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Sprache lügt nicht

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Sprache lügt nicht

Oh dear, jetzt kommt nicht, wie angekündigt der zweite Teil von Masterchens Reise ins Eis. Wir Buchfeen verhandeln nämlich gerade mit Rolf Stange, einen richtigen Explorer und Expeditionsleiter (er leitete die Expedition, an der Masterchen teilnahm), wegen Fotos und eines Gastbeitrags. Rolf ist jedoch unerreichbar in irgendeiner arktischen Wildnis. In vier Tagen hat ihn die Zivilisation wieder, dann klären wir alles ab und flugs setzt meine Schwester Siri, die dafür zuständig ist, das angekündigte Ende der Eisreise mit really big ice auf den Blog. So erhöhen wir auch die Spannung 😉

Schreiben ist wie Küssen mit dem Kopf
Daniel Glattauer „Gut gegen Nordwind“

Masterchen war empört, richtig knatschig war er gestern – aber ich, die lebenskluge Selmafee, wusste, das geht vorbei. Was war geschehen? Mit Elan stürzte sich Masterchen in die Bloggosphäre, wo er zu seiner Freude einen Blog über Kultur fand, auf dem die Frage gestellt wurde, was Wörter über uns aussagen. Klar, rief Masterchen aus, der Sprachgebrauch ist wie ein Fingerabdruck. An der Sprache kann der Interessierte Einiges ablesen. Und da er es noch aus alten Zeiten sehr mit Brecht hat, ging er nach Devise „Die Wahrheit ist konkret“ daran, einen kleinen Abschnitt des Blogbeitrags zu analysieren. Der Wortgebrauch sagte ihm, dass es sich bei der Schreibenden um einen interessierten Laien handelt, da keine Fachbegriffe benutzt wurden. Da aber in längeren Satzkonstruktionen geschrieben wurde ohne Kommafehler, schloss er darauf, dass es sich um eine gut gebildete Frau handelt und in etwa ihr Alter zeigte sich an der Vorliebe bestimmter Ausdrücke. Dass die Bloggerin keine schreibende Tätigkeit ausführt, sah er an grammatischen Unsauberkeiten und ungeschickten Satzkonstruktionen. Wer nämlich nicht professionell schreibt, benutzt fast immer viel zu viele Wörter, habt ihr das schon bemerkt?

Dies und einiges mehr, wobei er wohlweislich psychoanalytische Sprachbetrachtungen nach Lacan z.B. gar nicht anführte, schrieb er als Kommentar. Da er sich stets bemüht, als Gentleman zu erscheinen, betonte er noch zum Schluss seines Kommentars, wie wichtig das ist, dass sich Laien über Sprache Gedanken machen. Übrigens finden wir Buchfeen, dass das für Blogger besonders wichtig ist. Man liest doch nur von ihnen. Ist es nicht naheliegend, dass der Sprachgebrauch bestimmt, welch ein Bild der Leser sich von dem Blogger macht?

Am meisten gibt man über sich Preis, worüber ich mit Siri immer kichere, wenn man seine Sprache zu verstellen sucht. Das ist so ähnlich wie bei ausgereiften Psychotests: Die gehen davon aus, dass man sie belügt und analysieren clever das Muster des Lügens und damit der Reaktionen des Getesteten.

Aussagekräftig sind ferner Fehler, worauf schon Freud unter dem Aspekt der Fehlleistung aufmerksam machte. Aber jetzt will ich nicht wie die Oberfeenlehrerin argumentieren, aber auf eines legen wir Buchfeen doch Wert, dass es nämlich einen Unterschied zwischen gesprochener und geschriebener Sprache gibt, worauf schon der Vater der modernen Linguistik Ferdinand de Saussure aufmerksam machte. Wir meinen, wer schreibt, wie er spricht, nimmt entweder seine Leser nicht wichtig oder er will sich kumpelig anbiedern. Beides nicht unser Stil. Und was besonders Siri nicht abkann, ist die notorische Kleinschreibung in einigen Blogs. Sie hat dann das Gefühl, dass sich der Schreiber keine Mühe gibt, „er drückt eine gewisse Faulheit aus“, meint sie und diese ganzen Abkürzungen LG etc. sind ja Ausdruck der gleichen Haltung – ihr spürt doch auch sofort, dass „liebe Grüße“ und „LG“ etwas Unterschiedliches ausdrücken – oder? Weh tun uns Buchfeen, richtig böse weh, die inhaltsleeren Wörter, von denen sich einige auf manchen Blogs zuhauf versammeln.

