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Schlagwort-Archive: C.G.Jung

World Ocean Day

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Welttag der Meere, 8. Juni

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Traumhaft

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Wo der Traum verschwindet, verliert das Ding sein magisches Vermögen. Es hört auf, ein Symbol zu sein, ein Bild von etwas in deinem Inneren. Es gehorcht dem Gesetz der Schwere und fällt zurück in den Staub, zurück in die Reihe der Trivialitäten.
Axel Jensen „Ikaros“

Where dreaming is gone everything looses its magic.  It stops being a symbol, a picture of something in your inner self.  Everything will follow gravitation and fall back into dust, into trivialities.

Ursula-ABTD

Ihr könnt es euch kaum vorstellen, welche Überredungskunst von uns Buchfeen nötig war, um Masterchen dahin zu bringen, uns etwas über Traumdeutung zu erzählen. Kaum zu glauben, da er doch seit Jahren zu den europaweit führenden Spezialisten für Traumsymbolik gehört. Auf der anderen Seite können wir verstehen, dass er traumabgesättigt ist. Mindestens einmal wöchentlich ruft eine Zeitschriftenredaktion an, die wegen eines Interviews zum Traum anfragt. Er stöhnt: „Immer die gleichen Fragen“. Aber zu unserer Verblüffung hält Masterchen unsere Artikel auf dem Buchfeenblog hier erstaunlicherweise für eine höhere Form der Traumdeutung. Da staunt ihr – wie wir. Er erklärt ausschweifend: „Es gibt individuelle und kollektive Träume. Wie wir wahrnehmen entspricht einem Traum. Da ist es egal, ob wir eine Landschaft sehen oder einen Roman lesen. Der auf Bildern stets etwas unwirsch dreinschauende spanische Barockdichter Calderon de la Barca meinte eh, das gesamte Leben sei ein Traum und stand keineswegs allein mit seiner Meinung da, die weit vor ihm der chinesische Philosoph Zhungzi im 4. Jh. vor unserer Zeitrechnung in seinem berühmten Schmetterlingstraum andeutete.“

You wouldn`t believe it how much effort it took to make our Master telling us something about dreams. We didn`t expect this as our Master has been one of the leading specialists about dream symbols in Europe for many years – and he still is. Well, we Bookfayries can actually understand him being dream-saturated as at least once a week some magazine is asking for an interview. And then always the same boring questions are asked. On the other hand our Master believes that our Bookfayrie-Blog here is a higher form of dream interpretation. Wondering why, he explains that there exist those individual dreams as well as collective dreams. Every perception is a kind of a dream. When we read a novel, see a landscape or people that`s all dreamlike he explains. Well, he continues that in Baroque the Spanish author Calderon de la Barca coined that phrase of our life being a dream. What actually wasn`t such a new idea. The Chinese philosopher Zhungzi expressed a similar thought in his famous dream of the butterfly already in the 4th century B.C.

Amor-ABTD

Wir konnten Masterchen endlich bezirzen, indem wir betonten, welch wichtige Rolle doch der Traum in der Weltliteratur spielte und noch immer spielt. Zum Glück fanden wir in unserer Bibliothek die Anthologie „Träume in der Weltliteratur“, um ihn mit Beispielen von Jorge Luis Borges, den er sehr liebt, Dylan Thomas, Nelly Sachs, Trakl, Tucholsky und Kafka, Karl Kraus und Else Lasker-Schüler und vielen anderen zu erschlagen.

In the end we could convince our Master by mentioning what an important role dreams played in literature. We reminded him of Jorge Louis Borges (one of his favourite authors), Dylan Thomas, and of course Shakespeare and Blake as well as Coleridge and Keats, and all the modern authors like Rose Tremain and Kazuo Ishiguro.

Faust-ABTD

Da Masterchen interviewroutiniert ist, stellten wir ihn Fragen, in der Hoffnung euch die Quintessenz der Traumdeutung präsentieren zu können.
As our Master is used being interviewed we asked him the following questions hoping he would talk about the gist of understanding dreams.

Siri und Selma: Was zeigt uns ein Traum?
Siri and Selma: What does a dream tells the dreamer?
Masterchen: Er setzt stets ins Bild, was zu viel oder zu wenig ist, den Mangel oder den Überschuss des Träumers.
Master: Our dreams are presenting a kind of film showing the dreamer what is too much or too less in his everyday life. It shows a deficit or an excess.

Siri und Selma: Was macht der Traum mit uns?
Siri and Selma: What does a dream do?
Masterchen: Er ist der kostenlose Therapeut, der uns allnächtlich heimsucht. Außerdem ist er eine nicht zu unterschätzende Inspirationsquelle. Wir müssen ihn nicht verstehen, aber es empfiehlt sich, sich von ihm anregen zu lassen.
Master: A dream is the free therapist who afflicts the dreamer every night. It is an important source of inspiration. We don`t need to understand it but I recommend to get inspired by dreams.

Dürer-ABTD

Siri und Selma: Kannst du uns etwas zum Traumverständnis sagen?
Siri and Selma: Please, could you tell us something about understanding dreams?
Masterchen: Entgegen dem Mythos, der mit der Eso-Mode und dem Jung-Revival in den USA aufkam, versteht der Träumer seinen Traum am schlechtesten. Am besten kann ihn eine außenstehende Person deuten, da sie wahrscheinlich nicht die gleichen Macken und damit die gleiche Scheuklappensicht wie der Träumer zeigt. Außerdem ist das erste Verständnis eines Traums, wenn der Träumer meint, das ist es, meist das oberflächlichste. Es zeigt nicht Neues. Wenn der Träumer ‚Heureka!‘ ruft und meint, das ist es, sollte er unbedingt eine andere Deutung suchen oder sich überlegen, ob nicht das Gegenteil seiner Deutung zutreffen könnte. Meiner Erfahrung nach, werden treffende Deutungen zunächst spontan vom Träumer abgelehnt, was geradezu ein Zeichen für die Gültigkeit einer Deutung ist.
Master: The dreamer understands his dream very poorly contrary to the myth of the esoteric fashion and the C.G. Jung revival in the US. A dream is understood best by another person as it is very unlikely that he or she would suffer of the same problems as the dreamer. If the dreamer thinks that`s it then this is in most of the cases a superficial understanding which doesn`t show any new aspect. So I recommend when the dreamer thinks he has got the meaning of his dream he should go on looking for some other understanding or considering if the opposite could be meaningful as well. The deeper understanding of a dream is often spontaneously rejected by the dreamer, well, you could see rejection as sign for touching that deeper meaning of that dream.

