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Schlagwort-Archive: Norfolk/England

mein Zuhause

Reeds, Cley next the Sea

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W.B. Yeats (1865–1939), aus seiner Gedichtsammlung „The Wind Among the Reeds“, 1899

The Host of the Air

O`Driscoll drove with a song
The wild dug and the drake,
From the tall and the tufted reeds
Of the drear Hart Lake.
And he saw how the reeds grew dark
At the coming of night tide,
And dreamed of the long dim hair
Of Bridget his bride.

 Cley Mill 2013 Photo: Hanne Siebers
Abgeerntetes Reetbett vor der Cley Mühle

Also, liebe Besucher, wir Buchfeen haben uns ja an unseren Flügelchen gekratzt. Wir schreiben hier darüber, was die Engländer kurz und einfach „reed“ nennen.  Aber im Deutschen ist das mit dieser Bezeichnung gar nicht so einfach. Wir meinen das Schilf (Phragmites communis), das besonders im Norden Deutschlands als „Reet“ und im Süden eher als „Ried“ bezeichnet wird. Für beide Wörter gibt es jedoch keinen Plural. Aber, oh dear, das Reet tritt doch immer in Massen auf! Da muss man zu dem deutschen Ausdruck „Riet“ greifen, der erstaunlicherweise eine Pluralform besitzt – was solch eine Änderung von D zu T alles bewirken kann. Da seit ihr aber baff.

This is a paragraph about the grammar of the German word for „reed“ – there exist several words but most of them haven`t got a plural-form.

Hides, Cley Marshes, 2013 Photo: Hanne Siebers

Das ist berühmte Vogelschutzgebiet „Cley Marshes“. Auf Dinas Foto seht ihr nicht nur das Reet wachsen, sondern diese Vogelbeobachtungshütten, „hides“ gennant, sind auch mit Reet gedeckt, um sich feiner in die Landschaft einzupassen.  Die Vögel machen gerade zur Mittagspause ein Picknick am Meer.

This is Cley Marshes: birdwatcher`s area. You see that all the hides are thatched to fit better into the nature. What are not seeing here are the birds. They are having a picnic at the beach.

Cley Marshes, 2013 Photo: Hanne Siebers

Cley Marshes

Mittagspause beendet. Vögel über Riets – ein übliches Bild, wenn man auf der Küstenstraße gen Stiffkey oder Sheringham fährt. Stiffkey ist ganz besonders wegen seines berühmten Pfarrers. Aber das ist eine andere Geschichte, die ihr hier lesen könnt.

Picnic finished, birds are back. This is a typical view driving the North Norfolk coast road between Stiffkey and Sheringham.  Stiffkey is that village with the famous vicar. If you don`t know his story you can read it here.

Reeds, River Glaven, Cley next the Sea, Norfolk Photo: Hanne Siebers

River Glaven, Cley next the Sea

Masterchen liebt das Reet nicht so sehr, denn es engt die Fahrtrinne zum Meer immer mehr ein. Wenn wir mit dem Boot hinausfahren, kommen wir uns wie Livingstone auf seiner Fahrt zu den Quellen des Nils vor. Alles nur Fantasie …, aber Reet verführt zum Träumen.

Our dear Master doesn`t like reeds that much because it makes going out to sea and returning to our mooring (just a few steps from here) quite hard. Well, when we go out or come in we always get this feeling being Livingstone searching for the sorces of the Nile. We know, it`s a fantasy – but reeds seem to trigger fantasies. 

Cley Mill, 2013 Photo: Hanne Siebers

 Geschnittenes Reet vor Cley Mill

Reet zu schneiden und es für Dachbedeckungen fertig zu machen (zu entblättern), gehört zu einer alten Handwerkstradition in Nordnorfolk. Es sind meistens die Fischer, die von Anfang Februar bis Ende März, wenn das Meer zu rau zum Rausfahren ist, das Reet früher per Hand, heute mit Maschinen zum Reisernten schneiden. Dieses Handwerk wäre ausgestorben, wenn es nicht mit EU-Fonds für traditionelles Handwerk unterstützt würde.

Huge numbers of reeds are growing on our coastline. Its harvesting, preparing and marketing is mostly done by the fishermen in February and March when the sea is too rough for going out. Reedcutting and working with reeds is a significant and long established local industrie. The reed is mostly used for thatching roofs and for reed panels. This local craft is funded by the EU otherwise it would have vanished.

