betrachtet. Und bloß nicht gleich kühn den Widerstand aufgeben zu wollen, empfehlen wir, sondern ihn sich erst einmal genau bewusst machen. Die Auflösung liegt in der Bewusstheit seiner Macke, sorry, äh, wir meinen Neurose. Aber keine Angst, die meisten von uns sind doch fröhliche Neurotiker. Gerade das macht unsere Individualität aus, finden wir. Alles zu psychologisieren ist ein feines Spiel für Masochisten.
What we, Master`s half wise Bookfayries, would recommend? Well, just do something with your dreams and become aware of your resistance, just become aware of it. Don`t push yourself for a change. To become aware of your quirk will do. We are all happy neurotics that makes us individual. Wanting to change yourself too much is a fine game for masochists.

Mit träumerischen Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer
Dreamy greetings from that little village next the big sea
Siri und Selma, Buchfeen

Mehr zum Traum findet ihr auf Dinas Seite.
More about dreaming you will find on Dina`s blog.

P.S.: In einem der nächsten Blogs wird die Vielträumerin Dina noch ein paar Fragen an Masterchen zur Deutung von Träumen stellen, außerdem werden wir über den norwegischen Autor Axel Jensen und seine Beziehung zu Leonard Cohen, von dem das Eingangszitat stammt, einen Artikel hier veröffentlichen.
In one of the next blogs our beloved Dina – who dreams a lot – will ask some more questions concerning the understanding of dreams. Also we will publish an article about the Norwegian author Axel Jensen, a close friend of Leonard Cohen, on our blog here.