Siri und Selma: Wie steht`s mit dem Gefühl in der Traumdeutung?
Siri and Selma: What`s the role of feelings in dream analysis?
Masterchen: Das ist auch so ein Mythos der Traumdeutung, dass das Gefühl über die Stimmigkeit der Deutung entscheidet. Ich halte das für Quatsch. Die Sprache der Traumsymbole besitzt genauso eine Grammatik und Semantik wie unsere Muttersprache. Das einzige, was wir vom Traum haben, ist der Text des Träumers. Texte versteht man am besten aus einer coolen Distanz und linguistischen Analyse. Denken hilft – auch bei der Traumdeutung. Außerdem werden die meisten Menschen in unserer Kultur von ihren Emotionen beherrscht, statt dass sie reflektiert ihr Leben leben.
Master: This is another myth that the feeling of the dreamer decides about a right or wrong understanding. The symbols of our dreams are part of a language like any other language with their grammar, syntax and semantics. All what we have is the text of the dream and texts are understood best with a cool distance and linguistic analysis. Thinking helps! And most people in our societies are ruled by their emotions. They are not able to live a reflected life.

Tagtraum-ABTD

Siri und Selma: Was ist der häufigste Fehler von Laien beim Umgang mit ihren Träumen?
Siri and Selma: What are frequent mistakes of laymen analyzing their dreams?
Master: Viele hoffen auf simple 08/15-Lösungen, deuten, wie sie es irgendwo gelesen oder gehört haben. Kurzum sie delegieren ihr Denken an die Medien. Traumsymbole sind ein Schnittpunkt von allgemein gültiger und individueller Bedeutung, genauso wie jeder sprachliche Ausdruck. Man kann sich von einem Traumsymbollexikon anregen lassen, aber es wäre naiv zu glauben, dass die Aneinanderreihung der nachgeschlagenen Bedeutungen einen tieferen Traumsinn ergibt.
Und einer der nervigsten Fehler ist, auf Partys, beim Dinner oder Datings seinen Traum zum Besten zu geben, um sich eine kostenlose Deutung zu erschleichen. Traumdeutung benötigt ein spezielles Setting, es sei denn, man betreibt sie als nettes Gesellschaftsspiel, wogegen nichts einzuwenden ist, wenn es klar ist, dass es ein unterhaltsames Spiel ist.
Master: A lot of people think there exist standard solutions for understanding dreams. They delegate their interpretations to the media, mostly to dictionaries of dream symbols or worse to the net. Well, dream symbols are like all symbols a intersection point of a general and an individual meaning. It makes sense getting inspired by such a dictionary but it`s naiv to believe that stringing together the entries of such dictionaries would lead to a deeper understanding of a dream.
Very annoying is that many people try to obtain a free interpretation of their dreams at parties or dinners. As long as they understand that this is a party game it`s fine. But a helpful interpretation of dreams needs a special setting.

Siri und Selma: noch ein Schlusswort gefällig?
Siri and Selma: One closing word, please.
Masterchen: Die Traumdeutung wie jede Therapie wirkt am besten bei denen, die sie nicht benötigen. Je mehr sie einer nötig hat, um so mehr vertritt er rigide eine Deutung und lehnt andere Ansichten ab, ohne zu bemerken, dass sein Traum viele Bedeutung besitzt. Am besten wäre es, sich mit der Sprache seiner Träume in Zeiten zu beschäftigen, in denen man (noch) kein Problem hat. Steckt man in der Krise, helfen trotz beschwörender Beteuerungen der Therapeuten alle Methoden nur wenig, falls man sie dann erst anwendet.
Master: Analyzing their dreams helps best those people who don`t need it. As more one needs it as more one argues ridgidly and doesn`t listen to other interpretations without noticing that every dream holds many meanings. It`s best to start with understanding your dreams in easy times. In a crisis usually no therapy really helps if you start it then.

Zum Schluss mein Tipp: Jeder heutige Träumer kann davon ausgehen, dass, wie es schon Wilhelm Reich ausdrückte, seine Hauptprobleme stets im Bereich Arbeit oder Beziehung zu finden sind. Daraufhin sollte man zunächst alle seine Träume deuten.
One hint: Every dreamer can assume that his problems are usually related to his relationship or work – as Wilhelm Reich already noticed. So you know at least the direction of understanding your dreams.

Luther-ABTD

Masterchen betonte noch, wie es ihn stets verwunderte, dass seit 1899, als Freud im nebligen November sein Traumdeutungsbuch veröffentlichte, nichts grundlegend Neues in der Traumdeutung entwickelt wurde, bis etwa siebzig später Jacques Lacan, die struktural-linguistische Methode in die Psychoanalyse und somit in die Traumdeutung einführte. Masterchen verehrt Lacan und sympathisiert mit der Ansicht von Lou Andreas-Salomé, dass nämlich die Neurose eine hervorragende Quelle künstlerischer Produktion ist. Lou nahm ihren Freund Rainer Maria Rilke vor Freud in Schutz, indem sie vertrat, Kunst zu schaffen, sei die beste Therapie. – Übrigens Lou Andreas-Salomé, mit deren Geschichten Masterchen aufwuchs, da seine Mutter für diese schönste und verführerischte Frau ihrer Zeit schwärmte, war nicht nur die einzige Psychoanalytikerin, die in Freuds erlauchten Männerkreis aufgenommen wurde, sondern zudem eine erfolgreiche Romanautorin. Allerdings findet Masterchen ihre Romane eher langatmig, aber er las eifrig ihr Buch „Henrik Ibsens Frauengestalten“ von 1892, das 2012 hervorragend editiert neu aufgelegt wurde.

After the interview our Master told us that he has been always puzzled that nothing basic has been changed in understanding dreams since Sigmund Freud published his „The Interpretation of Dreams“ in the foggy November 1899. „Well, nothing changed before the seventies when Jacques Lacan started to see the dream from his structural-linguistic standpoint“, he explained. We know that he admires Lacan and Lou Andreas-Salomé. Lou Andreas-Salomé acknowledged the neurosis as a great inspirational source for artists. So she defended her friend Rainer Maria Rilke telling Freud that Rilkes writings were his best therapy. – Well, our Master grew up with Lou Andreas-Salomé. This most beautiful and seductive woman of her times was one of his mother`s heroines. She was not only the only female psychoanalyst being accepted to Freud`s illustrious circle but a successful novelist also. Our Master thinks her novels are quite lengthy, but he liked her book „The Female Heroes in Henrik Ibsen`s Novels“ from 1892 (we don`t know if an English Edition exists of this work, there was an excellent new German edition published  in 2012)   

Knabentraum-ABTD

Bloß nicht verraten, pssst!
Wir haben durchs Schlüsselloch geschaut, dazu an der Türe gelauscht, wie Masterchen die Träume seiner Klienten deutet. Wie die Oberväter Freud und Jung hält er sich keineswegs an seine Theorie, sondern reagiert spontan auf einen berichteten Traum. Er bringt, was immer ihm einfällt – und Masterchen fällt zu unserem Erstaunen immer etwas ein (was bisweilen voll nervig ist) – wie Assoziationen aus der Literatur-, Kunst- und der Symbolgeschichte und schaut mit der von Freud hochgelobten frei schwebenden Aufmerksamkeit, wie der Träumer darauf reagiert. So kommt er ins Gespräch. Oftmals regt er seine Klienten an, vom Traum ausgehend eine Geschichte zu schreiben, sei es nun einen Kurzkrimi, Fantasy, oder eine feine pornografische Erzählung. Andere lässt er Traumszenen malen oder zeichnen. Bei der künstlerischen Umsetzung eines Traums, so erklärte Masterchen einer Klientin letzte Woche, wird einem deutlich, wo ein Problem liegt. „Wo man Schwierigkeiten beim Gestalten hat, liegt eine Erstarrung vor. Indem man sich mit der Schwierigkeit beschäftigt, versteht und löst man oft unbemerkt sein Problem.

