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Reise in Eis – Teil 2

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Eine Reise gleicht einem Spiel. Es ist immer etwas Gewinn und Verlust dabei – meist von der unerwarteten Seite.
Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832)

Das Reisen führt uns zu uns zurück.
Albert Camus (1913-1960)

Foto Rolf Stange

Arktischer Halo über dem Schiff vor Kapp Brewster/Grönland

Christoph Ransmayr beschwört in seinem Roman „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ schauerlich die andere Seite einer Reise ins Eis: wenig heroisch, nur eklig. „Realistisch“ ist wohl das rechte Wort. Hätte ich diesen sprachlich brillanten Roman vor dem Beginn meines Tagebuchs gelesen, ich hätte mich nicht mehr getraut, über die Arktis zu berichten. Aber wie ermahnte mich Sir Siegfried eines Morgens beim Frühstück: „Lese nie in der Zeit, während du schreibst“. Sir Siegfried, der Hydrologe, ist derjenige unter uns, der im Stil eines ehemaligen Waldorf-Schülers keine grellbunte High-Tech Expeditionskleidung trägt. Wie ein englischer Gentleman-Explorer schreitet er bedächtig in brauner Cordhose und Wollpullover farblich angepasst über die tiefverschneite Tundra. So stelle ich mir Sir John Franklin vor: bedächtig, ruhig, umweht vom Hauch der Melancholie. Sir Siegfried und ich kommen uns näher – er väterlich, ich spiele seinen Sohn. Solche Beziehungen sind bei längeren Expeditionen üblich – hörte ich sagen.

Auf See, Foto Rolf Stange

Ein ganz normaler Tag auf See …

Hundert Seemeilen nördlich von uns sieht der Satellit dichtes Treib- und Packeis. Wir sind mitten drin. Diffuses Licht durch eine starke Sonne hinter Hochnebelschleiern lässt einsame Inseln wie ein Wunder erscheinen. Durch starken Nord-Wind wird das Eis zusammengetrieben. Naiv beneide ich Nansen, Nordenskjöld und Parry, die Monate bis Jahre nichts als Treibeis erlebten. „Möge diese Fahrt nie enden“ wünsche ich. Jeden Gedanken an ein Ende dieser Reise verbiete ich mir in dieser surrealen Traumlandschaft.

Mein Platz auf der Brücke. Heute hat sich der junge Navigationsoffizier den Spaß erlaubt, jedem etwas unbemerkt auf seinen Pullover zu kleben. Wochenlang Eis macht kindlich.

 Auf der Brücke bei Kakao mit Rum. Die Lücken zwischen den Schollen verringern sich. Bei ihrem Rammen geht ein Zittern durch das Schiff, das den jungen Rudergänger die Titanic erwähnen lässt. Für mich ist diese Eisfahrt meditativ, nicht für den Rudergänger, der die freie See bei voller Fahrt liebt. Die Dünung ist träge. Alles scheint verlangsamt bis zur Zeitlosigkeit. Zähe Trägheit umfängt mich, unfokussiert schaue ich in die Ferne, das gedämpfte Norwegisch der Offiziere auf der Brücke lullt ein. Der zweite Offizier sucht mit unbewegter Mine mit dem Fernglas ständig den Horizont ab. Unser Ornithologe fotografiert den Speicher seiner Kamera mit Elfenbein- und Dreizehenmöwen voll, um sich in der warmen Kajüte seine Zeit mit Löschen zu vertreiben. Träge schieben wir uns auf das freie Wasser zu, das dreißig Seemeilen vor uns liegt. Die Dünung nimmt zu, der Eisblitz liegt hinter uns.
Foto Klausbernd Vollmar, Eisblitz

Eisblitz, der helle Schimmer am Horizont, vor der Küste Ostgrönlands. Er zeigte schon Walfängern an, wo die Packeisgrenze liegt.

78055´ N, 12009´ E, -40 C, Sonnenschein

Kongsfjord im Sonnenlicht. Ich bewundere die subtilen Blautöne des Gletschereises, das in der Sonne glitzert. Nach Frühstück untersuchen wir eine Gletscherzunge. Wegen des guten Wetters kommen wir erschreckend nahe an sie heran. Und wenn der Gletscher jetzt kalben würde?