Klausbernd Vollmar, reeds, 2013 Photo Hanne Siebers

Gebündeltes Reet

Masterchen prüft die Reetbündel. Alles Reet wird in solchen Bündel abtransportiert und auf die Dächer gehoben. Das Reet sieht aus wie mächtige Strohlhalme für Riesen. Aber nicht, dass ihr gar glaubt, Masterchen wäre zum Reetschneider geworden, nix da, das ist viel zu schwere Arbeit für ihn 😉

Our Master inspects the bundles of reeds. In those bundles it will be transported to roof to be thatched. Doesn`t it look like straws for giants?
Don`t you think our Master has become a reedcutter! It would be too hard work for him, we suppose 😉

Klausbernd Vollmar, reedworker 2013 Photo: Hanne Siebers

Masterchen, posing for Dina as reedworker

Das Reet ist eine drei bis fünf Meter hohe Pflanze, die auf allen Kontinenten zu finden ist – außer in Antarktika. An der Donaumündung gibt es schwimmende Reetfelder. Es wächst meistens in Marschen, an Flüssen, Bächen und Seen. Die Blüte des Reets schimmert zart violett in der Sonne.

The reed is a 10 to 15 feet high perennial herb of the order Gramineae. It`s native to all continents except Antartica, growing on the margins of lakes, rivers and up wet sea-cliffs. Reeds flowers in a light purplish colour.

Bundle of reed, Cley next the Sea, 2013 Photo: Hanne Siebers

Bundle of reeds, Cley next the Sea

Church in Ingworth, Norfolk Photo: Hanne Siebers

Ingworth Church, Norfolk

Diese alte Kirche ist traditionell reetgedeckt. Obwohl Reet eine hervorragende Wärmeisolierung bietet, gibt es immer weniger Reetdächer, da die Versicherung für reetgedeckte Häuser zu teuer ist (wenn auch das Reet für Dächer chemisch gegen Brand präpariert wird).

The old church of Ingworth/North Norfolk is traditionally thatched. Although reeds are perfect for insulation thatched roofs are disappearing because of insurance costs.

Reedroof Photo: Hanne Siebers

Eber auf dem Dach

Typisch für Reetdächer sind die Verzierungen unterhalb des Dachfirstes, allerdings einen Eber auf dem Reetdach ist schon etwas Besonderes.

The artistic embroidery of the roof ridge is typical but not the wild boar on the roof ridge.

Reedroof, Cley next the Sea, Photo: Hanne Siebers

House next to the church, Cley next the Sea

Die Netze über dem Reet sind notwendig, damit die Vögel nicht den Vorbau oder Reetdächer abdecken, indem sie Halm für Halm herausziehen, um ihn für ihren Nestbau zu benutzen.

Netting or chicken wire on a thatched roof is necessary to keep birds from using the reeds for trying to build their nests with them.

Liebe Grüße an euch alle vom Reetland
Love to you all from the reed country
Siri and Selma, Bookfayries 🙂 🙂

© Photos: Hanne Siebers, „The world according to Dina“

Pirate`s Festival in Wells next the Sea

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Masterchen war außer Rand und Band als er seinen kühnen Steuermann beim Piratenfestival gleich zu Beginn traf. Aber hallo,  wie stillos, seinen Autoschlüssel um den Hals hängen zu haben oder sollte ihn das an die immerwährende Gefahr des Strangs erinnern?

Piratinnen wie die berühmt berüchtigte Irin Anne Bonney und Jack Sparrow waren mit von der Partie – eine erlese Crew!

Das war nach Entern der Albatros, einem holländischen Lastensegler aus dem Jahr 1899.

Oh, oh, ein gefährlicher Freibeuterkapitän (links im Bild), der hier Urlaub machte, da die Karibik längst von Kreuzfahrtschiffen eingenommen wurde und sein Steckbrief nicht an jedem englischen Hafen Hafen hängt.

Hier die Ship Mates nach einer Buddle of Rum – jeder!

Wir ihr seht, haben die Piraten und Freibeuter keinerlei Nachwuchssorgen. Ein Beruf mit Zukunftsperspektive und einem funktionierenden Versicherungssystem, das sie immerhin erfunden haben, wie uns Masterchen aufklärte.

Kinder lieben das wilde Piratenleben – auf einem Piratenschiff brauchen sie nie aufzuräumen und keiner hält sie zum Waschen an.

