RSS-Feed

Schlagwort-Archive: Zauberberg

Splendid Isolation

Veröffentlicht am

I enjoy this splendid isolation. The lost time is found, not by seeking but by force. I feel more focused. I adjust to a relaxed way of gardening whilst listening to audio-books. My AirPods carry me off to the captivating World of Norwegian crime stories by Ingar Johnsrud, perfectly suited for gardening. In this new state, I scrutinise every corner searching for the various nasty weed. Times becomes irrelevant. I lavishly spend time on all and everything. Has the period of acceleration come to an end? I pause more often, look longer at whatever. I observe the birds collecting little twigs for their nests. They fly away careful not to reveal where their nests are situated. With free-floating attention, I think about this and that. I notice details scrutinising the lichen colonies. These round lichen on the old stones of our terrace make me remember the country where the lemons bloom. I notice I can only read Proust on this sunny terrace with a cold glass of Aperol Fizz in reach.
Before isolation, I couldn’t give into my meandering thoughts without feeling guilty. I didn’t allow myself spending time for this luxury. Looking back, I am getting aware of all the distraction produced by an un-isolated world. I begin to understand the attraction of closed communities like in monasteries. Hermann Hesse’s „The Glass Bead Game“ fascinated me when I was 17. I was mesmerized by this isolated province of scholars. Later it was the isolated morbid world of Thomas Mann’s „The Sacred Mountain“ which caught my interests.         
 

 

 

Die Isolation erfreut mich. Mein Leben ist konzentrierter geworden. Die verlorene Zeit wurde gefunden, nicht durch Suche sondern zwangsweise. Ich entdecke mit Muße zu gärtnern, wobei ich in die Welt der Hörbücher versinke. Die AirPods entfühen mich in die Welt norwegischer Krimis von Ingar Johnsrud, die sich zum Gärtnern eignen. Ich nehme genauer die verschieden bösen Unkräuter wahr, insgesamt nehme ich mir mehr Zeit für alles. Sollte die Zeit der Beschleunigung ihr Ende erreicht haben? Ich halte öfters länger inne, betrachte etwas, beobachte wie die Vögel Stöckchen für ihren Nestbau sammeln und diese so abtransportieren, dass ich ja nicht ihr Nest sehe. Mit freischwebender Aufmerksamkeit denke über dies und das nach. Details fallen mir auf, z.B. wie die Flechten unsere Terrasse als Wohnort lieben, als Kolonie oder größere Einzelflechten. Immer kreisrund. Sie verbreiten auf dem Stein einen Hauch der Erinnerungen an das Land, in dem die Zitronen blühen. Mir fällt auf, dass ich Marcel Proust nur auf dieser besonnten Terrasse mit einem kühlen Aperol Fizz in Reichweite genießen kann.
Vor der Isolation konnte ich mich nie ohne schlechtes Gewissen auf meine Gedankensprünge einlassen; für solchen Luxus meinte ich keine Zeit zu haben. Im Nachhinein bemerke ich, wie viel Ablenkung eine un-isolierte Welt schafft. Das lässt mich noch besser klösterliche Gemeinschaften verstehen. Bereits mit 17 faszinierte mich Hermann Hesses „Glasperlenspiel„. Mich zog diese isolierte Welt an. Später hat mich die morbiden abgeschlossenen Welt von Thomas Manns „Zauberberg“ begeistert. Die jetzige Isolation habe ich bislang nur als als Stoff, aus dem Romane sind, betrachtet.

Suddenly our World became unphysical. Isolation means a minimum of body contacts now. There were trends in the Theosophical Society believing that mankind is meant to become Spirit, meaning we have to overcome our physical being. A favourite idea of all monotheistic religions. If we spin this tread a little further we are in the here and now with its radical reduction of the physical contact. Seen without any distorting romantic feelings, this change from reality to virtuality is a new way of life. Could that be one step towards the aim of mankind as the Theosophists would see it?

Unsere Welt ist köperloser geworden. Isolation bedeutet gerade ein Minimum körperlichen Kontakts. Gab es nicht Richtungen in der Theosophie, die vertraten, dass die Menschheit sich zur Vergeistigung hin entwickeln solle? Die Körperüberwindung war damit angesprochen, ein Steckenpferd aller monotheistischer Religionen. Spinnen wir den Gedanken weiter, ist es genau das, was wir zur Zeit erleben, die Reduzierung unserer Körperlichkeit. Ohne romantische Vernebelung betrachtet, ist diese Art des Wandels vom Realen zum Virtuellen ein neue, umweltfreundliche Lebensart, die einige esoterische Kreise als notwendigen Schritt aufs Ziel der Menschheit hin sehen würden.

