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Schlagwort-Archive: W.G. Sebald

deutscher Autor, der in Norfolk lebte

W.G. Sebald

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Wertach im Allgäu, kennt ihr diesen Ort? Dina und ich hatten nie davon gehört, bis wir aufmerksam die Biografie von W.G. Sebald studierten. Winfried Georg („Max“) Sebald wurde in Wertach am 18. Mai 1944 geboren und besuchte dort die Volksschule. Freilich ist Sebald weitaus weniger in Deutschland bekannt als in England, Frankreich und den USA, wo Susan Sonntag ihn populär machte und er als Nobelpreisträger vorgeschlagen wurde und er als der einer der führenden zeitgenössischen deutschen Autoren hoch verehrt wird. In seinem Geburtsort wurde er von einigen gar angefeindet, da er speziell in seinem Roman „Die Ausgewanderten“ die furchtbare Vergangenheit (Nazi-Deutschland) thematisiert und „das alles überziehende Schweigen über diese Zeit“ anprangert.

Seit 1970 bis zu seinem Tod im Dezember 2001 lebte und arbeitete Sebald erst als Lektor, dann als Ordinarius für Literaturwissenschaft an der UEA (University of East Anglia) und seit den 80er Jahren als hoch ausgezeichneter Autor in Norwich. Ich habe von ihm „Die Ringe des Saturn“ (1995, das ich für Sebalds bestes Werk halte), „Austerlitz“ (2001, wird von Literaturwissenschaftlern als Sebalds Meisterwerk betrachtet) und „Die Ausgewanderten“ (1992, ein Roman in vier ausführlichen Erzählungen) gelesen. Alle seine Texte sind von einer melancholischen Stimmung geprägt. Sie widmen sich oft den Ausgestoßenen. Immer wieder thematisiert er das deutsch-jüdische Verhältnis

In seinem Geburtsort wurde erbittert über Sebalds freien Umgang mit biografischen Material gestritten. Das betrifft neben „Die Ausgewanderten“ speziell auch seinen Roman „Austerlitz“, in dem der sechzigjährige Jacques Austerlitz seine Vergangenheit und Identität sucht. Die Auseinandersetzung ging so weit, dass einige Bewohner Wertachs vehement dagegen protestierten, dass für Selbald eine Ecke in der Bibliothek eingerichtet wurde und dass man überhaupt an Sebald erinnerte.

Uns interessierte, was heute noch oder wieder an diesen bedeutenden Schriftsteller in Wertach erinnert. Die Sebald-Ecke in der Bibliothek gibt es längst. Dort stehen zahlreiche Werke Sebalds in vielen Sprachen, die Frau Ute Sebald aus dem Nachlass ihres Mannes zur Verfügung stellte, dazu wird dem Interessierten ein dicker Ordner mit Artikel über W.G. Sebald freundlich in die Hand gedrückt.

An seinem Geburtshaus wurde unter einer älteren Fassadenmalerei von Götz von Berlichingen (!) eine Gedenktafel angebracht und es gibt sogar einen elf Kilometer langen Sebald-Weg, den wir aber wegen dichten Nebels nicht gingen. Dieser Weg wird in seinem Buch „Schwindel, Gefühle“ beschrieben, das ich vor Jahren wegen der Ausführungen zu Stendhal und Kafka gelesen hatte. In diesem Buch gibt es die Erzählung „Die Heimkehr“ (Il ritorno in Patria), in der der Autor diesen Weg vom Oberjoch bis Wertach (erscheint dort als W.) schildert. Auf sechs Stelen werden längere Textpassagen aus „Die Heimkehr“ zitiert, die sich auf den Ort der jeweiligen Stele beziehen. Sebald wurde mit „Schwindel, Gefühle“ als Autor bekannt.

Heute scheint jeder in Wertach Sebald zu kennen. Als wir uns zu seinem Geburtshaus und den Anfang des Sebald-Wegs durchfragten, wusste jeder sogleich Bescheid und gab bereitwillig freundlich Auskunft. Nach dem Kampf gegen den Nestbeschmutzer scheint man nun auf diesen Sohn des Ortes stolz zu sein – naja, Wertach hat auch sonst nichts zu bieten, außer vielleicht noch einen anderen Schriftsteller, nämlich der Förster und Jagdschriftsteller Fritz Bergmiller (1875-1930). Er lebte einige Zeit in Wertach, aber wer kennt ihn schon?

Ganz liebe Grüße aus dem Allgäu
von Dina und Klausbernd

Eine ausführliche Rezension von „Die Ringe des Saturn“ findet ihr auf Phileas Blog.