Diese Piratinnen folgen dem Vorbild von der englischen Anne Bonny, der Geißel der Karibik, der mächtigen irischen Grace O´Malley, die mit Elizabeth I. verhandelte, und der chinesischen Madame Ching, der Borges ein ganzes Buch widmete, was ihr auch als mächtigster Piratin aller Zeiten gebührt, wie wir Buchfeen meinen.

Nach der Enterfete sah Masterchen dann so aus. Hoffentlich gibt`s keinen FayrietalerTaschengeldAbzug, weil wir diese Fotos veröffentlichten. Aber ihr verratet uns doch nicht – oder? Wir warnen euch, bei Verrat droht die Planke! Außerdem Masterchen, ihr glaubt es kaum, machte einige Prisen, die nicht nur in Rum und Opium investiert wurden 😉

Liebe Grüße von der hochsommerlichen Piratenküste
Siri und Selma, Buchfeen

Copyright alle Photos: Hanne Siebers (Dina)

Bücher der Eisecke

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A library is like a gateway for the imagination we can go through and find a whole new world. Nobody should shut those gates.
Maeve Binchy

Neulich läutete die alte Schiffsglocke an unserer Tür ziemlich laut. Ein junger, kühn tätowierter Mann lieferte ein lang ersehntes Päckchen von der lieben Dina in Bonn. Während Masterchen schnell Geld holte, schaute dieser Mann sich neugierig um. Ihr müsst wissen, die Eingangshalle bei uns in Rhu-Sila ist sehr groß. Das Erste, was jeder zu sehen bekommt, ist unsere Bibliothek, die sich dort bis hoch ins erste Stockwerk hinein ausbreitet. Bücher bis unter der Decke.

Sieht ihr uns beiden, Siri & Selma? Das ist unser Lieblingsplätzchen auf dem Regalbrett 3 & 4, von wo wir uns die Welt aus cool betrachten 🙂 (Draufklicken = groß)

Meine Schwester und ich lagen piepsstill dicht beieinander auf Regalbrett 4. Wir beobachten den stierenden Lieferanten.
Diese Szene spielt sich immer gleich ab, darauf haben wir oft fünf Fayrietaler gewettet, und der tätowierte Mann enttäuscht uns nicht.
Der Master, etwas atemlos die Treppe herunterstürmend, wird noch gefragt, bevor er ganz unten ist: „Wow, Sie haben aber viele Bücher, haben Sie die alle gelesen?“
„Ja. Und nicht nur die!“ grinst Masterchen.
Der Lieferant war mächtig beeindruckt von der Anzahl der Bücher aller Größen und Farben. Als Masterchen anfing, über seine Bibliothek zu erzählen, kamen wir auf die Idee, euch die verschiedene Bereiche unserer Büchersammlung etwas näher zu erläutern.

Wir beginnen heute mit der Eisecke. Unsere Eisbücher stehen allerdings nicht in der Halle , oh nein, die Eisecke ist eine besonders gepflegte Ecke im Wohnzimmer.  Unser Master ist keineswegs nur ein Lehnstuhlexplorer, er hat wirklich an echten Expeditionen in die Arktis teilgenommen. Wenn er heute gemütlich in seinem Sessel sitzt und schreibt (wie unten in der Collage), hat er genau diese Ecke im Rücken. Inzwischen 20 laufende Regalmeter (das hat seine Archivarin Siri gemessen) voller Bücher und Karten über Gegenden, in denen wir Buchfeen uns zu Tode frieren würden, stehen dort starr nebeneinander – „zum Gänsehaut kriegen!“ Wir Buchfeen stellten in diesem Regal alle Werke über die Polargebiete, über Polarforscher und deren Schiffe, damit wir sie wieder finden, wenn Masterchen sie braucht, was ziemlich oft der Fall ist. Hier stehen auch Romane über Expeditionen, Logbücher, Mythen der Inuit und Samen und was nicht alles dazu gehört. Und wie ihr unten seht, bei uns laufen schon die Pinguine über die Enzyclopedia Britannica.


Als Buch ist es eine hohe Ehre von uns in dieses Regal aufgenommen zu werden, ja, wir Buchfeen sortieren diese Ecke immer wieder, stauben sie sogar ab und polieren manchmal die Buchrücken.