Und schon sind wir in Ny Ǻlesund, wo morgens das Thermometer –30 C im Schatten anzeigt, was ich inzwischen als warm empfinde. Es liegt Schnee wie auf der Postkarte, die ich im nördlichsten Postamt der Welt einwerfe. Nach Wochen unbesiedelter Wildnis kommt mir der Ort wie eine Weltstadt vor.
„Nördlichste Dauersiedlung der Welt, die auf 800 N liegt“, hatte ich gegoogelt. Der Ort besteht nur aus Forschungsinstituten von fünfzehn Nationen
Ny Ålesund ist ein kleiner bewohnter Fleck verloren in einer Urzeitlandschaft“ schreibe ich ins Logbuch.

Ny Alesund und Umgebung

Ny Ǻlesund ist postmoderne Arktis, ein Reich, in das Wissenschaftler flüchten, um den Intrigen an ihren Instituten zu entgehen“ erläutert mir Bohrkern-Bodo augenzwinkernd. „Wenn du es als Geologe über hast, Buchhalter der Landschaft und Leidender in deiner Familie zu sein, besinnst du dich auf die Goldgräbermentalität deines Fachs und verziehst dich in die Arktis oder Antarktis. Doch das heroische Zeitalter der Polarforschung ist Geschichte, die Romantik wurde im Kampf um Drittmittel ermordet.

Den rostenden Ankermast, an dem die Norge befestigt warjenes Luftschiff, mit dem Amundsen und Nobile den Pol überflogen, besuche ich pflichtschuldig. Er gibt sich dankbaren Fotografen zünftig vereist. Hinter ihm grasen einige Rentiere, etwas weiter vor ihm haben chinesische Forscher vor ihrer Station einen Schneemann gebaut, der in Eintracht neben den grimmig stilisierten Löwen steht.
Ny Ǻlesund – ein Leben im eisigen Elfenbeinturm, Hermann Hesses Gelehrtenrepublik …

Ich bin froh, als wir gen Grönland ins mächtige Eis weiterfahren.

Eisiges

Und noch mehr Eisiges

Bei manchen Dingen verhält es sich wie mit einem Eisberg. Rein oberflächlich betrachtet hängt nicht viel dran.“
Siegfried Wache

Schnell gewöhnt sich der Geist an das Enorme. Riesige Eisberge in Sicht, gegen die Caspar David Friedrichs Schollen, die er auf der Elbe skizzierte, putzig wirken. Vor uns eine Eisbarriere, die Rudergänger und Kapitän durch ihre Gläser beäugen. Stechendes Licht reflektiert auf Wellenrippeln. Am Radar wird die Entfernung gemessen, der Zeiger des Maschinentelegrafen nach unten auf „langsamste Fahrt“ geschoben. Elf Seemeilen vor uns eine weiße Wand über sechs Kilometer Fjordbreite. Die Eiswand rückt näher, zum Lunch werden wir sie erreichen. Kapitän und Rudergänger beraten die Passage, Ausweichmanöver nach backbord. Die Strömung wird stärker, Schaumkronen rollen uns entgegen. Abermalige Kurskorrektur, Stirnrunzeln. Der Rudergänger geht zum Ruder, durch Lücken im driftenden Eis wird per Hand gesteuert. Anweisungen vom Kapitän, der hinter ihm steht.

Suppe und viel Fleisch mit Gemüse werden im Speisesaal serviert, der Doc passt auf, dass jeder isst, sonst wird er nicht bei den Landgängen mitgenommen. Die Eisbarriere provoziert Tischgespräche über die Natur, die meist romantisch rezipiert wird. Adalbert Stifter und Novalis werden zitiert, während draußen driftendes Eis zerkleinert wird. Eine Schweizer Biologin behauptet, dass private Naturschützer oftmals der Blut-und-Boden-Ideologie zuneigen. „Der Mensch treibt durch sein Handeln die Evolution voran …“ alles andere geht im Kratzen und Rumpeln des Eises an der Schiffswand unter.

Bilder einer riskanten Eisfahrt durch den blockierten Fjordausgang

Ist es der Verlust des Ziels, der eine Eisfahrt faszinieren lässt? Wird Ähnliches variiert oder ständig Neues kreiert? Nebel kommt auf, die Perspektive verkürzt sich. Unser Expeditionsleiter spricht witzig (?) von der Rationierung der Lebensmittel. Seit vielen Jahren hat es an dieser Stelle nicht mehr so viel Eis gegeben, „obwohl allerorten von global warming gesprochen wird“, wie unsere chilenische Glaziologin kichernd kommentiert. Das Schaukeln des Schiffs lässt den Geist traumhaft schweifen, sich verlieren in den Tiefen des Unbewussten, dieses inneren Meeres, aus dem das Bewusstsein wie einzelne Inseln aufragt. Der Rudergänger fragt, was ich da schreibe.
„Wird sich die Eisbarriere nicht drehen, werden wir überwintern müssen“, meint er.  Ich hätte nichts dagegen.
Gegen Nachmittag nimmt die Eisdichte ab, es erscheint ein arktischer Halo. Die alten Walfänger nannten diese Regenbogen „fog lifter“, da sie klares Wetter ankündigen.

