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Buchtalk: Knut Hamsun

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Buchtalk: Knut Hamsun

Zu Hamsuns 60. Todestag am 19. Februar

„Einen Dank für die einsame Nacht, für die Berge, für das Rauschen der Finsternis und des Meeres, es rauscht durch mein Herz! Einen Dank für mein Leben, für meinen Atemzug, für die Gnade, heute Nacht leben zu dürfen, dafür danke ich von Herzen! Lausche nach Osten und lausche nach Westen, nein, lausche! Es ist der ewige Gott! Diese Stille, die gegen mein Ohr murmelt, ist das siedende Blut der Allnatur, Gott, der die Erde und mich durchwebt.“
Knut Hamsun, Pan

Knut Hamsun. Freundliche Leihgabe von Kirsten H. Rasmussen

Also, Ihr Lieben, heute Nacht war was los bei uns. Da hat doch unser Master völlig troddelig die Bücher Hamsuns zwischen Henrik Ibsen und Sigrid Undset ins Regal gestellt. An Schlaf war nicht zu denken, große Randale auf Regalbrett 3 Nord. Ich sage Euch, dieser störrische Hamsun ist wirklich ein Störenfried, ein grumpy old man, wie wir hier sagen. Ich glaube, Ibsen war ihm zu modern. Bei Ibsen war Nora vom Geist der Befreiung beseelt, während für Hamsun die Frauen unerreichbare, hehre Wesen waren. Naja, vielleicht war es einfach Neid, denn Ibsen war damals sooo viel bekannter als er. Dennoch sollte Ibsen – ich finde das völlig unberechtigt! – nie den Literaturnobelpreis erhalten, den Hamsun als zweiter Norweger im Jahre 1920 zugesprochen bekam – nach Bjørnstjerne Bjørnson, für dessen Bauernerzählungen er schwärmte. In seinem Werk „Mysterien“ bringt Hamsun wie in der mittelalterlichen Dichtung üblich einen Dichterkatalog, bei dem Ibsen zusammen mit Tolstoi und Maupassant schlecht wegkommen, wobei Bjørnson und de Musset sehr gelobt werden. Ja, Hamsun konnte Ibsen partout nicht leiden, was er laut herausposaunte und seine Beliebtheit nicht gerade steigerte. Hamsun war schon ein eigensinniger Querkopf.
Zur dritten norwegischen Nobelpreisträgerin Sigrid Undset verhielt sich Hamsun wie Feuer zu Wasser. Während Hamsun nicht nur auf die Verleihung des Friedensnobelpreises an von Ossietzky (1935) mit massiver Kritik reagierte und die Einrichtung von Konzentrationslagern rechtfertigte (Ossietzky befand sich im KZ Esterwegen) und 1943 Hitler und Göbbels in Deutschland besuchte, hat Sigrid Undset das besetzte Norwegen als Unterstützerin des norwegischen Widerstands verlassen müssen. Hamsun wurde im besetzten Norwegen als Dichter Nummer eins hoch gelobt, er war neben Karl May einer der Lieblingsschriftsteller von Hitler, der „Segen der Erde“ als Blut-und-Boden-Literatur goutierte. Allerdings sollte sich das nach dem Krieg drastisch ändern. In seinem Eigensinn schrieb Hamsun noch einen Nachruf auf Hitler und dann ging`s bergab mit ihm. Er wurde nach dem Krieg als Landesverräter verhaftet, zu einer ruinösen Geldstrafe verurteilt und eine Zeitlang in die Psychiatrie eingewiesen, worauf er 1949 in „Auf überwachsenen Pfaden“ eingeht und reuelos seine Haltung rechtfertigte. Erst zu Hamsuns 150. Geburtstag 2009 schlossen die Norweger offiziell mit ihm Frieden, indem die Königin die feine Unterscheidung zwischen Hamsun als Autor und als Person machte. Und wir beide Feen müssen zugeben, dass wir in Hamsuns Romanen keine faschistischen Stellen gefunden haben – wirklich nicht! Als Sigrid Undset gleich nach dem Krieg nach Norwegen zurückkehrte, wurde sie hoch gelobt und ausgezeichnet, Hamsuns Werke dagegen wurden von einigen Norwegern vernichtet, wie es Lars Saabye Christensen in seinem Roman „Der Halbbruder“ beschreibt: „Der Autor war während des Krieges ein Lümmel. Deshalb haben wir seine Gesammelte Werke hier im Kaminofen verbrannt.“