Das war nicht immer so. Wir können uns noch gut daran erinnern, als Masterchen im Brustton der tiefster Überzeugung verkündete: „Ich möchte einen bücherfreien Raum!“ Wir kicherten nur.
Als Bücher begannen vor anderen Büchern in den Regalen zu stehen, verteidigte Masterchen immer noch so zäh wie blind seine Entscheidung über den buchfreien Raum. Er überlegte, ob nicht Rollregale vor den bestehenden Regalen das Problem lösen würden, verwarf es aber sogleich angesichts der technischen Schwierigkeiten. Dann begann es, unmerklich zuerst, listig, dass Bücher im buchfreien Raum einfach liegen blieben, sich bald zu kleinen Stapeln neben dem Schaukelstuhl erst, dann auch am Kamin und zuletzt die Fußleiste entlang sammelten. Als sie auf einer Wandlänge Aufstellung genommen hatten, konnte wir größere Konflikte nur vermeiden, indem wir, unsere weißen Taschentüchlein schwenkend, kapitulierten und Masterchen zum Holzmann schickten, um Regale bauen. Das war das Ende des Traums vom buchlosen Zimmer.

Wir Buchfeen werden immer wieder gefragt, welche Bücher wir dem geneigten Leser empfehlen können. „Kommt auf den Leser an“, würden wir antworten, aber wenn ihr es unbedingt wissen wollt, legen wir euch aus dieser Ecke folgende Bücher ans Herz. Wir Buchfeen konnten uns schnell einigen, da wir Masterchens langen Aufsatz über „Die Inuit in der Literatur“ lektorierten und bearbeiteten. Wir kennen uns da aus! Hier unsere höchstpersönliche Buchfeenempfehlung für euch:

Expeditionsberichte
Fritdtjof Nansens „In Nacht und Eis“, ein Expeditionsbericht, der wunderbar geschrieben ist in einer Mischung aus Beobachtungen, Erinnerungen, Träume, Fakten und Logbuch. Nansen konnte sehr gut schreiben – er ließ nicht wie sein „Schüler“ Amundsen teilweise durch einen Ghostwriter schreiben. Freud las seinen Kindern zur Nacht aus Nansens Buch vor. Unsere besondere Ausgabe, auf die Masterchen mächtig stolz ist, könnt ihr euch hier ansehen. Als unser Master zum ersten Mal in NO-Spitzbergen mit dem Eisbrecher herumfuhr, da las er zum gemütlichgrausigen Knirschen des Eises an der Bordwand dieses Buch – wenn auch Nansen sich einiges östlicher durchs Eis quälte. Das sind die ersten Sätze von „In Nacht und Eis“, um euch ein Gefühl, für die teilweise mächtige Sprache Nansens zu geben: Ungesehen und unbetreten, in mächtiger Todesruhe schlummerten die erstarrten Polargegenden unter ihrem unbefleckten Eismantel vom Anbeginn der Zeiten. In sein weißes Gewand gehüllt, streckte der gewaltige Riese seine feuchtkalten Eisglieder aus und brütete über Träumen von Jahrtausenden.“

Als fein bebilderter Reisebericht hat uns auch von Arved Fuchs „Kälter als Eis“ gefallen. In diesem Buch geht es um die Durchquerung der Nordost-Passage auf Nordenskjölds Spuren, dem die erste Durchquerung dieser Passage gelang. Ich, Selma, war völlig angetan von Rainer Ullrich „Skizzen aus der Nordost Passage“. Ja, wir Schwestern blättern beide gern auf unserem Regalbrettchen in diesem genial illustrierten Logbuch herum. Sooo schön kann man Reisetagebücher gestalten – wenn man Expeditionsmaler ist, ein Beruf, der längst noch nicht ausgestorben ist. Bei uns im kleinen Dorf wohnt so einer mit langem weißen Bart und struppigen Augenbrauen, der seltene Vögel in noch seltener erreichten Gebieten malt.

Entdeckerbiografien
Über die großen Entdecker solltet ihr unbedingt die so spannende wie ausführliche Biografie von Thor Bomann-Larsen „Amundsen“ lesen und von Roland Huntfort (der zuvor über Shackleton geschrieben hatte) die ebenso ausführliche Biografie „Nansen“. Wer`s nicht so genau wissen möchte, für den genügen die Biografien von Nansen und Amundsen in dieser feinen Reihe dünner Büchlein „rororo Monographie“, die in unserer Bibliothek neben den beiden ersten dicken Schinken stehen und zu Unrecht gar nicht auffallen. Die rororo Monographien haben uns noch nie enttäuscht. Sie sind weitaus ausführlicher als Wikipedia und meist toll bebildert – aber das nur nebenbei. Wenn ihr nur eine dieser dicken Biografien lesen wollt, solltet ihr „Amundsen“ wählen, er war ein erstaunlich komplexer und deswegen schwieriger Zeitgenosse, man warf ihm ein „Herz aus Eis“ vor.