For many of my generation, this change from direct contact to virtual un-physical contacts is the devil’s work. Freud told us, fear makes us demonize the new. Now we have to learn to express our emotional and spiritual feelings in a chat-format. I can well imagine that we will learn to communicate everything we need virtually. That’s one topic of Tad Williams brilliant novel „Otherland“. You outsource the living of your life to your Avatar, you are your Avatar. Is this that bad?
Our gardener’s teenage daughters are in constant virtual contact with their friends. That’s their form of communicating the feelings and intimacy they need – or seem to need? They practised virtual contacts long before the virus. For them, all this talk about isolation is „bullshit“ or „mind-fuck„. They don’t really understand what isolation means for others. They are these students who are happy about their closed schools and don’t mind having their lessons in the chatroom.       

Viele meiner Generation empfinden diesen Wandel vom gewohnten direkten Kontakten zu virtuell unkörperlichen Kontakten als Teufels Werk. Freud bedauerte schon, dass die Angst uns Neues verteufeln lässt. Freilich müssen wir noch lernen, unsere emotionalen und geistigen Bedürfnisse zoomgerecht zu formulieren. Gut kann ich mir vorstellen, dass wir Fähigkeiten entwickeln, intensiv und befriedigend virtuell zu kommunizieren, ein Thema, das in Tad Williams Roman „Otherland“ überzeugend wie spannend dargestellt wird. Man lebt durch seinen Avatar, man ist sein Avatar. Ist das so schlimm? 
Die Mädchen unseres Gärtners, zwei Teenys, sehe ich im ständigen Kontakt per phone und chat mit ihren Freundinnen. Das ist ihre Form der Nähe, die sie zu brauchen scheinen. Sie haben lange vor dem Virus sich in virtueller Kommunikation geübt. Für sie ist „das ganze Isolationsgequatsche“ nur „mind-fuck„. Ihre Welt ist weniger isoliert und dass sie nicht in die „blöde Schule“ müssen, ist ganz nach ihrem Geschmack. Gegen Schule als Chat haben sie grundsätzlich nichts einzuwenden, „wenn’s denn seien muss„.

The Dark Side now:
The virus is reaching a small idyllic village. What happens? First people stand together. A local dies. A pre-militant movement against the incoming „The Londoners“ is formed. For some, this movement against the aliens produces strange feelings but at the same time, they share the opinions of the self-appointed sheriffs that those strangers brought the virus with them. Therefore strict isolation of their village would make sense. Happy End: the protagonist discovers his inner fascist.
Could that be a novel by Stephen King or a text like Golding’s „Lord of the Flies„?
Friedrich Engels surely would have noticed how isolation make class differences more obvious. I notice, tougher behaviour shows less inhibited but at the same time friendliness is spreading. What was isolated before shows clearly now. 

Nun zur Dark Side:
Der Virus erreicht ein kleines idyllisches Dorf. Was geschieht? Zuerst ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Dann stirbt ein Einheimischer, darauf entsteht eine `vor-militante´ Bewegung gegen die `Londoner´. Bei einigen weckt das ungute Erinnerungen an Zusammenrottungen gegen `die Anderen´, die Unzugehörigen, auf der anderen Seite teilen sie diese Ansichten der selbsternannte Blockwarte. Die von außen brachten den Virus, strengere Isolation des Dorfes wäre sinnvoll. Happy End: Der Protagonist erkennt den Faschisten in sich. – Das wäre für einen Roman a la Stephen King geeignet oder sollte es eher Goldings „Herr der Fliegen“ ähneln?
Friedrich Engels hätte sicherlich bemerkt, dass die Isolation Klassengegensätze deutlicher zu Tage treten lässt. Ich beobachte, dass sich raueres Verhalten ungehemmter zeigt, aber auch zugleich eine zunehmende Freundlichkeit sich verbreitet. Was vorher isoliert war, läßt die Isolation deutlicher zu Tage treten.

