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Dublin`s Fine Libraries: Chester Beatty Library

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Siri + Selma

Siri + Selma

Nachtrag zur Marsh`s Library von Selma Buchfee:
Sie gehört zu den „haunted libraries“, in der ihr Gründer Narcissus Marsh nächtens als Geist herumwandert und in den alten Büchern einen Brief von seiner Nichte sucht. Wir sind ihm nicht begegnet, obwohl wir als Buchfee ein Gespür für Geister haben.
Selma`s amendment:
It is said, that Marsh`s Library is haunted. Narzissus Marsh has been seen wandering around to find a letter from his niece in the old books. Unfortunately we didn`t met this famous bookcollector.

***

Wisst ihr, dass Chester Beatty (1875-1968) einer der erfolgreichsten Sammler alter Handschriften und Bücher des 20. Jh. war? Wir staunten nicht schlecht, als wir hörten, wie er als erfolgreicher Bergbau-Ingenieur und Unternehmer bereits in seiner Jugend Millionen verdiente (dass er Kriegsgewinnler war, verschweigen wir lieber). Er sammelte westliche, islamische und ostasiatische Papyrustexte, Handschriften und frühen Bücher, wobei er nur die seltensten Ausgaben kaufte. Übrigens als „analer Charakter“, wie Masterchen ihn diagnostizierte, sammelte er nicht nur das, sondern alle möglichen seltenen Kunstobjekte.

Chester Beatty (1875-1968) was one of the greatest collectors of old scriptures of the 20th century. Already in his youth he made millions as a mining engineer and entreponeur. He spent his money for his Western, East-Asian and Islamic collection. But he was very choosy only buying excellent work of art. We, the bookfayries Siri and Selma, were very thrilled about his collection of Western illuminated manuscripts from the Caroligan and Ottonian periods.

Masterchen, mit seiner Liebe zu illuminierten Handschriften, belehrte uns, dass wir in dieser Bibliothek bestens die Entwicklung der Buchmalerei und der Schrift studieren könnten. Staunend betrachteten wir die reich illuminierten Handschriften der karolingischen und ottonischen Periode (Ende des 8. bis Ende des 11. Jh.). Eine der frühsten Buchmalereien entdeckten wir in einer Handschrift des Evangeliums des Johannes (um 600), ein koptischer Text mit seitlichen Verzierungen am Schriftblock und sogar bereits Minaturen, alles in harmonischen Erdfarben gehalten. In dieser Zeit begannen die ersten Schreiber, ihre Texte zu dekorieren, was jedoch bis ins 8. Jh. sehr schematisch geschah: neben kleinen Verzierungen am Schriftblock wurden auf meist ganzseitigen Miniaturen fast immer einer der vier Apostel schreibend oder lesend an einem Pult dargestellt. Spannender wird es dann um 1000, die Schreiber benutzten nun ausgiebigst Silber und Blattgold, Pigmente aus Edelsteinen und Mineralien, mit denen sie freudig Iniatialen ausmalten.

Our Master, having been a specialist for Gothic illuminated manuscripts, told us lots and lots about the development of the art of illumination. We were surprised about the sophistication of this art. We found the earliest illumination in a coptic text of the Gospel of St. John (around 600) but the real goodies were produced from the 8th century onwards, although they followed more or less the same sheme in the beginning. One of the apostles is sitting on a writing desk writing or reading. Around 1000 the illuminations are getting much more vivid as the artist began to use silver as well as gold, pigments from precious stones and minerals (before they rather used earthern pigments) and they presented a broad spectrum of scenes.

ausgemalte Initialen (allerdings in einem späteren Text)Foto: Hanne Siebers

ausgemalte Initialen (allerdings in einem späteren Text)
Foto: Hanne Siebers

Bewohnte Buchstaben kamen in Mode, da findet man Menschen, Tiere, Pflanzen in den Buchstaben. Wir haben sie als Suchbildchen betrachtet, doch müssen wir auch sagen, dass manche Initialen derart ausgemalt und verziert sind, dass wir den Buchstaben gar nicht mehr lesen konnten und oftmals war dazu alles miteinander verbunden, wie ihr es sicher von der keltischen Buchmalerei her kennt. Originell fanden wir eine Abbildung in „De Civitate Dei“ (1100, geschrieben in Latein in karolingischen Minuskeln) in der ein nackter sitzender Mann quasi um 90 Grad gedreht ein E bildet. Ab etwa 1100 (in der Gotik) verbinden sich in der Buchmalerei  Miniatur und Dekoration zu bunten Bildern und Mustern. Wir fanden ganzseitige Miniaturen und kleinere im Text und der Innenraum der Initialen wurde ebenfalls für kleine Miniaturen benutzt. Nun wurden die Handschriften richtig bunt. „Miniatur“ heißt „in Farbe malen“, wie Masterchen erklärte.