Jetzt fragt ihr euch sicher, warum das mit der Sprache beim Bloggen wichtig sein soll. Ganz klar, es ist zentral, denn mit eurer Sprache zieht ihr bestimmte Leser und Kommentatoren an. Masterchen, Siri & ich, wir schreiben wie wir schreiben, weil wir damit die Leser anziehen, die wir gerne auf unserem Blog haben möchten. Glaubt bloß nicht, wir Buchfeen seien naiv, wir haben uns das schon überlegt.

Aber zurück zu jenem Blog, auf dem Masterchen kommentierte. Ja, Skandal, dieser Kommentar wurde nicht freigeschaltet, stattdessen gab`s einen zweiten Teils des Beitrags mit Platituden über die Sprache, die die selbstgestellte Frage, was der Wortgebrauch über uns aussagt, gar nicht behandelten (obwohl eine Bloggerin bat, darüber doch mehr zu hören).

Aber hallo, ihr Lieben, jetzt beginnt nicht zu schwitzen und euch zu sorgen, wir Buchfeen haben wirklich Wichtigeres zu tun, als eure Sprache zu analysieren. Aber dennoch ist zu bedenken, dass auch unanalysierte Sprache zumindest unbewusst wirkt.

Das waren so meine lückenfüllenden Gedanken, die an die Diskussion ums Bloggen anknüpfen, zu der uns die unergründlichen Wege des Eises brachten.

Ein sonniges Wochenende wünschen Siri & Selma 🙂 🙂

Wer sich weitergehend für dieses Thema interessiert, den empfehlen wir den Klassiker von Harald Weinrich „Linguistik der Lüge“. Herbert Marcuse macht in „Der eindimensionale Mensch“ darauf aufmerksam, dass Begriffe, die immer wieder beschworen werden, meist etwas ausdrücken, das man vorgibt zu haben, aber keineswegs hat. Dina zeigte uns gerade „LTI – Notizbuch eines Philologen“ des deutschen Schriftstellers Viktor Klemperer, der die Sprache des Nationalsozialismus klug analysierte. Seine Beobachtungen sind auch heute noch hilfreich, will man seine eigene Sprache bewusster einsetzen. Und last not least, wer`s unterhaltsam möchte, der liest sicher mit Freude die Bücher von Bastian Sick, der ein riesiges Geschäft mit unserer schlechten Sprache macht.

Buchtalk 1

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Buchtalk 1

Endlich kann ich mich als FeenVater und Master auch mal durchsetzen, etwas selbst zu schreiben. Ich hab erreicht (durch 5 FayrieTaler pro Woche mehr Taschengeld – knirsch!), dass ich bei Siri und Selma zumindest unregelmäßig eine Kolumne „Buchtalk“ bekomme.

Heute möchte ich Ihnen Romane vorstellen, die mich in letzter Zeit faszinierten: Jan Kjærstads Trilogie „Der Verführer, „Der Eroberer“, „Der Entdecker“, von Ian McEwan „Solar“ und von Daniel Glattauer „Gut gegen Nordwind“ und dann wird am Schluss als Kontrastprogramm Sigrid Undsets „Kristin Lavranstochter“ erwähnt.

Jan Kjaerstad

Schon von den ersten Seiten an haben mich Kjærstads Romane fasziniert. Die Metaphern und die zarte Ironie, die treffenden Beobachtungen schlugen mich in den Bann. Dann erst bemerkte ich, als der Erzähler und der Erzähler des Erzählers auftreten, wie geschickt in den drei Romanen die Betrachtung der Welt eines Fernsehstars konstruiert ist. Ich werde als Leser ständig darauf hingewiesen, dass es sich keineswegs um eine gar objektive Beschreibung von Realität handelt, sondern um ein Artefakt, um eine künstliche Welt. Zum einem gleicht das dem epischen Theater Brechts, der in seinem Theater die Schilder „Glotzt nicht romantisch“ aufstellte, um den Zuschauer zum kritischen Betrachter zu erziehen.

Die Jonas Wergeland Trilogie

Zum anderen sind das drei postmoderne Romane, die sich selbst medienkritisch reflektieren [Siri BuchFee: Masterchen meint, der Roman reflektiert im Roman die Art, wie er gemacht ist, nämlich völlig subjektiv]. Kjærstads als talentierter Erzähler lässt jedoch die Reflektionen nie seine Geschichten unterbrechen. Inhalt und Stil sind in beneidenswerter Weise miteinander verflochten, was einen Hochgenuss beim Lesen erzeugt (auch beim naiven Leser) [Siri: von ihm kann Masterchen noch einiges lernen]. Es erstaunt mich, wie Kjærstad durch ein fein verwobenes Netz von Geschichten viel Wissen spielerisch vermittelt. Sehr differenziert sind seine Reflexionen des Fernsehens, denn die Hauptperson der Trilogie Jonas Wergeland ist ein medienkritischer Fernsehstar.