Please, don`t tell!
We were key hole peeping and were eavesdropping as well. We wanted to know how our dear Master was working with his client`s dreams. Like the super-fathers Freud and Jung he doesn`t follow his theory and rather reacts spontaneously. He follows his ideas and he always gets ideas – that`s quite annoying sometimes. He practices this free-floating concentration that Freud praised so much. He reacts spontanously and then reacts to the reactions of his clients and by that they get into a talk. Quite often he tries to inspire his clients to use their dreams for writing a story, maybe a short crime, phantasy or pornographic story. Clients who like to draw or paint should paint or draw their dreams. „If you do something creative with your dreams“, he explained to a client last week, „you will experience your problem quite clearly. What you can`t express that`s your problem, there you are too ridgid, but by trying to overcome it you heal yourself.“  

Wenn wir halbwissenden Buchfeen euch kühn eine Empfehlung geben sollen, dann diese: Macht etwas mit euren Träumen und schaut, wo ein Widerstand auftritt, den ihr euch so genau wie möglich betrachtet. Und bloß nicht gleich kühn den Widerstand aufgeben zu wollen, empfehlen wir, sondern ihn sich erst einmal genau bewusst machen. Die Auflösung liegt in der Bewusstheit seiner Macke, sorry, äh, wir meinen Neurose. Aber keine Angst, die meisten von uns sind doch fröhliche Neurotiker. Gerade das macht unsere Individualität aus, finden wir. Alles zu psychologisieren ist ein feines Spiel für Masochisten.
What we, Master`s half wise Bookfayries, would recommend? Well, just do something with your dreams and become aware of your resistance, just become aware of it. Don`t push yourself for a change. To become aware of your quirk will do. We are all happy neurotics that makes us individual. Wanting to change yourself too much is a fine game for masochists.

Mit träumerischen Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer
Dreamy greetings from that little village next the big sea
Siri und Selma, Buchfeen

Mehr zum Traum findet ihr auf Dinas Seite.
More about dreaming you will find on Dina`s blog.

P.S.: In einem der nächsten Blogs wird die Vielträumerin Dina noch ein paar Fragen an Masterchen zur Deutung von Träumen stellen, außerdem werden wir über den norwegischen Autor Axel Jensen und seine Beziehung zu Leonard Cohen, von dem das Eingangszitat stammt, einen Artikel hier veröffentlichen.
In one of the next blogs our beloved Dina – who dreams a lot – will ask some more questions concerning the understanding of dreams. Also we will publish an article about the Norwegian author Axel Jensen, a close friend of Leonard Cohen, on our blog here.

 

Master`s Books I

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Ich akzeptiere prinzipiell keine Niederlage, um was es sich auch handelt
Alexandra David-Neel

I don`t accept any defeat, in whatever field
Alexandra David-Neel

Wie in „Die Nachtbibliothek“, jene lesenswerte Graphic Novel von Audrey Niffenegger, wurde die Vorstellung von Masterchens Bibliothek zu einer Zeitreise, bei der wir uns in sein „Lesewerk“ versenkten. Allerdings ist dies Masterchens zweite Bibliothek. Seine erste, die fast nur aus Klassikerausgaben von Grimmelshausen bis Brecht bestand, haben wir nicht gekannt. Er verkaufte sie vor seinem Umzug nach Montreal, da Bücher ja sooo schwer sind.

The presentation of our Master`s library became a journey in time like in Audrey Niffenegger`s graphic novel „The Night Bookmobile“.
This is Master`s second book collection. His first one consisted of classic authors only from Grimmelshausen (17th c.) to Bert Brecht. But we didn`t know this one because he sold it before moving to Montreal as books are sooo heavy.

Seht Ihr uns beiden Buchfeen? Wir schweben gerade vor Jung, lesend.

Seine heutige Bibliothek beginnt mit seiner esoterischen Phase.
„Naja, Masterchen ließ keine Torheit aus“, meinen wir kichernd. Eigentlich sind diese Bücher, die viele Regalbretter füllten, längst verschwunden, nur Steiner und Gurdjieff – Zeitgenossen, die sich spinnefeind waren, sich aber darin trafen, C.G. Jung zu misstrauen – haben unsere radikale Reinigung überlebt, wie auch diese gelbe Gesamtausgabe Jungs. Als wir mit Dina gestern Abend diese Ecke fotografierten, begann plötzlich Masterchen abdriftend vom Hemlebens Buch „Diesseits“ zu schwärmen, das, wie er meinte, „wunderbar in die anthroposophische Naturbetrachtung einführt. Damals“, so erzählte er, „gingen wir mit diesem Buch bewaffnet in die Natur, das uns zugleich in guter anthroposophischen Tradition Goethes ‚Metamorphose der Pflanzen‘ nahebrachte und überhaupt seine naturwissenschaftlichen Schriften, die wir bis dato völlig missachtet hatten. In dieser Zeit entdeckte ich Goethes Farbenlehre, die Steiner für Kürschner Gelehrtenlexikon als junger Mann herausgeben hatte.“ Stolz zeigte uns Masterchen seine dreibändige Ausgabe mit den hilfreichen Kommentaren Steiners. „Übrigens“, fügte Masterchen hinzu, „Goethe fand die Farbenlehre sein wichtigstes Werk, wie er kurz vor seinem Tod Eckermann gegenüber bemerkte.“
Kleine Bemerkung von uns Buchfeen: Weder Hemleben noch Goethe brachten Masterchen bei, Pflanzen zu bestimmen. Wir haben es geschafft, indem wir ihn weg von den Büchern in den Garten zerrten. Aber dennoch setzten wir uns ein, dass Steiner, Gurdjieff und Jung ehrenhalber quasi ein Altenteil in einem Regal eigerichtet bekamen.
Zwei Bücher der Gartenecke möchten wir euch noch empfehlen: Eva Maasers „Der Paradiesgarten“. Dieser Roman schildert, unterhaltsam zu lesen, die Geschichte der Gartenkultur und hat uns einige Anregungen für unseren Garten gegeben wie auch Hermann von Pückler-Muskaus zweibändige illustrierte Ausgabe „Reisebriefe aus England und Irland“, die uns lehrte, bewusst auf Perspektiven im Garten zu achten z.B. beim Rasenmähen.

