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Splendid Isolation

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I enjoy this splendid isolation. The lost time is found, not by seeking but by force. I feel more focused. I adjust to a relaxed way of gardening whilst listening to audio-books. My AirPods carry me off to the captivating World of Norwegian crime stories by Ingar Johnsrud, perfectly suited for gardening. In this new state, I scrutinise every corner searching for the various nasty weed. Times becomes irrelevant. I lavishly spend time on all and everything. Has the period of acceleration come to an end? I pause more often, look longer at whatever. I observe the birds collecting little twigs for their nests. They fly away careful not to reveal where their nests are situated. With free-floating attention, I think about this and that. I notice details scrutinising the lichen colonies. These round lichen on the old stones of our terrace make me remember the country where the lemons bloom. I notice I can only read Proust on this sunny terrace with a cold glass of Aperol Fizz in reach.
Before isolation, I couldn’t give into my meandering thoughts without feeling guilty. I didn’t allow myself spending time for this luxury. Looking back, I am getting aware of all the distraction produced by an un-isolated world. I begin to understand the attraction of closed communities like in monasteries. Hermann Hesse’s „The Glass Bead Game“ fascinated me when I was 17. I was mesmerized by this isolated province of scholars. Later it was the isolated morbid world of Thomas Mann’s „The Sacred Mountain“ which caught my interests.         
 

 

 

Die Isolation erfreut mich. Mein Leben ist konzentrierter geworden. Die verlorene Zeit wurde gefunden, nicht durch Suche sondern zwangsweise. Ich entdecke mit Muße zu gärtnern, wobei ich in die Welt der Hörbücher versinke. Die AirPods entfühen mich in die Welt norwegischer Krimis von Ingar Johnsrud, die sich zum Gärtnern eignen. Ich nehme genauer die verschieden bösen Unkräuter wahr, insgesamt nehme ich mir mehr Zeit für alles. Sollte die Zeit der Beschleunigung ihr Ende erreicht haben? Ich halte öfters länger inne, betrachte etwas, beobachte wie die Vögel Stöckchen für ihren Nestbau sammeln und diese so abtransportieren, dass ich ja nicht ihr Nest sehe. Mit freischwebender Aufmerksamkeit denke über dies und das nach. Details fallen mir auf, z.B. wie die Flechten unsere Terrasse als Wohnort lieben, als Kolonie oder größere Einzelflechten. Immer kreisrund. Sie verbreiten auf dem Stein einen Hauch der Erinnerungen an das Land, in dem die Zitronen blühen. Mir fällt auf, dass ich Marcel Proust nur auf dieser besonnten Terrasse mit einem kühlen Aperol Fizz in Reichweite genießen kann.
Vor der Isolation konnte ich mich nie ohne schlechtes Gewissen auf meine Gedankensprünge einlassen; für solchen Luxus meinte ich keine Zeit zu haben. Im Nachhinein bemerke ich, wie viel Ablenkung eine un-isolierte Welt schafft. Das lässt mich noch besser klösterliche Gemeinschaften verstehen. Bereits mit 17 faszinierte mich Hermann Hesses „Glasperlenspiel„. Mich zog diese isolierte Welt an. Später hat mich die morbiden abgeschlossenen Welt von Thomas Manns „Zauberberg“ begeistert. Die jetzige Isolation habe ich bislang nur als als Stoff, aus dem Romane sind, betrachtet.

Suddenly our World became unphysical. Isolation means a minimum of body contacts now. There were trends in the Theosophical Society believing that mankind is meant to become Spirit, meaning we have to overcome our physical being. A favourite idea of all monotheistic religions. If we spin this tread a little further we are in the here and now with its radical reduction of the physical contact. Seen without any distorting romantic feelings, this change from reality to virtuality is a new way of life. Could that be one step towards the aim of mankind as the Theosophists would see it?

Unsere Welt ist köperloser geworden. Isolation bedeutet gerade ein Minimum körperlichen Kontakts. Gab es nicht Richtungen in der Theosophie, die vertraten, dass die Menschheit sich zur Vergeistigung hin entwickeln solle? Die Körperüberwindung war damit angesprochen, ein Steckenpferd aller monotheistischer Religionen. Spinnen wir den Gedanken weiter, ist es genau das, was wir zur Zeit erleben, die Reduzierung unserer Körperlichkeit. Ohne romantische Vernebelung betrachtet, ist diese Art des Wandels vom Realen zum Virtuellen ein neue, umweltfreundliche Lebensart, die einige esoterische Kreise als notwendigen Schritt aufs Ziel der Menschheit hin sehen würden.