Romane
Von den Romanen über die Arktis müsst ihr den Dänen Jörn Riel lesen. Wir haben die ganze schön editierte Reihe vom Unionsverlag zusammenstehen und egal, in welchem Buch wir blättern, Jörn Riel unterhält stets köstlich. Wer richtig Skurriles zum Sichschieflachen liebt, der sollte unbedingt „Nicht alle Eisbären halten Winterschlaf“ lesen. Ihr werden es nicht bereuen, versprochen, großes Buchfeenehrenwort! Masterchen liebt besonders den in der gleichen Reihe erschienenen Juri Rytcheu, den Autor der Tschuktschen (das ist in Nordost-Sibirien). Uns gefällt vom ihm besonders „Traum im Polarnebel“, ein Roman, der wie alle Bücher Rytcheus euch Leser in eine völlig fremde Welt entführt, weit, weit weg von unserem gewohnten Leben im lieblichen England. „Gut beschrieben“, meinte Masterchen, der ein Hauch dieser Anderswelt in Ittoqqortoormiit, eine Jägersiedlung in NO-Grönland am Eingang des Scoresby-Sunds erlebte.Wir verstehen schon, warum die Inuit keine Feen kennen. Das ist kein Klima für uns.

Wissenschaft
Vorne vor dem Regal steht der großformatige „Prachtband“ „Der Ruf des Nordens“ des leidenschaftlichen französischen Inuit-Forschers Jean Malaurie. Das Buch ist so groß, dass es in kein Regal passt und schwer ist es dazu. Im Schuber mit Foto eines edel gekleideten Inuit mit altertümlichem Messingfernrohr steckt es. Es ist ein gut lesbares wissenschaftliches Werk, das alle Aspekte der Inuit rund um Nordpol betrachtet. Es besticht nicht nur durch all die Fakten, sondern auch durch seine Fotos. Aber ja, wie mit allen besonders schweren und großformatigen Büchern haben wir Unterbringungsschwierigkeiten. Sind sie schön wie Malauries Werk gestaltet, dürfen sie unten auf dem Boden vor dem Regal stehen, sozusagen ausgestellt, was die höchste Ehre eines Buchs bei uns ist. Masterchen hatte uns nur von den privilegierten Grönländern erzählt, die sich speziell an der Westküste einen beachtlichen Lebensstandard leisten können. Malaurie schreibt auch über die Verelendung der östlichen Inuit-Gruppen in NO-Sibirien. Uns schauerte beim Betrachten seiner Fotos.

Also, wisst ihr jetzt, was ihr in den Ferien lesen wollt?

Zum Schluss einen kurzen Vorgeschmack auf einen unserer nächsten Beiträge, eine Reise ins Eis. Eine wahre Bilderbuchreise!

19.8.2007

Herzliche Grüße von den munteren Buchfeen Siri & Selma

P.S.: Maeve Binchy, von der das Anfangszitat stammt, starb am 30. Juli dieses Jahres nach kurzer Krankheit im Alter von 72 Jahren.

Erdbeeren – die rote Verführung

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Foto: Hanne Siebers

Die rote Frucht so süß und rund gehört eindeutig in meinen Mund …

Masterchen, noch den Rest seines geliebten Quarkbrots kauend, eilt wütend zu meinen Erdbeeren, ehe die gierigen Vögel alle verzehren. Diese listigen Abkömmlinge der Saurier hüpfen doch glatt unter unsere kunstvoll angelegten Netze. Ein Skandal und das so früh am Sonntagmorgen! Die blöden Vögel sollten doch die gefräßigen Schnecken weckpicken und nicht die rot lockenden Früchte!

