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Der Baum

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Der Baum

Hallo, hallo, hier schreiben Siri und Selma, die Buchfeen, die gar nicht mehr in Ruhe lesen können, da Masterchen einen Baum im Vorgarten fällt, direkt unter unserer Fairylesestube. Es tut uns allen in der Seele weh, sooo schade! Es war ein wunderschöner Baum, aber der Arme war krank, selbst die lieben Gartenfeen konnten ihn nicht mehr helfen. Er war vom bösen Virus befallen. Ihr seht, unser Master ist keineswegs ein christlicher Baumfeind, wie dieser Bonifatius, der die Donar-Eiche fällte oder wie Martin (wir meinen den Bischof von Tour, nicht den Mätes), der bereits AD 371 auszog, um heilige Haine zu zerstören.
Nicht alle Christen seien Baumfeinde gewesen, klärte uns gestern Masterchen auf. Da gab`s doch den Baum der Erkenntnis, den Thomas Mann den „unkeuschen Baum des Todes“ nannte.

Foto: Hanne Siebers

Während Masterchen mit seinem Freund Gerrit von Schrottgorod sägt und axt, dass die Späne fliegen, haben wir uns in Masters Büro geschlichen, das rundum voller Lexika steht. Wir wollen doch mal schauen, was er selbst zum Baum geschrieben hat. Huch, was steht „Das Handbuch der Traumsymbole“ hoch, knapp unter der Decke gleich neben seinem Symbollexikon.

Selma liest laut vor: Baum ist das geheime Zentrum der Erde und somit des Urgartens. Unter seiner Krone finden Liebende Erfüllung, was schon Walther von der Vogelweide, ihr wisst, der fesche langhaarige Minnesinger, besang. Und habt ihr das vielleicht gewusst? Auf dem Grab von Tristan und Isolde sollen zwei ineinander gewachsene Bäume stehen. Und noch davor, im frühen Mittelalter, bestatteten diese wilden Merowinger ihre Toten in einem ausgehöhlten Baum. Es war häufig der selbe Baum, der bei ihrer Geburt gepflanzt worden war.
Und hört! Bäume galten als Wohnsitz von uns Feen und Elfen. Das früher so, als Buchfeen wohnen wir etwas exklusiver auf Regalbrett 3 und 4 – immerhin auch aus einem Baum geschnitten. Kennt ihr denn den Weltenbaum Yggdrasil, den die Nordgermanen verehrten (die ihr Bild des Kosmos übrigens mit den Atzeken teilten)? Diese Nordmänner behaupteten, die ersten Menschen Ask und Embla seien aus Bäumen und nicht aus dreckigglitschigem Ton geschaffen wurden. Wir finden es ganz toll, dass die uralten Griechen, die Masterchen oft anführt (eine Macke von ihm) schöne Bäume mit bunten Bändern schmückten. Das begann um 500 v. Chr. mit der Unterwerfung Griechenlands durch Dareios I. Es ist wahrscheinlich, dass der Perserkönig diesen Brauch in Griechenland einführte.
Wir lesen weiter: „In der chinesischen Symbolik spielt der Baum als „axis mundi“ eine wesentliche Rolle. In chinesischen Mythen wird diese Weltenachse vom Pfirsichbaum dargestellt. Der bedeutendste Baum ist jedoch in diesem Kulturbereich der Geneigte Maulbeerbaum (Fu Sang), der im Osten des chinesischen Reichs einhundert Meilen hoch wächst. Von ihm beginnt täglich die Sonne ihre Reise um die Welt.“
Master erzählte uns vorhin, dass in Japan bestimmte Zedern und Pinien als Wohnstätten der Götter galten. Er sprach von der Zeder am Berg Miwa und den Pinien in Oharano und Kitano, um uns etwas vom Tod unseres Baums abzulenken.
Selma fand erstaunt heraus, dass der Baum in der bildenden Kunst seit eh ein beliebtes Thema war. Caspar David Friedrich malte die sich spreizenden Bäume, Edvard Munch majestätische Eichen, Claude Monet Pappeln, van Gogh Kastanien, blaugrüne Nadelbäume und Zypressen und Piet Mondrian Apfelbäume, um nur einige zu nennen.

Nur ganz schnell zum Schluss, meine Schwester Selma ist bereits in den Garten geflogen, um sich vom Baum zu verabschieden, bevor er zum Kaminholz verarbeitet wird.  Gerade plingplingte Masters Rechner. Ich Sirifee, seine liebkluge Archivarin, nahm die gute Maildung entgegen. „Das Handbuch der Traumsymbole“ ist in Estland veröffentlicht worden, jetzt sind Masterchens Bücher in  22 Sprachen übersetzt worden. Estland – oh je, ich weiß gar nicht wie die Landessprache heißt! Egal, die gute Nachricht muss ich Dina, Selma und Masterchen sofort mitteilen. Und mich vom lieben Holzapfelbaum verabschieden. Und von euch. Tschüß 😉

Liebe Grüße aus dem kleinen Dorf am großen Meer
Siri und Selma, Buchfeen