Literary Norfolk

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Literary Norfolk

Hi, liebe Leser, endlich lässt mich Siri an ihr McFeeNotebook und nun kritzele ich über unsere Bücherwelt – ja ICH! Siri hat doch nicht die Belesenheit gepachtet. Ich bin auch BuchFee! Und findet Ihr nicht, meine Schwester entwickelt zunehmend zur Vatertochter? Jetzt versucht sie doch glatt wie der Master zu schreiben – eine Kopistin, aber keine Plagiatorin in hehrer Guttenbergscher Tradition, oh dear, aber eine Liiiebe. Vielleicht liegt es auch daran, weil sie auf des Masters Schultern hockend in Terry Pratchetts Buch diese Scheibenwelt-Fantasien gelesen hat. Scheibenwelt, das ist eine Abart der FlachErdeWelt, die Siri in ihrem Normaler-Tag-Geschreibsel erwähnte. Eigentlich hätte ich den beiden „Die Farben der Magie“ geben sollen, wo der untalentierte Zauberer Rincewind über den Rand der Welt purzelt, über „the Edge“, wie unsere Gegend von dem vogelguckenden Autor Richard Mabey, Englands prominentesten Naturschriftsteller, beschrieben wird. Prachett dagegen meint wohl nicht unseren Strand hier. Wie dem auch sei, „Die Farben der Magie“ war unauffindbar verstellt, ich hoffe, nicht über „the Edge“ gefallen. PotteryPetronella schwärmt für dieses Buch. Ist doch klar, ihre Welt ist die Töpferscheibe, also auch so eine Scheibenwelt.

Iiih, SiriFee und der Master sind bisweilen voller Vorurteile: „Kinderliteratur“ war ihr Kommentar als ich ihnen „Der Winterschmied“ empfahl. Da die liieben Ignoranten noch nie etwas vom alzheimerkranken Prachett gelesen haben, drückte ich ihnen das arme ungelesene Buch von Regalbrett 2 in die Hand. Ich dachte mir, da können sie lernen, wie man witzig und fantasievoll dichtet. „Fantasy – nicht mein Ding!“, wehrte der Master brüsk ab, aber dann lasen sich die beiden laut lachend fest. Da es um den Winter, einen Eisberg und viel Schnee geht, vermutete ich, dass sie trotz ihrer manchmal elitären Haltung den Roman zumindest ganz nett fänden. Klar, der Master schreibt anders, aber er brauchte unbedingt eine Auflockerung, denn aufgeregt wartet er darauf, ob sein Roman angenommen wird, immerhin liegt er auf dem Tisch der Cheflektorin eines Großverlags, die sogar versprach, ihn zu lesen. Das ist doch etwas – oder? Also kräftig Flügeldrücken! Unter uns, mit Hilfe von Siri hat der Master bereits einen zweiten Band von „Tantes Tod“, wie der Alliterationsverliebte seinen Roman tituliert, geplant.

In Good Old Norfolk hat Schreiben Tradition – weil sonst nichts los ist.

Henry Rider Haggard schrieb auf seinem Gut (Ditchingham) u.a. „Sie“, einen – wie ich finde – voll kitschigen Roman, den C.G. Jung als den besten über die Anima empfahl. Die Verfilmung – ich sage Euch – zum Kichern. Häufig wurde der Gentleman Farmer Rider von seinem Freund Rudyard Kipling besucht, den das ländliche Norfolk ebenfalls inspirierte – aber bestimmt nicht zum Dschungelbuch! Beide verband die Trauer über den Tod ihrer Söhne. Auf langen Spaziergängen und beim Tee im Gutshaus entwickelten sie gemeinsam die Handlungen ihrer Romane. Haggart wurde berühmt durch seinen Roman „King Salomons Mines“. Die kluge Siri sagt mir gerade, dass er mit seinem Bruder gewettet hatte, ein so beachtliches Werk wie Stevensons „Die Schatzinsel“ schreiben zu können und da soll er in sechs Wochen „King Salomons Mines“ vollendet haben, ein riesiger Erfolg, zu dem ihn R.L. Stevenson gratulierte. In einigen späteren Romane spielt Norfolk ein Rolle.