„Jetzt hast du dich über Hamsuns politische Einstellung mokiert, aber wo bleibt der Dichter Hamsun?“, kritisiert mich Selma. „Naja, der Hamsun ist einer, der mehr gelobt als gelesen wird“, rechtfertige ich mich, die mit Hamsun ihre Schwierigkeiten hat. Ehrlich gesagt, finde ich Hamsun langweilig. Klar, das weiß ich doch als BuchFee, hat Thomas Mann Hamsun hoch gelobt. Er bezeichnete ihn als den würdigsten Nobelpreisträger und sicher hat dieser norwegische Querkopf moderne Techniken des Romans wie den inneren Monolog und die erlebte Rede vorbereitet, auf ihn konnten Joyce und Proust aufbauen und selbst zeitgenössische norwegische Autoren wie Saabye Christensen und (Masters verehrter) Jan Kjærstad beziehen sich Hamsun, wie auch Ernest Hemingway, Hermann Hesse, H.G. Wells, Henry Miller, Bert Brecht und Robert Musil. Dennoch fand ich Hamsun einschläfernd. Er wird ja wegen seiner Landschaftsbeschreibungen und Naturmystik gelobt, ich fand jedoch außer in „Pan“ und „Die Schwärmer“ nicht viel davon. Nach all der Hamsun-Leserei griff ich abends im gemütlichen Kuschelbettchen zu Georg Engels Roman „Zauberin Circe“. Im Gegensatz zu Hamsun ist sein Zeitgenosse, der Bestsellerautor Engel, heute völlig vergessen, aber wer Naturschwärmereien liebt, der sollte lieber zu Engel als zu Hamsun greifen.

Unser Master sprach ganz verwirrt von „Hamundsen“ als wir gemeinsam die alte Hamsun-Ausgabe auf der Suche nach Naturmystik durchblätterten, als ob Amundsen und Hamsun etwas gemeinsam hätten – oder doch? Wie dem auch sei, naturmystische Schilderungen fanden wir in „Pan“ und „Die Schwärmer“ (dort nur in winzigen Abschnitten), ein Loblied auf die Erde und das bäuerliche Leben in „Segen der Erde“, das Masterchen, Dina und ich als seinen lesenswertesten Roman fanden. Dies war der einzige Roman Hamsuns, bei dem ich wissen wollte, wie er ausgeht. Große Schwierigkeiten hatte ich, „Mysterien“ zu lesen, einen Roman bei dem ich bis heute nicht verstanden habe, warum Hamsun – für mich völlig unmotiviert – ständig zwischen Präteritum und Präsenz wechselt. Oder sollte das an den schlechten Übersetzungen liegen, angesichts derer unsere liebe zweisprachige Dina sich die Haare raufte.
Sicherlich waren Hamsuns psychologische Überlegungen damals acht Jahre vor Freuds Erscheinen der „Traumdeutung“ neu, heute wirken sie jedoch wie abgestanden Altbekanntes. Das Skurrile und Fantastische der Geschichte hätte selbst ich besser verdichten können. Diese überzogene Liebesgeschichte war ja fast so exaltiert wie Goethes Bestseller „Die Leiden des jungen Werther“, der heute nicht ohne Lachkrämpfe zu lesen ist. Dennoch schuf Hamsun mit Nagel, dem wundersamen Exzentriker und Hysteriker in „Mysterien“ einen postmodernen Helden, wie auch in jenem erfolglosen, ja lächerlichen Schreiberling in „Hunger“. Der Versager als Held, das hört sich nach einem Nihilismus á la Nietzsche an, meint Masterchen – oder sollte sich dahinter Hamsuns panische Angst vor dem Alter verbergen?
In „Viktoria“ werden Liebe und Sexualität als Naturmächte, denen der Mensch ausgeliefert ist, überhöht. Und immer schreibt Hamsun gegen die böse Großstadt und den Fortschritt an, auch ein Thema in „Hunger“, der Roman, der seinen Weltruhm begründete, unter anderem deswegen, da er auf den damals üblichen vermittelnden Erzähler verzichtete und eindringlich aus der Ich-Perspektive erzählt. Man kann dieses Buch nicht weglegen oder schmeißt es nach den ersten drei Seiten ins Feuer, schrieb treffend ein Rezensent.
Mich hat es ja fast von meinem Regal geworfen, als ich „August Weltumsegler“ las, die Geschichte eines Spekulanten, die sich fast wie eine Vorausschau der heutigen Finanzkrise liest. Dort unterstrich ich dick: „Der Mensch will höher fliegen, als ihm die Flügel dazu gewachsen sind. Da fällt er herunter.“