His new collection starts with his esoteric stage. Well, our Master didn`t leave out any folly.
Nearly all these esoteric books are long gone except the collected works of Rudolf Steiner and Gurdjieff – who hated each other but agreed in not liking C.G. Jung. We still own the collected works of all three authors. When Dina was photographing this corner Master got carried away to talk about a small book by the anthroposophist Hemleben „Diesseits“ (This World) which was his bible walking out into the nature and made him aware of Goethe`s writings about science, exspecially „The Metamorphosis of Plants“. Although he never learned to identify plants before we Bookfayries lured him away from his computer out into our garden.
Two books about gardens we like to recommend: Eva Maaser „Der Paradiesgarten“ (The Garden as Paradise) a novel full of information about the history of garden design and the famous Count Pückler-Muskau`s „Letters From England and Ireland“. Those books inspired us to rethink our way of cutting our lawns and the perspectives in our garden.



Masterchen war ja immer schon etwas verrückt, zur gleichen Zeit las er nämlich von Deleuze und Guattari „Rhizom“ und „Der Faden ist gerissen“. „Aber hallo!, nicht verrrückt!“, wandte er ein, „ Deleuze und Guattari führten das Wurzelrhizom in die Philosophie ein und beeinflussten mit dieser Pflanzen-Metapher den Diskurs um den Strukturalismus nachhaltig.“ Diese Bücher stehen in der Abteilung für Philosophie neben Michel Foucault, Derrida und dem Großmeister des Strukturalismus Claude Levi Strauss, dessen „Traurige Tropen“ eine Zeitlang Masterchens Lieblingsbuch war, das er stolz in der ersten Auflage besitzt wie auch das vielzitierte Werk Malinowskis „Das Sexualleben der Wilden“, aber damit sind wir bereits bei der Abteilung für Ethnologie, in der wir mit dem Zudrücken aller Augen auch Carlos Castaneda einsortierten. Castaneda war mega-in. Masterchen war schon in den 70ern in den USA auf ihn gestoßen und besitzt noch alle seine Bücher, die wir Buchfeen wie gut geschriebene Phantasy lesen, naja, nicht so gut wie „Der Herr der Ringe“, den wir wie viele Ausgaben der Hobbit-Press bei Klett-Cotta wegen der herausragenden Buchgestaltung behalten haben. Aber zurück zur Ethnologie: Kennt ihr Alexandra David-Neel, eine kühne Frau, die wie Trapper Geierschnabel aussah und Tibet erforschte? „Mein Weg durch Himmel und Hölle“ fanden wir sehr spannend zu lesen und Materchen ist solch ein Fan von ihr, dass er selbst als Kochstümper ihr Tibet-Kochbuch kaufte. Und noch eine Empfehlung aus dieser Abteilung gefällig? Schaut mal in Florinda Donners „Shabono“ herein, es erinnert leicht an Castaneda, wir finden es aber besser.

Sorry to write it, but our Masters has always been a little crazy, indeed. At the same time he was reading the French and Italian (neo-)structuralists like Deleuze and Guattari who coined the phrase „rhizome“ in philosophy and influenced with this plant-metaphorical notion the philosophical disussion quite a bit. Their books like „Anti-Ödipus“ are standing next to Foucault`s, Derrida`s and Claude Levi Strauss´s books. „A World On the Wane“ was Master`s favourite book for quite some time. He owns the first edition of this book as Malinowski`s often quoted work „The Sexlife of the Wild“. But now we are already in the department of anthropology where we found Carlos Casteneda, this in-author for quite a while. Well, we are not sure if this is „real“ anthropology. We Bookfayries read it as fascinating phantasy but not as good as „The Lord of the Rings“. Here we found Alexandra David-Neel too. Do you know this brave lady looking like a trapper „Vulture Beak“? She explored Tibet and wrote many books about it all standing in this departmet. Did you ever came across Florinad Donner`s „Shabono“? A fascinating read a little bit like Castenada`s book but we prefer her. 

In dieser Abteilung steht wohl nicht ganz logisch Cerams „Götter, Gräber und Gelehrte“. Dieses Buch besitzt Masterchen in einer schön gebundenen Ausgabe seit seinem 16. Lebensjahr, als er gleichzeitigt jenen mega-depressiven Roman „Steppenwolf“ las, den wir genauso unleserlich finden wie „Die Leiden des jungen Werther“, voll pathetisch. Iiih! Cerams Buch war viel packender und damals das Geschenk für Jugendliche seines Alters. Er erzählte, dass er es mindestens fünfmal geschenkt bekam und es mit glühender Begeisterung las. Übertroffen wurde es wohl nur von Gustav Schwabs „Sagen des klassischen Altertums“., das jedoch in unserer umfangreichen Märchen und Sagen Abteilung steht. Die wird erschreckend von den Kunstmärchen der Romantik dominiert, ein Steckenpferd von Masterchen, der uns Tiecks „Der blonde Eckbert“ und „Der Runenberg“ kürzlich vorlas. Wunderschön!

Und er erklärte, wie dort der Schauer entdeckt wurde, der dann in Schlemihls wundersame Geschichte von Chamisso und natürlich bei Mary Shellys „Frankenstein“ und Bram Stockers „Dracula“ mehr und mehr zelebriert wurde. Neben „Dracula“ stehen unsere geliebten Werke von Edgar Allan Poe. Mit ihm haben wir den Übergang vom Schauerlichen zum Krimi, eine Gattung, die Masterchen erst durch den Einfluss seiner Schwester nahegebracht wurde. Wir können das ganz und gar nicht verstehen, dass Masterchen überhaupt kein Interesse daran zeigt, wer der Mörder sein könnte.

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Gerade liest er „Arthur and George“, ein moderner Sherlock-Holmes-Roman von Julian Barnes, aber „whosdoneit“ interessiert ihn nicht die Bohne. Er ist fasziniert von dem genialen Einfall eine Art Dreyfuss-Geschichte mit Conan-Doyle zu verbinden und in seiner Begeisterung bemerkte er gar nicht, dass er Gleiches mit Sigmund Freud und Sherlock Holmes in seinen Beitrag über das Rauchen machte. „Betriebsblind!“, sagen wir nur.
Naja, alle Werke von Conan Doyle, Agatha Christie und Patricia Highsmith stehen auch bei uns herum, wobei in den Sherlock-Holmes-Geschichten Masterchen noch heute öfters blättert. „Der Detektiv als Metapher für den Intellektuellen“ so wollte er uns diese Krimis verkaufen, die wir jedoch monoton finden, immer das gleiche Schema wie auch bei Agatha Christie, die Masterchen ebenfalls liebt. „Es ist wie beim Kinderbuch“, erklärte er sich, „es gibt eine angenehme Sicherheit zu wissen, was man zu erwarten hat.“ Allerdings gibt es eine Ausnahme für uns. Christies „Mord im Orientexpress“, bei der alle Verdächtigen die Mörder sind, das finden wir genial.