Und dieser fürchterliche Moralist Daniel Defoe soll in der St. Nicholas Kapelle zu Kings Lynn eine Inschrift gesehen haben, die einen Robinson Cruso erwähnt. Daraus wurde unter kreativer Hinzufügung des E der „Robinson Crusoe“, der auf seiner Insel ständig jammert, nicht die goldenen Früchte des Mittelstands zu Hause genossen zu haben. Der Master las zusammen mit Siri Defoes „A General History of the Pyrates“, die ich viiiel zu langweilig fand, voll gähn. Dieses Piratenbuch, das Defoe als Captain Johnson veröffentlichte, ist jedoch die Quelle für die Geschichte der Piraterie, die am zeitnahsten an der Blütenzeit der Freibeuter geschrieben wurde, erklärt mir gerade Siri, die mir ständig beim Schreiben über die Schulter guckt.

Und ob unser krimiliebendes Tantchen weiß, dass Arthur Conan Doyle 1901 seine Idee zum „Hund von Baskerville“ in Cromer bekam? Norfolks Seeräuber und Schmuggler erfanden den Geisterhund, um Neugierige von der Küste abzuhalten, das wurde Conan Doyle beim Golfen an unserer Küste erzählt. Cromer Hall war die im Roman beschriebene Baskerville Hall, außerdem beschrieb der erfolgreiche Autor später die Küste bei Happisburgh in seinen Sherlock Holmes Krimis. Der Vater von Sherlock Holmes liebte es, sich an der Küste Norfolks zu entspannen.

Tantchen Doris wird es auch sicher interessieren, dass die erste englische Frau, die bereits im 14. Jh. ein Buch veröffentlichte, aus Norwich kam: Julian(a) von Norwich, die in der feministischen Theologie des zwanzigsten Jh. ein Popstar wurde, da sie Gott androgyn sah.

OK, was soll ich Euch noch länger langweilen mit“ Oscar Wilde war hier wie auch Ruth Rendel, D.H. Lawrence und Wersonstnoch“. Aber lasst mich noch schnell, eh Siri wieder an das Notebook will (sie nervt mich heute!), Jack Higgins und W.G. Sebald erwähnen.

Jack Higgins war mit „Der Adler ist gelandet“ einer der ersten weltweiten Erfolgsautoren – und wisst Ihr, wo diese spannende Geschichte um die Entführung Churchills spielt? In Church Lane! Ja, keine drei Minuten Fußweg von unserem FeenKuschelHaus. Voll blöd, dass es nicht hier verfilmt wurde (war zu teuer, ehrlich)! Also, ich bin ja eigentlich kein Leser von Kriegsliteratur, uhhh, die ist mir zu brutal, Feuer und Blut sind gar nicht meine Sache – Siri ruft gerade: „Meine auch nicht, iiih!“ Aber da im Roman nun mal unsere Kirche eine wichtige Rolle spielt, lasen wir ihn zu dritt. Der Master war verwundert, wie positiv teilweise die deutschen Offiziere von Higgins geschildert wurden – und das in den siebziger Jahren, als in anderen britischen Kriegsromanen die Deutschen durchweg als böse dargestellt werden.

Zum Schluss will ich noch den vor zehn Jahren umgekommenen deutschen W.G. Sebald erwähnen, der nicht nur die UEA in Norwich zu einer der weltweit führenden Universitäten für kreatives Schreiben machte, sondern auch in „Die Ringe des Saturn“ über den Küstenpfad schrieb, der unweit von uns entlang geht. Der Master war ganz angetan von Sebalds Technik, wie er andere Literatur in seinen Roman einfügt und von „the Edge“ bis nach China seine Gedanken fliegen lässt – völlig ungeerdet, nix für mich!Master und Siri schreibseln auch noch wacker. Sorry, ihr beiden, wenn ich eure Illusion zerstörte, ihr wärt die einzigen hier. Großes Bitte, Bitte, nicht sauer sein!

Liiiebe Grüße
Selma, Buch- und FotoKnipsiFee, die auf ihrem Regalbrett ständig „on the edge“ lebt.

Die belesene Siri BuchFee lässt Euch bestellen, dass sie noch Genaueres, Intimeres und mehr über die schreibende Zunft im idyllischen Norfolk  schreibseln wird. Manchmal ist meine eigentlich sooo liebe Schwester echt nervig. Sie tusst gerade herum und protestiert. „Literatur ist mein Gebiet, bleib du bei deiner Gartenschaufel!“ – frech, nicht?!
Sie meint noch, ich soll Euch bestellen, dass Howard Carter, der in Ägypten beim Rumgraben das Grab von Tutenchamun fand, in Norfolk aufgewachsen ist (Swaffham) und die Vorfahren von Abraham Lincoln kamen auch aus Norfolk – well, hat zwar nix mit Literatur zu tun, aber spannend.

© Klausbernd Vollmar, Cley/Norfolk, 2011

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