Wishing you an easy handling of your isolation.
Stay well and away from others
Dann wünsche ich einen so weit wie möglich entspannten Umgang mt der Isolation.
Bleibt gesund und dem Anderen fern

Klausbernd

 

 

© Text and illustrations, Hanne Siebers and Klausbernd Vollmar, Cley next the Sea, 2020

Wie das Hässliche in die Kunst kam

Veröffentlicht am

Schön hässlich

Denn es ist kein Liebender, der die Geliebte nicht vergöttert, sie sei so schief, wie sie will, so krumm, wie sie kann; ein talgiges Galgengesicht oder eine runde, platte Schießscheibe, oder dumm, dürr, dürftig, schief und schäbig wie eine Vogelscheuche, hohläugig, hühneräugig, schielt wie ein Huhn in der Sonne und blinzelt wie eine Katze vorm Ofen; Titten wie Quitten oder gar keine. Ums kurz zu machen: ein Kuhfladen im Backofen.
Robert Burton Anatomie der Melancholie

Hans Baldung Grien, Die Lebensalter des Menschen (1540) Ausschnitt

Hans Baldung Grien, Die Lebensalter des Menschen (1540) Ausschnitt

Vorige Woche hatte ich meiner Buchfee Siri eins meiner Lieblingsbücher gegeben, den „Parzival“ von Wolfram von Eschenbach. Das ist ein Versepos aus dem ersten Jahrzehnt des 13. Jh. Dunkel nur konnte ich mich an die Gralsbotin Kundrie erinnern, bis gestern, da fragte mich Siri, wie eine solch hässliche Frau in die höfische Dichtung Einzug halten konnte. Wir lasen zusammen die Stelle, an der Kundrie im Gegensatz zum wunderschönen Parzival beschrieben wird. Ihre Nase gleicht einer Hundeschnauze, sie hat lange Zähne und ihr Haar ähnelt den Borsten eines Schweins. Uns hat das verblüfft, da doch im Mittelalter Schönheit mit edler Gesinnung gleichgesetzt wurde. So drückte der einflussreiche Thomas von Aquin kurz nach der Veröffentlichung des Parzivals die allgemeine Meinung des Mittelalters aus: „Das Schöne ist mit dem Guten austauschbar“. Schon in den chansons de geste (altfranzösische Geschichten von Heldentaten, die im 11. Jh. entstanden und im 12. Jh. ihren Höhepunkt erlebten) ist die Hässlichkeit stets ein Attribut des Bösen. Nicht so bei Kundrie, die trotz abstoßender Hässlichkeit die gebildete und edle Frau ist. In der Gestaltung dieser Figur wendet sich Wolfram gegen das herrschende Schönheitsklischee der höfischen Literatur. Er nahm damit eine Ansicht der Moderne voraus, dass nämlich das Schöne zwar bewundert wird, das Hässliche jedoch fasziniert.
„Das ist irgendwie wie bei unseren Freunden den Trollen und ET, sie sind hässlich, aber wir lieben sie“, meinen Siri und Selma verständnisvoll nickend.
„Am hässlichsten, richtig ekelhaft sind doch die Spuren dieser Krankheiten wie Syphilis, Pest und all diese Seuchen früherer Zeiten und wie fand dieses Ekelhafte Eingang in die Kunst?“ fragte Selma. Wie kam es zur Ästhetisierung der Krankheit?
„Dieser Aristoteles, der im Mittelalter für alles herhalten musste, schrieb bereits im 4. Jh. vor unserer Zeitrechnung, dass die bildliche Wiedergabe des Hässlichen Schönheit hervorbringt“, führte die erschreckend gebildete Siri an.
So machten wir uns emsig daran, nach all den Diskussionen über die Idylle auf unserem Blog, der Frage nach dem Hässlichen und Ekelhaften in der Kunst anhand der Darstellung der Krankheit nachzugehen.
Als die idealtypische ekelerregende Krankheit, die vielfach in der Literatur beschrieben wird, werden wir hauptsächlich die Darstellung der Syphilis betrachten, da sie seit dem 15. Jh. als „Krankheit an sich“ betrachtet wurde.