In this corner we found „Gods, Graves and Scholars“ by Ceram as well. When our Master has been young nearly every adolescent boy and girl got it for Christmas or birthday. Master did read it with a great interest like the „Legends from Classic Greec“ by Gustav Schwab when he was 16. At the same time he read Hesses`s „Steppenwolf“ as well. Oh dear, we Bookfayries find this book as pathetic and unreadable as Goethe`s „The Sufferings of Werther“.
Legends and fayrietales share one corner in our library. The poetic fayrietales of the romantic poets like Tieck, Novalis, E.T.A. Hoffmann and Camisso – just to name a few – dominate this corner. Our Masters loves those authors who „invented“ the shiver in literature which was cultivated in Mary Shelley`s „Frankenstein“ and Bram Stoker´s „Dracula“. Stoker was a friend of Conan Doyle, one of the honarary guests at Conan Doyle`s second wedding.
You see here we have reached the department of criminal stories. There we love Edgar Allan Poe`s stories marking the beginning of the criminal story („The Murder in the Rue Morgue“ f.e.). Although we have got the collected works of Agatha Christie, Conan Doyle, Patricia Highsmith, Donna Leon and many more our Master doesn`t really like criminal stories. You wouldn`t believe it but he isn`t interested in the slightest to find out who has done it. Well, actually he reads some times Conan Doyle and Agatha Christie. For us un-understandable, it`s all the time the same structure. We find those stories monotonous whereas our Master replies that it is for him like being a child reading a book again and again and the fun of it is knowing what will happen. „That`s a comforting security making the crime easier to bear“, he tells us. „The detective is the metaphore for the intellectual“ he goes on to make us like those classic authors of suspense. But we like one book from this collection: Chrstie`s „Murder in the Orient Express“. We consider it a great idea that all suspects commited the murder, really original.

Wir haben noch viel mehr Abteilungen. Über die Bücher der Eisecke berichteten wir bereits. Über die anderen Abteilungen werdet ihr demnächst hier Stück für Stück lesen – wenn`s euch interessiert. Was wir noch zu bieten haben? fragt ihr.

There are much more departments in our library. You will read about bit by bit on our Bookfayrie blog – if you are interested. What more we have got, you ask?

Eine umfangreiche Abteilung mittelhochdeutscher Literatur (Hochmittelalter)
Eine ganz Zimmer voller Lexika über die absonderlichsten Dinge, wie ein Betrugslexikon z.B.
Eine große Abteilung Symbolik mit der Unterabteilung Farben, wo wir demnächst das Regalbrett wechseln müssen, so biegt es sich
Die Sammlung von Atlanten der Erde und des Universums mit zwei schönen Globen unserer Erde und einem Sternenglobus wie auch ein großes Modell unseres Planetensystems, das in unserer Eingangshalle hängt und uns, ehrlich gesagt, beim Fliegen mächtig behindert, hier stehen auch die Bücher über die Entdecker, darunter eine vollständige Reihe weiblicher Entdecker (zu der die oben genannte Alexandra David-Neel neben Ella Maillard und James Morris [a she!] u.a. gehört)
Bücher über Mathematik, Physik und Alchimie (teilweise völlig abgefahrenes Zeugs)
Unmengen Bücher über Sexualität und Klassiker der Pornografie, wobei „Orgasm“ von Jack Lee Rosenberg (Masterchens Therapeut in New York) damals in keiner amerikanischen und deutschen Bibliothek fehlen durfte. Wir haben es noch!
Und dann die Romane, hauptsächlich englische, skandinavische, deutsche und arktische Autoren

medieval literature (a huge collection)
a room filled with encyclopedias about the most amazing subjects
a big collection of books about symbolism and exspecially about colour and dream symbolism
Geography, atlases of the world and our universe, terrestical and star globes, a moving model of our planetary systems we don`t like because it`s blogs our way flying around. In this section we store books about exploreres too
books about mathmatics, physic and weird books about alchemie (quite weird books)
a big collection of books about male and female sexuality and the classic pornographic books
and last not least novels, mostly by English, scandinavian, German and arctic authors

Also ihr seht, da könnt ihr euch noch auf einiges gefasst machen.
Ganz liebe Grüße der Bibliothek, die unsere Heimat ist, auf der wir sehr stolz sind
Greetings from our library
Siri und Selma, Buchfeen

The English and the German texts differ because of information that is only available in German or only of interest for the English spreaking reader.

Happy Birthday Hermann Hesse

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Happy Birthday Hermann Hesse

Hermann Hesse würde heute, am 2. Juli 2012, seinen 135. Geburtstag feiern. Masterchen und wir beiden Buchfeen Siri und Selma gratulieren.

Aber pssst! Bloß nicht weitersagen, Masterchen sortierte seine blaue Hesse-Gesamtausgabe aus, sie schlummert jetzt auf dem Speicher als Spielzeug der Spinnen neben einigen Eso-Klassikern. Dennoch meinte er kürzlich, „Das Glasperlenspiel“ sei noch heute lesenswert, da es eine Atmosphäre schildert, die ihn an Peterhouse – das älteste College in Cambridge – erinnert. Den größten Einfluss hatte jedoch „Steppenwolf“ – ein fragwürdiges Werk, das zeigt, warum Hesse häufiger C.G. Jung aufsuchte, nämlich um seine schweren Depressionen wegtherapieren zu lassen.