For many of my generation, this change from direct contact to virtual un-physical contacts is the devil’s work. Freud told us, fear makes us demonize the new. Now we have to learn to express our emotional and spiritual feelings in a chat-format. I can well imagine that we will learn to communicate everything we need virtually. That’s one topic of Tad Williams brilliant novel „Otherland“. You outsource the living of your life to your Avatar, you are your Avatar. Is this that bad?
Our gardener’s teenage daughters are in constant virtual contact with their friends. That’s their form of communicating the feelings and intimacy they need – or seem to need? They practised virtual contacts long before the virus. For them, all this talk about isolation is „bullshit“ or „mind-fuck„. They don’t really understand what isolation means for others. They are these students who are happy about their closed schools and don’t mind having their lessons in the chatroom.       

Viele meiner Generation empfinden diesen Wandel vom gewohnten direkten Kontakten zu virtuell unkörperlichen Kontakten als Teufels Werk. Freud bedauerte schon, dass die Angst uns Neues verteufeln lässt. Freilich müssen wir noch lernen, unsere emotionalen und geistigen Bedürfnisse zoomgerecht zu formulieren. Gut kann ich mir vorstellen, dass wir Fähigkeiten entwickeln, intensiv und befriedigend virtuell zu kommunizieren, ein Thema, das in Tad Williams Roman „Otherland“ überzeugend wie spannend dargestellt wird. Man lebt durch seinen Avatar, man ist sein Avatar. Ist das so schlimm? 
Die Mädchen unseres Gärtners, zwei Teenys, sehe ich im ständigen Kontakt per phone und chat mit ihren Freundinnen. Das ist ihre Form der Nähe, die sie zu brauchen scheinen. Sie haben lange vor dem Virus sich in virtueller Kommunikation geübt. Für sie ist „das ganze Isolationsgequatsche“ nur „mind-fuck„. Ihre Welt ist weniger isoliert und dass sie nicht in die „blöde Schule“ müssen, ist ganz nach ihrem Geschmack. Gegen Schule als Chat haben sie grundsätzlich nichts einzuwenden, „wenn’s denn seien muss„.

The Dark Side now:
The virus is reaching a small idyllic village. What happens? First people stand together. A local dies. A pre-militant movement against the incoming „The Londoners“ is formed. For some, this movement against the aliens produces strange feelings but at the same time, they share the opinions of the self-appointed sheriffs that those strangers brought the virus with them. Therefore strict isolation of their village would make sense. Happy End: the protagonist discovers his inner fascist.
Could that be a novel by Stephen King or a text like Golding’s „Lord of the Flies„?
Friedrich Engels surely would have noticed how isolation make class differences more obvious. I notice, tougher behaviour shows less inhibited but at the same time friendliness is spreading. What was isolated before shows clearly now. 

Nun zur Dark Side:
Der Virus erreicht ein kleines idyllisches Dorf. Was geschieht? Zuerst ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Dann stirbt ein Einheimischer, darauf entsteht eine `vor-militante´ Bewegung gegen die `Londoner´. Bei einigen weckt das ungute Erinnerungen an Zusammenrottungen gegen `die Anderen´, die Unzugehörigen, auf der anderen Seite teilen sie diese Ansichten der selbsternannte Blockwarte. Die von außen brachten den Virus, strengere Isolation des Dorfes wäre sinnvoll. Happy End: Der Protagonist erkennt den Faschisten in sich. – Das wäre für einen Roman a la Stephen King geeignet oder sollte es eher Goldings „Herr der Fliegen“ ähneln?
Friedrich Engels hätte sicherlich bemerkt, dass die Isolation Klassengegensätze deutlicher zu Tage treten lässt. Ich beobachte, dass sich raueres Verhalten ungehemmter zeigt, aber auch zugleich eine zunehmende Freundlichkeit sich verbreitet. Was vorher isoliert war, läßt die Isolation deutlicher zu Tage treten.

Wishing you an easy handling of your isolation.
Stay well and away from others
Dann wünsche ich einen so weit wie möglich entspannten Umgang mt der Isolation.
Bleibt gesund und dem Anderen fern

Klausbernd

 

 

© Text and illustrations, Hanne Siebers and Klausbernd Vollmar, Cley next the Sea, 2020

Der Untergang der Titanic wie er im Buche steht

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Der Untergang der Titanic wie er im Buche steht

Bücher sind Schiffe, welche die weiten Meere der Zeit durcheilen. – Francis Bacon

Einschüchternd viel wurde und wird über die Titanic geschrieben, dabei sind die Sachbücher oft nicht weniger fiktiv als die Romane. Bei amazon und Thalia-online findet man hunderte von Büchern, die sich mit dem Untergang der Titanic beschäftigen.