How ugliness entered art

Last week Siri started reading one of my favourite books Wolfram von Eschenbach`s „Parzival“. She was puzzled about the figur of Kundrie, the most disgusting looking lady of the middle ages. Her nose looks like dogs face, her teeth are very long, and her hair was like the bristle of a pig. We were astonished because during that time beauty was a sign of the good as Thomas de Aquino wrote. Since the chanson de geste the ugly person always was the evil one. But not in this case because Kundrie is a learned and very nobel lady. Wolfram designed this literary figure contradictiong the clischee of beauty. In this way he was quite modern seeing that that beauty is admired but ugliness is interesting.
„It`s like our beloved Trolls and ET, they are ugly but we love them“, said my Bookfayries Siri and Selma. „But when did ugliness entered art?“, they asked. So we agreed that it is easiest to study when artist started to describe the disgusting symptoms of deseases. We
 have chosen the example of syphilis (pox) as it is seen as the most ugly disease.

Domenico Ghirlandaio, Greis mit Enkel (1490)
Domenico Ghirlandaio, Greis mit Enkel (1490)

Seit der Renaissance wird die Syphilis als Krankheit wahrgenommen. Ihre Benennung verdankt sie der Poesie, nämlich dem Gedicht „Syphilidis“ des Veroneser Poeten Girolamo Francastoros (1483 – 1554). Von nun ab sollte sie Dichter und Maler bis in unsere heutige Zeit zur Darstellung des Hässlichen inspirieren. Die Neugier an der „Physica curiosa“ (wie der naturwissenschaftlich interessierte Jesuit Caspar Schott [1608 – 1666] sein Werk mit physischen Aberrationen nannte) griff um sich. Ein voyeuristisches Interesse wurde befriedigt, das nach Sigmund Freud gar einen befreienden Charakter besitzt, da es den Rezipienten aus seiner gewohnten Welt befreit und ihn mit dem Verdrängten konfrontiert. Diese Konfrontation besitzt einen kathartischen Effekt, der sich häufig im Lachen angesichts der Abbildung des Hässlichen zeigt. Besonders die „abgefallene Nase“ als eklatante Abweichung vom klassischen Profil galt als abstoßend, doch zugleich immer wieder als beschreibenswert. Wir finden sie beschrieben speziell im 18. Jh. bei Daniel Defoe („Roxane“, 1724), Henry Fielding („Reise von einer Welt in die andere“, 1743) und Jonathan Swift („Lettres de Lord Chesterfield“, 1774-78) und den Werken von Baudelaire und des Marquis de Sade, um nur einige zu nennen. Die Darstellung der „weggefressenen Nase“ wurde meist satirisch in Nebenhandlungen eingesetzt. Sie stigmatisierte nicht nur die Lüsternen, sondern diente vor allem zur Erzeugung eines schwarzen Humors. Bereits zuvor hatte das elisabethanische Theater – und allen voran William Shakespeare – große Erfolge mit der Figur des Syphilitikers mit deutlichen Symptomen. Sie diente der Erzeugung von burlesker Komik wie auch die Darstellung hässlicher Menschen im 16. Jh. Allerdings im sittenstrengen 17. Jh. war dann „Schluss mit lustig“, besonders sexuell übertragene Krankheiten galten als undarstellbar. Jedoch sollte die satirische Darstellung der Syphilissymptome in den pikaresken Romanen überleben wie bei Charles Sorel (1609-1674), der den ersten französischen Schelmenroman schrieb. Auch bei Jakob Christoffel Grimmelshausen (1622 – 1676) wird die Syphilis als lustige Krankheit angesehen, wie bei allen Schelmenromanen, die oft Prostituierte auftreten ließen.

The name syphilis was coined in the Renaissance. It was taken from the poem “Syphilidis” of Girolamo Francastoros from Gerona. From this time onwards syphilis inspired many artists until today. The “physica curiosa” attracted much curiosity. Freud valued the confrontation with desease and ugliness as katharsis, a cleaning process of the psyche by being confronted with the repressed material of our subconsciousness. It was especially the nose being eaten away because it contradicted drastically the classic profile. It is described in many novels of the 18th c. like Daniel Defoe`s „Roxane“ (1724), Henry Fielding`s „A Journey from this World to the Next“ (1743), Jonathan Swift`s „Lettres de Lord Chesterfield“ (1774-78) as well as in the works of Baudelaire and the Marquis de Sade. This description of the deformed nose was wildly used for comical effects mostly in the subplot. This already started with the Elizabethan theater and Shakespeare having big successes with figures showing syphilitic symptoms. They were fun for the audience at that time. But the prudish 17th c. ended this fun. It was not accepted writing about diseases and especially not about sexually transmitted ones. But nevertheless the eaten away nose survived in picaresque novels in Spain, France and Germany in which, like in Grimmelshausen`s “Courasche”, it added to the humoristic effects.