Aquarell eines Halos über dem Eisbrecher vor den nördlichen Fjorden Grönlands (aus dem Tagebuch der Expeditionszeichnerin Moni Obser)

„Maurice spricht um 18h Shiffszeit über Vogelkolonien“, verkündet das schwarze Brett. Maurice darf man sich nicht entgehen lassen. Geradezu genial ist, dass Maurice englisch vorträgt. Er meint zumindest auf englisch vorzutragen. Maurice beginnt über Girls zu reden. Atemberaubende Stille, der Verblüffungseffekt ist groß. Maurice ist ein gut gebauter, sportlicher Jungwissenschaftler, der als Schwarm der Frauen uns sicher noch in Sachen Girls aufklären kann. Er beginnt damit, dass es viele verschiedene Girls in der Arktis gibt. Stolz präsentiert er eine Karte, wo man die unterschiedlichen Girls auf Grönland findet.
Endlich mal sinnvolle Feldforschung“ wirft BohrkernBodo ein und fragt gleich interessiert, wer denn solche Forschung finanziert.
De Quebeck Bored of Girl Rechurch in Montreal
Ah, The Quebeck Board of Girl Research?” fragt BohrkernBodo nach und macht sich eine Notiz in seine kleine schwarze Kladde.
Maurice fängt mit den RaubGirls an.
Hört sich gefährlich an“, raunt mir Svea augenzwinkernd zu.
Nachdem er auf Flugverhalten und  Federstruktur zu sprechen kommt, wird uns klar, dass die Girls von Maurice seine Gulls sind, die er monatelang von einer eiskalten, verfallenen Hütte beobachtete. Maurice weiß alles über seine Girls. Was er nicht sprachlich ausdrücken kann, und das ist nicht wenig, verdeutlicht er anschaulich mit Gestik und Körperbewegung, dass man meint, ein Girl selbst würde vortragen.
Rauschender Beifall.

63 arktische Girls

Der Radarschirm zeigt einen Eisberg groß wie eine gotische Kathedrale acht nautische Meilen voraus.
Doch überwintern?

Copyright Klausbernd Vollmar, 2012

Liebe Grüße an euch alle von der Küste der Seefahrer
Klausbernd

Ich bedanke mich für die Kollagen bei Dina (Hanne Siebers, die weitere Eisbilder auf ihrem Blog zeigt) und für die ersten beiden Fotografien und einige in den Kollagen bei Rolf Stange, der als erfahrener Expeditionsleiter auf seiner informativen Website über die arktische Inselwelt berichtet. Vielen Dank an Moni Obser für die Abbildung aus ihrem Tagebuch und die Aquarelle, die alle von ihr stammen, und nicht zuletzt für das Klassentreffen der arktischen Girls 😉

Jubiläum der Eismänner

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Roald Amundsen und Fridtjof Nansen

2011 ist Norwegens großes Jahr: Zwei große Männer, Entdecker und Forscher, beide zur Lebzeiten eine Legende, werden gebührend gefeiert. Am 10. Oktober vor 150 Jahren wurde der Polarforscher und Friedensnobelpreisträger Fridtjof Nansen geboren – Happy Birthday nachträglich! (Zusatz von Siri: Er ist das geheime Vorbild unseres Masters, weswegen er von uns den Spitznamen „lille Nansen“, also der kleine Nansen, bekam).
Und heute, am 14.12.2011, jährt sich die Eroberung des Südpols durch Roald Amundsen zum 100. Mal.

Nansen und Amundsen nahmen ihre Polarfahrten in Tromsö ( 69° 39′ Nord, 18° 59′ Ost) auf, wie unser Master.

F. Nansen und R. Amundsen

Zu seiner Zeit kam Nansen dem Nordpol neben Shackleton am nächsten. Legendär ist neben seiner Überquerung des grönländischen Inlandeises seine Überwinterung mit Hjalmar Johanssen auf Franz Josef Land – im einem Schlafsack. Natürlich siezten sich die beiden Gentlemen während der ganzen Zeit, wie es sich gehörte.