Inhabited letters came into fashion. You find people, animals and plants drawn into the loop of letters. In those initials we found little worlds but some were that much decorated that you cannot make out which letter it should be. In the Gothic period the illumniations become more and more colourfull, partly intertwined like in „The Book of Kells“ and miniatures became very important.

ill. HS

Gotische Prachthandschrift
Foto: Hanne Siebers

In der Gotik, wie ihr oben seht, kommt Leben in die Handschriften. Neben künstlerische gestalteten Initialen und Miniaturen in zweifarbig geschriebenen Texten fanden wir auch Kolumnentexte wie in der Abb. oben. Wir Buchfeen bekamen entzücktes Flügelflattern bei der Betrachtung der üppigen Seitenverzierungen in Gold, die ihr in den beiden folgenden Bildern bewundern könnt.

Above you see a Gothic Manuscript which intials are artfully painted by the scribe who used two colours for writing text too and did write column-texts on either sides (which is extraordinary).  

Chester Beatty Library, Dublin, 2012 Foto: Hanne Siebers

Handschrift von Jacopo Avanzi illuminiert (Padua 14. Jh.)
Foto: Hanne Siebers

Das Besondere an dieser Prachthandschrift oben ist nicht nur die blattvergoldete Initiale, sondern auch die in der Grisaille-Technik (Graumalerei) gestaltete Miniatur. Avanzi war ein Schüler Giottos und von daher erklärt sich die Plastizität in der Darstellung von Menschen Tieren. Typisch dagegen sind trotz des Grautons die starken roten und blauen Farbakzente, die auch die Verzierungen im unteren Blatt prägen.

Do you see the golden initial on the Manuscript (above)? Gold was important as well as red and blue because those were the most precious colours. Unusal is the the Grisaille-Technique (Gray-Painting) of the miniature. The artist Avanzi has been a follower of Giotto and therefore this plastivicy of figures and animals.

Gotische Prachthandschrift mit BlattgoldverzierungFoto: Hanne Siebers

Gotische Prachthandschrift mit Blattgoldverzierung
Foto: Hanne Siebers

Solche Rankenmuster, wie in dem Blatt oben waren in der gotischen Buchmalerei äußerst beliebt, wurden jedoch nur bei Prachtausgaben benutzt.

Such sophicated tendrils, like in the page above, were only used in special manuscript for rich customers who provided the gold as well as Lapis Lazuli for the blue and purple for the red.

Ab der Gotik werden nicht nur stereotyp christliche Themen dargestellt, sondern Szenen aus dem Alltagsleben. Da streiten sich Jungen und Esel reiten auf Hunderücken, wie wir im Stundenbuch des französischen Admirals Coetivy von 1443 sahen, der übrigens neben dem Duc de Berry der größte Buchsammler seiner Zeit war. Ja, das 15. Jh., das erkannte unser Buchfeenauge gleich, war der Höhepunkt der europäische Buchmalerei, obwohl damals gerade die ersten Bücher gedruckt wurden – oder vielleicht gerade deswegen, da ein illuminiertes Manuskript ein Unikat darstellt, ein gedrucktes jedoch nicht mehr. Es setzt das Zeitalter der Reproduzierbarkeit in der Textkunst ein. Zum Glück hatten wir in der Buchfeenschule über Walter Benjamins kluges Buch „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner Reprozierbarkeit“ gesprochen, um diesen enormen Einschnitt zu verstehen.

By the end of the Gothic periode not only Christian manuscript were produced but worldly texts as well beginning with texts from the Greec and Roman classic periode. The following Renaissance was the high time of illuminated texts although printing started then. But as the illumniated manuscript was unique with printing started the reproduction. A new aera of art had began. 

Und was uns gleich auffiel: Mit dem Aufkommen des Buchdrucks in der Renaissance bleibt zwar das Seitenlayout weitgehend dem der illuminierten Handschriften gleich, aber zunehmend wird die massive gotische Minuskel aufgegeben zu Gunsten von leichteren Schrifttypen. Der Platz für die Initialen wurde zunächst im frühen Buchdruck ausgespart und nach dem Druck wurden die Schmuckinitialen per Hand gemalt.

