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Nordlicht – Aurora Borealis

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“No pencil can draw it, no colours can paint it, and no words can describe it in all its magnificence”
Julius von Payer – Explorer und  Nordlichtbeobachter

Sie werden sich wundern, geneigte Leserin und geneigter Leser, von mir zu lesen. In ihren Träumen forderten mich, wohl mehr unbewusst, diese niedlichen Buchfeen Siri und Selma auf, einen Gastartikel zu schreiben. So erlaube ich mir, mich vorzustellen: Ich bin das geladene Teilchen T32* auf dem langen Weg von der Sonne zur Erde. Immerhin bin ich 24 bis 36 Stunden ununterbrochen unterwegs, bis ich bei Ihnen ankomme. Ganz schön anstrengend!

Der Master wollte die Tage, da jeder vom Sonnensturm sprach, seinen beiden Buchfeen das Nordlicht zeigen, das ich und meine Kollegen an den Himmel zaubern, wenn wir mit Teilchen der Atmosphäre kollidieren. Aber, ach und weh, diese gräulichen Wolken bedeckten eifersüchtig den Himmel, dass kein Durchblick möglich war. Als Sonnenteilchen T32* beherrsche ich zwar den Magnetismus, naja, teilweise nur, aber Herr über die Wolken bin ich leider nicht.

Aber schauen wir uns die Szene im kleinen Dorf am großen Meer genauer an: Da sitzt die kleine Sirifee völlig sauer und knatschig auf Regalbrett 3, da der Master ihr verboten hatte, ihr McFee-Notebook zu benutzen. Er meinte, meine Sprache sei der Magnetismus, der Informationen auf der Festplatte verändern und unbrauchbar machen könnte. Boshafte Verleumdung ist das! Wir Teilchen haben uns vor der Abreise abgesprochen, diesmal den Menschen nicht zu schaden, wir halten uns edel zurück – ich T32* höchstpersönlich habe das angeordnet. Siri könnte beruhigt ihren McFee benutzen, aber das weiß der Master nicht, muss ich ihm zu Gute halten. Die knuffige Selma ist ebenfalls völlig sauer. Sie nörgelt, dass sie unbedingt Nordlichter sehen möchten. Gemein findet sie es, dass Masterchen im Dinaland schon häufig die Aurora Borealis erlebt hat, „aber ich nicht! Das ist voll ungerecht!“

Ja, ja, dieser jugendliche Idealismus, über den wir als Sonnenteilchen zum Glück erhaben sind. Gerechtigkeit? Was ist denn das? Naturgesetze, die kennen wir, aber diese Idee der Gerechtigkeit ist uns fremd wie das Wasser der Venus.

Näher rasend, höre ich Siri vorlesen, die wütend ihr kluges Fayrie-Lexikon Buch aufschlug, dass der Staub nur so herumwirbelte und der Buchwurm in Panik floh: „Vom Spätherbst bis Frühlingsbeginn sieht man die Nordlichter am wahrscheinlichsten.“
„Ja“, bestätigt Dina nickend, “bei uns in Norwegen kann man das Nordlicht zwischen September und April sehen, aber es hängt vom Wetter ab, da das Nordlicht mehr als 100 km über der Erde auftritt, weit oberhalb der Wolkendecke. Theoretisch kann man überall in Norwegen Nordlicht sehen. Die besten Orte liegen jedoch nördlich des Polarkreises.“

Siri liest unbeirrt weiter aus ihrem geliebten Lexikon: „Der Nordlichtgürtel trifft bei den Lofoten auf Nordnorwegen und folgt der Küste bis zum Nordkap. Nirgendwo sonst sind die Chancen für Nordlichtbeobachtungen so groß wie hier. Welchen Ort man sich in Nordnorwegen aussucht, ist egal. Häufig sieht man dasselbe Nordlicht auf den Lofoten wie in Tromsø, nur aus einem anderen Winkel. Meist ist das Wetter im Binnenland trockener als an der Küste und sorgt mit klarem Himmel für die größeren Chancen einer Sichtung. Doch bei Ostwind bietet auch die Küste eine klare Sicht. Dann lodert das Nordlicht in verschiedenen Strahlenbögen. Farbige Lichter, die von Orange über Lila und Grün bis hin zu Sonnenuntergangsrot variieren, tanzen über den Himmel. Fotos sind nichts als ein bleicher, statischer Schatten dieses Ereignisses.”

Der letzte Satz ärgert Selma enorm. Sie will nicht nur die Nordlichter sehen, sondern auch unbedingt fotografieren. Eigentlich müsste ich beleidigt sein, denn sie ist nicht an meinem Wesen interessiert, nur am Schein statt an meinem Sein. Sie liebt die Verbildlichung meiner Energie. Naja, immerhin, tröste ich mich. Wenn die wüssten, wie kraftraubend es ist, diese Lichter zu erzeugen, um sie wie farbige Vorhänge im leichten Windhauch zu bewegen.
Selma meinte zu einem Foto des Nordlichts: „Sieht aus wie Krepppapier, das vom Himmel herunterhängt.“

“Ich will jetzt Nordlichter sehen!”, ruft SelmaFee in ihrem Kuschelbettchen auf dem Regalbrett 3.
„Ich auch!“, schließt sich SiriFee an.
„Dieses Naturtheater überrascht mit einer spektakulären Lichtinstallation, wenn ihr es erlebt, könnt ihr euch glücklich schätzen. Für das Erscheinen gibt es nämlich keine Garantie, leider“, erklärt uns der Master.