Johansen und Nansen winken fröhlich zum Abschied, bevor sie sich auf den Weg zum Nordpol machen

Nansen wurde von den Norwegern nicht zu Unrecht als edel und gut, so etwa wie Goethe in Deutschland, angesehen. Er war ein Vorbild für alle Norweger. Einige Norweger munkeln, er wäre fast König geworden. Immerhin war er der Skilehrer und Freund von Königin Maud, die ihren ältesten Sohn, den so beliebten Olav V. von ihm empfangen habe (er wurde 1903 unweit von uns in Sandringham/Norfolk geboren). Obwohl die Herkunft dieses Sohns fragwürdig ist, halten wir die letzte Annahme für äußerst spekulativ und eher unvorstellbar (wenn auch die Königin ein Auge auf Nansen geworfen hatte) -obwohl Nansen als König der Norweger, das könnten wir uns schon gut vorstellen und nicht nur wir, Nansen erhielt in der Tat vom norwegischen Volk eine Anfrage, ob er nicht König werden wolle. Er lehnte höflich ab.
Habt Ihr schon vom neusten Skandal in Norwegen gehört? Ihr glaubt es kaum. Es wurden Nacktbilder, erstaunlich erotische, veröffentlicht, die Nansen von sich selbst aufnahm, um sie seiner Geliebten zu schicken. Eric Utne, eine Art Enkel (wie Selma meint) von Nansens 30 Jahre jüngeren Geliebten Brenda Ueland veröffentlichte gerade Nansens Briefe und Fotos in seinem Buch „Brenda my darling“. Wir waren köstlich erstaunt, wie erotisch Nansen schreiben konnte, so erotisch, dass Siri auf der Website der Historical Library of Minnesota den Zugang zu diesen Briefen verwehrt bekam, da sie noch keine 18 sei (son Quatsch, Feen sind doch alterslos). Im Gegensatz zu Amundsen schrieb Nansen einen gefälligen literarischen Stil, weswegen Sigmund Freud seinen Kindern statt Märchen aus Nansens „In Nacht und Eis“ vorlas. Nansen war eben ein vielseitiger Mann.
Von Utnes Buch, in dem die Bilder als historische Dokumente betrachtet werden sollen, entkamen sie jedoch ins Netz, ein Skandal? Siri fand die Nacktbilder in der norwegischen Zeitung Aftenposten  und sie sagte mir, auch in Deutsch gäbe es dazu auch einiges im Netz in der FAZ und dem österreichischen Standard z.B. –  Übrigens jene Brenda Ueland, die sich rühmte, viele Liebhaber gehabt zu haben und feministisch engagiert war, schrieb selber. Ich, Siri BuchFee, las selbstverständlich ihren Klassiker über kreatives Schreiben „Die Lust zu schreiben“ – empfehlenswert!

Amundsen war ein Schlitzohr. Das zu behaupten und an dem Ideal zu rütteln, wagte zuerst Tor Bomann-Larsen (der Nansen fast als König sah) in seiner hervorragend recherchierten Amundsen Biografie, in der er Amundsen als rücksichtslosen Narziss, gerissenen Geschäftsmann, der dennoch immer pleite war, und Meister der Selbstvermarktung auf Kosten des norwegischen Staates beschreibt. Er wollte weniger die Welt entdecken, sondern dass die Welt ihn entdeckt. Einer der großen Fehler Amundsens war, keine Kritik ertragen zu können. Das wurde dem obergenannten Johanssen zum Verhängnis. Eine „Probefahrt“ mit Hundeschlitten von Framheim/Ross Eisschelf gen Norden, geriet zum Desaster, aus dem sich Amundsen rettete, ohne schwächeren Expeditionsmitgliedern zu helfen. Johanssen rettete einen Kameraden vorm sicheren Tod und warf Amundsen sein egozentrisches Verhalten öffentlich vor. Darauf degradierte ihn Amundsen, indem er ihn von der Gruppe ausschloss, die den Nordpol erreichen würde, und ihn als „Unmöglicus“ betitelte. Johanssen endete im Suff und beging in Oslo Suicid, was schon damals Amundsen angelastet wurde.
Aber zu einem Jubiläum sollten wir Buchfeen nicht über Amundsen, herziehen. Die große Leistung Amundsens erkennen wir in seinem vorurteilslosen Denken. Im Gegensatz zu seinem Rivalen Scott studierte Amundsen bei den Inuit Hundeschlitten zu fahren und wie man sich sinnvoll kleidet. Als Engländer von Scotts Position lernte man nicht von den Wilden, das war undenkbar und so zog man mit Wolle und Leinen bekleidet wie zu einem Jagdausflug in den Tod.