                                             

Hermann Hesse

(Das Gedicht wurde entnommen:  Hesse, Hermann: Zwölf Gedichte, o.O. (Zürich) 1930)

Rauchen. Ein Fall für Sigmund Freud und Sherlock Holmes

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Rauchen. Ein Fall für Sigmund Freud und Sherlock Holmes

Nachdem seine Schriften öffentlich verbrannt und seine Lehre als jüdische Perversion verboten worden war, flüchtete Professor Freud nach London. Im Norden der City, am Fuß von Primrose Hill, richtet sich Freud sein neues Heim in der Elsworthy Road 39 ein, wie Watson zu Toast mit bitterster Orangenmarmelade las.
Watson hält inne, trinkt einen Schluck seines starken Tees mit Milch, ehe er beginnt, vorsichtig seinen Mitbewohner anzusprechen: „Holmes, my dear fellow, sollten Sie nicht Ihrem berühmten Wiener Kollegen Ihre Aufwartung machen. Herr Professor Freud hat knapp eine halbe Stunde von uns entfernt sein Domizil bezogen, wie es die Morgenzeitung berichtet.“

Natürlich wusste Watson nicht nur, dass Freud einige Sherlock-Holmes-Geschichten mit Genuss gelesen hatte, sondern auch, dass er sich nach der Lektüre hinreißen ließ, den Psychoanalytiker, also auch sich, als Detektiv, der im Dunkel des Unbewussten Indizien sucht, zu sehen. Freud erwähnte dies in Briefen an Jung und Fliess, wenn er sich recht erinnerte. Und war es nicht auffallend, wie Holmes als auch Freud sich auf ihre Beobachtungen verließen, um einen Fall zu lösen. Die geradezu übersinnliche Fähigkeit der beiden, Beobachtungen und Spekulationen zu Tatsachen werden zu lassen, die in verblüffender Weise zutreffen, hatte Watson schon immer fasziniert. Erforschten nicht beide, etwas fanatisch, wenn er sich diese Wertung erlauben durfte, die Abgründe menschlicher Existenz? Bei Freud lag das Opfer auf der Couch, bei Holmes lag es auf dem Boden. Er war sicher, Freud und sein Herr sind des gleichen Geistes Kind.

Der Meisterdetektiv griff zu seiner würzigen Arcadia Mixture, mit der er seine gebogene Pfeife versonnen stopfte. Nach den ersten Rauchwolken entfloh ein gedehntes „Hm“ seinen Lippen, dann Schweigen.

Eines Nachmittags Ende Juni 1938 nahm Paula Fichtl Mister Holmes seinen komischen Hut ab und geleitete ihn zu Freuds Arbeitszimmer.
„Mein lieber Mister Holmes“, begrüßte ihn Freud mit einer verführerisch duftenden Zigarre in der Hand und wies Paula an, doch Gebäck und Kaffee für sich und seinem „hochgeschätzten Gast“ zu servieren.
„Sie gestatten mir die Freiheit, meine Pfeife anzustecken, werter Herr Professor.“
„Nur zu Mister Holmes, lassen Sie unseren blauen Dunst sich vermischen, auf dass er unser Denken von äußerlichen Störungen abschirmt.“ Ironisch setze der alte Mann nach einer Weile hinzu: „Aber sein Sie vorsichtig, machen Sie es nicht wie dieser abtrünnige Doktor Jung, der fast seinen Schreibtisch angezündet hätte, als ihm einschlafend seine brennende Pfeife aus dem Mund fiel.“
Holmes und Freud plauderten statt über das Wetter über ihre große Leidenschaft, das Rauchen. Freud bekannte, obwohl er mit den dunkelsten Winkeln der Psyche vertraut war, dass er öfter erfolglos versucht habe, sich das Rauchen abzugewöhnen. „Ja, mein lieber Holmes, ich kann mit Mark Twain behaupten: ‚Das Rauchen abgewöhnen? Nichts einfacher als das. Ich muss es schließlich wissen, denn ich habe es schon tausendmal getan.‘“ Damit war das Eis zwischen den beiden gebrochen.
Holmes berichtete mit stolzem Understatement, dass in seinem Metier das Rauchen Tradition habe. „Wissen Sie, werter Herr Professor, geht nicht alles auf die Vergangenheit zurück? Ich glaube, wenn ich mir dies zu sagen erlauben darf, noch vor unsere Geburt. Ich bin ein Nachfahre von Poes Detektiv Auguste Dupin, der in der Ruhe seines Studierzimmers rauchend nachdachte. Und all unsere Enkel rauchen. Bei Dashiell Hammett und Raymond Chandler wird so viel geraucht, dass schon ihre Kriminalromane nach Tabak duften. Jedoch, was ich höchst bedaure, es wird nicht mehr stilvoll die Pfeife oder Zigarre in Ruhe genossen, sondern Chandlers Detektiv Marlowe greift zur Camel in kritischen Situationen und nicht nur dann. Sein Kollege Samuel Spade aus Hammetts Krimis dreht sich seine Zigaretten selbst wie auch dieser Frédéric Moreau, der völlig andersartige Held aus Flauberts „Lehrjahre des Herzens“, und zwar mit diesem starken Bull-Durham-Tabak, was der Autor wie eine Anweisung für das Zigarettendrehen beschreibt. Bei Moreau wundert mich das keineswegs, denn Flaubert, sein Vater, starb rauchend – aber nicht am Rauchen.“

„Zwangsneurotiker würde ich vermuten, ich kenne Herrn Spade zwar nicht persönlich, aber nehme eine orale Störung an. Vielleicht zu früh der Mutterbrust entfernt worden, oder hatte er keine Mutter, wie es bei jenen fiktiven Gestalten in Mode kommt? Wie dem auch sein, deswegen ist der Herr beziehungsunfähig, würde ich folgern. Wohnt nicht der Gestik des Drehens eine geheime Erotik inne, die sich selbst genügt und keines anderen Objekts bedarf. Und das Stopfen der Pfeife, Mister Holmes, bedarf wegen seiner Eindeutigkeit wohl keiner Interpretation.“

Nachdem man sich über den blauen Dunst näher gekommen war, musste das kommen, was Holmes befürchtet hatte, Freud fragte nach seiner Familie. Familie, das war freilich unbekanntes Land, ja, gefährliches Land für Holmes, der sich in seinem ganzen Leben nur einmal, und das noch unglücklich, in Ilse von Hoffmanstal, eine deutschen Spionin, verliebt hatte.
Holmes begann unsicher: „Ich habe einen älteren, hochbegabten Bruder Mycroft, der als Regierungsberater arbeitete und den Diogenes Club gründete, der dafür berüchtigt ist – wenn Sie es nicht bereits wissen, werter Herr Professor – dass er nur die ungeselligsten Männer Londons aufnimmt. Mein Assistent Dr. Watson meint in ‚Der griechische Übersetzer‘ herausbekommen zu haben, dass meine Großmutter die Schwester des französischen Militärmalers Horace Vernet war.“ Nach einigen Zügen an seiner Pfeife gestand er leise: „Ich bin jedoch vater- und mutterlos.“