Diese lockere Einstellung zur Darstellung der hässlichen Kranken mag uns heute verblüffen, aber dabei sollte man bedenken, mit welchem poetischen Aufwand an Metaphern und Vergleichen die Krankheitssymptome beschrieben wurden. Grimmelshausen spricht davon, dass der Körper der Courasche mit Rubinen geziert war. Grundsätzlich wurden Ausschläge weit entfernt von jeglichem Realismus als Blumen und Edelsteine auf der Haut bezeichnet. Die hochgradige Poetisierung und Ästhetisierung sollte der Volksbelustigung dienen.

You may wonder about this coolness but you have to consider the poetical skill describing the symptoms of syphilis. There was no constraint in metaphors and poetic comparisons. The body is covered with precious stones or with wild flowers wrote Grimmelshausen for example.

Frau Welt, Dom zu Worms (hinten und vorne)

Frau Welt, Dom zu Worms (hinten und vorne)

Im Barock erlebten die Vanitas-Darstellungen eine große Beliebtheit. Speziell die Darstellung der Frau Welt war verbreitet, die vorne dem damaligen Schönheitsideal entsprach und hinten von Geschwüren und Gewürm zerfressen wurde. Ein Bild, das vor der Eitelkeit warnt wie in dem Gedicht von Andreas Gryphius (1616 – 1664) „Alles ist eitel“. Die Abbildung des Krankheitssymptoms wird moralisch eingesetzt, was in den folgenden Jahrhunderten nie verschwinden sollte und in den sozialdarwinistischen Ansichten des späten 19. Jh. und den Ideen von der Rassenhygiene des 20. Jh. seinen Höhepunkt fand.

Very in vogue was the image of Vanitas during Baroque. It was seen as “Frau Welt” (Mrs. World) a woman with a beautiful front and a back eaten away by ulcers. That should warn against vanity and remind the recipient of dying. To show the syphilitic symptoms was used for moralistic reasons. This attitude survived besides other points of view until the 20th c. It reached its hight in Social-Darwininistic and racial theories when in 1905 Alfred Ploetz founded the “Society for Racial Hygiene” in Germany (in Nazi Germany any disease was seen as a danger to the healthy Germanic race).

Frau Welt /hinten und vorn)

Frau Welt (hinten und vorn)

Bereits in der Renaissance besteht seit dem Humanisten Marsilio Ficino (1433 – 1499) jedoch auch die Ansicht, dass Krankheit, Wahnsinn und Genie zusammenhängen. Anfang des 17. Jh. wurde gar vertreten, Syphilis fördere die Inspiration. Dass Krankheit und Genie zusammenhängen, faszinierte besonders über hundert Jahre später die Romantiker, die allerdings die Darstellung der ätherischen Tuberkulose derjenigen der Syphilis, die romantischen Liebesvorstellungen widersprach, vorzogen. Thomas Mann knüpft im 20. Jh. in seinem „Zauberberg“ daran an, aber er gestaltet in „Doktor Faustus“ auch den genialen Syphilitiker.
Es ist typisch für die Darstellung der hässlichen Krankheit seit der Romantik, dass sich die Autoren eher für die psychischen Symptome als für die körperlichen interessieren. Das Hässliche bekommt zunehmend eine psychische Dimension.

Besides the moralistic view of diseases there existed quite a different one. Since Renaissance and Marcilio Ficino (1433 – 1599) a connection was seen between disease and genius. From the beginning of the 17th c. it was even believed that syphilis triggers imagination. Most poets were taken by this idea during the Romantic age about a hundred years later. But their favourite disease was the etheric tuberculosis as syphilis contradicted their ideal of love. In this tradition Thomas Mann wrote his novel “Magic Mountain” but he followed the idea of syphilis producing the genius as well in “Doktor Faustus” – but that was in the 20th century. Since the age of Romantic authors became more interested in the symptoms of the psyche than those of the body.