Masterchen erläuterte vorher, während er sein Quarkbrot mit einer würzigen Mischung aus meinem Kräutergarten garnierte, dass die roten Früchten als Symbol der Lust und der Verführung zur Sünde galten. Siri und ich finden dieses Thema äußerst reizvoll, doch Masterchen verweilte bei diesem Volksglauben, der bis zum Ende des 19. Jahrhunderts verbreitet war, viel zu kurz. Er wandte sich glitzernden Auges gleich seinem Steckenpferd der Kunstgeschichte zu. „Wusstet ihr beiden, dass die Erdbeere neben dem Veilchen und Gänseblümchen zu den beliebtesten Motiven der mittelalterlichen Malerei zählt? Meist“, fuhr er nach einem Schluck seines abgekühlten Milchkaffees fort, „liegen Erdbeeren zu Füßen Marias oder eines dieser Heiligen.“
Meine schlaue Schwester Siri versuchte sogleich, vielleicht etwas zu flattrig, Masterchen wieder auf das spannende Thema der Sünde zurückzuführen. Mit entwaffnender Unschuld und großen blauen Augen hinter langen Feenwimpern fragte sie: „Ich las in einem deiner dicken Bücher, Masterchen, dass die Erdbeere im „Garten der Lüste“ von Hieronymus Bosch so gedeutet wird, dass die Menschen, die diese verzehren, sich in Bestien verwandeln. Was machen eigentlich Bestien?“

Und jetzt schweigt Masterchen verblüfft, stopft den Rest seines Quarkbrots in den Mund und rennt nicht gerade anmutig in den Garten, die Amseln und Drosseln zu verscheuchen. Er gibt eine wirklich gute Vogelscheuche ab – sorry, Master! Ich fliege ihm flattrig nach. Da habe ich doch meine geliebten, von meinen Fayrietalern selbst gekauften Erdbeerpflänzchen letztes Jahr im August eingepflanzt, sie gewässert und mit Brennnesseljauche gedüngt, im Frühjahr das Stroh unter den Pflanzen ausgelegt, was eine fiddelige Arbeit war, hab mit ihnen täglich in zarter Feensprache gesprochen und nun kommen diese gierigen Vögel.

Während ich noch durch den Wintergarten schwebe, ruft mir meine Schwester Siri aufgeregt hinterher: „Eigentlich ist die Symbolik der Erdbeere gar nicht so durchweg erotisch, wie der Master sagte. Dieses Christenvolk, das uns Feen in die Märchenbücher verbannte, sieht die Erdbeeren als Symbol für die Heiligen Drei Könige, die ihre Köpfe vor einem altklugen Baby beugen. Naja, das ist schon weit hergeholt, für verstiegener halte ich jedoch die Ansicht, dass die Erdbeerblüte diesen Jesus symbolisieren soll – naja, vieles kann Jesus symbolisieren … Als unschuldig weiß und zart würde ich den allerdings nicht sehen.“
Atemlos fährt mein Schwesterlein uns folgend fort, obwohl ich darauf brenne, mit Masterchen endlich meine Lieblingsfeenspeise zu ernten und mehr noch, meinen zarten Feenmund mit dieser saftigsüßen Frucht zu füllen. So leihe ich ihr nur mein halbes Feenohr, aus schwesterlicher Solidarität sozusagen. „Der Ovid auf Regalbrett fünf berichtet in seinen „Metamorphosen“, dass Erdbeeren die Speisen der Menschen irgendeines Goldenen Zeitalters waren, was in der Renaissance zur Speise im Paradies wurde. Böse wird die Erdbeere nach Ausgang des Mittelalters. Kennt ihr die berühmte Geschichte von Richard III., der dachte mit Erdbeeren vergiftet worden zu sein, als er nach dem Verzehr von ihnen einen Ausschlag bekam. Er ließ den Überbringer der Erdbeeren hinrichten.“

Wie kann ich mein belesenes, eifriges Schwesterlein bloß stoppen? Ich will Erdbeeren essen und zur leckeren Marmelade verarbeiten und nicht alles über die Erdbeeren wissen!
Ach, die armen Erdbeeren funken mir gerade SOS zu, der Boden ist feucht vom vielen Regen, ich muss dringend mehr Stroh besorgen und die vielen noch halbreifen Beeren neu betten. Siris Belehrung kann man nach der Erdbeerpflege und dem Erdbeergenuss ja noch nachholen – wenn`s unbedingt sein muss. Und vom Marmeladekochen weiß sie eh nichts, höchstens den Unterschied zwischen Jam, Jelly und Marmelade in der englischen Küche, ja, kennt ihr den? Unsere Besucher bekommen den Unterschied gebetsmühlenartig von meiner lieben Klugschwester vorgetragen, während sie ihr Eigenbrötler-Brot dick mit meiner Fayriekonfitüre bestreichen.