„Wenn wir dann eine Zeitlang gewandert sind, dann wandern wir noch eine Weile; wir wandern einen Tag, darauf eine Nacht, und endlich in der Dämmerung des nächsten Tages ist die Stunde gekommen, und wir werden getötet, in Ernst und Güte getötet. Das ist der Roman des Lebens mit dem Tod als letztem Kapitel. Das ist alles so mystisch.“ (Knut Hamsun, Das letzte Kapitel) Hamsun starb vor 60 Jahren auf seinem Gut Nørholm bei Grimstad.

Meine Schwester Selma pocht darauf zu erwähnen, dass es noch heute glühende Hamsun-Fans gibt. Wer sich für „Hamsunika“ interessiert, der schaue sich mal diese österreichische Seite an.

Grüße vom Master und meiner Schwester Selma
Eure Siri BuchFee

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Buchtalk 1

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Buchtalk 1

Endlich kann ich mich als FeenVater und Master auch mal durchsetzen, etwas selbst zu schreiben. Ich hab erreicht (durch 5 FayrieTaler pro Woche mehr Taschengeld – knirsch!), dass ich bei Siri und Selma zumindest unregelmäßig eine Kolumne „Buchtalk“ bekomme.

Heute möchte ich Ihnen Romane vorstellen, die mich in letzter Zeit faszinierten: Jan Kjærstads Trilogie „Der Verführer, „Der Eroberer“, „Der Entdecker“, von Ian McEwan „Solar“ und von Daniel Glattauer „Gut gegen Nordwind“ und dann wird am Schluss als Kontrastprogramm Sigrid Undsets „Kristin Lavranstochter“ erwähnt.

Jan Kjaerstad

Schon von den ersten Seiten an haben mich Kjærstads Romane fasziniert. Die Metaphern und die zarte Ironie, die treffenden Beobachtungen schlugen mich in den Bann. Dann erst bemerkte ich, als der Erzähler und der Erzähler des Erzählers auftreten, wie geschickt in den drei Romanen die Betrachtung der Welt eines Fernsehstars konstruiert ist. Ich werde als Leser ständig darauf hingewiesen, dass es sich keineswegs um eine gar objektive Beschreibung von Realität handelt, sondern um ein Artefakt, um eine künstliche Welt. Zum einem gleicht das dem epischen Theater Brechts, der in seinem Theater die Schilder „Glotzt nicht romantisch“ aufstellte, um den Zuschauer zum kritischen Betrachter zu erziehen.

Die Jonas Wergeland Trilogie

Zum anderen sind das drei postmoderne Romane, die sich selbst medienkritisch reflektieren [Siri BuchFee: Masterchen meint, der Roman reflektiert im Roman die Art, wie er gemacht ist, nämlich völlig subjektiv]. Kjærstads als talentierter Erzähler lässt jedoch die Reflektionen nie seine Geschichten unterbrechen. Inhalt und Stil sind in beneidenswerter Weise miteinander verflochten, was einen Hochgenuss beim Lesen erzeugt (auch beim naiven Leser) [Siri: von ihm kann Masterchen noch einiges lernen]. Es erstaunt mich, wie Kjærstad durch ein fein verwobenes Netz von Geschichten viel Wissen spielerisch vermittelt. Sehr differenziert sind seine Reflexionen des Fernsehens, denn die Hauptperson der Trilogie Jonas Wergeland ist ein medienkritischer Fernsehstar.