The first printed books – so called „Wiegendrucke“ – followed in their layout the Gothic manuscripts. The initials were left out and later painted on the page by hand. The typesetting changed from the heavy Gothic minuscles to a lighter typeface.  

Und um zu zeigen, dass die Buchmalerei nicht ausgestorben ist, zeigen wir euch unten eine limitierte Ausgabe, die von Henri Matisse gestaltet wurde. Solche modernen illuminierten Ausgaben werden heute hauptsächlich von Druckern in England und Frankreich hergestellt.

The picture down under shows you that the art of illumnation has not died. It`s a poetry book with illumnations by Henri Matisse. Nowadays such artwork in books is printed by specialized printers mainly in England and France.

Poéms de Charles d`Orléans, Buchmalerei Henri Matisse (2001)Foto: Hanne Siebers

Poéms de Charles d`Orléans, Buchmalerei Henri Matisse (2001)
Foto: Hanne Siebers

Außerdem sammelte Chester Beatty Koran-Ausgaben. Durch das Abbildungsverbot im Islam, finden wir, wie bei der Prachtausgabe unten, keine figürlichen Illuminationen in den Texten aber nicht-figürliche Verzierungen.

Chester Beatty did collect Qur`an editions as well. As figural illustration is forbidden in the Islamic world the scribes did decorate their texts with non-figural, mostly geometric patterns like in this Qur`an (from the middle ages) you see here:

Mittelalterliche Prachtausgabe des Koran
Foto: Hanne Siebers

Außerdem wurde häufig, wie an dem Beispiel unten die Schrift als grafisches Element stilisiert. In dieser Bibliothek, die berühmt für ihre Koran-Texte ist, kann man gut die unterschiedlichen arabischen Schriften unterscheiden, in der Koran geschrieben wurde. Die meisten Koran-Ausgaben stammen aus dem 9. bis 14. Jh.

Besides non-figural illumnations the  Qur`an shows quite often masterpieces of calligraphy. The writing is used for its graphic effect.
Most  Qur`ans from this collection are from the 9th to the 14th century.

Koran-Prachtausgabe in arabischer Kunstschrift geschrieben(Foto: Hanne Siebers

Koran-Prachtausgabe in arabischer Kunstschrift geschrieben
(Foto: Hanne Siebers

Leider ist die Chester Beatty Bibliothek keine „richtige“ Bibliothek, d.h. hier stehen keine Bücher in Regalen, sondern Handschriften und Bücher werden der Öffentlichkeit in Vitrinen mit Panzerglas in temperierten Räumen präsentiert. Allerdings ist die Präsentation sehr stimmungsvoll. Aber das ist keine Kuschelbibliothek wie Marsh`s Library. Hier würden wir nicht einziehen wollen. Aber diese Bibliothek war 2002 zum European Museum of the Year gekürt worden.
Eine Ausstellung in dieser Bibliothek ist der Entwicklung der Buchbindung und Präsentation von Texten gewidmet. Im unteren Bild seht ihr zwar kein Palmblatt und Papyrus (die es hier auch zu bewundern gibt), sondern die Schriftrolle, das gefaltete und das gebundene Buch (das schräggestellte Buch rechts ist ein deutsches Werk über Trachten).

Unfortunately the Chester Beatty Library is more a museum than a library. You don`t find shelves filled with old books. Everything is presented under glas in showcases. But it is presented very well. This library was chosen the European Museum of the Year in 2002.
In the different rooms you find an exhibition of the development of the presentation of texts and bookbinding. In the following picture you see these different forms of text presentation: the scroll, the folding book and bound and printed books.

Kasten: Textpräsentation
Foto: Hanne Siebers

Die folgende Schriftrolle fanden wir besonders ehrwürdig. Es ist ein hebräischer Text aus dem 17. Jh. (die sogen. „Thora und Esther Scxhriftrolle“)Diese Rarität haben wir lange auf uns wirken lassen.

We bookfayries were thrilled by this scroll . It`s a Hebrew parchment from the 17th century, the so called „Thora and Esther Scroll“.

Schriftrolle, lateinischer Text
Foto: Hanne Siebers

Zum Abschluss noch zwei Schätze der Bibliothek: Der Weltatlas von Blae(us) (17. Jh.). Zu Beginn des 17. Jh. löste sich die Kartografie von den ptolomäischen Weltbild und es wurden Atlanten mit Kupferstichdruck und reichen Barockverzierungen verlegt. Mercator und Ortelius waren die Vorreiter dieser neuen Form von Karten und Atlanten. Unten seht ihr den berühmten Atlas von Blaeus, der 1665 sogar mit Seekarten erschien.