Siri, die kein Ohr für die Sprache meiner Beeren hat, fährt unbeirrt fort: „Ihr kennt wahrscheinlich nicht diesen Giraldi Cinzio, einen italienischen Professor der Beredsamkeit, aus dessen Werk sich Shakespeare schamlos bediente.“
Blöde Kuh, denke ich, die Masterchen durch Namedropping beeindrucken will!
„Dieser Cinzio lässt in seiner Novellensammlung „Hecatomithi“ Jago das Taschentuch der Desdemona stehlen, das mit Erdbeeren bestickt ist, um sie der Untreue zu überführen.“

Eh mein Schwesterlein, wie ich sie kenne, noch die naseweisen Autoren alter Kräuterbücher aufführt, die der Erdbeere Heilwirkung zusprachen wie Jacob Theodor im 16. Jahrhundert und sein Zeitgenosse Leonhard Fuchs und dagegen Hildegard von Bingens Einstellung stellt, welche die Erdbeere zu den Küchengiften zählte, da sie verschleimt, muss ich jetzt meinen armen Erdbeeren helfen und zwar sofort! Ich flattere ins Beet zum Master. Der rutscht gerade demütig auf seinen Knien herum, um die reifen Früchte vom Stroh zu befreien, auf dem sie aufliegen. Stroh ist gut gegen Verfaulen und es hält auch diese schleimigen Schnecken ab und gab dazu noch im Englischen der Frucht ihren Namen Strawberry.

Foto: Hanne Siebers

Als der rotklebrig süße Saft aus meinem Mund rinnt, schwärmt Masterchen beim Pflücken ganz versonnen für Ingmar Bergmans alten Film „Wilde Erdbeeren“, was Siri endlich verstummen lässt. „Der deutsche Titel“, erklärt er eine dicke Beere betrachtend, „ist nicht so beziehungsreich wie der schwedische Originaltitel. „Smultronställe“, was zwar wörtlich „der Platz der wilden Erdbeeren“ bedeutet, wird im modernen Schwedisch fast nur im übertragenen Sinn als der persönliche Ort, der locus amoenus als etwas ganz Besonderes, benutzt. Für uns als Kinder im ländlichen Schweden, war die Smultronställe unser geheimer Ort, den kein anderer betreten durfte.“
„Mein Erdbeerbeet ist also meine Smultronställe, obwohl“, fällt mir ein, „es ja keine wilden Erdbeeren sind.“
„Niemals!“, ruft meine Schwester laut. „Erstens sind Smultron keine Erbeeren, und zweitens beschreibt Smultronställe einen Platz, der schwer auffindbar ist, wie unser geheime Insel im Meer, draußen bei den Seehunden.“

 „Sagt mal, meine bestgeliebten Buchfeen,“ schlägt Masterchen vor, „wollen wir uns nicht heute Abend diesen teils surrealen Film über das Leben und die Traumwelten des Egoisten Isak Borg ansehen?“
Immer noch den Mund voll, nicke ich nur und betrachte die lustigen Erdbeerenfayries, die Masterchen schwach nur wahrnimmt und für die Buchfee Siri, mein Schwesterherz, blind ist – nicht ganz, sie kennt die Abbildungen dieser Feen aus ihrem Fayrielexikon.

Liebe Grüße vom kleinen Dorf am großen Meer aus meinem Erdbeerbeet von Selma, Buchfee 🙂

Meine Schwester SiriFee liest gerade abwesend, dass der schwedische Botaniker Linné fest davon überzeugt war, seine Gicht mit Erdbeeren kuriert zu haben. „Und“ murmelt sie vor sich hin, „dieser Wasser-Kneipp empfahl sogar den Aufguss von Erdbeerblättern“. Also ihr seht, sie ist heute zur Erdbeerforscherin geworden und gar nicht ansprechbar. Dennoch bin ich mir sicher, dass ich euch lieb von ihr grüßen soll.

Der Gärtner träumt

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Der Gärtner träumt

Hallo, hallo aus dem Garten, liebe Bloggemeinde und Leser,

jetzt noch einen Hermann Hesse, den ich, die liebkluge SiriFee, in der Gedichte-Ecke auf Regalbrett 12 fand. Nicht von ungefär, Mätes hat uns darauf gebracht. Mätes kommentierte:

„…Bald darauf lernt er seine dritte Frau kennen, die ist fast 15 Jahre jünger als er, da sind die Depressionen weg und er hat überhaupt keinen Bock mehr darauf, sich “lächelnd von dem Liebesmahl zu entfernen”  – dann sitzt er im schönen Tessin auf dem Balkon seiner Villa, malt kitschige Aquarelle und trinkt nicht “wie einen Kuss den Tod”, sondern einen guten italienischen Weißwein.
Das sollten wir ihm nachmachen.“

„Der Gärtner träumt“ ist von Hesse für diese dritte Frau, die Kunsthistorikerin Ninon, geschrieben worden. Ein witziges Gedicht finden wir Buchfeen, mal nicht so von Moral angekränkelt. Ja, selbst Masterchen hat herzlich gelacht. Vielen Dank, lieber Mätes!