Das war Freud noch nie begegnet, ein Mann ohne Eltern, naja, das neue Zeitalter war verrückt, Musil hatte den Mann ohne Eigenschaften geboren, aber ein Mann ohne Eltern … Freud begann zu schwitzen, das implizierte, dass dieser Mister Holmes keine ödipale Phase durchlebt hatte, sich also untauglich für die Analyse erwies. „Immer diese Engländer, sie sind in der Tat different, very much so“, murmelte Freud leise vor sich hin. Laut begann er sich jedoch seinem neuen Steckenpferd zuzuwenden: „Sind Sie als Detektiv, Mister Holmes, nicht im intensiven Maße vom Tod fasziniert? Er zieht Sie an, Sie wollen ihn verstehen, wo eine Leiche ist, da kommen Sie, wenn ich das so ausdrücken darf?“
Holmes nickte unmerklich.
„In uns allen wirkt dieser Todestrieb, der Trieb sich aufzulösen in die perfekte Entspannung wie beim idealisierten Orgasmus. Dieser Professor James Moriarty, Herr Doktor Jung hätte von Ihrer Schattenseite gesprochen, hat der Sie nicht an den Reichenbachfällen in den Tod getrieben? Aber Sie konnten nicht loslassen, nein, gleich Jesus dem Erlöser, erschienen Sie wieder, um sich erneut den Gefahren und der Lust des Todes auszusetzen. Als eine unsterbliche Figur, als die Sie mir entgegentreten, wird Ihnen das auch noch häufig gelingen – nicht beneidenswert. Der weise Cheiron verzichtete auf die Unsterblichkeit, Sie sind jedoch verdammt dazu, ewiges Symbol des Bekämpfers des Bösen zu sein.“
Freud rührte in seinem Kaffee, schnitt sich eine neue Zigarre an, und betrachtete Holmes durch blitzend runden Augengläser: „Da hat doch ein Schreiber, Nicholas Meyer oder so ähnlich, in seinem Buch ‚Kein Koks für Sherlock Holmes‘ indiskret Kokain mit uns beiden in Zusammenhang gebracht. Ja, dieser kulturzersetzende Narzissmus der Amerikaner, denen kein Geheimnis heilig ist, die Unbefriedigten, die wie Ahasveros, jener wandernde Jude, ewig irrend etwas suchen, paranoid …
„Auch mein Assistent,“ unterbrach ihn Holmes, „dieser Watson, ein passabler Kerl, nur manchmal zu besorgt, hat in ‚Das gelbe Gesicht“ behauptet, dass ich eine unbedenkliche Dosis Kokain – er ist Arzt und kann das beurteilen – zur Entspannung ab und an genießen würde. Dennoch behauptet Meyer in Verkehrung der Tatsachen, Watson hätte mich zu Ihnen geschickt, um von der Sucht geheilt zu werden, mit der Sie, werter Professor, vertraut sind. Alles Lüge! Ich komme zu ihnen als Kollege, wenn ich das so sagen darf, der an der Sprache der Zeichen interessiert ist.“
„Erleben Sie, verehrter Mister Holmes, nicht an Doktor Watson den Ödipuskomplex, den sie nie erleben duften? Der Sohn verrät den Vater, die ewige Geschichte … Fürchten Sie sich vor dem Vatermord, auch wenn Sie als unsterblich gelten, was dieser Schweizer Jung übrigens als Inflation beschrieb, ein Euphemismus für den Untergang. Ich weiß nicht, ob es Ihnen zu Ohren kam, aber dieser Rubenfeld plauderte in ‚Morddeutung‘ aus, wie sich auf Ihrem Gebiet meine Methode bewährte. Fast könnte man denken, unsere Methoden ähneln sich, da sie aus dem Schoß des gleichen Zeitgeistes entsprungen sind. Auch dieser Herr Kachler, der meine Lehren bis hin zur Lebenshilfe verstümmelte, ließ in seinem Roman ‚Traummord‘ diesen Kommissar Maurer mit meinen Theorien über den Mord am psychologischen Institut nachdenken, zum Glück wagt er es nicht, mich selbst auftreten zu lassen, wie Yalom es in „Und Nietzsche weinte“ tat, sondern er fantasiert fiktive Gespräche. Ich hätte mich niemals als Detektiv ständig nur mit diesem impertinenten Jung gestritten – wie dem auch sei, ich stehe ihrer Profession nicht fern.“
Nach einem „in der Tat!“ von Holmes fragte listig Freud, ob der Meisterdetektiv sich nicht vorstellen könnte, ein Meistergauner zu sein.
„Diese Frage“, antwortete Holmes lächelnd, „stellte mir auch Doktor Watson. Ich antwortete mit einem klaren Ja. Aber unter uns, werter Herr Professor, auch in Ihnen wirkt dieser Drang, der Fiktionales und Reales in Ihren Werken sich vermischen lässt oder lassen sie es uns treffender formulieren, die Fiktion hilft der Erkenntnis des Realen.“

Mit diesen Worten erhob sich Holmes und verabschiedete sich von dem alten Herrn.

(Infos auf diesem Blog zu Conan Doyle und Sherlock Holmes und den Hund von Baskerville)

Die Titanic auf der Couch

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Die Titanic auf der Couch

„The Liner She`s a Lady“
Rudyard Kipling

Siri und der Master stehen nicht auf große Schiffe.
„Diese riesigen Ocean-Liner sind Ansammlungen von Läden, Shops und Fitnessgedöns, da kann ich doch gleich im Einkaufscenter Urlaub machen – und richtig schaukeln tut`s auch nicht bei all diesen Stabilisatoren. Amüsement für weicheiige Landratten ohne Fluchtmöglichkeiten ist das!“ ruft Siri empört, als der Master sie bittet, an einem Artikel zum hundertsten Jahrestag des Untergangs der Titanic mitzuarbeiten.

Selma ist anders. Sie kann sich fein herausgeputzt köstlich beim Captain`s Dinner amüsieren und weiß durchaus das angenehme Bordleben zu genießen. Den anderen beiden wirft sie, nur im Stillen freilich, vor, dass ihre Vorstellung von der Seefahrt beim Odysseus (deswegen heißt Masters Boot auch Circe!) und Sindbad, dem Seefahrer aus Tausendundeine Nacht, stehen geblieben ist. Sindbad und Odysseus erleiden zwar ständig Schiffbruch, allerdings einen romantische Schiffbruch mit Happy End – aber ist nicht diese Hollywood-Verfilmung des Untergangs der Titanic nicht auch schön schaurig romantisch? Es gibt so viele Schiffsbrüche der des Robinson z.B. und der von Erica Jongs Fanny, um die pikantere Art des Schiffbruchs zu erwähnen. Sein wir doch ehrlich, wir erleiden alle Schiffbruch (klagten schon die griechisch-römischen Klassiker) und sei`s mit einem Glas Champagner in der Hand, wie`s der Mythos von der untergehenden Titanic mit seiner Liebe zum fiktionalen Detail ausmalt.
Im großartigsten aller Schiffbrüche zu schwelgen, das ist reine Schadensfreude, da es glücklicherweise die anderen traf.