XXXX

Hieronymus Bosch , Kreuztragung Christi (1490), Ausschnitt

Im Sturm und Drang beschreibt Friedrich Schiller im tabubrechenden Stil seines Dramas „Die Räuber“ (1781) die Symptome der Syphilis als schauerlich und regt damit die nachfolgenden Romantiker zur „Erfindung“ des Schauerromans an. Schiller bemerkte bereits weit vor Freud, dass uns „das Schauderhafte mit unwiderstehlichen Zauber an sich lockt.“

Schiller`s revolutionary Storm and Stress drama “Die Räuber” (The Robbers, 1781) describes for the first time the syphilitic symptoms in a way that makes you chiver like in a gothic novel “invented” by the romantic poets a little later.
(The English phrase “Storm and Stress” is a poor translation of the German “Sturm and Drang” rather meaning “Storm and Longing”)

XXX

Pest, Buchmalerei 14. Jh.

Schon der Frühromantiker Friedrich Schlegel hatte 1795 in seiner Schrift „Über das Studium der griechischen Philosophie“ dem Schönen das Hässliche gleichberechtigt zur Seite gestellt und sich gegen den Harmoniekult der Klassik und die Vernunft der Aufklärer gewandt. Johann G. Sulzer propagierte kurz zuvor in seiner Ästhetik „Allgemeine Theorie der schönen Künste“ 1782 die Durchbrechung der klassischen Regeln. Die Romantiker werten von nun an das Krankhafte und Hässliche auf – wie in Mary Shelleys „Frankenstein“ und Victor Hugos „Der Klöckner von Notre Dame“. Hugo schreibt bereits 1827 im Vorwort zu seinem Cromwell-Drama das höchste Lob des Hässlichen, dem dann die einflussreiche „Ästhetik des Hässlichen“ (1853) des Hegel-Schülers Karl Rosenkranz folgt. Nun beginnt sich die Avantgarde der Autoren mit Georg Büchner (1813 – 1837), Charles Baudelaire (1821 – 1867) und Honoré de Balzac (1799 – 1850) für das Hässliche und somit speziell für das Krankhafte zu interessieren.

The early Romantic Friedrich Schlegel wrote in his philosophy of aesthetics that ugliness is always a part of the beautiful and it is as important in art as the beautiful. This contradicted the Classic cult of harmony and the philosophy of the Age of Reason. Romantic poets were fascinated by describing ugliness as in Mary Shelley`s “Frankenstein” and Victor Hugo`s “The Hunchback of Notre Dame”. Hugo highly praised the description of ugliness in the preface of his drama “Cromwell”, an attitude followed by Karl Rosenkranz in his “Aesthetics of the Disgusting” (1853). From now on the avant-garde poets like Georg Büchner, Charles Baudelaire and Honoré de Balzac became interested in describing the disgusting.

160

Peter Paul Rubens, Das Haupt der Medusa (1618), Ausschnitt

1881 veröffentlichte Henrik Ibsen sein Familiendrama „Gespenster“, in dem die Syphilis zum Dreh- und Angelpunkt seines anfänglich äußerst umstrittenen Werkes wird. Von nun an wird sich die moderne Literatur durch die Schilderung von kranken Personen auszeichnen. Die Krankheit und ihre Symptome wurden endgültig enttabuisiert.

Zum Schluss wollten Siri und Selma euch alle darauf aufmerksam machen, dass zwar Schönheit weitgehend eine Frage von Proportionen ist, aber dennoch ästhetische Urteile nie absolut sind. Über den Kitsch als Sonderform des Hässlichen werden wir später noch etwas schreiben – wir haben noch nicht zu Ende gedacht.

1881 Henrik Ibsen „Ghosts“ was published being the first drama in which the syphilis is the pivot. From now on the ill person was liked in modern literature and art in general.

Siri and Selma want to mention that beauty is mostly dependand on harmonious proportions but nevertheless a subjective judgement. About Kitsch (brummagem) as an aspect of ugliness we might write later – we are still thinking … 

Als ergänzende Literatur empfehle ich

Umberto Eco: Die Geschichte der Häßlichkeit. München 2007
Nelson Goodman: Sprachen der Kunst. Frankfurt 1995
Franz Koppe, Grundbegriffe der Ästhetik, Frankfurt 1993
Gábor Paál: Was ist schön? Ästhetik und Erkenntnis, Würzburg 2003
Markus Tuchen: Ist Schönheit wirklich subjektiv? Paderborn, 26. August 2006

Eco_Haesslich

For further redading:
Umberto Eco: On Ugliness (2007)
Nelson Goodman: Languages of Art (1969)
the other books are available in German only

Greetings from Klausbernd and his Bookfayries Siri and Selma