Ian McEwan

Nach drei Büchern Kjærstad griff ich Abwechslung suchend nach McEwans „Solar“. So wie Kjærstad einer der zur Zeit führenden Autoren Norwegens ist, so ist McEwan gerade einer der führenden Autoren Englands. Bei beiden wird ein Heldenbild dekonstruiert [Siri: vergesst diese Anspielung auf den Dekonstruktivismus, er meint, beide entlarven Helden]. McEwans Stil einer weitgehend linear erzählten Geschichte wirkt konservativ Kjærstads Stil gegenüber, aber auch seine Geschichte der Verstrickungen eines Nobelpreisträgers ist (zumindest nach dem ersten Viertel des Romans) spannend und witzig erzählt.

Obwohl diese vier Romane nicht mit sexuellen Abenteuern sparen, die Kjærstad als Mittel der Erkenntnis feinsinnig beschreibt, ist „Solar“ ein psychologischer Roman, die drei Romane Kjærstads sind das jedoch nicht (noch eine Gemeinsamkeit mit Brecht, der das Psychologisieren in der Literatur ablehnte).
Wie schon „Abbitte“ zerfällt auch „Solar“ in Teile, diesmal drei, die jedoch besser verknüpft sind als die beiden Teilen von „Abbitte“ [Selma KnipsiFees Kommentar: Im Film fällt das weniger auf als im Buch]. „Solar“ ist trotz allem so spannend zu lesen, dass ich unbedingt wissen wollte, wie die Geschichte ausgeht.

Mit Glattauers hoch gelobten E-Mail-Roman hatte ich zu Beginn größte Schwierigkeiten [SiriFee: weil Masterchen eher kulturkonservativ ist, E-Mails erscheinen ihm nicht kunstwürdig, oh je … ].  Der Stil langweilte mich und dieses ewige Gejammere des Mannes über seine Verflossene, hat mich auch nicht gerade amüsiert. Erst nach etwas Rauchen und einer halben Flasche Wein wurde nach 100 Seiten die Geschichte spannend, plötzlich sehr spannend sogar. Der Sprachwitz  und das Raffinierte am Einfachen der Story begannen mich zu packen. Erst jetzt bemerkte ich, wie Glattauer ähnlich wie Kjærstad sein Medium, eben die E-Mail-Kommunikation (als Nachfolger des Briefromans), reflektiert. Am Schluss wollte ich unbedingt wissen, treffen sie sich nun oder nicht – aber ich verrate nichts.

Sigrid Undset

Ich bin übrigens durch Jan Kjærstad Sigrid Undset [Siri: oh dear, name dropping, wenn Ihr es nicht wisst, sie war die Nobelpreisträgerin für Literatur 1928 für „Kristin Lavranstochter“] wieder begegnet, die ich mit Anfang zwanzig las. Undset: die scheue Autorin, die in ihrer mittelalterlichen Welt lebte und so viel anders aussah, als ich sie mir vorgestellt hatte (als nordische Schönheit langhaarig blond, wie Figuren aus ihren Büchern). Mich wundert, dass all die Mittelalterfans sie nicht wiederentdeckt haben, aber daran hinderte sie wohl, dass Sigrid Undset zum Katholizismus konvertierte (ein Skandal in Norwegen) und ihr Glaube, dass der Mensch sich letztendlich nicht ändert.
In „Der Eroberer“ beschreibt Kjærstadt, wie Sigrid Undset den Tisch küsst, an dem Linné die große Ordnung (in der Pflanzenwelt) schaffte. Undsets Ideal war diese große Ordnung, die sie im Mittelalter sah.
Also, für alle Mittelalterfans: Sigrid Undset lesen, lohnt sich (das Gegenteil von postmodern). Ich empfehle „Kristin Lavranstochter“ – ein Buch, bei dem ich als Zwanzigjähriger ständig einschlief, da hatte ich andere Interessen [Selmas Erläuterung: Masterchen kommt aus ehrgeiziger Familie, da musste man solche NobelpreisSchinken gelesen haben, naja, angelesen haben zumindest oder so. Siri und ich, wir lieben die Undset, da sie so rührend beschreibt, wie die junge Kristin unsere Verwandten, die Elfen trifft].

Viel Lesevergnügen
wünscht Masterchen

P.S.: Dank den lektorierenden BuchFeen Siri und Selma