Ian McEwan

Nach drei Büchern Kjærstad griff ich Abwechslung suchend nach McEwans „Solar“. So wie Kjærstad einer der zur Zeit führenden Autoren Norwegens ist, so ist McEwan gerade einer der führenden Autoren Englands. Bei beiden wird ein Heldenbild dekonstruiert [Siri: vergesst diese Anspielung auf den Dekonstruktivismus, er meint, beide entlarven Helden]. McEwans Stil einer weitgehend linear erzählten Geschichte wirkt konservativ Kjærstads Stil gegenüber, aber auch seine Geschichte der Verstrickungen eines Nobelpreisträgers ist (zumindest nach dem ersten Viertel des Romans) spannend und witzig erzählt.

Obwohl diese vier Romane nicht mit sexuellen Abenteuern sparen, die Kjærstad als Mittel der Erkenntnis feinsinnig beschreibt, ist „Solar“ ein psychologischer Roman, die drei Romane Kjærstads sind das jedoch nicht (noch eine Gemeinsamkeit mit Brecht, der das Psychologisieren in der Literatur ablehnte).
Wie schon „Abbitte“ zerfällt auch „Solar“ in Teile, diesmal drei, die jedoch besser verknüpft sind als die beiden Teilen von „Abbitte“ [Selma KnipsiFees Kommentar: Im Film fällt das weniger auf als im Buch]. „Solar“ ist trotz allem so spannend zu lesen, dass ich unbedingt wissen wollte, wie die Geschichte ausgeht.

Mit Glattauers hoch gelobten E-Mail-Roman hatte ich zu Beginn größte Schwierigkeiten [SiriFee: weil Masterchen eher kulturkonservativ ist, E-Mails erscheinen ihm nicht kunstwürdig, oh je … ].  Der Stil langweilte mich und dieses ewige Gejammere des Mannes über seine Verflossene, hat mich auch nicht gerade amüsiert. Erst nach etwas Rauchen und einer halben Flasche Wein wurde nach 100 Seiten die Geschichte spannend, plötzlich sehr spannend sogar. Der Sprachwitz  und das Raffinierte am Einfachen der Story begannen mich zu packen. Erst jetzt bemerkte ich, wie Glattauer ähnlich wie Kjærstad sein Medium, eben die E-Mail-Kommunikation (als Nachfolger des Briefromans), reflektiert. Am Schluss wollte ich unbedingt wissen, treffen sie sich nun oder nicht – aber ich verrate nichts.

Sigrid Undset

Ich bin übrigens durch Jan Kjærstad Sigrid Undset [Siri: oh dear, name dropping, wenn Ihr es nicht wisst, sie war die Nobelpreisträgerin für Literatur 1928 für „Kristin Lavranstochter“] wieder begegnet, die ich mit Anfang zwanzig las. Undset: die scheue Autorin, die in ihrer mittelalterlichen Welt lebte und so viel anders aussah, als ich sie mir vorgestellt hatte (als nordische Schönheit langhaarig blond, wie Figuren aus ihren Büchern). Mich wundert, dass all die Mittelalterfans sie nicht wiederentdeckt haben, aber daran hinderte sie wohl, dass Sigrid Undset zum Katholizismus konvertierte (ein Skandal in Norwegen) und ihr Glaube, dass der Mensch sich letztendlich nicht ändert.
In „Der Eroberer“ beschreibt Kjærstadt, wie Sigrid Undset den Tisch küsst, an dem Linné die große Ordnung (in der Pflanzenwelt) schaffte. Undsets Ideal war diese große Ordnung, die sie im Mittelalter sah.
Also, für alle Mittelalterfans: Sigrid Undset lesen, lohnt sich (das Gegenteil von postmodern). Ich empfehle „Kristin Lavranstochter“ – ein Buch, bei dem ich als Zwanzigjähriger ständig einschlief, da hatte ich andere Interessen [Selmas Erläuterung: Masterchen kommt aus ehrgeiziger Familie, da musste man solche NobelpreisSchinken gelesen haben, naja, angelesen haben zumindest oder so. Siri und ich, wir lieben die Undset, da sie so rührend beschreibt, wie die junge Kristin unsere Verwandten, die Elfen trifft].

Viel Lesevergnügen
wünscht Masterchen

P.S.: Dank den lektorierenden BuchFeen Siri und Selma