Der Gärtner träumt

Was hat die Traumfee in der Wunderbüchse?
Vor allem ein Gebirg von bestem Mist!
Dann einen Weg, auf dem kein Unkraut wüchse,
Ein Katzenpaar, das keinen Vogel frißt.

Ein Pulver auch, mit dem bestreut alsbald
Blattläuse sich in Rosenflor verwandeln,
Robinien jedoch zum Palmenwald,
Mit dessen Ernte wir gewinnreich handeln.

O Fee, und mache daß uns Wasser flösse
An jedem Ort, den wir bepflanzt, besät;
Gib uns Spinat, der nie in Blüten schösse
Und einen Schubkarrn, der von selber geht!

Und eines noch: ein sicheres Mäusegift,
Den Wetterzauber gegen Hageltücken,
Vom Stall zum Hause einen kleinen Lift,
Und jeden Abend einen neuen Rücken.

Hier wollten wir ein feines Foto von Hermann Hesse präsentieren, was jedoch aus Copyright-Gründen nicht statthaft ist, deswegen fragten wir Masterchen, ob er nicht das Hesse-Bild nachstellen wollte. Das kam mit Hilfe von Dina dabei heraus:

Foto: Hanne Siebers

Findet ihr lieben Leser nicht, Masterchen sieht doch schon fast wie der Hesse aus. Oh dear, hoffentlich liest er es nicht, denn trotz wackeren Gärtners ist immer noch kein Hesse-Fan geworden!

Jetzt wollen wir es dem Hesse und dem Mätes nachmachen, Dina hat einen schönen Weißwein gerade geöffnet und wir machen Feierabend!

Frohe Gärtnergrüße aus dem kleinen Dorf am großen Meer
senden euch
Siri 🙂 und Selma 🙂
Buchfeen

(Das Gedicht wurde entnommen von: Hesse, Hermann: Freude am Garten, insel Taschenbuch 1329, Frankfurt/M. 1992)

Veilchenblau

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Hallo,

einen herzlichen Sommergruß von der Rose Veilchenblau aus meinem Garten.

Foto: Hanne Siebers

Der deutsche Impressionist und Gartenfreund Max Liebermann liebte diese Rose, die er in dem wunderschönen Garten seiner Villa am Ufer des Wannsees kultivierte. Diese Rose – ein Rambler für die Spezialisten – habe ich dort gekauft, weil ich mir eine Rose mit blauen Blüten nicht vorstellen konnte und weil ich diese Bilder, die Liebermann in seinen Garten malte, liebe.
Selma Buchfee meinte: „Die Rose ist gar nicht blau, die ist violett!“
Naja, Recht hat sie.  Ich beobachtete jedoch, dass sie jedes Jahr blauer wurde – die Rose 😉
Es ist erstaunlich, dass die Rose Veilchenblau am Meer so üppig blüht, da sie im kontinentalen Klima gezüchtet wurde.

Liebe Grüße aus dem Garten
Klausbernd

Dina und die liebe Selma Fee fotografierten und collagierten, Buchfee Siri meinte: „Masterchen, schreib doch mal einen richtig geerdeten Text!“ Das war er!

Max Liebermann lebte ein erstaunliches Leben, wegen  „Studienunfleiß“ wurde er von der Universität Berlin exmatrikuliert und im Alter kamen ihn Einstein und jeder, der Rang und Namen hatte, besuchen. Bei Wikipedia finden Sie einen ausführlichen Eintrag zu Max Liebermann, der sich zu lesen lohnt (er wurde als exzellenter Artikel ausgezeichnet). Mir ist Max Liebermann schon wegen seines berühmten Ausspruchs sympatisch: „Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte„, als die Faschisten an seiner Berliner Villa vorbeimarschierten.

Gruß aus dem Garten

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Einen herzlichen Gruß aus meinem Garten nicht nur an Frau Blau vom Café Weltenall

Allen unseren Besuchern eine rundum angenehme Woche
Klausbernd 🙂 Dina 🙂 und die kichernden Buchfeen Siri & Selma 🙂 🙂