„Falsch!“, muss ich hier einwenden. Wenn Teilchen wie ich in großen Gruppen wie beim Schulwandertag unterwegs sind, treffen wir auf jeden Fall auf eure Atmosphäre, einen teilchenstrotzenden Ort, wo wir durch Vereinigung Licht erzeugen. Bei Sonnenwindaktivität können Sie immer mit Nordlicht rechnen.

Siri will wieder alles genau wissen. Sie liest in ihrem klugen Feen-Lexikon weiter: “Das Nordlicht entsteht, wenn elektrisch geladene Teilchen entlang des Magnetfeldes in die obere Atmosphäre der Erde eindringen. Beim Eindringen in die Erdatmosphäre in einer Höhe um 100 km stoßen sie mit Gasteilchen wie Stickstoff und Sauerstoff zusammen. Durch die Milliarden von Kollisionen entstehen Myriaden von Lichtfunken, die das Nordlicht in seiner Farbenpracht erscheinen lassen. Die Farben zeigen, welche Partikel zusammenprallen und welche Temperaturen in der Höhe des Nordlichts herrschen.”

Der Master weiß Geschichtliches zu berichten, “Schon auf schamanistischen Trommeln der Samen wurden Nordlicht-Symbole abgebildet. Im Samischen trägt das Phänomen verschiedene Namen. So wird es beispielsweise ‚Guovssahas‘ genannt, was ‘das Licht, das man hören kann’ bedeutet. Die Samen assoziieren das Nordlicht mit Klang. Auch ich hörte das Nordlicht knistern.“
„Das soll eine Täuschung sein!“, wirft Selma unterbrechend ein, „hörte ich von den trolligen Wissenschaftlern“ .
„Wie dem auch sei“, meint Siri stirnerunzelnd, leicht flattrig, „im Königsspiegel der Wikinger so um 1250 wird das Wort ‘Nordrljos‘ erstmalig benutzt. Damals wurde das Nordlicht mit diesen Walküren verbunden, deren Schilde das Mondlicht reflektieren und das flackernde Licht an den Himmel zaubern. Für die mehr pragmatischen Wikinger war es ein Licht auf dem Weg nach Grönland.“

Der Master setzt noch hinzu: „Im Mittelalter, wenn das Nordlicht weiter südlich in Europa gesehen wurde, verbreitete es Furcht und Schrecken. Als Zeichen der Pest und Unruhen wurde es gedeutet. Die Menschen sahen damals im Nordlicht Kriegsheere in voller Rüstung, grauenvolle Monster oder fürchterliche Flammen, dem Fegefeuer gleich.
Die alten Dichter ließen sich jedoch vom Nordlicht inspirieren. Begriffe wie Bifrost, Walküre und Gyldenbuste sind literarische Bilder für das Nordlicht. Bifrost, die Himmelsbrücke zwischen der Heimat der Götter und der Erde, war ein Bindeglied zwischen Leben und Tod. So wurde im Volksglauben das Nordlicht oft mit dem Tod verknüpft, häufig mit toten unverheirateten Frauen. Durch die Bögen des Nordlichts glaubten die Menschen, Kontakt mit den Toten zu bekommen. Als Überbleibsel dieser Tradition sah ich norwegische Kinder weiße Tücher schwenken, um das Nordlicht in Bewegung zu bringen.”

Ich fühle mich wirklich geehrt von euch Menschen, von dem, was ihr mir so alles andichtet.
Hui, im Sauseschritt komme ich euch näher und näher, während der Master etwas zeigt, was Ihr Menschen wohl ‚Mitleid‘ nennt. Er verspricht seinen bestgeliebten Buchfeen, ihnen das Nordlicht zu zeigen. Da sehe ich Selma wie der Blitz aus ihrem Kuschelbettchen springen, um ihre FayrieKon, das ‚Knipsiteilchen‘, wie sie es nennt, zu holen. Aber was schreit sie denn da herum und stampft mit ihren kleinen Füßchen energisch auf? „Wer hat meinen Aku gesehen? Hat den etwa einer von euch wieder ausgestöpselt? Wo ist der?“

Naja, Feen sind manchmal kopflos. Er lag aufgeladen in ihrem Feenbeutelchen. So schleicht sie wieder zurück auf Regalbrett 3 und legt sich die FayrieKon am Hals hängend ins Kuschelbettchen. Siri auf Regalbrett 4 ist genervt, „wann geht`s den endlich mit dem Nordlicht los?“
„Nun wird aber geschlafen! Gleich entführt euch ein Troll im Traum ins Nordlichtland. Gute Nacht!”

© alle Fotos: Bjørn Jørgensen, Arcticphoto
© Text: Klausbernd Vollmar

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