Dass Amundsen die Welt an der Nase herumgeführt hat, müssen wir noch erwähnen. Er verbreitete nämlich die Nachricht, er wolle zum Nordpol. Nun waren ihm jedoch Peary und Cook zuvorgekommen, die allerdings nur behaupteten, am Nordpol gewesen zu sein, was Amundsen jedoch nicht wusste. Das letzte Feld, auf dem Ehre zu gewinnen war, war der Südpol. Dass er sich dahin wenden würde, sagt er nur seinem Bruder Leon, der ihn aufopfernd managte. Amundsen befürchtete, Nansen hätte ihn für diese Fahrt seine „Fram“ verweigert, auch wollte er Scott nicht zu früh von seinen Plänen unterrichten. Der Schiffbesatzung teilte er das Ziel der Fahrt erst vor Madeira mit und alle waren begeistert. Im Oktober 1910 setzte er sicher auf hoher See die Presse in Kenntnis. Bis dahin hatte Nansen, wie die Weltöffentlichkeit geglaubt, Amundsen fahre gen Norden.

Fram bei der Ankunft in die Antarktis

Okay, diese List lassen wir ihm durchgehen, das tat Nansen auch, mehr noch, er stellte die Eroberung des Südpols durch Amundsen als nationale Heldentat dar, die das junge Norwegen mit Stolz erfüllte und stärker einigte.
Wir bewundern Amundsens Organisationstalent, das sich bis ins Penible erweitern konnte und auf dem seine legendäre Schnelligkeit beruhte. Es ist eine für Lehnstuhlexplorer unvorstellbare Leistung, den Pol auf einer unbekannten Route am 14.12.1911 erreicht zu haben und problemlos zurückgekommen zu sein.

Außerdem bewundern wir Amundsen dafür, alle vier großen Heldentaten der Polargebiete bestanden zu haben: Als Erster betrat er den Südpol und ebenfalls als Erster durchfuhr er die Nordwest-Passage, an der so viele (wie z.B. John Franklin, über den Stan Nadolny den Bestseller „Die Entdeckung der Langsamkeit“ schrieb) scheiterten, er durchfuhr zudem die Nordostpassage und überflog als erster Mensch mit Nobile und dessen Hündchen Titina den Nordpol (im Zeppelin).

Amundsen war ein ungewöhnlicher Mensch, der sich als einsamer Held stilisierte und angab, schon in frühster Kindheit zum Pol gewollt zu haben. Er fühlte sich wie der Übermensch, was sich in seinem irrationalen Streit mit Nobile deutlich zeigte. Und dennoch, als er hört, dass sein „Feind“ Nobile mit seinem Luftschiff Italia in der Arktis havariert ist, rüstet er sich emsig zur Rettung. Einige behaupten, das sei auch nötig gewesen, denn durch den Suizid von Johanssen und seinem uncool geführten Streit mit Nobile war sein Ansehen im Sinken begriffen. Eine Rettung seines „Feindes“ würde seine Ehre wieder herstellen.
Uns Feen fiel eine erstaunliche Koinzidenz auf: Als Amundsen die Rettungsaktion für Nobile gegen viele Schwierigkeiten schnell durchzieht und dabei für immer verschwindet, überquert seine Verlobte Bess Magits den Atlantik auf dem Linienschiff Hellig Olav, um Amudsen, der bis dahin eher bindungsneurotisch reagierte, zu heiraten. Was sollen wir dazu sagen …

Amundsen starb vermutlich um den 18. Juni 1928. Nach einem Flugzeugabsturz bei der Bäreninsel ist er verschollen. Geboren wurde er am 16. Juli 1872 in Dinas Heimatstadt Fredrikstad. Seine Ehre ist wiederhergestellt. Tor Bomann Larsen beendet geradezu poetisch seine Amundsen-Biografie: „Zu Beginn eines neuen Jahrtausends können sich die Wogen um Roald Amundsen endlich glätten, jetzt ist es völlig still, wenn er fällt. Das Meer liegt blank wie ein Spiegel.“

Herzliche Grüße von Siri und Selma

Heute wollen fast zwanzig Expeditionen den Südpol erreichen, der norwegische Ministerpräsident Jens Stoltenberg wird die letzten zwanzig Kilometer mit einer der norwegischen Expeditionen per Ski fahren.  Selma befürchtet, es gibt gar nicht Platz für alle am Pol.