Nach diesen geheimen Gedanken schlägt Selma vor, im Nordregal der Bibliothek sich die bebilderte Ausgabe von Terry Colemans Buch „The Liners“ anzuschauen. Es ist die Erstausgabe von 1976, auf deren Schutzumschlag der Liner Normandie mit einer hochhausstrotzenden Großstadt verglichen wird. Und was zeigt die erste Abbildung dieser Geschichte der Atlantiküberquerungen? Shopping auf der Galerie der Aquitania – als Frontispiz, dieser Illustration vor der Titelseite, die in älteren Büchern das Motto des Buches angibt. Das dritte Kapitel „The Greatest of the Works of Man“ ist der Titanic gewidmet, die in einer April-Nacht bei spiegelglatter See sank. Aufschlussreich, was man von der Titanic abbildet: Es beginnt mit Schwimmbad und Tennisplatz, gleich gefolgt von einer Art Fitnessraum, in dem man auf Schaukelpferden wohl gekleidet ritt, und dann zeigt sich fürstliche Prachtentfaltung an den elektrischen Aufzügen. Danach kommt das erste Bild, das vermittelt, auf einem Schiff zu sein zu sein, nämlich das Foto vom 2. Klasse Promenadendeck, übrigens ist auch hier kein Stückchen Meer zu sehen. Es geht weiter mit schlossartigen Treppen, Pariser Cafés, erst danach folgen die üblichen Bilder vom Untergang der Titanic.
Auch in anderen Büchern fällt auf, dass es bei den Abbildungen von Linern um die Darstellung des faszinierenden Luxus geht (insbesondere bei der Titanic, die „Millionaire`s Special“ genannt wurde und auf der die damals vier reichsten Männer der Welt umkamen), bei dem die See verdrängt wird, sie erscheint nicht im Bild. „Das ist doch klar!“, meint Siri, „Es geht um Kultur, die sich als Siegerin über die Natur versteht. Das grausam hungrige Meer ist Natur an sich, eben gerade das, was man im Wahn der Gründerzeit als produktionsstörend zu eliminieren versuchte.“

Keine Angst, so hochtrabend pflegt Siri sonst nicht zu sprechen, aber vielleicht lag`s am Gin Tonic, dass der Master noch eins drauf setzt: „Die Titanic wäre doch der Lieblingspatient von Freud gewesen – wenn sie auf die Couch gepasst hätte. Das Verdrängte wird des Verdrängenden Untergang. Dass es mit der Titanic ein schlechtes Ende nehmen musste, wäre Freud völlig klar gewesen, da sie seit ihrem Embryostadium himmelhoch gelobt wurde. Ja, schon ihr Name drückt eine Inflation aus, sie wird gottgleich, womit sich bedrängende Erwartungen verbinden. Eine klassisch neurosebildende Kindheit wäre die Diagnose und was soll da anderes herauskommen, als diese protzende Titanic, das verzogene Luxusweib unter den Schiffen. Als sie dann in See sticht – Freud würde seine runde Brille putzend etwas vom Mechanismus der Umkehrung murmeln, mit dem dieser schamhafte Zensor der Psyche die plump sexuelle Anspielung macht, dass die See sie sticht. ‚Ein Entjungferungssymbol!‘ würde er freudig ausrufen und daran erinnern, dass die Titanic bei ihrer Entjungferung, die ja eine Jungfernreise darstellt, untergegangen ist.


Jung, der zusammen mit Freud auf dem Liner George Washington (der per Funk die Titanic vor dem Eisberg warnte) drei Jahre vor dem Untergang der Titanic auf ähnlicher Route den Atlantik überquerte, wäre jetzt richtig in Fahrt gekommen (er war ein aufbrausend leidenschaftlicher Charakter). Alter Tradition folgend, liebte er die verschlingende See als Metapher für das Unbewusste. Er hätte diesen Untergang der Patientin Titanic als ersten Schritt der Individuation gesehen, Befreiung aus der Einseitigkeit der von Ideen und Ansprüchen geprägten Kindheit. Weil diese Kindheit einseitig vom Geist geprägt war, schlägt an der Grenze zum Frausein das Pendel um, und die Titanic gibt sich grandios hin. Sie versinkt in den spiegelglatten Fluten des Unbewussten („stille Wasser gründen tief!“) – und ragt nicht am Ende das Heck der Titanic phallischtriumphierend wie der pater potestas aus dem Wasser?

Jung würde mit großer Geste und rotem Kopf fortfahren, dass dieser Untergang die Sehnsucht nach absoluter Hingabe ausdrücke, worauf Freud triumphierend ausriefe: ‚Ich sagte es doch schon immer, Eros und Thanatos gehören zusammen. Die Franzosen wissen das, sie nennen den Orgasmus den kleinen Tod. Und ein großer Orgasmus ist entsprechend dem großen Tod verbunden.‘

Natur siegt über Kultur, darin waren sich Freud und Jung einig. Archetypisches wirkt über seine verblüffende Einfachheit, führt der Master oberlehrerhaft aus und elaboriert erklärt er, dass deswegen der Mythos „Titanic-Untergang“ bis heute noch die Gemüter bewegt. Er lässt sich gar dazu hinreißen, sich der kühnen Ansicht von Alyssa Freitas und Lawrence Lufkin (Titanic and Nautical Resource Center) anzuschließen, dass nämlich der Untergang der Titanic für die USamerikanische Öffentlichkeit ähnlich wie die Zerstörung des World Trade Centers am 11. Spetember wirkte.

Selma erzählt zum Abschluss des Abends noch eine erstaunliche Geschichte, die von der Eisbrecherstation in St. Johns/Neufundland dokumentiert wurde: 1935 fuhr der Seemann William Reeves, der am Tag des Untergangs der Titanic geboren wurde, auf dem Frachtschiff Titanian über die Stelle des Titanic-Unglücks und dass auch noch im April, die See war wie damals spiegelglatt. Als Reeves, der in der Nacht im Ausguck Wache hielt, das alles bewusst wurde, schlug er aus einem Gefühl der Panik heraus Alarm. Gerade noch rechtzeitig konnte die Titanian vor einem riesigen Eisberg stoppen. Da der jedoch im Stadium des Zerfalls begriffen war, musste das Frachtschiff aus einem gefährlichen Eisfeld von Eisbrechern von St. Johns gerettet werden.

„Ist das irgendwie so wie beim Bermuda-Dreieck?“, fragt Selma am Schluss ganz flattrig, „Eine Stelle, an der das Meer nicht befahren werden möchte? Oder leben dort vielleicht die Nixen und Wassermänner, die sich so ihre Geliebten holen?“
Der Master hält all dieses für Seemannsgarn, für Tollheiten der Psyche.
„Auch `ne Verdrängung“, meint Siri trocken.

Herzliche Grüße aus sunny Norfolk und vielen Dank an Dina für die Bilder und Ideen

In einem der nächsten Blogbeiträge werden Siri oder der Master über den Untergang der Titanic im Roman berichten.