Last not least two treasures: First the Atlas of the world by Bleaus or Bleak. At the beginnig of the 17th century cartographers started to give up the Ptolomaen idea of our world.  Now started the printing from etchings with rich Baroque decorations. Mercator and Otelius have been among the first producers of those atlasses. You see here the famous atlas of Blaeus which was edited even with maps of the sea in 1665. 

Weltatlas von Blae(us)
Foto: Hanne Siebers

und eine ungewöhnliche astromische Handschrift (gebunden, 16. Jh.) mit eingearbeiteten Drehscheiben.

And this a extraordinary astromonical bound manuscript from the 16th century with moving plates on one page.

Gebundenes astronomisches Manuskript (16. Jh.?)
Foto: Hanne Siebers

Leider konnten wir nicht alles zeigen. Wir entschuldigen uns bei Tantchen, dass wir keine Artefakte aus der buddhistischen Abteilung präsentieren, aber in den stark verdunkelten Räumen war es nicht leicht für Dina durch das Panzerglas zu fotografieren.

Sorry that we could show you more and there is so much more like a huge Buddhistic collection and pictures, too.
The following books are in German, sorry!

Noch ein Tipp von uns Buchfeen: Detailliertere Infos zu illuminierten Handschriften findet der interessierte Laie in dem „Lexikon der Buchkunst und der Bibliophile“, Hg. Karl Klaus Walther (Saur Vlg., München 2006) und in Grimme, Ernst Günther: Geschichte der abendländischen Buchmalerei (Dumont Vlg., Köln 1988) – beide Bücher haben wir kurz mal aus Masterchens Bibliothek gemopst.

Love
Liebe Grüße
eure Buchfeen Siri und Selma 🙂 🙂

Weitere Fotos aus dieser Bibliothek findet ihr auf Dinas Blog.
More pictures of this Library: here.

Wir danken ganz herzlich der Chester Beatty Library für die Fotoerlaubnis 🙂 und möchten euch bitten zu beachten, dass das Copyright dieses Artikels bei Klausbernd Vollmar und Hanne Siebers liegt. Ferner bedanken wir uns für sachkundige Privatführung.
Many thanks to Chester Beatty Library for the permission to take pictures and for the great private tour through the collection. Please respect the copyright of text and pictures by Klausbernd Vollmar and Hanne Siebers

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Grausig Grau?

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Grausig Grau?

Schwarz und Weiß, eine Totenschau,
Vermischt ein niederträchtig Grau.
Goethe

Was für ein Wetter heute, alles grau in grau. Ideal für mich, Selma BilderFee, den Master zu überreden, mit mir zusammen über diese ungeliebte Farbe zu schreiben. Aber hallo, was heißt hier eigentlich ungeliebt? Gewöhnlich gilt Grau als langweilig und Synonym für Eintönigkeit und trübe Stimmung. So schreiben die meisten, aber ist das nicht ein Klischee? Ich finde Grau toll! Graues Wetter ist gemütlich, am besten vom Kaminzimmer aus betrachtet mit loderndem Feuer und ein paar Kerzen. Schlechtwetterliebhaber wie Master und Dina zieht es hinaus, um tolle Fotos zu machen, vom Meer, Sturm und Regentropfen. Nie erscheint Venedig den Fotografen magischer als im grauen Winternebel (und Graubilder vom Master aus der Arktis könnte ihr auf Dinas Blog bewundern).

*Mein graues Lieblingsbild von Jan Mayen. Grau + Farbe = eine vortreffliche Wirkung!

Seit Goethes „Grau, Freund, grau ist alle Theorie …“ (Faust I) ist Grau in Verruf geraten. Als blutleere, langweilige Farbe wird es abgetan. Wir sprechen von der „grauen Maus“ und verbinden Grau mit Tristesse. Nach antiker Vorstellung sind die Toten graue Geister, die im nebliggrauen Schattenreich der Unterwelt leben. Grau ist dem „Grausen“ und „Grausamen“ verbunden.
Aber ist nicht diese aus Schwarz und Weiß gemischte Farbe ein Ausdruck der Differenzierung? Licht (Weiß) und Finsternis (Schwarz) mischen sich, um einen neuen Farbcharakter (die Grauzone) entstehen zu lassen. Grau sagt: „Es ist doch nicht alles schwarz oder weiß!“ Klare Absage ans Schwarz-Weiß-Denken.
Der Eigenbrötler bei uns zu Hause backt Graubrot, so lecker, und kennt ihr eigentlich Graue Literatur? Wir Buchfeen kennen uns da aus bei der Literatur, die nicht über den Buchhandel vertrieben wird- (meist besonders lesenswerte und wertvolle Sammlerstücke im Gegensatz zum Bestsellerramsch.)