Zwei Romane mit diesem Thema finde ich bemerkenswert:
Morgan Robertson „Titan. Eine Liebesgeschichte auf hoher See“ (1898)
Erik Fosnes Hansen „Choral am Ende der Reise“ (1990)

Ja, Sie haben richtig gelesen, Morgan Robertson, ein erfolgreicher amerikanischer Autor von Seegeschichten, schrieb den Roman über das Schiff Titan 14 Jahre vor dem Untergang der Titanic. Die Parallelen zum Untergang der Titanic sind jedoch derart frappierend, dass häufig behauptet wurde, es handele sich um ein prophetisches Werk – wozu sich der Autor, der drei Jahre nach dem Untergang der Titanic durch Suizid starb, nicht äußerte.
Es ist hauptsächlich der erste Teil des Romans, der dem Titanic-Unglück in vielen Details ähnelt. Auch hier kollidiert das größte und angeblich unsinkbare Schiff mit einem Eisberg, es gibt zu wenig Rettungsboote, noch weniger Überlebende. Der Deckhelfer John Rowland (die Hauptperson) rettet Myra, die Tochter seiner früheren Geliebten, durch einen Sprung mit ihr auf den Eisberg. Diese etwas kitschige Variante der Rettung der Schiffbrüchigen kam freilich bei dem Titanic-Unglück nicht vor, ist aber für diesen Roman notwendig, um am Schluss zu einem Happy End zu kommen, indem ihn nämlich die Mutter von Myra, die ihn zuvor verklagt hatte, einlädt. Alle anderen Fakten nehmen jedoch das Titanic-Unglück voraus.

Die Originalausgabe dieses Romans „Futility“ ist relativ wertvoll und gehört in Kreisen der Liebhaber nautischer Literatur zu den gesuchten Büchern, was die Qualität des Romans nach meinem Geschmack weniger rechtfertigt. Besonders der zweite Teil kann als Vorwegnahme der Action-Literatur angesehen werden. Es gibt haarsträubende Unwahrscheinlichkeiten, ein Kampf mit einem Eisbären und eine Festnahme fehlen auch nicht, um am Schluss alles harmonisch aufzulösen – zumindest kann das der Leser, der es bis dahin ausgehalten hat, hoffen.

Die Kitschvariante, bei der – wie auch beim Film – der Untergang den dramatischen Hintergrund für eine rührselige Liebesgeschichte bietet, ist bei Titanic-Romanen am beliebtesten. Wenn wir das Sinken des Schiffes auf seiner Jungfernfahrt als sexuelle Symbolik deuten (siehe den vorigen Titanic-Beitrag auf diesem Blog), hat dieses epochale Schiffsunglück Schriftstellern eine fast archetypische Symbolik geliefert, die eng der romantischen Liebe verbunden ist, in der nicht die Erfüllung, sondern das sehnsuchtsvolle Leiden wesentlich ist.

Besessen las ich den Roman des hochausgezeichneten norwegischen Autors Fosnes Hansens „Choral am Ende der Reise“ (der Roman stand in Norwegen lange auf der Bestsellerliste). Er beschreibt die Mitglieder der Bordkapelle, die am 10.4.1912 in Southampton an Bord der Titanic gehen. Das nimmt der Autor als Anlass, die Lebensgeschichte der sieben Musiker, die aus unterschiedlichen Ländern und Kulturen stammen, mitreißend zu beschreiben. Dabei hat er weitgehend fiktiv gearbeitet, aber auch Teile der Lebensgeschichten der wirklichen Mitglieder der legendären Titanic-Kapelle eingebaut. Der Kapellmeister Jason, „ein Idealist ohne Ideale“ und die anderen Musiker erzählen rührend über ihre Hoffnungen und ihr Scheitern in einer menschlichen Art, die einen gleich in die Erfahrungen der Person hineinzieht. Alle träumen von einem besseren Leben, alle laufen vor etwas davon.

Erik Fosnes Hansen

Dass die Lebensgeschichten derart intensiv wirken, liegt am klaren und zugleich poetischen Stil und nicht zuletzt auch daran, dass der Leser weiß, dass alle sterben und ihre Hoffnungen mit ihnen im Meer versinken werden. Die oft tragischen Geschichten bilden den Kern des Romans, wobei – wie in vielen Titanic-Romanen – der Untergang der Titanic nur als Rahmengeschichte dient. Fosnes Hansen schildert den Untergang selbst nur kurz im Roman. Für mich wirken diese sieben Geschichten auch durch ihre feine sozialkritische Sicht des ausgehenden 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts (die Titanic mit ihren streng abgegrenzten verschiedenen Klassen drängt sich als Metapher für die Klassengesellschaft geredazu auf). Wenn auch einige Kritiker Langatmigkeit reklamierten, kann ich nur sagen, dass ich diesen Roman berührend und kurzweilig zugleich finde.

Obwohl nicht krimihaft wird die klassische Situation geschildert, was mit sich weitgehend Fremden auf engen Raum geschieht (im Extrem in Goldings Klassiker „Herr der Fliegen“ [1954] geschildert) und warum sie sich in diese Isolation auf ein Schiff flüchteten.

Mit herzlichem Gruß
Siri Buchfee und der Master