Hach, Siri nervt gerade: Ich soll euch unbedingt fragen, warum es zwar das Morgengrauen aber kein Abendgrauen gibt.

Hvaler, Norwegen

Hvaler, Norwegen, Dinas geliebtes Sommerparadies

Fiel euch auf, den meisten Menschen steht graue Kleidung gut. Grautöne wirken fein und strahlen eine zurückhaltende Eleganz aus. Es sind nicht nur die Männer in grauen Anzügen aus Michael Endes Roman „Momo“, die Grau als Zeichen der Angepasstheit tragen, sondern auch modebewusste Menschen, die graue Schals oder graue Pullover wählen.
Und wie ist es mit den grauen Panthern und den grauen Eminenzen? Diese Grauen sind typisch für die Verbindung von alt mit grau, da Altes staubig ist und weil man mit dem Alter graue Haare bekommt. In Zeiten der Jugendkultur ist Grau out. Die graue Eminenz mag zwar älter sein, aber in dem Ausdruck zeigt sich auch die Macht, die im Hintergrund steht. Grau ist die am wenigsten auffällige Farbe. Es ist zudem Symbol der Armut und Bescheidenheit. Die Grisetten sind schlichte graue Kleider, die arme Frauen bei der Arbeit trugen. Später wurde Grisette zum Ausdruck für die billigsten Prostituierten.

Die berühmte Treppe in der Bauhaus-Universität, Weimar (Henry van de Velde)

Maler im Umkreis von „de Stijl“ und „Bauhaus“ waren überzeugt, dass alle Farben einen Grauanteil aufweisen. Sie zitierten Wilhelm Ostwald, der Grau als wesentliche Farbe erkannte und den Grauton jeder Farbe beobachtete. Da er für die niederländische Künstlergruppe „de Stijl“ zur Kultfigur wurde, brachte das eine Beschäftigung der Avantgarde mit Grau mit sich. Piet Mondrian (berühmtester Stijl-Künstler) schuf um 1918 eine Reihe monochrom grauer Bilder („Raute mit grauer Linie“).
Schönste Grautöne produziert die Schwarz-Weiß-Fotografie, bei der Grauabstufungen den Charme ausmachen. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts mit dem Aufkommen der Daguerreotypie (frühe Fotografie) beschäftigten sich kunstinteressierte Kreise mit Grau und bemerkten, wie Grau ebenso differenziert ist wie die bunten Farben

Eisblitz in der Arktis (NO Küste Grönlands)

Pssst … viel mehr graue Eis-Knipsis und graubunte Bilder aus der Arktis gibt es Mitte Februar in Recke zu sehen. Übrigens eine Premiere für Masters Vortrag „Eine Reise ins Eis“.

Die Heilige Elisabeth. Heller-Altar von Matthias Grünewald

Masterchen meinte, das müssen wir noch für Kunstinteressierte bringen: Grau in Grau zu malen nennt man Grisaille-Technik, man spricht von „der Malerei in Totfarben“. Im Hochmittelalter kam diese Technik auf, als die Zisterzienser begannen, keine Buntheit in ihren Kirchen zu dulden. Das Glas der Fenster, die Wände und Pfeiler wurden in Grautönen gehalten. In Totfarben gemalte Ornamente wirken wie in Stein gehauen. Giotto malte zu Beginn des 14. Jahrhundert die Arena-Kapelle zu Padua mit den sieben Todsünden aus – Grau in Grau. Nach Giotto passt Grau zum Bösen, ebenso scheint auch Picasso bei seinem wohl berühmtesten Bild „Guernica“ gedacht zu haben. Die vielleicht bekanntesten Beispiele für Grisaillemalerei sind der Matthias Grünewald-Heller-Altar „Heilige Elisabeth“ (um 1508) und „Johannes der Täufer predigend“ (1634/5, Preußischer Kulturbesitz) von Rembrandt.
Übrigens, die Mitglieder der Kongregation der Schwestern von der Heiligen Elisabeth werden wegen ihrer grauen Kleidung auch die Grauen Schwesterngenannt.

Anmerkung von Selma: Wer Genaueres über die Wirkungen der Farben hören möchte, der sollte zu Masters Veranstaltungen in Berlin oder Frankfurt/Main im März kommen.

Unbunte Grüße
von Selma Buch- & BilderFee und dem Master